Momente - Beiträge zur Landeskunde
Baden-Württemberg - 01/2004
Uns ist in alten Mären ...
Die Handschrift C des "Nibelungenliedes" fand im Jahre 2001 unter der Signatur
Codex Donaueschingen 63 eine neue Heimat in der Badischen Landesbibliothek in
Karlsruhe. Sie gilt als die älteste der drei großen, im 13.
Jahrhundert entstandenen "Nibelungenlied"-Handschriften und hat eine besonders
prominente Geschichte.
Zeittafel zur Überlieferung des "Nibelungenliedes"
13.-16. Jahrhundert
Bis heute sind aus dieser Zeit 37 Handschriften bekannt, die das "Nibelungenlied"
vollständig oder fragmentarisch überliefern.
16. Jahrhundert
1504-1516/17 lässt Kaiser Maximilian I. das "Nibelungenlied" im Ambraser Heldenbuch (d)
nochmals abschreiben.
16.-18. Jahrhundert
Der Stoff gerät in Vergessenheit, Handschriften gehen verloren.
18. Jahrhundert
1755 entdeckt Jacob Hermann Obereit C in Hohenems (Österreich). Johann Jacob Bodmer sieht in
C die "Deutsche Ilias" überliefert.
19. Jahrhundert
1815 erwirbt Joseph von Laßberg C in Wien. 1826 verwendet Karl Lachmann in seiner
"Nibelungenlied"-Edition Buchstaben (A, B, C, usw.) als Siglen für die verschiedenen
Handschriften.
Am 29. Juni 1755 wurde die Handschrift C als erster
Überlieferungsträger des "Nibelungenliedes" von dem Lindauer Arzt
Jacob Hermann Obereit (1725-1798) in der Bibliothek der Reichsgrafen von
Hohenems wiederentdeckt. Der Kodex steht somit am Beginn der modernen Rezeption
des bis dahin - von vereinzelten Nennungen in historischen Werken abgesehen -
praktisch vergessenen mittelalterlichen Textes. In den darauf folgenden Jahren
machte der Züricher Gelehrte Johann Jacob Bodmer (1698-1783) in den
"Freymüthigen Nachrichten" Entdeckung und Einzelheiten aus dem Inhalt des
"Nibelungenliedes" bekannt, welches er in Bezug zu Homers "Ilias" setzte. 1757
schließlich gab er den Text teilweise unter dem Titel "Chriemhilden
Rache" heraus.
Bodmer suchte den aus heutiger Sicht erstaunlichen Beginn seiner Edition mitten
im "Nibelungenlied" literaturtheoretisch zu untermauern. Wahrscheinlich aber
war weit weniger die "Einheit der Handlung" als die Textlücke, die die
Handschrift C bereits damals in der achten Lage aufwies, maßgeblich
dafür, dass er den überlieferten Textbeginn wegließ und die
Edition gleich nach der Lücke auf Blatt 59r einsetzen ließ.
Offensichtlich konnte die "Deutsche Ilias" nicht mit dem Makel einer Textlücke
ins Licht der Öffentlichkeit treten.
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Eingangsseite der Handschrift C des Nibelungenliedes.
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Für die erste Gesamtausgabe, die Bodmers Schüler Christoph Heinrich
Myller schließlich 1782 in Berlin publizierte, wurden erneute
Nachforschungen in der Bibliothek von Hohenems angestellt. Dabei kam im Jahre
1779 noch eine weitere "Nibelungenlied"-Handschrift (A) ans Licht, die sich
heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München befindet.
Das Geschlecht der Reichsgrafen von Hohenems war schon im Jahre 1759 in der
männlichen Linie ausgestorben. Maria Rebekka Josepha Erbgräfin von
Hohenems (1742-1806) und deren einzige Tochter Maria Walburga (1762-1828) haben
zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Abtransport von zehn Kisten mit Handschriften
und Büchern aus dem Stammschloss in Hohenems nach Bistrau, ihrem Sitz in
Böhmen, veranlasst. So wissen wir es aus dem Schreiben Josephs von
Laßberg (1770-1855) vom 3. April 1819: "Des Namens & Stammes des edelen &
einst durch Sänger u. Helden so berümten Hauses von Hohenems, lebt niemand mehr.
