Badische Neueste Nachrichten -
13. Dezember 2003
Das sensationelle ABC
Selten grausiges Geschehen: "Die riesige Schlange, leuchtend giftgrün, dick wie ein
alter Baumstamm, hatte sich hoch in die Luft erhoben und ihr großer, stumpfer Kopf
wankte wie betrunken zwischen den Säulen umher." Noch ist nichts entschieden in diesem
ungleichen Kampf: "Er konnte die riesigen, blutigen Augenhöhlen sehen, das Maul, weit
aufgerissen, weit genug, um ihn auf einmal zu verschlingen, versehen mit Zähnen, so lang
wie sein Schwert, schimmernd und giftig." Dieses Schwert wird er dem Drachen in den Rachen
rammen. Er wird Sieger sein.
Aber es ist nicht Siegfried, der siegreich von dannen geht,
sondern Harry Potter, Schüler von Hogwarts, einem Internat für Zauberei und Hexerei. Es kommt
auch nicht Balmung zum Einsatz, das vortreffliche Schwert, das Siegfried von Nibelung erhielt,
sondern die silberne, rubinbesetzte Waffe von Godric Gryffindor, eines der Gründer von
Hogwarts. Und doch sind die Ähnlichkeiten zwischen der alten germanischen Sage und dem
Bestseller von Joanne K. Rowling unübersehbar.
Die britische Autorin liefert mit ihrer Kampfszene in der "Kammer des Schreckens" das
vorerst jüngste Beispiel für die Langlebigkeit mancher Geschichten, die über viele
Jahrhunderte hinweg überliefert wurden. Hier zu Lande bringt man die Drachentötersage
vor allem mit dem Nibelungenlied in Verbindung. Dabei ist der beherzten Tat des Recken
aus den "Niderlanden" gerade mal eine Zeile gewidmet: "einen lintrachen sluoc des
heldes hant," wie das mittelalterliche Versgedicht vermerkt. Aber das Heldenepos und
die mythischen Stoffe, auf denen es aufbaut, dürften den meisten ohnehin weniger im
Original als durch seine Bearbeitungen bekannt sein - allen voran die Opern Richard
Wagners.
"Das Rheingold" und "Die Walküre", "Siegfried" und "Götterdämmerung" haben mehr als
manches andere Werk das Bild von den Nibelungen geprägt. Wagner gilt als
eigentlicher "Vermittler des Mittelalters" (so der Germanist Volker Mertens).
Das bedeutet: Der Komponist hat Fakten und Fiktionen nach seinen eigenen
Vorstellungen zu einem schlüssigen Ganzen durchmengt. Füglich hat er
den "Ring", jene vier Nibelungen-Opern, die nächstens das Feiertagsprogramm im
Festspielhaus Baden-Baden bestimmen und die auch das Badische Staatstheater
wieder in Angriff nehmen will, aus allerlei Versatzstücken zusammengeschmiedet.
Im Text für seine Bühnenwerke hat er Elemente aus der altisländischen Edda oder
aus der Völsungasaga ebenso genutzt wie Nachdichtungen seines Zeitgenossen Karl
Simrock und kräftig mit eigenen Erfindungen durchsetzt. So entspinnt sich etwa
ein richtiggehender Dialog zwischen dem Drachen, der bei Wagner Fafner heißt,
und Siegfried, der sagt: "Eine zierliche Fresse/ zeig'st du mir da/ lachende
Zähne/ im Leckermaul."
Die Badische Landesbibliothek (BLB) und das Badische Landesmuseum führen jetzt
die - auch politisch vielfach befrachtete, ja belastete - Auseinandersetzung mit
dem Nibelungenlied an seine Ursprünge zurück. Den Anfang machte die vollständige
Digitalisierung eines der mittelalterlichen Manuskripte, in denen das Epos Anfang
des 13. Jahrhunderts niedergeschrieben wurde. Seite um Seite ist die Geschichte um
Siegfried und Kriemhild, Brunhild, Hagen und die Burgunden Gunther, Gernot, Giselher
neuerdings im Internet abzurufen - je nach Bedürfnis als Faksimile des
mittelhochdeutschen Originals oder in neuhochdeutscher Übersetzung. Selbst Tonbeispiele
gibt es per Mausklick zu hören.
Seit diesem Wochenende ist nun auch eine Ausstellung zu sehen, in der die Zeit um
1200 anschaulich gemacht wird. Ein begehbares Buch erlaubt, die Stationen der Handlung
nachzuvollziehen, Waffen und Rüstungen verweisen auf die Lebenswelt der Ritter,
Gegenstände wie Tragalter, Weihrauchfass oder der "Siebenbrüderkelch" aus Ottobeuren
erinnern an die Glaubenswirklichkeit des Mittelalters. Mit Schaustücken wie Trinkbecher
oder Fiedel wird auf die sieben großen höfischen Feste Bezug genommen, die im
Nibelungenlied geschildert werden, etwa nach dem erfolgreichen Krieg gegen die Sachsen,
als man Met und guten Wein auschenkte (oder wie in der 4. Aventuire steht: "man schancte
den gesunden met und guoten wîn/ dô kunde daz gesinde nimmer vrœlîcher sîn").
Eine mittelalterliche Grablegung zeigt diese Illustration aus einer
nordfranzösischen Handschrift des 15. Jahrhunderts. Der Leichnam ist in weißes Tuch
eingenäht, die Beisetzung findet, wie man an den Fackeln und den Sternen im
Hintergrund sehen kann, bei Nacht statt.
