Ein Synagogengedenkbuch für Baden-Württemberg
Pressegespräch am 27. April 2004 in der Badischen Landesbibliothek
Zurzeit wird in Karlsruhe und Plochingen an einem "Synagogengedenkbuch Baden-Württemberg"
gearbeitet. Das Projekt, das Ende April 2004 der Öffentlichkeit vorgestellt wird, läuft
bis Herbst 2005. Dann werden die Ergebnisse der intensiven Recherchen in zwei umfangreichen Bänden
vorliegen.
Das "Synagogengedenkbuch Baden-Württemberg" ist Teil eines europaweiten Projekts, das vom
"Synagogues Memorial" in Jerusalem (Prof. Dr. Meier Schwarz) initiiert worden ist. Im Rahmen
dieses Projekts werden alle Synagogen dokumentiert, die bis in die Zeit des "Dritten Reichs"
bestanden haben und durch die nationalsozialistische Gewalt, insbesondere in der so genannten
"Reichskristallnacht" 1938, zerstört worden sind.
Es geht aber nicht nur darum, die nationalsozialistische Zerstörungswut zu dokumentieren,
sondern auch das Leben, manchmal auch das Über-Leben der jüdischen Einwohner darzulegen.
Mitunter ging nach der Pogromnacht vom November 1938 das jüdische Leben weiter, haben
nichtjüdische Bürger ihre jüdischen Mitbürger geschützt und gerettet. Gerade
in der heutigen Zeit melden sich viele Zeitzeugen zu Wort, die von damals erzählen möchten.
Diese letzte Chance muss unbedingt genutzt werden, sollen wichtige authentische Informationen nicht
für immer verloren gehen.
Erinnerungen an jüdische Mitbürger und an jüdische Kultur, die einen wesentlichen Teil
deutscher Kultur ausmachte, Bestandsaufnahme der jüdischen Kulträume und ihre Analyse - das
sollen die beiden Bände festhalten.
Um diese Aufgabe zu meistern, wurden zwei renommierte Fachleute gewonnen: Dr. Joachim Hahn und Prof.
Dr. Jürgen Krüger.
Der evangelische Theologe Dr. Joachim Hahn ist einer der besten Kenner der jüdischen Geschichte
Baden-Württembergs. Bereits 1987 publizierte er das bisherige Standardwerk zu diesem Thema.
"Für das neue Buch habe ich neue Quellenstudien betrieben. In vielen Fällen kann die
regionale Geschichte der jüdischen Bewohner jetzt viel präziser dargestellt werden",
so Joachim Hahn. Die regionalen und lokalen Forschungen zur jüdischen Geschichte sind in den
letzten Jahren sprunghaft angestiegen. "Da ist es gar nicht so einfach, den Überblick zu behalten.
Aber dadurch, dass ich in den vergangenen Jahren mich immer mit der Thematik beschäftigt habe und
die meisten der mit der jüdischen Geschichte Baden-Württembergs befassten Personen selbst
kenne, bin ich mit den Forschungsergebnissen vertraut. Und trotzdem gibt es noch weiße Flecken
in der Landschaft. Zu einem Drittel der ehemaligen jüdischen Gemeinden im Land gibt es noch so
gut wie keine Literatur."
Prof. Dr. Jürgen Krüger ist Kunsthistoriker. Ihn interessiert besonders, welchen
architektonischen Ausdruck die jüdische Kultur gefunden hat. In der Architekturgeschichte
hat er sich mit ähnlichen Fällen im Kirchenbau beschäftigt. "Aus der Diaspora-Forschung
kenne ich Situationen, die mit dem Leben der Juden in Deutschland vergleichbar sind. Die Protestanten
zum Beispiel durften früher ihren Glauben in katholischen Ländern nicht öffentlich
kundtun. So wie sie Kapellen in Privatwohnungen unterhielten, genauso richteten offenbar Juden im
18. Jahrhundert Synagogen-Räume in privaten Häusern ein, wie es etwa das Beispiel der
Haussynagoge im Museum in Schwäbisch-Hall dokumentiert." Im 19. Jahrhundert änderte sich
die Situation: Mit der Religionsfreiheit wurde der Synagogenbau erlaubt, und die neuen Bauten waren
Spiegelbild der gesellschaftlichen Emanzipation der Juden. 1938 verschwanden die meisten Synagogen
durch den Vandalismus der "Reichskristallnacht". An diesen Stellen wurden seit den 1950er Jahren
Erinnerungstafeln angebracht. "Die Erinnerungskultur, die an Vergangenes anknüpfen will,
gehört zu den überaus problematischen Kulturentwicklungen der Bundesrepublik. Die
Gedenkstätten, die an die Stelle der Synagogen und sonstiger jüdischer Einrichtungen
getreten sind, sind noch nie zusammenfassend dargestellt worden", resümiert Krüger.
Ein Jahr intensiver Feldarbeit liegt vor den beiden Wissenschaftlern: Archivstudien und die
Besichtigung aller einstigen Synagogen und anderer jüdischer Einrichtungen stehen auf dem
Programm. "Es sind nämlich nicht alle Synagogen zerstört worden. Manch eine dient heute
als Garage oder Kuhstall", weiß Krüger zu berichten.
Dazu kommen Gespräche mit Zeitzeugen. Denn durch die vielfache Entfernung jüdischer
Akten aus Archiven oder die Tilgung jüdischen Eigentums in der Nazi-Zeit ist die
Überlieferung sehr bruchstückhaft. "Wir sind auf Privatpersonen angewiesen, die noch
vieles wissen und uns wertvolle Hinweise geben können", sagt Hahn. Durch die Vorstellung des
Projektes sollen diese Personen angesprochen werden.
Das Projekt wird zu einem erheblichen Teil von der Landesstiftung Baden-Württemberg, aber
auch von anderen Stiftungen und von Gemeinden unterstützt; dennoch werden weitere Gelder
für die wissenschaftliche Arbeit und für die Drucklegung benötigt, um die Forschungen
zu dem geplanten Abschluss in Buchform zu bringen. Wer diese Arbeit unterstützen möchte,
möge sich an Dr. Rüdiger Schmidt (Badische Landesbibliothek, Karlsruhe, Tel. 0721 175-2201)
wenden. Der stellvertretende Direktor managt das Projekt. Er und Prof. Dr. Schwarz würden es
zutiefst bedauern, wenn dieses wichtige und anspruchsvolle Vorhaben an finanziellen Engpässen
scheitern sollte oder nur eingeschränkt realisiert werden könnte.
Weitere Informationen:
Synagogengedenkbuch Baden-Württemberg
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