Vor wenig Jaren starb die letzte Erbtochter, welche an einen Grafen von Harrach in
Mähren verheirathet war, und ebenfalls eine einzige Tochter hinterließ, die als
Witwe des Grafen Klemens v. Waldburg (aus der Waldburg zu Zeil-Trauchburger Linie)
gegenwärtig auf ihren Gütern in Mähren lebt [...]. Von den durch die Gräfin
in 10 Kisten hinweggefürten Handschriften & Büchern, kamen seit dem 3
Stücke wieder zum Vorschein. Um den Ruhm vollends zu begründen: ´quod
in patrios cineres minxit!" [dass sie auf die Familientradition pfiff (Horaz,
Ars poetica, V. 471)] schenkte die edle gräfin dieselben einem advokaten in
Prag namens Schuster" [Professor Dr. Michael Schuster, 1767-1834].
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Joseph von Laßberg (1770-1855).
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Laßberg meinte mit den genannten drei Stücken die
"Nibelungenlied"-Handschrift C, die "Nibelungenlied"-Handschrift A und
den ebenfalls von Jacob Hermann Obereit in Hohenems aufgefundenen
Kodex des "Barlaam und Josaphat" von
Rudolf von Ems (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 73).
Der passionierte Sammler Joseph von Laßberg gelangte im Jahre 1815 am
Rande des Wiener Kongresses schließlich selbst in den Besitz der
"Nibelungenlied"-Handschrift C und der "Barlaam"-Handschrift aus Hohenems. Er
berichtete folgendermaßen: [Die "Nibelungenlied"-Handschrift C und die
"Barlaam"-Handschrift] "verkaufte Schuster an einen Herrn Frikart in Wien, der
sie während des Congresses für einen hohen Preis überall herum
feilbot."
[...] Ich vernahm, daß Friedrich Schlegel für seinen Bruder darum unterhandle (auch von
der Hagen wollte sie durch Kopitar kaufen) und endlich durch einen Herrn Eggstein, ersten Commis
in der Schaumburg'schen Buchhandlung, daß er durch den
englischen Lord Spencer Marlborough, bekannten Bibliomanen, beauftragt sei, die Handschrift für
denselben zu erwerben [...]. Ich stellte Herrn Eggstein Himmel und Hölle vor, und war so
glücklich, sein Herz weich zu machen. Er versprach mir bei meiner Abreise (20. Juni 1815),
wenn der Handel zu Stande komme, mir den Vorzug zu geben, und wenn ich ihm binnen drei Wochen den
ausgehandelten Preis sende, mir die Handschrift zu
übermachen."
Weiter notierte Laßberg: "Das war nun gut! Aber die 250 Ducaten hatte ich
nicht [...]. Indessen steckte ich meinen Brief ein und gieng hinab zur trefflichsten der
Fürstinnen [...], denn es war Frühstückens Zeit. Nach einer Weile hub
die beste aller Frauen an und sagte: Sie haben etwas, das Sie bekümmert, was mag das sein?"
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Elisabeth zu Fürstenberg (1767-1822).
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Mit den finanziellen Mitteln seiner heimlichen Lebensgefährtin, der Fürstin Elisabeth zu
Fürstenberg (1767-1822), konnte Joseph von Laßberg die "Nibelungenlied"-Handschrift C
schließlich erwerben. So wurde der Kodex zum wertvollsten und
bekanntesten Stück der Laßbergschen Handschriftensammlung. Nach Laßbergs Tod im
Jahre 1855 gelangte die Sammlung mit der ganzen Bibliothek in die Fürstlich Fürstenbergische
Hofbibliothek nach Donaueschingen. Elisabeths Sohn, Karl
Egon II. (1796-1854), hatte die Bibliothek Laßbergs bereits im Jahre 1853 käuflich erworben.
