Badische Zeitung - 16. Dezember 2003
"Uns ist in alten maeren ..."
Fataler kann kein Ende sein, düsterer kein Mantel der Geschichte. Wörter wie
"Nibelungentreue", "Siegfriedlinie" und Hermann Görings Appell an den Opferwillen
deutscher Männer im Kessel von Stalingrad lagen jahrzehntelang bleischwer über dem
"National-Epos der Deutschen", wie der Berliner Literaturprofessor Friedrich
Heinrich von der Hagen Anfang des 19. Jahrhunderts das Nibelungenlied erstmals
nannte. Befreit vom nationalen Ballast erfreut sich die gewaltige Mär von Hagens
Meuchelmord und Kriemhilds fürchterlicher Rache heute wieder ungeahnter Popularität.
Das beweisen auch die 200 Zugriffe pro Minute in den ersten zwei Tagen auf die Homepage
der Badische Landesbibliothek in Karlsruhe, als sie ihre spektakulärste Neuerwerbung am
27. November komplett ins Netz stellte: die legendäre Handschrift C des Nibelungenliedes.
Der Anfang des Nibelungenlieds (Handschrift C), um 1240 (oben).
Etwa zur gleichen Zeit entstand der bronzene Reiter.
Foto: Katalog
Bis vor drei Jahren noch der ganze Stolz der Fürstenberger, wurde das legendäre
Sprachdenkmal durch die Baden-Württembergische Landesbank, den Bund und durch Freifrau
von Lassberg unlängst für das Land Baden-Württemberg gerettet. Seit zwei Jahren befindet
sich das nach der Gutenbergbibel wohl berühmteste deutsche Buch des Mittelalters als
Dauerleihgabe in der Badischen Landesbibliothek. 2008 will man für das mittelhochdeutsche
Sprachdenkmal sogar den Weltkulturerbe-Status erlangen. Da bis dahin noch viel Wasser
den Rhein hinab und über den vermeintlich dort versenkten Nibelungenhort fließt, und
da bereits die Kurzpräsentation des Buchs Besucherströme anzog, holen Landesbibliothek
und Landesmuseum jetzt zur Generaloffensive aus. Noch nie zuvor waren, wie nun im
Karlsruher Schloss, die mit den Großbuchstaben A, B und C gekennzeichneten drei
ältesten Handschriften des Epos nebeneinander zu sehen - als Mittelpunkt einer
Ausstellung, die museumsdidaktische Maßstäbe setzt.
Wie lässt sich die geschichtsmächtigste deutsche Dichtung des Mittelalters heute
in Szene setzen? Museumsdirektor Harald Siebenmorgen und die Firma Ranger Design,
als Team für innovative Ausstellungsarbeit inzwischen weithin bekannt, fanden einen
Vermittlungsweg, der Germanisten, Geschichtsinteressierte und Kinder gleichermaßen
ansprechen dürfte. Anhand von elf Stationen wird der Besucher durch die Handlung des
Lieds geführt, wobei sich an den Erzählstrang Überleitungen zu Schwerpunktthemen der
Entstehungszeit, der Hochblüte des staufischen Rittertums im 13. Jahrhundert, knüpfen.
So gibt die Islandfahrt der Helden zu Brünhilde Anlass für einen Blick auf das Weltbild
des europäischen Hochmittelalters und die damalige Seeschifffahrt. Siegfrieds tödliche
Jagd im Odenwald wird nicht allein durch ausgestopfte Bestien, sondern durch einen
prächtigen Olifanten illustriert, ein prachtvolles elfenbeinernes Jagdhorn - neben
dem berühmten Ritter-Aquamanile aus dem Osloer Universitäts-Museum, dem
"Lorscher Siegfriedsarg" und einem der wenigen Topfhelme aus dem 13. Jahrhunderts
wohl eines der spektakulärsten nicht schriftlichen Exponate. Und das Freiburger
Augustinermuseum steuerte seinen prachtvollen staufischen Tragaltar bei.
