Vom markgräflichen Sammeleifer
zur staatlichen Erwerbungspolitik. Zur Geschichte der Badischen Landesbibliothek
Vortrag von Dr. Peter Michael Ehrle, gehalten am 28.09.2006 in Karlsruhe im Rahmen der Veranstaltungsreihe
"200 Jahre Baden - Freiheit verbindet" (Ankündigung des Vortrags)
Vortrag als Pre-Publication
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Vortrag kann für den Eigenbedarf ganz oder in Auszügen verwendet werden. Seine Verbreitung als Druckversion oder
in elektronischer Form ist nicht statthaft.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
die Geschichte der Badischen Landesbibliothek reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück. Sie hat im Gegensatz zur Württembergischen
Landesbibliothek, deren Vorgängerin als öffentliche Bibliothek von Herzog Carl Eugen von Württemberg 1765 gegründet
wurde [1], kein
klares Gründungsdatum. Das vermutlich um 1490 entstandene private Stundenbuch Markgraf Christophs I. von Baden (1453-1527,
reg. 1475-1515) ist das älteste Zeugnis markgräflichen Buchbesitzes, das sich heute in der Badischen Landesbibliothek
befindet [2].
Sie sehen auf den beiden Seiten den jungen Markgrafen Christoph im Gebet und daneben eine Marienverkündigung.
Das folgende Bild zeigt eine Textseite und daneben die Flucht nach Ägypten.
Stundenbuch des Markgrafen Christoph I. von Baden
Pergament; Paris?; Ende 15. Jahrhundert
Badische Landesbibliothek, Cod. Durlach 1, Blatt 39v und 40r
Christoph I. von Baden teilte die Markgrafschaft 1515 unter seine Söhne Bernhard, Philipp und Ernst auf. Seine Büchersammlung
vererbte er an Markgraf Philipp I. (1478-1533, reg. 1515-1533). Die Sammlung war in der Stiftskirche zu Pforzheim untergebracht,
weil sich das an der Südseite des Chores angebaute hochgelegene Gewölbe sehr gut für die feuersichere Unterbringung von Büchern
eignete [3]. Sie wurde 1522 durch eine Schenkung des Humanisten Johannes Reuchlin (1455-1522) an seine Vaterstadt bereichert.
Diese Sammlung griechischer, lateinischer und hebräischer Handschriften blieb nur zum Teil erhalten. Die Badische
Landesbibliothek besitzt 12 hebräische Handschriften sowie 4 hebräische und 2 griechische Inkunabeln
[4]. Darunter befindet
sich ein Traktat des babylonischen Talmud mit Besitzvermerk Reuchlins von 1512.
Dieser Traktat Sanhedrin ist eine der letzten Erwerbungen Reuchlins für seine hebräische Bibliothek, die er in Zusammenhang mit
seiner Verteidigung der hebräischen Schriften vornahm [5].
Traktat Sanhedrin des babylonischen Talmud. Pergament; zwischen 1400 und 1450
Badische Landesbibliothek, Cod. Reuchlin 2, Blatt 96v
Der Talmud (hebräisch: Belehrung, Studium) ist ein wichtiges Schriftwerk des Judentums.
Er entstand in den jüdischen Siedlungsgebieten, die nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer in Persien
auf dem Gebiet des heutigen Irak existierten.
Nach dem Tode des Markgrafen Philipp I. teilten sich die beiden verbliebenen Brüder Ernst und Bernhard 1535 die Herrschaft.
Die Bibliothek wurde zwischen Pforzheim und Baden-Baden aufgeteilt. 1565 verlegte Markgraf Karl II. (1529-1577, reg. 1553-1577)
seine Residenz von Pforzheim nach Durlach, wo die Bibliothek in der Karlsburg ein neues Domizil erhielt. Die Professoren
des Gymnasiums Illustre in Durlach durften die Hofbibliothek benutzen [6].
Schon vor 1565 ist ein verschwenderisch ausgestattetes deutsches Gebetbuch in die Durlacher Hofbibliothek gelangt.
Diese Zimelie brachte Kunigunde von Brandenburg-Ansbach (1523-1558) in ihre 1551 mit Markgraf Karl II. von
Baden geschlossene Ehe ein [7].
Das Gebetbuch wurde 1520 für Markgraf Kasimir von Brandenburg-Ansbach-Kulmbach (1481-1527, reg. 1515-1527) und seine
jungvermählte Gattin Susanna von Bayern (1502-1543) von dem Augsburger Maler Narziss Renner gestaltet. Zur Veranschaulichung
der dort entfalteten Pracht möchte ich Ihnen einige Seiten zeigen. Die erste Abbildung zeigt das Stifterpaar Kasimir und
Susanna zusammen mit ihren Töchtern Maria und Katharina.
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Gebetbuch der Markgräfin Susanna von Brandenburg-Ansbach-Kulmbach
Pergament; Narziss Renner, Augsburg; 1520
Badische Landesbibliothek, Cod. Durlach 2, Blatt 183r
Das reich mit Miniaturen und Gold ausgestattete Gebetbuch gelangte bereits im Jahrhundert seiner Entstehung
in den Familienbesitz der Markgrafen von Baden.
Eine Tochter Susannas, Kunigunde, heiratete 1551 den badischen Markgrafen Karl II. Kunigunde wird die prunkvolle
Handschrift von ihrer Mutter Susanna geerbt und nach Durlach gebracht haben.
Faksimile und Kommentar:
Das deutsche Gebetbuch der Markgräfin von Brandenburg
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Die Handschrift ist mit zahlreichen wunderbaren Goldbordüren versehen, wie das folgende Beispiel eindrucksvoll zeigt, in dem
die heilige Margaretha und die heilige Apollonia dargestellt sind.
Gebetbuch der Markgräfin Susanna von Brandenburg-Ansbach-Kulmbach
Pergament; Narziss Renner, Augsburg; 1520
Badische Landesbibliothek, Codex Durlach 2, fol. 96v und 95r
Die nächsten Abbildungen stellen das erste Verhör Jesu vor Pilatus und die Verurteilung durch Pilatus gegenüber.