Nach vorausgehenden Einzelverkäufen trennte sich das Haus Fürstenberg Ende des 20.
Jahrhunderts systematisch von seiner traditionsreichen Bibliothek. Im Jahre 2001 gelang es mit
Geldern der Landesbank Baden Württemberg, der Kulturstiftung der
Länder, der Bundesregierung und der Freifrau Christina von Laßberg, die
"Nibelungenlied"-Handschrift auch in Zukunft in einer öffentlichen Bibliothek zugänglich zu halten.
Als Besitz der Bundesrepublik Deutschland und der Landesbank
Baden-Württemberg befindet sie sich seitdem in der Obhut der Badischen Landesbibliothek.
Seit sich die Handschrift C in der Badischen Landesbibliothek befindet, wird der Kodex
vom 13. Dezember 2003 bis zum 14. März 2004 zum ersten Mal in einer großen Ausstellung
im Schloss Karlsruhe gezeigt. In der Ausstellung "Uns ist in alten Mären ...
Das Nibelungenlied und seine Welt" wird die Handschrift außerdem erstmals im Kreis ihrer
illustren Schwestern und im Kontext der deutschen Literatur und Sachkultur um 1200 zusehen sein.
Um der breiten Öffentlichkeit auch sonst einen Zugang zur "Nibelungenlied"-Handschrift C zu
ermöglichen, wurde der Kodex vollständig digitalisiert und ins Internet gestellt. Der
kostenfreie Zugang zur digitalen Handschrift erfolgt über die Web-Adresse der Badischen
Landesbibliothek www.blb-karlsruhe.de.
Beschreibung der Handschrift
Die "Nibelungenlied"-Handschrift ist von Material und Ausstattung her als repräsentatives Buch
angelegt. Das qualitätvolle Äußere zeigt aber auch Gebrauchsspuren, die deutlich
machen, dass es sich um eine immer wieder, anfangs wohl als Vortragsexemplar, benutzte
Handschrift handelt. Sie könnte auch als Nibelungenkodex oder -buch bezeichnet werden,
da sie außer dem "Nibelungenlied" (1r-89r) und der unmittelbar anschließenden "Klage"
(89r-114v) keine weiteren Texte enthält.
Vom Format her kleiner als die Handschriften A und B, füllten die Texte in C ursprünglich
120 Blätter in 15 Lagen zu 4 Doppelblättern. C hat im Laufe der Jahrhunderte im Bereich des
"Nibelungenliedes" geringfügigen Textverlust erlitten. Dem
achten Quaternio fehlen 6 Blätter. Laßbergs Blattzählung in seiner
Handschriftenedition "Lieder-Saal" (1821) differiert um 4 Blätter nach der achten Lage
(Blatt 59 entspricht dort 63). Das fliegende Blatt hinten ist bis auf einen Rest
herausgeschnitten worden. Möglicherweise hat es alte Vermerke getragen, die für die
erste Bibliotheksheimat oder Entstehung von Belang wären.
Das Pergament ist von guter, einheitlicher Qualität. Nur selten zeigt es Löcher,
die man an den Rand zu platzieren suchte und vernähte. Die Außenseiten der Lagen sind
deutlich dunkler, was darauf hinweist, dass sie eine Zeit lang nicht
geheftet und ungebunden aufgehoben wurden. Als der Buchblock bereits geheftet war, bekam er
großflächige Flecken, die von einer Flüssigkeit herrühren, denn die
Verunreinigungen sind oft spiegelbildlich auf gegenüberliegenden Seiten und auch bei
Lagenwechsel festzustellen. Weitere Flecken und speckige Ränder bekamen die Blätter von
häufiger Benutzung. Außerdem haben Schädlinge auch im Buchblock vorne und hinten
Fraßspuren hinterlassen.