Zu den Ausstellungsstücken gehört zudem der so genannte Siegfriedsarg, der von Lorsch
nach Karlsruhe ausgeliehen wurde. Dieser mächtige Steinsarkophag aus dem zweiten Viertel
des 12. Jahrhunderts steht im Zusammenhang mit der vermeintlich letzten Ruhestätte des
Helden, der durch das Blut des erschlagenen Drachen bis auf eine einzige Stelle
unverwundbar geworden war und der doch dem Mordanschlag Hagens von Tronje nicht
entging. Siegfrieds Leichnam soll später unweit von Worms, in der Reichsabtei Lorsch,
dem Witwensitz Kriemshilds, bestattet worden sein. Genau das wird mit der Leihgabe
angedeutet. Zugleich stellt sie einen indirekten Hinweis auf eine Karlsruher Besonderheit
dar. Denn der Umstand, dass Siegfrieds Grab "ze Lorse bî dem munster" liege, ist
(außer in zwei späteren Bearbeitungen) ausschließlich in der Handschrift C vermerkt,
die sich seit 2001 im Besitz der Landesbank Baden-Württemberg und der Bundesrepublik
Deutschland befindet und die in der BLB aufbewahrt wird.
Der 114 Blätter starke Band gilt als die älteste der drei großen Nibelungen-Handschriften
und bildet gewissermaßen den Ausgangspunkt der Ausstellung im Landesmuseum. Denn schon
bald, nachdem man Karlsruhe die Pflege des anonymen Textes anvertraut hatte, waren sich
Bibliotheksdirektor Peter Michael Ehrle und Museumschef Harald Siebenmorgen einig, dass
die Kostbarkeit aus ehemals Fürstenbergischem Besitz einem größeren Publikum ihrer
Bedeutung entsprechend präsentiert werden solle. Also besorgte man Architekturmodelle,
um den Aufbau einer Burg oder eines Wohnhauses zu verdeutlichen, und trug Objekte
aus dm Mittelalter zusammen: den Rest eines Bootes, das 1909/1910 in Pforzheim aus
dem Bett der Enz geborgen wurde, ein kostbar verziertes Signalhorn, das im 11.
Jahrhundert aus dem Stoßzahn eines Elefanten geschnitzt wurde, eine aufwändig
beschlagene Truhe aus der Wartburg und etliches mehr, darunter sogar einen
ausgestopften Löwen.
Am Ende dann die Schatzkammer. Wenn man sämtliche Abschnitte des Mittelalter-Parcours
hinter sich gelassen hat, wenn man von den historischen Fakten der Völkerwanderungszeit,
die im Nibelungenlied anklingen, bis zum Gemetzel bei König Etzel gelangt ist,
wenn sich die Farbe des Ausstellungsdesigns von Blau in Blutrot gewandelt hat -
dann liegt nur noch eine Art Tresorraum vor einem. Hier ruht der Hort der
Nibelungenschau. Riesige Bodenplatten aus Stahl sind mit meterhohen Buchstaben
markiert, damit auch der Sehschwächste sofort begreift, dass hier so etwas wie
eine bibliophile Familienzusammenführung stattfand. Neben der Handschrift C
sind in klimatisierten Einzelvitrinen die beiden "Schwestern" zu sehen. Das
ist einmal die Handschrift A, die wie C auf Schloss Hohenems bei Bregenz
gefunden wurde und die seit 1810 in der Bayerischen Staatsbibliothek
(ehemals Hof- und Staatsbibliothek) aufbewahrt wird; das ist zum anderen die
Handschrift B, die seit 1768 zum Bestand der Stiftsbibliothek St. Gallen gehört.
Das Trio ist eine Sensation. Denn die drei Kostbarkeiten sind erstmals
gemeinsam zu sehen, und wer weiß, wie ungern solche Kulturgüter auf Reisen
geschickt werden, der mag ermessen, dass in Karlsruhe eine wahrhaft einzigartige
Zusammenschau ermöglicht wurde, die umso mehr Aufmerksamkeit verdient, als sie
um weitere wertvolle mittelalterliche Manuskripte ergänzt wurde.
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Auch die Weingartner Liederhandschrift, die zwischen 1310 und 1320 entstand, wird in
der Karlsruher Ausstellung gezeigt. Die Abbildung stellt den Minnesänger Reinmar dar.
Repro: BNN
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Sicher: Die
Präsentation hat den technoiden Charme eines medizinischen Labors oder einer
kriminaltechnischen Untersuchungsanstalt. Aber vielleicht ist die sterile
Distanz, die da inszeniert wird, notwendig. Denn die Ausstellung im Badischen
Landesmuseum belegt auch den ideologischen Missbrauch, der mit dem Epos aus
"altteutscher Zeit" getrieben wurde - bis hin zu Hermann Göring, der in einer
Rede am 30. Januar 1943 die Schlacht um Stalingrad mit dem Blutbad am Hofe des
Hunnenkönigs verglich: "Auch sie standen in einer Halle von Feuer und
Brand und löschten den Durst mit eigenem Blut - aber kämpften bis zum Letzten."
Angesichts solch grauenhafter Geschichtsklitterung, die
lange Zeit eine unbefangene Beschäftigung mit diesem Teil deutscher Literatur
unmöglich machte, empfindet man die schnöde Nüchternheit im Karlsruher Schloss
schon fast wieder als angenehm. Darüberhinaus hat der Mythos offenbar nichts an seiner
Faszination verloren, wie man am Beispiel Worms erleben kann. Der Schauplatz des Streits
zwischen den beiden Königinnen Kriemhild und Brunhild ist inzwischen zu einer
beliebten Festspielszenerie geworden.
Michael Hübl
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