Gebetbuch der Markgräfin Susanna von Brandenburg-Ansbach-Kulmbach
Pergament; Narziss Renner, Augsburg; 1520
Badische Landesbibliothek, Codex Durlach 2, fol. 44r und 47v
Die beiden markgräflichen Bibliotheken erlebten in den nächsten Jahrzehnten eine wechselvolle Geschichte. Sie wurden infolge
von kriegerischen Ereignissen häufig verlagert und erlitten auch immer wieder herbe Verluste
[8]. Einen besonders hervorragenden
Neuzugang erhielt die Baden-Badener Hofbibliothek durch die in den Großen Türkenkriegen (1683 bis 1692) erbeutete Sammlung
orientalischer Handschriften.
Das "Buch der Quintessenz der Historien" stellt die islamischen Propheten und Herrscher in genealogischer Reihenfolge vor.
Viele der Propheten und Herrscher aus persischen, arabischen, mongolischen und türkischen Dynastien sind in osmanischer
Miniaturmalerei in Porträtmedaillons dargestellt. Diese Seite der Handschrift zeigt die Sultane Selim II. (reg. 1566-1574),
Murat III. (reg. 1574-1595) und Mehmet III. (reg. 1595-1603).
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Buch der Quintessenz der Historien
Papier; Osmanisch oder Persisch,
zwischen 1595 und 1597
Badische Landesbibliothek, Cod. Rastatt 201
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Die nächste Abbildung zeigt einen Prinzen bei der Falkenjagd.
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Buch der Quintessenz der Historien
Papier; Osmanisch oder Persisch,
zwischen 1595 und 1597
Badische Landesbibliothek, Cod. Rastatt 201
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1715 gründete Markgraf Karl-Wilhelm von Baden-Durlach (1679-1738, reg. 1709-1738) die Stadt Karlsruhe. Seine Bibliothek
verblieb zwar zunächst in der Durlacher Residenz, aber der Markgraf hat durch seine Leidenschaft, Tulpen zu züchten und
Tulpen malen zu lassen, zu einer schönen Bereicherung unserer Bibliothek beigetragen. Leider sind von den ursprünglich
20 Foliobänden "mit etlich tausend Gemählden" nur noch vier vorhanden, von denen je zwei in der Badischen Landesbibliothek
und im Generallandesarchiv Karlsruhe aufbewahrt werden. 1982 gab die Landeskreditbank Baden-Württemberg das
"Karlsruher Tulpenbuch" heraus, das 1984 in einer zweiten Auflage von der Badischen Bibliotheksgesellschaft veröffentlicht wurde
[9].
Ich zeige Ihnen zwei der schönsten Abbildungen aus diesem Tulpenbuch.
" Karlsruher Tulpenbuch". Papier; Karlsruhe; um 1730
Badische Landesbibliothek, Cod. KS Nische C 13
Faksimile und Kommentar:
Karlsruher Tulpen-Buch
Die danach hergestellten Postkarten gehören auch heute noch zu unseren am besten verkauften Publikationen.
1765 wurde die ehemals Durlacher Hofbibliothek in einem Nebengebäude des Karlsruher Schlosses aufgestellt. Sie war
mittwochs und samstags von 10 - 12 Uhr und von 14 - 17 Uhr der gelehrten Öffentlichkeit zugänglich. Die seit etwa
1767 in Rastatt untergebrachte Baden-Badener Hofbibliothek wurde 1771 nach dem Aussterben der Linie Baden-Baden mit der
Karlsruher Bibliothek zusammengeführt. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt etwa 8000 Bände. Nach der Vereinigung der beiden
Büchersammlungen wurde die Bibliothek von dem ersten hauptamtlichen Hofbibliothekar Friedrich Valentin Molter (1722-1808)
auf 20.000 Bände geschätzt [10].
Während die Geschichte der beiden markgräflichen Hofbibliotheken im 17. Jahrhundert weit eher durch große Verluste als
durch Neuzugänge bestimmt war, nahm die Entwicklung nach der Vereinigung im 18. Jahrhundert einen weit günstigeren Verlauf.
Aus dieser Epoche sind manche bedeutende Stücke erhalten, von denen nun einige vorgestellt werden sollen
[11].
Ein Band aus der Bibliothek des großen Bücher- und Handschriftensammlers Konrad Zacharias von Uffenbach (1683-1734) ist
eine 1550 in Genf erschienene Ausgabe von Werken des Clemens von Alexandrien mit handschriftlichen Annotationen des bekannten
Genfer Druckers Henri Estienne (1528-1598).
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Clemens Alexandrius, Opera.
Genf 1550
Badische Landesbibliothek, 42 C 15 R, Titelblatt
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Schon äußerlich als Zimelie erkennbar ist ein ungewöhnliches Exemplar des bekannten Turnierbuchs von Georg Rüxner, das 1530 in
Simmern erschienen ist.
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Turnierbuch Georg Rüxners. Simmern 1530
Badische Landesbibliothek, 42 C 39 RH, Blatt 4r
Georg Rüxners Turnierbuch gilt als das berühmteste der in der
ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstandenen
Turnierbücher. Es erschien zuerst 1530 in Simmern und war dem Pfalzgrafen Johann II.
von Pfalz-Simmern gewidmet.
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Das ohnehin sehr aufwendig gedruckte und reich illustrierte Werk liegt hier in einer einzigartigen Sonderausstattung vor.
Sämtliche Holzschnitte sind in Farben und Gold koloriert und die Blattränder sind an vielen Stellen mit Ranken, Blumen und Vögeln bemalt.
Eine Miniatur mit dem Wappen Karls V. deutet darauf hin, dass es es sich hier um ein für den Kaiser persönlich gefertigtes
Werk handelt. Es wurde 1775 von dem Obristhofmeister der verwitweten Markgräfin Maria Josepha von Baden-Baden (1734-1776)
in München erworben und dann der Hofbibliothek zugewiesen.
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Turnierbuch Georg Rüxners. Simmern 1530
Badische Landesbibliothek, 42 C 39 RH
Wappen Karls V.,
Deckfarbenminiatur in Rüxners Turnierbuch
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Als letztes herausragendes Beispiel sei der 1517 erschienene sogenannte "Theuerdank" genannt, der eine allegorische
Schilderung der Brautfahrt und Werbung Kaiser Maximilians I. um Maria von Burgund enthält.
