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Wissenschaft – Theorie und Fortschritt

Vor dem Ersten Weltkrieg erlebte Europa eine zweite Industrielle Revolution, in deren Mittelpunkt die neuen Industrien der Chemie und Elektrotechnik standen. Der Fortschritt sollte eine bessere Welt mit sich bringen. Im Verlauf des Ersten Weltkrieges erkannte man die große Bedeutung der Grundlagenforschung und setzte diese in der Militärtechnik um.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die deutsche Chemieindustrie weltweit führend. Der größte Chemiebetrieb Deutschlands, die Badische Anilin- und Soda-Fabrik (BASF), wurde 1865 in Mannheim gegründet. Fritz Haber, von 1894 bis 1911 Dozent und Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe, danach Gründungsdirektor am Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem, war einer der erfolgreichsten Industriechemiker seiner Zeit. Zusammen mit Carl Bosch gelang ihm die Synthese von Ammoniak aus den Elementen Stickstoff und Wasserstoff, wofür er im Jahr 1918 den Nobelpreis für Chemie zugesprochen bekam. Die Verfügbarkeit von Ammoniak ermöglichte einerseits die kostengünstige Produktion von Kunstdünger für die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung, andererseits die Herstellung von Sprengstoff für die Schlachten des Ersten Weltkrieges. Zusätzlich führte Fritz Haber ab 1915 im Krieg eine als „Gastruppe“ bezeichnete Einheit aus Naturwissenschaftlern, die versuchte, den Stellungskrieg durch den Einsatz giftiger Gase aufzulösen.
 
Auch die Physik wurde seit 1900 durch neue Ansätze erweitert, die man als moderne Physik bezeichnet. Ihre wichtigsten Konzepte sind die Quantentheorie und die Relativitätstheorie. Als Entdecker der Quanten gilt Max Planck, der dafür 1918 den Nobelpreis für Physik erhielt. Der Erfinder der Relativitätstheorie, Albert Einstein, bekam den Nobelpreis für Physik drei Jahre später zugesprochen. Die völlig neue Interpretation der Begriffe von „Raum“ und „Zeit“ beeinflusste auch die Entwicklung in anderen Gebieten, z.B. der Philosophie, der Theologie, der Kunst und der Literatur.

In dieser Zeit entstand auch die kritische Sexualwissenschaft. Sie setzte an die Stelle von Lust, Trieb, Empfindung, Sünde, Geschlecht und Liebe den Begriff der Sexualität. Diese neue Wissenschaft widmete sich weit mehr Themen als nur biologisch-medizinischen. In ihrem Fokus standen gesellschaftspolitische Forderungen wie etwa die Geburtenregelung, die Befreiung der Ehe von kirchlicher und staatlicher Bevormundung, Toleranz gegenüber homosexuellen, transidenten sowie bisexuellen Lebensweisen und Prostitution, außerdem die Prävention von Geschlechtskrankheiten, die Gleichberechtigung von Frauen, Sexualerziehung und vieles mehr. Damit boten sich viele Berührungspunkte mit der Frauenbewegung, aber auch mit eugenischem Gedankengut. Die kritische Sexualwissenschaft formierte sich um das 1919 gegründete „Institut für Sexualwissenschaft“ in Berlin. Mit seiner Schließung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 kam die fortschrittliche Forschung zu diesem Thema vorerst zu einem Ende.

© Badische Landesbibliothek 2018. Autoren: Dr. Felix Geisler, Brigitte Knödler-Kagoshima, Maren Krähling