Gleich zu Anfang wird der Besucher nicht nur mit den handelnden Personen der
Heldendichtung, sondern auch mit deren historischen Wurzeln in der Völkerwanderungszeit
vertraut. Um das Jahr 436 nämlich überrannte ein hunnisches Kontingent im Auftrag des
römischen Feldherrn Aetius den seit kurzem am linken Rheinufer siedelnden ostgermanischen
Stamm der Burgunden. Eine weltgeschichtliche Marginalie, und entsprechend spärlich ist
auch der in Karlsruhe dokumentierte archäologische Befund des "Burgunderreichs" am Rhein.
Umso mächtiger wirkte die Überlieferung. Früh schon verband sich der mündlich tradierte
Sagenstoff vom gewaltsamen Ende der Burgunden, das dem furchtbaren Attila (Etzel)
unterschoben wurde, mit der uralten Mär von Sigurd dem Drachentöter und anderen Stoffen
und Personen aus der Zeit der Völkerwanderung. Gotländische Bildsteine aus dem 9.
Jahrhundert sind die ersten künstlerischen Zeugen. Zur schriftlichen Form gerann das
etwas wirre Sagen-Agglomerat erst um 1200.
Von der in der Fachwelt umstrittenen Urversion fehlt bis heute jede Spur. Während der
Name des Dichters, eines Zeitgenossen Wolframs von Eschenbach und Walters von der Vogelweide
wohl für immer im Dunklen bleibt, gilt der Passauer Bischof Wolfger von Erla, ein Förderer
höfischer Dichtkunst, heute als der wahrscheinlichste Auftraggeber. Wohl nicht zufällig
erinnert die in die Welt des Rittertums verlegte "Mär aus alten Tagen" auch an das damals
aktuelle tragische Geschick der ersten Hohenstaufen Herrscher.
Für 200 Jahre geriet die einst populäre Dichtung in Vergessenheit, da stieß der Lindauer
Arzt Jakob Hermann Obereit anno 1755 in der Bibliothek des Grafen von Hohenems
zufällig auf jene Handschrift C, die heute als die älteste, prachtvollste und
literarisch homogenste der drei vorhandenen Versionen aus dem 13. Jahrhundert gilt.
Der Zürcher Gelehrte Johann Jacob Bodmer stellte den Fund sogleich schwärmerisch den
Homerschen Epen an die Seite. Über den Freiherrn von Lassberg gelangte das berühmte Buch
dann 1855 in den Besitz der Fürstenberger. Die zwei anderen Handschriften A und B -
erstere fand sich gleichfalls im Schloss Hohenems - liegen heute im Münchner Staatsarchiv
und in der Stiftsbibliothek St. Gallen, welche die Handschrift nun erstmals verließ.
Mit Klängen von Richard Wagner und vorbei an Fritz Langs hochdramatischem Stummfilm
gelangt der Besucher schließlich in die "Schatzkammer". Nicht nur die drei ältesten
hochmittelalterlichen Handschriften des Liedes aus dem 13. Jahrhundert, auch die Mehrzahl
der späteren 34 Nibelungenlied-Fragmente sind hier präsent - ein minuziöses Puzzle für
Germanistengenerationen. In welchem Verhältnis aber stehen die drei Urschriften zueinander?
Entstanden sie gar im selben Skriptorium? Unfassbar wie Siegfrieds Tarnkappe in einer der
Ausstellungsvitrinen bleiben die Umstände der Entstehung des Nibelungenlieds. Sein bleibendes
Faszinosum aber ist im Karlsruher Schloss allenthalben zu spüren.
Stefan Tolksdorf
- Badisches Landesmuseum Karlsruhe, bis 14. März, Di.-So. 10-18 Uhr, am 24. und 31.12. geschlossen, vom 1.1.04 an von 13-18 Uhr geöffnet.
- www.landesmuseum.de. Die Handschrift C ist komplett abrufbar unter www.blb-karlsruhe.de
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