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Theuerdank
Pergament; 1517
Badische Landesbibliothek, 42 C 36 RH, Blatt n 4r
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Dieses Pergamentexemplar aus der alten markgräflichen Bibliothek konnte 2003 durch ein weiteres Pergamentexemplar des
"Theuerdank" ergänzt werden, das aus der Bibliothek Joseph von Laßbergs stammt und das mit Mitteln der Stiftung Kulturgut
Baden-Württemberg und der Badischen Bibliotheksgesellschaft gekauft wurde.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war der Bestand der 1771 wieder vereinigten und neu organisierten markgräflichen Bibliothek
durch eine planvolle und kluge Erwerbungspolitik auf etwa 30.000 Bände angewachsen
[12]. Der größte und wertvollste Zugang von
Zimelien, der fast zeitgleich mit dem Übergang der Markgrafschaft zum Großherzogtum Baden verbunden ist, stand aber noch bevor.
Als 1803 nach dem Reichsdeputationshauptschluss die Klöster und geistlichen Fürstentümer aufgehoben wurden, erhielt die
Hofbibliothek das Recht der ersten Auswahl aus den Kloster- und Stiftsbibliotheken. Die nicht gewünschten Bücher kamen
in die Universitätsbibliotheken Freiburg und Heidelberg. Die Übernahme säkularisierten Besitzes aus insgesamt 27
Bibliotheken zog sich bis 1822 hin.
An erster Stelle der neuerworbenen Zimelien zu nennen sind die Handschriften der Reichenau. Obwohl die Badische
Landesbibliothek aus dieser Provenienz nur wenige mit Bildern versehene, sogenannte "illuminierte" Handschriften besitzt,
ist doch auch der Bestand der Texthandschriften von unermesslichem kulturellen Wert. Nicht nur die Bedeutung der Texte für
die wissenschaftliche Forschung, sondern auch die erlesene Schriftkunst und die kostbaren Initialen heben den Reichenauer
Bestand hervor. Ich kann Ihnen in der Kürze der Zeit nur einige wenige Beispiele zeigen.
Das Widmungsbild der gegen Ende des 10. Jahrhunderts entstandenen "Gesta Witigowonis" des Purchard von Reichenau zeigt,
wie vielfältig und reichhaltig die sakrale Architektur auf der Klosterinsel einstmals gewesen ist. Im Zentrum des Bildes
thront Maria, die Schutzpatronin der Reichenau. Vor ihr kniet der Dichter Purchard, der auf die weinende baubelastete
Frau Reichenau weist. Beschwörend hebt Abt Witigowo seine Hand. Während Maria sich dem Klostergründer, dem heiligen Pirmin,
zuwendet, hinter dem geschlossen der Konvent der Mönchen steht, erhebt der jugendliche Sohn Mariens segnend seine Hand
zu dem wegen seiner Bauwut kritisierten Abt.
Widmungsbild der "Gesta Witigowonis" des Purchard von Reichenau
Pergament; Reichenau; Ende des 10. Jahrhunderts
Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. perg. 205, Bl. 72r
Eine Biographie Witigowos, der von 985-997 Abt des Klosters Reichenau war, befindet sich in der Badischen Landesbibliothek.
Diese "Gesta Witigowonis" verfasste der Dichter Purchard von Reichenau zur Feier des zehnjährigen Abtsjubiläums Witigowos im Jahr 995.
Im Zentrum des Widmungsbildes thront die Muttergottes mit dem Christuskind auf dem Schoß. Rechts neben ihr
ist Witigowo zu sehen, links der Klostergründer Pirmin, der mit einem Heiligenschein gekennzeichnet
ist. Beide sind durch die Bogeninschrift identifiziert. Neben Pirmin treten die Mönche heran. Vor dem
Thron kniet mit einer Dedikationsgeste der sich selbst "bäuerischer Dichter" ("rusticus poeta")
nennende Purchard und blickt zur personifizierten Reichenau ("augia") auf. Diese trägt die schwere
Last der von Witigowo erbauten Kirchen, welche die Szene einrahmen, auf den Schultern.
An der Miniatur ist besonders deutlich zu sehen, wie vielfältig und umfangreich einmal die sakrale
Architektur auf der Klosterinsel gewesen war.
Die beiden folgenden Abbildungen zeigen besonders schöne Initialen aus einem im 2. Drittel des 10. Jahrhunderts auf der
Reichenau entstandenen Lektionar. Den linken, hohen Schaft der in Gold und Blau gehaltenen H-Initiale bildet ein Reiher.
Der Schaft der P-Initiale ist mit goldenen Linien auf blauem Grund geschmückt.
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Lektionar
Pergament; Reichenau; 2. Drittel des 10. Jahrhunderts
Badische Landesbibliothek
Cod. Aug. perg. 16, Bl. 32r
Mit dieser H-Initiale beginnt die erste, von Fulgentius (467-533), Bischof von Ruspe, verfasste Lesung
des Stephanstags (26. Dezember): "Heri celebravimus ...".
Den linken, hohen Schaft der in Gold und Blau gehaltenen Initiale bildet ein Reiher. Der große Ansatz des H
nach rechts ist mit Flechtwerkknoten und Akanthusblättern gefüllt. Im Binnenfeld breitet sich eine große
goldene Kelchblüte auf blauem Grund mit Akanthusblättern im Zentrum aus.
Die Initialen dieses Codex leiten die Blütezeit der ottonischen Buchmalerei auf der Reichenau ein und
hängen stilistisch von der St. Galler Buchillustration des 9. Jahrhunderts ab.
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Lektionar
Pergament; Reichenau; 2. Drittel des 10. Jahrhunderts
Badische Landesbibliothek
Cod. Aug. perg. 16, Bl. 166r
Diese P-Initiale stellt den Beginn der dritten Lesung zum Fest Johannes' des Täufers (24. Juni)
dar, die vom Kirchenlehrer und Schriftsteller Beda (672/73-735) geschrieben wurde: "Praecursor
hic domini ...".
Der Schaft ist mit goldenen Lilien auf blauem Grund geschmückt. Der runde Buchstabenstamm des P ist
am Schaft verknotet und mit goldenem Flechtwerk, ebenfalls auf blauem Grund, dekoriert. Das Binnenfeld
wird von einer breiten, symmetrischen Ranke gefüllt. Aus allen Verknotungen wie auch aus den Endstellen
wachsen Staubgefäße und blaue Blüten an dünnen roten Stielen.
