Seit 2003 gehört die Reichenauer Buchmalerei zum UNESCO-Weltdokumentenerbe "Gedächtnis der Menschheit".
Ihre Entstehung um das Jahr 1000 auf der Klosterinsel im Bodensee ist jedoch weitgehend ein Mythos des 19.
Jahrhunderts. Der Vortrag möchte neben der ausführlichen Vorstellung der einzelnen Prachtkodizes daher auch
ein genaueres Licht auf die Geschichte der Reichenauer Buchmalerei werfen.
Ein Schlüsselwerk ist der um 985 entstandene "Codex Egberti" (Trier), dessen Widmungsminiatur zum
Ausgangspunkt des Mythos von der Reichenauer Malerschule wurde. In motivischer und stilistischer Hinsicht
gelten seine Miniaturen als Bindeglied zwischen frühen und späten Handschriften der Gruppe. Ihre Berühmtheit
gründet vor allem auf jenen Handschriften, die um die Jahrtausendwende für die deutschen Kaiser Otto III.
und Heinrich II. geschaffen wurden, darunter die Evangeliare Ottos III. (Aachen, München) oder das
Perikopenbuch Heinrichs II. (München).
Die Darstellungen in diesen großformatigen Handschriften sind auf
das Wesentliche konzentriert, Gesten oder Gebärden sind deutlich hervorgehoben. Es überwiegt der Eindruck
des Ewigen und Erhabenen, wirkungsvoll unterstützt durch die Gold- und Purpurhintergründe, welche als
kaiserliche Farben und himmlisches Licht den Abglanz der Ewigkeit symbolisieren.
Ähnliche Gestaltungsmerkmale finden sich auch auf den Fresken von St. Georg in Reichenau-Oberzell,
welche immer wieder als Beweis für die Lokalisierung der Malerschule auf die Bodenseeinsel
herangezogen werden. So reizvoll die Vorstellung einer Entstehung der Prunkhandschriften auf der Reichenau ist,
es gibt keinen historischen Beleg, dass das Kloster um das Jahr 1000 über ein künstlerisch herausragendes
Maleratelier verfügte.
Hingegen weisen viele Indizien nach Trier und Echternach als den bedeutendsten
Skriptorien des Reiches. Sicher ist, dass die Idee einer einheitlichen Klosterschule den historischen
wie kunsthistorischen Tatsachen nicht mehr gerecht wird. Die Rätsel um die Entstehung der Reichenauer
Buchmalerei gehören zu den spannendsten Fragen der Forschung, in welche der Vortrag einen Einblick
geben möchte. Gerade das Wissen um die Hintergründe kann dazu betragen, die kostbaren Werke mit neuen
Augen zu betrachten.
Dr. Anja Grebe
Dr. Anja Grebe, Kunsthistorikerin und wissenschaftliche Publizistin, studierte Kunst- und Medienwissenschaft,
Geschichte und Französische Literatur in Konstanz, Paris und Münster. 1997 bis 2000 Stipendiatin am
Graduiertenkolleg "Schriftkultur im Mittelalter" der Universität Münster, Dissertation zur
"Buchgestaltung in den Burgundischen Niederlanden nach 1470". 2001 bis 2003 als Wissenschaftliche
Assistentin am Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg. Aktuelle Publikationen und Forschungstätigkeit
zur Mittelalterlichen Buchmalerei, profaner Kunst des Mittelalters, Möbeln und Wohnkultur und Albrecht Dürer.
Einladung
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