Die Blätter sind durchgehend einspaltig beschrieben zu
je 33 Zeilen. Der Schriftraum misst ca. 19 x 12 cm. Doppelte Linien rahmen den Schriftraum allseitig.
Sie laufen im Abstand von ca. 5 mm wie üblich bis an die Blattränder hinaus.
Die erste Schriftzeile steht auf der oberen Begrenzungslinie. Einritzungen als Endpunkte
für die Zeilen sind noch vorhanden. Die anfangs kaum sichtbare
Liniierung (mit verdünnter Tinte?) wird erst ab Blatt 12v kräftig mit Bleistift.
Weder Strophen noch Verse sind abgesetzt, aber es wurde jeweils ein etwas größerer
Zwischenraum (ca. 2 Buchstaben) zwischen den Strophen gelassen. Auf den ersten
Blättern wird dieser Zwischenraum noch nicht so deutlich eingehalten. Vergleichbar mit
Fragment E des "Nibelungenliedes" (Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz,
Fragm. 44, 13. Jahrhundert) sind die Halb- bzw. Kurzverse durch Punkte getrennt.
Besonders charakteristisch sind die verzierten Majuskeln, weiterhin bei
Minuskeln die runde Form des d mit häufig stark verlängertem Oberschaft und e, dessen
auslaufender Schaft meist in einem schwungvollen Haarstrich nach oben geführt
wird und abrupt in einem (manchmal eckigen) Punkt endet. Die Ausführung des Haarstriches ist
dort oft auf eine bloße Luftlinie reduziert. Gelegentlich wird die alte de-Ligatur verwendet,
z. B. auf Blatt 54r in der Überschrift. Häufig sind Majuskelverdoppelungen bei
S und E festzustellen.
Der Kodex wurde von Anfang bis Ende von einer Hand äußerst gleichmäßig
in frühgotischer Minuskel auf hohem kalligraphischem
Niveau niedergeschrieben. Nach paläographischen Kriterien wird die Handschrift in das zweite
Viertel des 13. Jahrhunderts datiert. Die Buchstaben sind relativ klein und ganz leicht nach
links geneigt. Die Schrift erinnert mit einzelnen Elementen, die offensichtlich in dekorativer
Absicht eingesetzt wurden, an zeitgenössische kalligraphische Urkundenschriften. In einem
zweiten Arbeitsgang hat der Schreiber die meist groß geschriebenen Strophenanfänge und
Eigennamen rot gestrichelt und die roten Aventiuren-Überschriften geschrieben (wiederum
vergleichbar mit Fragment E).
Beginn der Aventiure, die die Einladung der Wormser nach Etzelburg beinhaltet:
"Auenture wie der kunec Ezele vnde div frowe C[hriemhilt] nach ir frivnden ze Wormez sande.
Jn also hohen eren. daz ist alwar. si wonte(n) bi dem kunige. vnz indaz sibende iar. di zit div
kuniginne. eines svnes was genesen. des chunde der chunic Ezele. nimmer vrolicher gewesn. ..."
Rechts neben der Überschrift Bleistiftzählung von der Hand Laßbergs in römischen Ziffern.
Der Text wurde zum Schluss systematisch in braun/schwarzer Tinte oder in Rot oder Blau
korrigiert. Daraus ergibt sich, dass nicht nur die Rubrizierung,
sondern auch der übrige Buchschmuck in den Farben Rot und Blau in der Hand des Schreibers
lagen. Häkchen unter der Linie fordern die Einfügung über der Textzeile
stehender Buchstaben. Es sind Korrekturen auf Rasur festzustellen. Großschreibung
bei Namen ist die Regel. Verschreibungen wurden korrigiert.