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An zweiter Stelle genannt werden kann der Zugang aus dem Benediktinerkloster St. Peter auf dem Schwarzwald. Dessen
kunstsinniger Abt Philipp Jakob Steyrer (1749-1795) brachte nicht nur den von Peter Thumb erbauten berühmten Bibliothekssaal
des Klosters zum Abschluss, sondern vermehrte dessen Bestände in seiner 46-jährigen Amtszeit von 1.500 Bänden auf über
25.000 Bände. 1779 konnte er eine spätromanische Bilderhandschrift erwerben, die als Evangelistar aus St. Peter bekannt
ist. Die Badische Bibliotheksgesellschaft hat 1971 ein Faksimile dieser Handschrift herausgegeben
[13]. Die Anbetung der
drei Könige ist ein besonders schönes Beispiel der prachtvollen Illumination der Handschrift.
Festevangelistar aus St. Peter. Pergament; Oberrhein; um 1200
Badische Landesbibliothek, Cod. St. Peter perg. 7, Blatt 2v
Faksimile und Kommentar:
Das Evangelistar aus St. Peter
Ein weiteres hervorragendes Werk wurde schon von einem früheren Abt, Ulrich Bürgi (1719-1739), nach St. Peter gebracht.
1736 konnte Bürgi eine nordfranzösische Handschrift erwerben, die außer einer Kurzfassung der Lehren des katalanischen
Philosophen und Theologen Raimundus Lullus (1231-1315) zwölf künstlerisch hochwertige Miniaturen enthält, die Lehre und
Leben des Gelehrten zum Thema haben. Dieses berühmte "Electorium parvum seu breviculum" befindet sich als Handschrift
St. Peter 92 perg. in der Badischen Landesbibliothek. Es wurde 1982 unter dem Patronat des spanischen Königshauses
von der Badischen Bibliotheksgesellschaft faksimiliert. Die Abbildung zeigt eine berühmte Szene dieser Handschrift.
Angeführt von Lulls Pferd, das den Namen "gute Absicht" trägt, fährt der Philosoph gegen den Turm der Unwahrheit und
der Unwissenheit. Seine Vorhut bilden die Streitwagen des Aristoteles und des Averroes. Le Myésier, Arzt und Kononiker
in Arras, ein Schüler Lulls, der die Handschrift in Auftrag gab, widmete sie Johanna von Burgund-Artois, der Frau von
König Philipp V. von Frankreich [14].
Raimundus Lullus, Thomas le Myésier: Electorium parvum seu breviculum
Pergament; Nordfrankreich(?); nach 1321
Badische Landesbibliothek, Cod. St. Peter perg 92, Blatt 6v und 7r
Der Mallorquiner Ramon Llull (1232-1316) - lateinisch: Raimundus Lullus - verfasste als Philosoph, Theologe und
Universalgelehrter etwa 270 Werke in
altkatalanischer und lateinischer Sprache. Er fasziniert noch heute durch seine ungewöhnliche Biographie
und seine enorme literarische Produktivität.
Faksimile und Kommentar:
Electorium parvum seu breviculum
Von größter Bedeutung sind auch die Bestände aus St. Blasien, St. Georgen und aus der Bibliothek des Hochstifts
Speyer in Bruchsal. Aus der letztgenannten Bibliothek stammt das um 1220 entstandene Evangelistar von Speyer, das
mit 12 ganzseitigen Bildtafeln und einer Fülle von Initialen geschmückt ist. Die hier gezeigte Initiale illustriert
das Fest des Namen Jesu [15].
Die erste Miniatur der Handschrift zeigt den feierlich thronenden Christus in der Mandorla. Auf die Ecken des Rahmens
sind die vier Evangelistensymbole verteilt.
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Speyerer Evangelistar. Pergament; Speyer?, Trier?; um 1220
Badische Landesbibliothek, Cod. Bruchsal 1, Blatt 1v
"Maiestas Domini"
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Mit diesen wenigen Beispielen des Säkularisationsguts müssen wir es bewenden lassen. Wir machen nun einen Sprung in die
zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. 1872 wurde die bisherige großherzogliche Hofbibliothek, die der Hofverwaltung unterstand,
verstaatlicht und als Großherzogliche Hof- und Landesbibliothek dem Innenministerium unterstellt. Die Frage des
Eigentumsübergangs vom Großherzog auf das Großherzogtum wurde damals nicht gelöst. 1873 folgte der Umzug der
Bibliothek aus dem Karlsruher Schloss in das von Karl Joseph Berckmüller erbaute Sammlungsgebäude am Friedrichsplatz.
Der neue Status der Bibliothek war die Grundlage für eine Ausweitung der Benutzung. Fortan sollte die Bibliothek
nicht mehr nur den Bewohnern Karlsruhes, sondern allen Landesbewohnern "in freiester Weise" zur Verfügung stehen.
Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, publizierte der neu berufene Direktor Wilhelm Brambach einen besonders für
die externen Benutzer gedachten, nach Fachgebieten geordneten Katalog, der in 11 Bänden den Gesamtbestand der Bibliothek
bis zum Erwerbungsjahr 1885 erfasste. Es waren dies 141.354 Bände, die bis zu Brambachs Eintritt in den Ruhestand
im Jahre 1904 auf 182.000 Bände Druckschriften anstiegen [16].
1918 kam das Ende der Monarchie. Die Großherzogliche Hof- und Landesbibliothek erhielt ihren heutigen Namen Badische
Landesbibliothek. Sie wurde nun dem Kultusministerium unterstellt.
Während in anderen Ländern der Weimarer Republik die Eigentumsverhältnisse an früheren landesherrlichen Sammlungen
zweifelsfrei geklärt wurden, geschah dies in Baden lediglich für einen Teil der großherzoglichen Sammlungen. Der
letzte regierende Großherzog Friedrich II. von Baden (1857-1928, reg. 1907-1918) legte aber 1927 ein Testament vor,
in dem er die ihm eigenen Teile der Großherzoglichen Sammlungen, darunter auch die "hofeigenen Bestände der Hof- und
Landesbibliothek in Karlsruhe" seiner Gemahlin Hilda unter der Auflage vererbte, dass sie nach deren Tod in die
"Zähringer-Stiftung" eingebracht werden sollten. Als Stiftungsziel wurde eindeutig festgelegt, dass die in der
Zähringer-Stiftung enthaltenen Sammlungsgegenstände in bisheriger Weise erhalten bleiben und der Öffentlichkeit
zugänglich gemacht werden sollten. Nach Hildas Tod im Jahre 1952 wurde die "Zähringer-Stiftung" am 22. März 1954
durch die Regierung des Landes Baden-Württemberg genehmigt [17].
