Badische Neueste Nachrichten - 24. August 2006
Pultstar und Zauberer in Wagners Wunderreich
von Ulrich Hartmann
Es dürfte eine denkwürdige Szene gewesen sein, die sich am 21. Oktober 1890 etwa an der gleichen Stelle abspielte,
wo heute die Kauflustigen durch die Ladenzeilen des schicken ECE-Centers schlendern. Damals stand dort das
traditionsreiche Hotel Germania. In dem noblen Haus stieg die Hautevolee ab, am genannten Tag war es eine
besonders illustre Gesellschaft. Am Mittagstisch saßen Cosima Wagner, die ihre Kinder Isolde, Eva und Siegfried
mitgebracht hatte, Engelbert Humperdinck, der Komponist der Oper "Hänsel und Gretel", sein blutjunger Kollege
Richard Strauss und Felix Mottl, damals Direktor der Hofoper und Hofkapelle.
DER STARDIRIGENT: Felix Mottl galt international als musikalische Kapazität.
Foto: BNN-Archiv
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Am Abend dieses Tages leitete Mottl die szenische Erstaufführung des Oratoriums "Die Legende der Heiligen
Elisabeth", geschrieben von Franz Liszt, Cosimas Vater, der vier Jahre zuvor in Bayreuth gestorben war. Blitz,
Donner und ein dramatisch inszenierter Schlossbrand verfehlten die Wirkung auf das begeisterte Publikum ebenso
wenig wie die künstlerische Leistung Mottls und seines Ensembles. Die Presse lobte erneut den Feuereifer des
Maestro, dessen Ruhm schon damals weit über die Grenzen des Großherzogtums gedrungen war.
Das Hotel Germania gehört längst zum Schutt der Geschichte, doch der Stern des badischen Stardirigenten, der dem
Karlsruher Musikleben einst für einige Jahrzehnte zur Weltgeltung verhalf, ist kaum verblasst. Sein außerordentliches
Talent hob den Künstler schon früh aus dem Kreis seiner musikalischen Zeitgenossen heraus. Felix Mottl gehörte
zum engsten Kreis der Bayreuther Pioniere rund um Richard Wagner, er zählte bis zu seinem Tod zu den führenden
Dirigenten auf dem Grünen Hügel, wo er unter anderem die Erstaufführungen von "Tristan und Isolde" (1886),
"Tannhäuser" (1891), "Der Fliegende Holländer" (1901) leitete. Große Häuser wie die in Berlin und München
beneideten die Karlsruher um ihren Pultstar, dem die badische Residenz ihren Ruf als "Klein-Bayreuth" und
den Ruhm einer führenden Musikmetropole Europas verdankte. Deshalb wurde er 1893 zum ersten Karlsruher
Generalmusikdirektor ernannt.
DAS AKTUELLE BUCH
Fundiert und spannend
Das neue Buch über Felix Mottl von Frithjof Haas ist ein Juwel und Pflichtlektüre für jeden, dem die
Karlsruher Musikgeschichte am Herzen liegt. Der Dirigent, Pianist und Musikforscher Haas erweist sich nach seinen
exzellenten Biografien Hermann Levis und Hans von Bülows erneut als ein Autor, der fundiertes, gründlich
recherchiertes Wissen flüssig und unterhaltsam zu vermitteln weiß.
So werden Leben und Werk Mottls in vielen Facetten lebendig. Das Buch bietet nicht nur ein wunderbares Lesevergnügen,
sondern auch eine Fundgrube, enthält es doch außer einem vorbildlichen Personenregister auch eine übersichtliche
Zeittafel und ausführliche Kapitel über Mottls Kompositionen und Bearbeitungen.
uha
Frithjof Haas: Der Magier am Dirigentenpult - Felix Mottl.
Hoepfner-Bibliothek im Info Verlag, 440 Seiten, 69 Abbildungen, 24,80 Euro.
In diesem Jahr empfiehlt sich eine besondere Gelegenheit, an diesen außerordentlichen Künstler, eine
Schlüsselfigur des Karlsruher Kulturlebens zu erinnern: Heute vor 150 Jahren wurde Felix Mottl in Unter St.
Veit bei Wien geboren. Rechtzeitig zu diesem Gedenktag hat der Karlsruher Musikhistoriker Frithjof Haas, ehedem
verdienstvoller Kapellmeister des Badischen Staatstheaters, der auch schon den Dirigenten Hermann Levi und den
Pianisten Hans von Bülow in ausgezeichneten Lebensbildern würdigte, eine Biografie des Musikers vorgelegt.