Entsprechend dem kalligraphischen Niveau der sorgfältigen
Schrift erfolgt eine hierarchische Gliederung des Textes durch Initialen. Am Anfang des
"Nibelungenliedes" und - etwas kleiner - am Anfang der "Klage" stehen zwei Spaltleisteninitialen
U und H, die mit roter Feder auf blauem Grund ausgeführt
sind. Sie sind eigentlich romanische Initialtypen und sollten wohl altertümlich wirken.
Genagelte Spangen halten Stamm und Ranken zusammen. Die
Ranken zeigen als Endmotive Knollenblätter (Blattknospen).
Blatt 1r ziert die Initiale "U" in
Höhe von etwa 15 Zeilen und der halben Breite des Schriftspiegels, den sie aber links und oben
überragt. Als Spaltfüllung dient ein seilartig gedrehtes
und ein perlenkettenartiges Füllstück (Perlen mit Kern). Die Initiale ist spiegelverkehrt,
was auf mechanisches Kopieren einer Vorlage hindeutet. Dem Illuminator war dieser Initialstil
offensichtlich nicht mehr geläufig, daher sind ihm auch die Abschlüsse der Schäfte
in Form von Palmetten moderner geraten, was beim ersten oben und unten durch Abrieb nur noch
schwach erkennbar ist. Eventuell sollten die nach rechts ausgerichteten, deplatziert und ungelenk
wirkenden Schaftabschlüsse von der falschen Ausrichtung des Buchstabens ablenken.
Das gilt vor allem für das erste Schaftende oben. Der anschließende Textbeginn
"(U)ns ist" wurde mit alternierend roten und blauen Großbuchstaben hervorgehoben
(vergleichbar mit Fragment S1, Prag, Tschechische Nationalbibliothek, Frag. germ 2, 13. Jahrhundert).
Ganz links die spiegelverkehrt gezeichnete Eingangsinitiale "U" in der Handschrift C
des Nibelungenliedes. Daneben - gespiegelt - die Version, wie sie dem Schreiber der
Handschrift vermutlich als Vorlage gedient hat.
Am Anfang der Aventiuren stehen zweifarbige Silhouetten-Initialen in Blau und Rot mit meist
gerundeten Schaftaussparungen und Perlungen. Passend dazu sind charakteristische Ausläufer
mit Punktverdickungen und gegeneinander gesetzten Kopfstempelformen (z. B. auf Blatt 50v) in der Art
eines Lebensbaumsymbols, gegen Ende des Buches vermehrt mit Fleuronnée im
"modernen" Stil der Zeit des Schreibers (z. B. auf Blatt 92v). Übrigens findet sich der Typ der
Silhouetteninitiale mit Kopfstempelformen in den Schaftaussparungen und Punktverdickungen in den
Ausläufern, die in einem Dreiblatt enden, in ganz ähnlicher Ausführung auch im
Fragment E.
Prächtige Beispiele für den Buchschmuck:
Die Silhouetten-Initiale "D" auf Blatt 50v (rechts) und die Silhouetten-Initiale "D" mit
Fleuronée auf Blatt 92v (links).
Auf der dritten Gliederungsebene werden die Aventiuren durch rote Lombarden in kleinere Lese- und
Vortragsabschnitte ungleicher Länge gegliedert (ebenfalls vergleichbar mit Fragment E).
Anfangs sind sie wohl manchmal mit Silberemulsion geschrieben, die mit der Zeit sulfidierte.
Das Motiv "Leiter" wird bei verschiedenen Initialtypen verwendet (z. B. auf Blatt
70r Silhouetteninitiale "D"). Selbst das Lebensbaumsymbol der Ausläufer kann als "Strickleiter"
gedeutet werden.
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Silhouetten-Initiale "D", Motiv "Leiter" auf Blatt 70r.