Sie besteht bis heute fort, aber es sind in einem
neueren Rechtsgutachten Bedenken angemeldet worden, ob die Stiftung aus formalen Gründen überhaupt zustande
gekommen ist.
Unabhängig davon ist zu fragen, was unter den "hofeigenen Beständen der Hof- und Landesbibliothek in Karlsruhe" zu
verstehen ist. Handelt es sich dabei um eine Liste von "Hinterlegungen", die eine verhältnismäßig kleine Zahl von
Sammlungsgegenständen mit geringerem Marktwert aufführt, oder sollen dazu alle Handschriften und Drucke gehören, die
in der ehemals Großherzoglichen Hof- und Landesbibliothek enthalten waren.
Selbst dann, wenn man alle Sammlungsgegenstände zu den "hofeigenen Beständen" zählen wollte, ist weiterhin zu fragen,
ob die "Zähringer-Stiftung" nicht schon deswegen hinfällig ist, weil nach der Meinung von Rechtsgelehrten, die sich auf das
Staats- und Fürstenrecht des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts stützen, durch den Thronverzicht des letzten Großherzogs
im Jahre 1918 das "Patrimonialeigentum", zu dem die Sammlungen gehören, auf den Rechtsnachfolger des Großherzogtums, die
Republik Baden, übergegangen ist und somit heute zum Eigentum des Landes Baden-Württemberg gehört
[18]. Demnach wären die
Ansprüche des Hauses Baden auf Herausgabe des zur ehemaligen Großherzoglichen Hof- und Landesbibliothek gehörenden
Sammlungsguts der Badischen Landesbibliothek unbegründet. Allenfalls für die "Hinterlegungen" könnte das Haus Baden
Eigentum beanspruchen. Diesem Anspruch würde aber nach Beendigung des derzeitigen Verwahrungsverhältnisses ein
Ausgleichsanspruch des Landes Baden-Württemberg gegenüberstehen [19].
Die wirtschaftlichen Probleme der Weimarer Republik führten leider auch in der Bibliothek zum Abbau von
Serviceleistungen und zum Rückgang der Erwerbungszahlen. 1931 wurde sogar erwogen, die Bibliothek zu schließen.
Im Protokoll der Verhandlungen des Badischen Landtags vom 17. September 1931 heißt es dazu: "Der Auffassung der
Sparkommission ist beizupflichten, daß neben drei Hochschulbibliotheken für die Landesbibliothek kein Bedürfnis
mehr besteht. Es sei denn, daß dort die besonderen "Landeseigentümlichkeiten" gesammelt werden. Vielleicht könnte
dieselbe organisatorisch mit der Bibliothek der Technischen Hochschule verbunden werden. Eine Einsparung an Personal
muß sich hierbei ermöglichen lassen" [20].
Heftige Proteste der Bevölkerung verhinderten jedoch die Umsetzung dieses Planes.
Die Landesbibliothek konnte ihren Betrieb bis zum 2. September 1942 aufrechterhalten. In der Nacht vom 2. auf 3.
September wurde bei einem Luftangriff auf Karlsruhe das Sammlungsgebäude am Friedrichsplatz zerstört.
Treppenhaus der Badischen Landesbibliothek nach dem Luftangriff vom 2. auf 3. September 1942
Die Bibliothek verlor mit 360.000 Bänden fast ihren gesamten Bestand. Neben den zu Kriegsbeginn 1939 ausgelagerten
Handschriften, Inkunabeln und anderen wertvollen Drucken blieben nur ca. 3000 Drucke sowie der alphabetische Katalog
erhalten. Während der Reichsbeirat für Bibliotheksangelegenheiten gegen den Verzicht Karlsruhes auf eine
"wissenschaftliche Regionalbibliothek" plädierte, forderte der badische Reichsstatthalter im Elsaß die Verlegung
und den Wiederaufbau der Landesbibliothek als "oberrheinische Gaubibliothek" in Straßburg. Zum Glück wurde diese
Forderung nicht verwirklicht. Die Bibliothek wurde provisorisch u.a. im Haus des Evangelischen Oberkirchenrats
untergebracht [21].
Der Wiederaufbau der Bibliothek begann bereits vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Durch Bücherspenden von Privatleuten
und staatlichen Institutionen wurde der Grundstock des neuen Bestandes gelegt. 1947 erhielt die Bibliothek eine
"dauerhafte Notunterkunft" im Generallandesarchiv, und 1958 konnte das Büchermagazin an der Ritterstraße in
Betrieb genommen werden. 1964 war dann auch das neuerbaute Verwaltungsgebäude am Nymphengarten bezugsfertig.
Zuvor war aber schon wieder einmal wie 1931 der Fortbestand der Bibliothek gefährdet gewesen. Am 3. Februar 1954
ersuchte der Landtag von Baden-Württemberg die Landesregierung um "Vorschläge in Form eines Gutachtens zur
rationelleren Gestaltung des Bibliothekswesens". Im Gespräch war die Zusammenlegung der Landesbibliothek mit der
Bibliothek der Technischen Hochschule, aber auch die Zusammenlegung beider Landesbibliotheken in Stuttgart. Der
erneute Widerstand der Bevölkerung führte dazu, dass der Landtag am 23. Juni 1955 dem Gutachten der Staatsregierung
folgte und beschloss, im Nachtragshaushalt Mittel bereitzustellen, "um die Landesbibliothek in Karlsruhe selbständig
an alter Stelle am Friedrichsplatz wieder aufzubauen".
Der Neubau am Nymphengarten wurde infolge steigender Bestandszuwächse schon in den Siebzigerjahren wieder zu klein.
Ein Architektenwettbewerb für den Neubau der Badischen Landesbibliothek wurde 1980 von Oswald Mathias Ungers gewonnen.
Es dauerte dann wegen finanzieller Schwierigkeiten 12 Jahre, bis der heutige Bau der Badischen Landesbibliothek
eingeweiht werden konnte [22].
Aus diesen Schilderungen könnte der Eindruck entstehen, dass der Übergang der Großherzoglichen Hof- und Landesbibliothek
in die Trägerschaft des Landes Baden und seit 1952 des Landes Baden-Württemberg der Bibliothek nicht besonders gut
bekommen ist. Dies traf bis vor kurzem nicht zu, denn erstens wurden die schlimmsten Drohungen, die den Fortbestand
der Bibliothek betrafen, bisher nie verwirklicht und zweitens zeigt eine nähere Betrachtung der staatlichen
Zuwendungen weder bei den Baumitteln noch bei den Erwerbungsmitteln eine Benachteiligung gegenüber anderen
Bibliotheken vergleichbarer Größe oder gegenüber unserer württembergischen Schwesterbibliothek. Ich habe dies
in einem Beitrag dargestellt, der 2002 in einer Festschrift zum 50-jährigen Landesjubiläum veröffentlicht
worden ist [23].
