Einladung zum Vortrag
Mythos, Wirklichkeit und Vision.
Die Geschichte vom langen Leben und
Sterben des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation
Vortrag von Prof. Dr. Klaus-Peter Schroeder, Heidelberg
Dienstag, 4. April 2006, 19.30 Uhr
Vortragssaal der Badischen Landesbibliothek
- Eintritt frei -
Ein seltsames Bild bot sich dem aufmerksamen Betrachter am Morgen des 6. August
1806. Der Herold des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, angetan mit seinem
prunkvollen Wappenrock, ließ in Wien vor der Kirche "Neun Chöre der Engel" ein letztes
Mal die Fanfare blasen und verkündete dann dem staunenden Publikum, dass Franz II.,
"von Gottes Gnaden erwählter römischer Kaiser, zu allen Zeiten Mehrer des Reichs ...", die
Kaiserkrone niederlege und das "Band, welches uns bis jetzt an den Staatskörper des deutschen
Reiches gebunden hat", für gelöst erkläre, weil es ihm mit dem Rheinbund unmöglich geworden sei,
"die Pflichten unseres kaiserlichen Amtes länger zu erfüllen". Gleichzeitig sprach er sämtliche
"Reichsangehörigen" von den Pflichten ledig, mit denen sie ihm als dem "gesetzliche[n] Oberhaupt des
Reichs" verbunden waren.
"Bruch" und "totaler Neuanfang" - bis heute stehen die Metaphern für das Jahr 1806, in dem sich der Zerfall des
Reichsverbandes völlig unspektakulär vollzog. Ihren scheinbaren Beschluss hatte damit eine religiös-universalistisch
ausgerichtete Ordnung gefunden, in deren Rahmen sich das politische, verfassungsmäßige und kulturelle
Leben des deutschen Volkes jahrhunderte lang abspielte. Als einen gänzlichen Neubeginn betrachtete man den
Fortgang der deutschen Geschichte nach der einschneidenden Zäsur des Jahres 1806 auf dem Wege hin zu einem
ausschließlich national verstandenen Staat.
Es ist jedoch nicht zu übersehen, dass der Mythos jenes Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation seinen
langen Schatten bis in die jüngste Gegenwart hinein wirft. So bestehen noch vielfältige Ängste bei unseren
Nachbarn, die in der deutschen, auch der frühen deutschen Reichsgeschichte gründen, und die ihnen Sorge
bereiten. Vor dem Hintergrund der Apokalypse des Zweiten Weltkrieges und seinen traumatischen
Auswirkungen auf das deutsche Selbstverständnis wird einsichtig, mit welch nahezu messianischem Eifer
man sich in den vergangenen Jahrzehnten um die auf Ausgleich angelegte, auf Recht und Gerechtigkeit
beruhende historisch-politische Kultur des mitten in Europa liegenden "Imperium Germanicum" bemühte.
So betonen denn auch die gegenwärtigen Vertreter der Zunft des historischen Zeitgeistes, dass das in
mancherlei Hinsicht eigenartig anmutende Heilige Römische Reich Deutscher Nation nicht als ein
"Deutsches Reich" im überwunden geglaubten nationalstaatlichen Sinn begriffen werden darf, sondern
vielmehr als gültiges Vorbild für einen übernationalen Staatenverbund mit starker europäischer
Einbindung anzusehen ist. Nahezu vergebens sucht man jedoch in den modernen Darstellungen, welche
die Strukturen des Reichs und seine Funktion als Europas "Gleichgewichtsmaschine" beleuchten, nach
kritischer Distanz zu dem Gegenstand der Untersuchung.
Erst in jüngster Zeit werden in Verbindung mit der angestrebten Überwindung des Nationalstaates
das Alte Reich treffend als der "Reichs-Staat" der Deutschen reklamiert und damit das den
eigentlichen Sachverhalt verzeichnende, schiefe Bild Deutschlands aus der "verspäteten Nation"
(Helmut Plessner) im Reigen der europäischen Völker einer längst überfälligen Revision unterzogen.
Aus Anlass des 200. Jahrestages des Untergangs des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation
wird der Versuch gewagt, sich der Realität des eigenen geschichtlichen Erbes zu vergewissern.
Prof. Dr. Klaus-Peter Schroeder
Prof. Dr. Klaus-Peter Schroeder ist Chefredakteur der Zeitschrift "Juristische Schulung (JuS)" in
Frankfurt am Main und außerplanmäßiger Professor für Deutsche Rechtsgeschichte an der
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Seit September 2005 ist er gleichfalls Präsident der neu
begründeten "Heidelberger Rechtshistorischen Gesellschaft e.V.".
Neben zahlreichen Abhandlungen
zur Geschichte des Reiches und seiner Institutionen zählen ebenso Biografien bedeutender Rechtsdenker
zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auf das 2001
erschienene Buch "Vom Sachsenspiegel zum Grundgesetz - Eine deutsche Rechtsgeschichte in
Lebensbildern". Gegenwärtig befasst er sich mit der umfassenden Darstellung der Geschichte der
Heidelberger Juristenfakultät 1802-2002.
Zu dieser Veranstaltung laden wir Sie und Ihre Freunde sehr herzlich ein!
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