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Die Strophen und Verse des "Nibelungenliedes" und die Reimpaarverse der "Klage"
sind fortlaufend geschrieben und vom Schriftbild her einander so
angepasst, dass man von einer graphischen Einheit sprechen kann. Die "Klage" beginnt auf Blatt 89r
unmittelbar nach dem "Lied". Ihr Beginn ist zwar mit der Spaltleisteninitiale "H" hervorgehoben, der
Einsatz des Textes gibt sich aber mit Überschrift in Rot ausdrücklich als Aventiure.
Die Hervorhebung der Wörter "Von der Klage" durch breites Auseinanderziehen
und Gebrauch von Majuskeln kommt auch sonst im "Nibelungenlied" vor, vgl. Blatt 19r "SJFRlT"
(Siegfried). Im weiteren Verlauf der "Klage" gibt es noch Aventiuren-Überschriften. Die
"Klage" könnte von ihrer Gliederung her also die fünf letzten
Kapitel des in C vorliegenden "Buches von den Nibelungen" bilden.
Begriffserklärungen
Aventiure: (Sprich "aventüre") Das Nibelungenlied ist in den meisten Handschriften in 39
"âventiuren" eingeteilt, was unter formalen Gesichtspunkten im Neuhochdeutschen mit
'Kapiteln' wiedergegeben werden könnte. Das mittelhochdeutsche "âventiure", das u. a.
auch "Erzählung, Begebenheit, Abenteuer" bedeutet, lässt sich im Neuhochdeutschen nicht
mit einem einzigen Wort adäquat übersetzen.
Blatt r: Vorderseite (lat. "recto"), Blatt v: Rückseite (lat. "verso").
Fleuronnée: Mit Feder gezeichnetes, spitzenartiges Ranken- und Blattwerkornament.
fliegendes Blatt:
Der bloß mit einem Streifen an den ersten oder letzten Bogen geklebte Teil des
Doppelblattes (Vorsatz), das die Verbindung zwischen Buchblock und Einbanddecke verstärkt.
Illumination: Buchschmuck; jegliche
Art von künstlerischer Ausgestaltung einer Handschrift. Im vorliegenden Fall sind konkret
Initialen und Rubrizierung gemeint.
Lombarde: Einfache, bauchig gerundete Initiale.
Majuskel: Großbuchstabe.
Minuskel: Kleinbuchstabe, Schrift aus Kleinbuchstaben.
Quaternio: Lage von vier gefalzten Doppelblättern (also 8 Blätter mit 16 Seiten).
Die Doppelblätter wurden ineinander gesteckt und mit Faden geheftet.
Rubrizierung: In mittelalterlichen
Handschriften wurde der Text mit roten Einzeichnungen oder Zierbuchstaben versehen (lat.
"rubrica" = Rötel, rote Farberde).
Spiegel: Auf den Buchdeckel geklebter Teil des Doppelblattes (Vorsatz), das die Verbindung
zwischen Buchblock und Einbanddecke verstärkt.
Was das Aussehen über Entstehung und weitere Geschichte verrät
Schrift und Eigentümlichkeiten des Buchschmucks, insbesondere das spiegelverkehrte "U", machen
deutlich, dass die Handschrift alt und repräsentativ wirken sollte. Allerdings wird sie nicht
in einem großen Skriptorium angefertigt worden sein, das in der Herstellung von
Handschriften und deren Illumination Erfahrung hatte. Die regelmäßige Schrift von einer
einzigen Hand, die auch für Rubrizierung und Buchschmuck zuständig war, legt mit ihren
charakteristischen Merkmalen eher nahe, dass ein in der Herstellung repräsentativer Urkunden geübter Schreiber im Dienste seines wohl vermögenden
Herren gelegentlich, wie in diesem Falle, eine Buchhandschrift fertigte. Vergleichbares weiß
man von "Schwabenspiegel"-Handschriften des späten 13. Jahrhunderts. So ist der Fall des
Weltgeistlichen Konrad von "Lucelenhein" (Leiselheim am Kaiserstuhl) bekannt, der eine
"Schwabenspiegel"-Handschrift (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 738) im Jahre
1287 für (Dietrich) Gregor von Falkenstein in Freiburg im Breisgau begann und in der heute
untergegangenen Vörstetter Burg des Falkensteiners beendete.