Heute verfügt die Badische Landesbibliothek über etwa 2,3 Millionen Medieneinheiten und gehört damit
zu den größten deutschen Regionalbibliotheken.
Die neuesten Ereignisse lassen die obige Bewertung nicht mehr uneingeschränkt zu. Die Regierung des Landes Baden-Württemberg
hat am 21. September 2006 erklärt, dem Haus Baden Kulturgüter im Wert von 70 Millionen € zu überlassen, um einen
Rechtsstreit mit diesem Haus über die Herausgabe der von ihm beanspruchten Sammlungsgegenstände im Wert von
250 bis 300 Millionen € zu vermeiden [24].
In weiteren Stellungnahmen der Landesregierung wurde klar, dass beabsichtigt war,
die 70 Millionen € ausschließlich durch den Verkauf von Handschriften und alten Drucken der Badischen Landesbibliothek
zu erzielen. Dies hätte dazu geführt, dass der Kernbestand der international renommierten Handschriftensammlung
der Badischen Landesbibliothek für Wissenschaft und Kultur verloren gegangen wäre. Nach heftigen Protesten von
Wissenschaftlern, Bibliothekaren und Handschriftenexperten aus aller Welt, aber auch von breiten Kreisen der
Bevölkerung setzte bei der Landesregierung ein Umdenkungsprozess ein. Die Suche nach einer Lösung, die das
historisch gewachsene Ensemble der Badischen Landesbibliothek erhält, begann am 4. Oktober 2006. Es ist zu
hoffen, dass sie zu einem für alle Seiten befriedigenden Ergebnis führen wird.
In der Zeit des Wiederaufbaus der Bibliothek konnten einige bedeutende Nachlässe erworben werden: 1950 die gesamte
erhaltene Bibliothek des Dichters Alfred Mombert, 1960 die Büchersammlung Reinhold Schneiders mit dessen umfangreichem
Briefnachlass und 1972 die Büchersammlung des Philosophen Leopold Ziegler. 1978 folgten die wertvolle
Alchemie-Bibliothek des Dichters Alexander von Bernus und 1984 als mäzenatisches Geschenk die Kinderbuchsammlung
von Ida Marie Kling [25].
Lassen Sie mich gegen Ende meines Vortrags noch einige besondere Schätze vorstellen, die der Badischen Landesbibliothek
in den Jahren 1994 bis 2001 zugeflossen sind und die durch Ankauf zweifelsfrei Staatseigentum geworden sind.
Im Herbst 1992 trat das Haus Fürstenberg an die Württembergische Landesbibliothek mit dem Vorschlag heran, die
Donaueschinger Handschriftensammlung aufzukaufen. Monatelange zähe Verhandlungen führten dann im Frühjahr 1993
dazu, dass die Sammlung vom Land Baden-Württemberg gekauft wurde. Danach setzte zwischen mehreren Bibliotheken das
Ringen um die Zuteilung der Handschriften ein. Den Sieg trugen die beiden Landesbibliotheken in Karlsruhe und Stuttgart
davon. Die Badische Landesbibliothek erhielt im April 1994 die deutschen Handschriften des Mittelalters, unter
denen sich auch der Kernbestand der Sammlung des Freiherrn Joseph von Laßberg befand. Die lateinischen Handschriften
und die neuzeitlichen deutschen Handschriften wurden der Württembergischen Landesbibliothek übergeben
[26].
Unter den uns zugeeigneten deutschen Handschriften befinden sich ganz erlesene Zimelien, von denen ich Ihnen einige
wenige Beispiele zeigen möchte.
Der 1287 in Freiburg und Vörstetten i.Br. geschriebene "Schwabenspiegel" ist das für Süddeutschland maßgebende
deutschsprachige Rechtsbuch im späten Mittelalter. Er wurde um 1275/76 von einem Franziskaner in Augsburg verfasst.
Als Hauptquelle diente der berühmte Sachsenspiegel, dessen Artikelfolge übernommen wurde.
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Schwabenspiegel. Pergament; Freiburg und Vörstetten (Breisgau); 1287
Badische Landesbibliothek, Cod. Don. 738, p. 1
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Die vorliegende Handschrift, die auf der ersten Seite das gemalte Wappen-Exlibris Laßbergs aufweist, ist der älteste
datierte Textzeuge und sicherlich auch eine der ältesten Schwabenspiegel-Handschriften überhaupt. Die gesamte Ausstattung
ist ziemlich aufwendig: große, in zwei Spalten sorgfältig geschriebene gotische Buchschrift, rote Überschriften und rote
oder blaue Initialen (sog. Lombarden) zu Beginn der Kapitel [27].
Am 28. Mai 1829 gelang es Laßberg, eine Anfang des 14. Jahrhunderts im Bodenseeraum entstandene Pergamenthandschrift zu
erwerben, die für ihn als Liebhaber mittelalterlicher deutscher Dichtung von ganz besonderem Wert war.
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Wasserburger Codex. Pergament; Bodenseeraum; Anfang 14. Jh.
Badische Landesbibliothek, Cod. Don. 74, Blatt 1r
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Auf dem Speicher eines Pfarrhauses in Wasserburg am Bodensee wurde ein äußerlich eher unscheinbarer Codex entdeckt,
welcher nach Laßbergs Einschätzung "unter die kleinode gehört, die in unserer zeit so selten mer aus dem alles
verschlingenden zeitstrom auftauchen". Die schmucklose Handschrift enthält eine bedeutende Sammlung weltlicher
und geistlicher mittelhochdeutscher Dichtungen, sämtlich in frühen, jeweils für die Textüberlieferung der einzelnen,
fast alle im 13. Jahrhundert entstandenen Werke sehr wichtigen Fassungen.
