Badische Landesbibliothek
   


Einladung zum Vortrag

"Möge... Gott dein Herz kleiden durch dieses Buch..." -
Mythos und Geschichte der Reichenauer Buchmalerei

Vortrag von Dr. Anja Grebe, Fürth
Dienstag, 11. Oktober 2005, 19.30 Uhr
Vortragssaal der Badischen Landesbibliothek
- Eintritt frei -

Die Handschriften der Reichenauer Buchmalerei gehören zu den kostbarsten Schätzen der mittelalterlichen Buchmalerei. Wie kaum eine andere Handschriftengruppe hat sie mit ihren großen, goldglänzenden Miniaturen, den majestätischen Figuren und prunkvollen Initialseiten die Vorstellung von der mittelalterlichen Buchkunst geprägt.

Evangeliar Ottos III.
reich illuminierte Pergamenthandschrift mit Miniaturen, Goldbuchdeckel mit byzantinischem Elfenbein aus dem letzten Viertel des 10. Jahrhunderts.
Bayerische Staatsbibliothek,
Signatur Clm 4453
Evangeliar Ottos III.

Seit 2003 gehört die Reichenauer Buchmalerei zum UNESCO-Weltdokumentenerbe "Gedächtnis der Menschheit". Ihre Entstehung um das Jahr 1000 auf der Klosterinsel im Bodensee ist jedoch weitgehend ein Mythos des 19. Jahrhunderts. Der Vortrag möchte neben der ausführlichen Vorstellung der einzelnen Prachtkodizes daher auch ein genaueres Licht auf die Geschichte der Reichenauer Buchmalerei werfen.

Ein Schlüsselwerk ist der um 985 entstandene "Codex Egberti" (Trier), dessen Widmungsminiatur zum Ausgangspunkt des Mythos von der Reichenauer Malerschule wurde. In motivischer und stilistischer Hinsicht gelten seine Miniaturen als Bindeglied zwischen frühen und späten Handschriften der Gruppe. Ihre Berühmtheit gründet vor allem auf jenen Handschriften, die um die Jahrtausendwende für die deutschen Kaiser Otto III. und Heinrich II. geschaffen wurden, darunter die Evangeliare Ottos III. (Aachen, München) oder das Perikopenbuch Heinrichs II. (München).

Egbert-Codex
Egbert-Codex oder Codex Egberti
Handschrift Nr. 24 der Stadtbibliothek Trier; hergestellt für Erzbischof Egbert von Trier (977-993)

Es handelt sich um ein Perikopenbuch (Evangelistar), das die im Lauf des Kirchenjahres im Gottesdienst gelesenen Evangelienabschnitte enthält. Die Handschrift umfasst 165 Blätter (wertvolles Schafpergament). Unter den 60 Abbildungs- und Zierseiten sind ganzseitige Darstellungen der vier Evangelisten und 51 erzählende Bilder zum Leben Jesu. Die Abbildung stellt den Einzug Jesu in Jerusalem dar.

Die Darstellungen in diesen großformatigen Handschriften sind auf das Wesentliche konzentriert, Gesten oder Gebärden sind deutlich hervorgehoben. Es überwiegt der Eindruck des Ewigen und Erhabenen, wirkungsvoll unterstützt durch die Gold- und Purpurhintergründe, welche als kaiserliche Farben und himmlisches Licht den Abglanz der Ewigkeit symbolisieren.

Ähnliche Gestaltungsmerkmale finden sich auch auf den Fresken von St. Georg in Reichenau-Oberzell, welche immer wieder als Beweis für die Lokalisierung der Malerschule auf die Bodenseeinsel herangezogen werden. So reizvoll die Vorstellung einer Entstehung der Prunkhandschriften auf der Reichenau ist, es gibt keinen historischen Beleg, dass das Kloster um das Jahr 1000 über ein künstlerisch herausragendes Maleratelier verfügte.

Hingegen weisen viele Indizien nach Trier und Echternach als den bedeutendsten Skriptorien des Reiches. Sicher ist, dass die Idee einer einheitlichen Klosterschule den historischen wie kunsthistorischen Tatsachen nicht mehr gerecht wird. Die Rätsel um die Entstehung der Reichenauer Buchmalerei gehören zu den spannendsten Fragen der Forschung, in welche der Vortrag einen Einblick geben möchte. Gerade das Wissen um die Hintergründe kann dazu betragen, die kostbaren Werke mit neuen Augen zu betrachten.

Dr. Anja Grebe

Dr. Anja Grebe, Kunsthistorikerin und wissenschaftliche Publizistin, studierte Kunst- und Medienwissenschaft, Geschichte und Französische Literatur in Konstanz, Paris und Münster. 1997 bis 2000 Stipendiatin am Graduiertenkolleg "Schriftkultur im Mittelalter" der Universität Münster, Dissertation zur "Buchgestaltung in den Burgundischen Niederlanden nach 1470". 2001 bis 2003 als Wissenschaftliche Assistentin am Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg. Aktuelle Publikationen und Forschungstätigkeit zur Mittelalterlichen Buchmalerei, profaner Kunst des Mittelalters, Möbeln und Wohnkultur und Albrecht Dürer.

Einladung

Zu dieser Veranstaltung laden wir Sie und Ihre Freunde sehr herzlich ein!

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