Auf der Rectoseite des vorderen fliegenden Blattes der "Nibelungenlied"-Handschrift C schrieb ihr
Besitzer im 15. Jahrhundert "Hainrichen Durricher" ist daz buch", wobei Umrandung und Maske an
der Majuskel "H" wohl von der Eingangsinitiale inspiriert sind. Darunter und auf dem Spiegel von
seiner Hand Federproben. Durricher war es wohl auch, der unter anderem auf
Blatt 9r und 32v einzelne Buchstaben nachgezogen hat, die offensichtlich verblasst waren. Heinrich
Durricher wird im Allgemeinen mit einem Memminger Bürger identifiziert, der um 1458 in das
niederbayerische Augustiner-Chorherrenstift Rohr eintrat und dort 1474 starb. Es wäre
wünschenswert, dieser noch nicht recht ausgeleuchteten Vergangenheit der
Handschrift genauer nachgehen zu können. Jedenfalls zeigen die nachgezogenen Buchstaben, dass
die Handschrift auch im 15. Jahrhundert intensiv benutzt wurde.
Die Sprache der "Nibelungenlied"-Handschrift C zeigt alemannische und bairische Merkmale. Die
Paläographin Karin Schneider prägte den Begriff "alpenländisch" für den
Entstehungsraum, womit der ganze Raum zwischen Salzburg und dem Bodensee gemeint ist.
Der Einband der Handschrift wurde aus Schweinsleder über kräftigen Holzdeckeln mit
sorgfältig abgerundeten Kanten gefertigt. Das Leder ist heute braun und verziert mit dreifachen
Streicheisenlinien in Form eines Andreaskreuzes und doppelten
Streicheisenlinien zur Umrandung des Feldes auf Vorder- und Rückseite. Rote Farbspuren auf dem
über den Deckel nach innen umgeschlagenen Leder machen es wahrscheinlich, dass der Einband
zunächst rot eingefärbt war, bevor ihn die Zeit braun werden
ließ. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Originaleinband bereits ausgebessert und umgebunden. Auf dem vorderen Spiegel oben ist noch die
Bleistiftaufschrift lesbar, die angibt, in welchem Kasten der Kodex in Laßbergs Meersburger
Bibliothek aufbewahrt wurde: "XIX". Daneben steht von anderer Hand die ehemalige
Signatur "Lassb. N° 174".
Als die Handschrift im 19. Jahrhundert bereits einen hohen Bekanntheitsgrad erlangt hatte, trug
Joseph von Laßberg wahrscheinlich eigenhändig mit Deckfarben sein kreisrundes
Exlibris ein. In Laßbergs berühmtester Handschrift prangt sein
Besitzzeichen aufs kunstvollste: Auf dem dunkelgrünen Außenband, welches mit dunkler
Konturlinie abgesetzte, hellere Randungen aufweist, steht mit Goldtinte in archaisierenden Majuskeln
die Umschrift "IOSEPH VON LASZBERG RITTER". Das Exlibris wirkt insgesamt wie die alteuropäische
Schildform eines Rundschildes (mit Buckel), welcher im Hochmittelalter durch
den Dreiecksschild abgelöst wurde, wie er im Wappen Laßbergs ebenfalls repräsentiert
ist.
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Das aufwändige Wappenexlibris Josephs von Laßberg.