Mehr als die Hälfte des "Wasserburger Codex" enthält den Willehalm des Rudolf von Ems, ein Epos in der Nachfolge
Wolfram von Eschenbachs und Gottfrieds von Straßburg. Zwei weitere Texte stammen aus dem Bereich der altdeutschen
Heldendichtung, genauer aus dem Sagenkreis um Dietrich von Bern. Laßberg teilte die Erwerbung voller Freude und
Stolz seinem Freund Ludwig Uhland noch am selben Tage mit den Worten mit "Es ist mir nicht möglich auch nur
"einen Tag später als heute, Inen Nachricht von meinem neuen Funde zu geben, über den ich mich nicht weniger
freue, als ein Vater zahlreicher Nachkommenschaft, wenn jm wieder ein neues Kind geboren ist"
[28].
"Des Teufels Netz" ist eine um 1414 bis 1420 - vielleicht in Konstanz - entstandene geistliche Lehrdichtung.
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Des Teufels Netz. Papier; Bodenseeraum; 1441
Badische Landesbibliothek, Cod. Don. 113, Blatt 1v
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Im Rahmen eines Dialogs verrät der Teufel einem frommen Einsiedler, mit welchen Schlichen er die Menschen in seinem
großen Netz einfängt. Der Autor entwirft ein düsteres Bild. Alle sind in Sünden verstrickt, vom Kaiser bis zum
Küchenjungen. Besonders hart geht er mit der Geistlichkeit ins Gericht. Ähnlich wie in den mittelalterlichen
Totentänzen werden die Sünden und Laster aller Stände eindringlich und lebensnah vor Augen geführt. "Des Teufels Netz"
ist eines der bemerkenswertesten Zeugnisse der mittelhochdeutschen Ständesatire. Die Textüberlieferung umfasst
4 Handschriften und ein kleineres Fragment. Die zuverlässigste Überlieferung bietet unsere Handschrift, die 1441
im Bodenseeraum entstanden ist. Dem Textbeginn ist eine kolorierte Federzeichnung vorangestellt. Sieben Teufel -
wohl die personifizierten sieben Todsünden - schleppen das Netz, in dem Angehörige aller Stände gefangen sind
[29].
1995 musste sich ein anderes Fürstenhaus von seinen Kunstschätzen trennen. Sie erinnern sich vielleicht noch an die
große Auktion, die im Sommer jenes Jahres im Neuen Schloss in Baden-Baden stattfand. Der Badischen Landesbibliothek
und dem Generallandesarchiv Karlsruhe ist es gelungen, die ihr vor der Auktion angebotene Privatbibliothek des
markgräflichen Hauses mit Mitteln der Stiftung Kulturgut Baden-Württemberg und Unterstützung durch ihre
Fördervereine und andere Spender für 2,5 Millionen DM aufzukaufen. Auch hier konnten wir erlesene Raritäten
erwerben, wie etwa das Erstexemplar der Alemannischen Gedichte von Johann Peter Hebel mit handschriftlichen
Einträgen des Dichters oder eine besonders schöne spätere Ausgabe der Alemannischen Gedichte, die dem
großherzoglichen Paar
Friedrich I. und Luise 1856 zur Hochzeit geschenkt wurde.
Hebel, Johann Peter
Allemannische Gedichte : für Freunde ländlicher Natur und Sitten. - Erstausgabe. -
Carlsruhe : Macklot, 1803. - VIII, 232 S.;
mit 4 Musikbeilagen. Handexemplar mit Korrekturzeichen und Eintragungen von Johann Peter Hebel.
Badische Landesbibliothek, 98 B 76169 RH (Schlossbibliothek Baden-Baden)
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Original-Aquarell
von Wilhelm Dürr. -
In: Johann Peter Hebel: Allemannische Gedichte,
Karlsruhe 1856:
Der Karfunkel
Badische Landesbibliothek, 98 C 76459 RH
(Schlossbibliothek
Baden-Baden)
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1999 konnte die Badische Landesbibliothek wiederum mit Mitteln der Stiftung Kulturgut Baden-Württemberg die
Fürstenbergische Musikaliensammlung erwerben und damit ihre hervorragende Sammlung von Musikhandschriften
aus markgräflicher Zeit ergänzen. Unter den Erwerbungen befindet sich ein eigenhändiger Brief Mozarts, in
dem er dem Fürstenhaus über einen Mittelsmann Kompositionen anbietet.
Wolfgang Amadeus Mozart, Brief mit Angebot neuer Kompositionen, Autograph (Tinte auf Papier), 1 Blatt, Wien, 8. August 1786
In einem Brief bietet Wolfgang Amadeus Mozart (1756 - 1791) dem Hof in Donaueschingen seine
"Neuesten geburten" an. Auf dem Zettel sind insgesamt 12 Musikincipits
(Anfänge von Musikstücken)
verzeichnet, u.a. von vier Sinfonien, fünf Klavierkonzerten und von Kammermusik aus den
Jahren 1779 bis 1786. Die nicht durchgestrichenen Kompositionen wurden in Abschriften bestellt und
sind zum größten Teil in der Donaueschinger Musikaliensammlung erhalten.
Auch ein von Franz Liszt komponierter Ländler ist im Bestand erhalten.
Franz Liszt: Ländler für Klavier As-Dur. Autograph (Tinte auf Papier). 1 Blatt,
Donaueschingen, 25.11.1843.
Gewidmet der Fürstin Amalie zu Fürstenberg, geb. Prinzessin von Baden.
Badische Landesbibliothek, Donaueschingen Mus. Autogr. 39
2001 folgte dann schließlich die Krönung unserer Erwerbungen. Die Landesbank Baden-Württemberg kaufte mit
Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, der Bundesrepublik Deutschland und der Familie Laßberg die
Handschrift C des Nibelungenlieds, und das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg
wies dieses Spitzenstück der Sammlung Laßberg wegen des Zusammenhangs mit den anderen deutschen Handschriften
des Mittelalters der Badischen Landesbibliothek zur Aufbewahrung zu.
Nibelungen-Handschrift (C). Badische Landesbibliothek, Cod. Don. 63, Blatt 1r.
Die Handschrift ist der älteste Textzeuge des um 1200 entstandenen, aber auf ältere mündliche Traditionen zurückgehenden
Nibelungenliedes. Sie wurde im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts im Südwesten des deutschsprachigen Raumes niedergeschrieben.
Seit 2001 befindet sich der berühmte Codex im Bestand der Badischen Landesbibliothek als Leihgabe
der Landesbank Baden-Württemberg.