(Siehe auch "Das aktuelle Buch".) Deren großer Umfang und treffsicherer Titel ("Der Magier am Dirigentenpult")
charakterisieren einen Künstler, der sich schon in frühen Jahren an die Spitze seiner Zunft stellte.
Mottl war als Student des Wiener Konservatoriums immerhin Schüler Anton Bruckners, den er als
"bauernschlau, aber aufreizend ungebildet" bezeichnete. Ebenfalls zu seinen Lehrern zählte Otto Dessoff,
neben Levi ein weiterer Vorgänger Mottls im Amt des Karlsruher Orchesterchefs und außerdem Dirigent der
Karlsruher Uraufführung der ersten Sinfonie von Brahms. Doch weder Bruckner noch Brahms waren es, an denen
sich Mottls musischer Genius entzündete, sondern das intensive Erlebnis der Musik Richard Wagners. In Wien
verschlang er förmlich den "Tannhäuser" und "Lohengrin", in Verehrung für sein Idol gründete er mit Freunden
den Wiener Akademischen Richard-Wagner-Verein. Am zweiten Vereinsabend im Dezember 1873 spielte der gerade
17-jährige Wagnerianer Vorspiel und Liebestod zu "Tristan und Isolde" am Flügel und schwärmte: "Ich bin
ganz krank vor Sehnsucht nach diesem Werke! Trage es wie das Bild einer Geliebten mit mir herum."
DAS SCHMUCKE HOFTHEATER in Karlsruhe (hierauf einer zeitgenössischen Zeichnung) wurde nach Entwürfen
von Heinrich Hübsch erbaut und war Schauplatz zahlreicher
musikalischer Sternstunden, die Felix Mottl dem Karlsruher Musikleben als Chef der Hofkapelle bescherte.
Foto: pr
Mottls Begeisterung, aber auch die von ihr gleichsam beflügelten präzisen Kenntnisse der Opern Wagners
blieben dem Bayreuther Meister nicht verborgen, der seinen stürmischen Verehrer und Propagandisten zu den
wichtigsten Säulen der Vorbereitung zur "Ring"-Uraufführung 1876 machte.
Infos
Der Dirigent und Komponist Felix Mottl steht im Mittelpunkt einer Kärlsruher Ausstellung vom 20. September
bis 16. Dezember in der Badischen Landesbibliothek. Bei der Eröffnung am Dienstag, 19. September, 19.30 Uhr, wird
auch die von Frithjof Haas verfasste Biografie Mottls vorgestellt. Am Sonntag, 24. September, 19 Uhr, ist im Kleinen
Haus des Badischen Staatstheaters Karlsruhe "Fürst und Sänger", Mottls Oper in einem Akt, in einem konzertanten
Querschnitt mit Begleitung von zwei Flügeln zu hören. Diese Aufführung wird von Frithjof Haas kommentiert und geleitet.
Klavieraufnahmen mit Musik Wagners, die Felix Mottl nach dem in Freiburg entwickelten Welte-Mignon-System 1907
einspielte, sind beim Label "Tacet" als "The Welte-Mignon Mystery Vol. II" als Doppel-CD (Tacet 135) erschienen.
Als Mottl 1880 die Nachfolge Dessoffs als Hofkapellmeister in Karlsruhe übernahm, begann in der vergleichsweise
kleinen badischen Residenz eine musikalische Blütezeit ohnegleichen. Sie war nicht nur von exemplarischer
Wagner-Pflege geprägt, sondern bescherte der Stadt auch andere musikalische Sternstunden. Hierzu zählen
Ereignisse, die überregional bestaunt wurden. "Müssen wir jetzt nach Carlsruhe reisen, um gute Aufführungen
der Werke von Berlioz zu hören?", raunte die Pariser Presse, als Mottl 1890 erstmals die vollständige Fassung
der "Trojaner" auf die Bühne stemmte. In London, wo Mottl unter anderen den "Ring" dirigierte, schrieb der
gefürchtete George Bernard Shaw: "Ehe die Rienzi-Ouvertüre auch nur halb vorüber war, wusste man schon,
London werde sich von Karlsruhe eine Niederlage ersten Ranges holen."
Lange widerstand Mottl den Versuchen großer Opernhäuser, Karlsruhe den bedeutenden Pultstar, der regelmäßig die
Berliner und Wiener Philharmoniker dirigierte und der zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine ganze Wagner-Serie in
New York, Boston, Philadelphia und Chicago dirigierte, abspenstig zu machen, doch 1903 wechselte er nach München.
Dort brach er im Juni 1911 am Dirigentenpult zusammen - im ersten Akt des "Tristan". Zehn Tage später starb er.
Karlsruhe hat ihn nicht vergessen.
Ulrich Hartmann
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