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Bleistiftanmerkungen von Laßbergs Hand sind auf seine editorische Beschäftigung mit
dem Kodex zurückzuführen. Die Aventiuren sind wie im vierten Band seines
"Liedersaales" auch in der Handschrift mit Bleistift gezählt: die Aventiuren des
"Liedes" mit römischen und die der "Klage" mit arabischen Ziffern. Jakob Grimm (1785-1863) hatte
einst gefordert, dass "alle und jede vorhandene eigentümliche Handschrift vollständig
für sich und mit anderen unvermischt gedruckt erscheine". Mit dem
genauen Abdruck der in seinem Besitz befindlichen Handschrift hatte Laßberg im Jahre 1821 im
Sinne Jakob Grimms eine Voraussetzung für eine spätere kritische Ausgabe
veröffentlicht. Da seiner Handschrift jedoch in der achten Lage sechs
Blätter fehlten, hatte er diese Lücke aus der St. Galler Handschrift (B) ergänzt.
Die drei berühmtesten "Nibelungenlied"-Handschriften
Mit den Siglen A, B und C werden die drei wichtigsten Überlieferungszeugen des "Nibelungenliedes"
und der "Klage" bezeichnet. Sie sind alle im 13. Jahrhundert entstanden. C gilt als die älteste
Handschrift aus dem zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts. Die Handschrift A wird heute in
München in der Bayerischen Staatsbibliothek (Cgm 34) aufbewahrt und B in der Stiftsbibliothek
in St. Gallen (Hs. 857).
Die Handschriften A und B entstanden in größeren Schreibzentren. Mehrere Hände
waren an ihrer Niederschrift beteiligt. A präsentiert sich als eine unscheinbare
Gebrauchshandschrift. Dagegen zeichnet sich B durch Schmuckinitialen mit Gold aus. Sie ist eine
Sammelhandschrift, die neben "Nibelungenlied" und "Klage" weitere mittelhochdeutsche Texte
enthält.
Die Handschrift C wurde von einem einzigen Schreiber in schöner und sorgfältiger Schrift
gleichmäßig bis zum Schluss geschrieben. Rubrizierung und Initialen stammen ebenfalls
von der Schreiberhand.
Eigenheiten der Schrift und des Buchschmucks machen deutlich, dass das Buch damals schon alt und
repräsentativ wirken sollte.
Dr. Ute Obhof M.A., Leiterin der Abteilung Handschriften, alte und seltene Drucke,
Badische Landesbibliothek, Karlsruhe.
siehe auch Auftragsarbeit für einen einzigen Schreiber -
Die Schwabenspiegel-Handschrift aus Freiburg und Vörstetten
Literatur
Bumke, Joachim (Hg.): Die 'Nibelungenklage'. Synoptische Ausgabe aller vier Fassungen,
Berlin, New York 1999.
Hennig, Ursula (Hg.): Das Nibelungenlied nach der Handschrift C,
Tübingen 1977 (Altdeutsche Textbibliothek 83).
[Laßberg, Joseph von (Hg.):] Lieder-Saal, das ist: Sammelung altteutscher Gedichte,
aus ungedrukten Quellen, IV. Daz ist der Nibelungeliet, Privatdruck [Konstanz:] bey Bannhard,
[Eppishausen] 1821. Als reprogr. Nachdr.: Hildesheim 1968.
Das Nibelungenlied und die Klage.
Handschrift C der F. F. Hofbibliothek Donaueschingen. [Farbiges Faksimile]
Kommentar bearbeitet von Heinz Engels, Stuttgart 1968.
Schneider, Karin: Gotische Schriften in
deutscher Sprache, I. Vom späten 12. Jahrhundert bis um 1300, Textband, Tafelband, Wiesbaden
1987.
Aktuelle Publikationen:
Uns ist in alten Mären ... Das Nibelungenlied und seine Welt.
Katalog. Hg. vom
Badischen Landesmuseum und der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe. Primus Verlag, Darmstadt
2003, 240 S., 24,90 € (Museumsausgabe)/29,90 €.
Die Nibelungen. Sage - Epos - Mythos. Hg. von Joachim
Heinzle, Klaus Klein und Ute Obhof. Ludwig Reichert Verlag, Wiesbaden 2003, 796 S., 49,- €.
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