Faksimile und Kommentar:
Das Nibelungenlied und die Klage
Vielleicht erinnern Sie sich an die große Nibelungenliedausstellung, die wir 2003/04 zusammen mit dem Badischen
Landesmuseum durchgeführt haben. Die Ausstellung ist von 72.000 Besuchern gesehen worden und war damit die
zweitgrößte Ausstellung mit bibliothekarischem Bezug, die je in Deutschland gezeigt wurde. Zur Zeit gibt es
Überlegungen, die drei Haupthandschriften des Nibelungenlieds, die Handschrift A, die in der Bayerischen
Staatsbibliothek in München aufbewahrt wird, die Handschrift B der Stiftsbibliothek St. Gallen und unsere
Handschrift C in das Weltkulturerbe aufzunehmen. Mit dieser erfreulichen Perspektive möchte ich meinen Vortrag schließen.
[1] Herzog Carl Eugen von Württemberg gründete am 11. Februar 1765 eine öffentliche Bibliothek, die zunächst in
Ludwigsburg und dann ab 1776 in verschiedenen Gebäuden in Stuttgart untergebracht war.
[2] Vgl. Gerhard Stamm:
Markgräflich badische Büchersammlungen - erhaltene Bestände.
In: Buch - Leser - Bibliothek.
Festschrift der Badischen Landesbibliothek zum Neubau. Hrsg. von Gerhard Römer, Karlsruhe 1992, S.127.
[3] Vgl. Ludger Syré: Die Geschichte der Bibliothek - eine Chronik in Daten und Bildern. In: Buch - Leser - Bibliothek, S.13.
[4] Stamm, Festschrift, S.145.
[5] Udo Wennemuth: Exponatbeschreibung F 6 in: Philipp Melanchthon in Südwestdeutschland. Bildungsstationen eines
Reformators. Ausstellung der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe, der Universitätsbibliothek Heidelberg, der
Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart und des Melanchthonhauses Bretten zum 500. Geburtstag Philipp
Melanchthons. Hrsg. von Stefan Rhein, Armin Schlechter und Udo Wennemuth, Karlsruhe 1997, S.194.
[6] Vgl. Syré, Festschrift, S.14.
[7] Vgl. Ute Obhof:
Aus
der Schatzkammer der Badischen Landesbibliothek. In: Blick in die Geschichte. Karlsruher stadthistorische
Beiträge 53 (14.12.2001).
[8] Vgl. dazu eingehend Syré, Festschrift, S.14-16. Der nicht nach Basel ausgelagerte, nicht so wertvolle Bestand der
Durlacher Hofbibliothek wurde 1689 bei der Zerstörung der Karlsburg durch die Franzosen ein Raub der Flammen. Vor der
Zerstörung soll die Bibliothek 4000 bis 5000 Bände und zwei Zimmer mit Handschriften besessen haben (Syré, Festschrift, S.15).
[9] Vgl. Karlsruher Tulpenbuch.
Eine Handschrift der Badischen Landesbibliothek. Mit einer Einführung von Gerhard Stamm,
Karlsruhe 1984, S.1.
[10] Vgl. Syré, Festschrift, S.16-19.
[11] Vgl dazu und zu den folgenden Beispielen Stamm, Festschrift, S.153-159.
[12] Vgl. Gerhard Stamm: Karlsruhe 1, Badische Landesbibliothek. In: Handbuch der historischen Buchbestände
in Deutschland, Bd. 8, Hildesheim, Zürich, New York 1994, S.22.
[13] Das Evangelistar aus St. Peter. Eine spätromanische Bilderhandschrift der Badischen
Landesbibliothek Karlsruhe. Vollfaksimile-Ausgabe. Hrsg. von Franz Anselm Schmitt. Basel 1971.
[14] Vgl. Gerhard Römer: Bücher - Stifter - Bibliotheken. Buchkultur zwischen Neckar und Bodensee, Stuttgart, Berlin, Köln 1997, S.112-121.
[15] Vgl. Römer, Bücher, S.136.
[16] Vgl. Stamm, Handbuch, S.23.
[17] Vgl. dazu die Web-Site " Zähringer-Stiftung".
Nach dieser Site ist die Zähringer-Stiftung als Stiftung des öffentlichen Rechts im
Neuen Schloß in Baden-Baden angesiedelt. Stiftungsbehörde ist das Regierungspräsidium Karlsruhe.
[18] Vgl. dazu den Beitrag von Reinhard Mußgnug: Die Handschriften gehören dem Land. Fürstenrecht contra Bürgerliches Gesetzbuch:
Badens Kulturerbe ist nicht Reservevermögen der Markgrafen, in: FAZ, 29.09.2006, Nr. 227, S.37.
[19] Zu diesem Ergebnis kommt der umfangreiche Artikel von Winfried Klein: Das Recht ist das Recht und nicht bloß eine
Behauptung. Nach allen Regeln der Domänenfrage: Die Handschriften der Badischen Landesbibliothek sind Staatseigentum,
in: FAZ, 05.10.2006, Nr. 231, S.39.
[20] Zitiert nach Hendrikje Kilian: Zur Geschichte der Badischen Landesbibliothek, Karlsruhe 1990
(Vorträge/Badische Landesbibliothek, Heft 22), S.41.
[21] Syré, Festschrift, S.25.
[22] Vgl. Syré, Festschrift, S.27-31.
[23] Peter Michael Ehrle: Die Badische Landesbibliothek. In: Paul Ludwig Weinacht (Hrsg.), Die badischen Regionen am Rhein.
50 Jahre Baden in Baden-Württemberg - Eine Bilanz. Baden-Baden 2002, S. 443-446.
[24] Vgl. dazu das Interview mit Ministerpräsident Günther H. Oettinger
in BNN, 21.09.2006, Ausgabe Nr. 219.
[25] Vgl. Römer, Bücher, S.139.
[26] Vgl. dazu Hans-Peter Geh: Die Erwerbung der Handschriften-Sammlung der F.F. Hofbibliothek Donaueschingen durch das Land
Baden-Württemberg. In: Bewahrtes Kulturerbe. Unberechenbare Zinsen. Katalog zur Ausstellung der vom Land Baden-Württemberg
erworbenen Handschriften der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek. Hrsg. Von Felix Heinzer. Stuttgart 1993, S.1-4.
[27] Bewahrtes Kulturerbe, S.86 f.
[28] Bewahrtes Kulturerbe, S.90 f. und S.26.
[29] Bewahrtes Kulturerbe], S.102 f.
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