Badische Landesbibliothek
   


Konservierungs- und Restaurierungsprojekt "Badensia" -
Schriftliches Kulturerbe schützen und bewahren

In der Nacht vom 2. auf den 3. September 2004 ereignete sich nach den Worten von Kulturstaatsministerin Christina Weiss eine "nationale Kulturkatastrophe und ein schwerer Verlust für das Weltgedächtnis". In den Medien erfuhr die Öffentlichkeit in den Tagen und Wochen danach vom Ausmaß des Großbrandes, der in der weltberühmten Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar gewütet hatte.

Die Weimarer Bibliothek, als deren Gründer Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar-Eisenach (1662 - 1728) gilt, wurde unter Herzogin Anna Amalia im Grünen Schloss untergebracht. Der im ersten Stockwerk eingerichtete Rokokosaal bildete das Glanzstück des neu gestalteten Baus. Als Goethe 1797 die Oberaufsicht übernahm, verhalf er der Bibliothek zu weiterem Aufschwung. Bis zur Nacht des 2./3. Septembers 2004 war ihr Rokokosaal mit Buchbestand und Kunstschatz ein nahezu unverändertes Juwel einer Epoche gewesen.

Badische Landesbibliothek nach dem Luftangriff (Treppenhaus)
Am 2./3. September 2004 zerstörte ein Brand die Herzogin Anna Amalia Bibliothek im Weimar.

Genau 62 Jahre früher wurde am 2./3. September 1942 bei einem Luftangriff auf Karlsruhe das damalige Gebäude der Badischen Landesbibliothek am Friedrichsplatz zerstört.
Herzogin Anna Amalia Bibliothek im Weimar nach dem Brand

Szenenwechsel: In Karlsruhe, der ehemaligen Residenzstadt Badens, hatte man genau 62 Jahre zuvor ebenfalls einen schweren Bibliotheksbrand zu beklagen. Bei einem Luftangriff in der Nacht des 2./3. Septembers 1942 wurde das Sammlungsgebäude am Friedrichsplatz zerstört. Die Bibliothek verlor mit 360 000 Bänden fast ihren gesamten Besitz. Neben den ausgelagerten Handschriften und Inkunabeln blieben nur noch wenige Drucke erhalten.

Zum Geretteten zählen bis heute 33 gewichtige Sammelbände, die so genannten Badensia-Bände. Sie enthalten historische, politische, theologische, juristische und andere Klein- und Gelegenheitsschriften zur badischen Geschichte aus dem 16.-19. Jahrhundert. Unzählbar ist die Zahl der Personen und Begebenheiten, worüber die Inhalte der Bände berichten, immens ihr kultureller Wert.

Wohl im 19. Jahrhundert wurden die dünnen Einzelteile unterschiedlichster Formate ohne Rücksicht auf ihre Beschaffenheit - sogar auf Seide wurde gelegentlich zu feierlichem Anlass bei Hofe gedruckt - zu dicken Bänden zusammengefasst. Beispiele für dieses Zusammenfassen unterschiedlichster Formate sind unter der Signatur O42 B 62 zu finden.

So hatten sich größere Drucke an den Rändern um kleinere gebogen, Risse entstanden, zarte Stoffe wurden durch feste Bindung und Benutzung in Fetzen gerissen, feine Papiere verbogen und geknickt, Blattkanten fransten aus. Schmutz drang an den Seiten ein, weil die unterschiedlich großen Teile keinen glatten Schnitt für die Seiten des Ganzen gaben. In der Aufbauphase der Bibliothek nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg erhielten die Badensia-Bände Schuber, die wenigstens das Einrieseln weiteren Schmutzes verhinderten.

Geöffnetes Narren-Turney. Fasching 1843.
Karlsruhe. Verlag, Druck und Lithographie von F. Gutsch und Rupp.
Badische Landesbibliothek
Signatur O42 B 62,4,79
Badische Landesbibliothek - Signatur O42 B 62,4,79

Um den Fortbestand der Drucke zu sichern, führte die Badische Landesbibliothek eine Konservierungs- und Restaurierungsmaßnahme durch. Die Schriften wurden aus der unsachgemäßen Bindung genommen und gereinigt, bei Bedarf wurden kleinere Reparaturen vorgenommen. Heute werden die Drucke in säurefreien Umschlägen einzeln in Archivboxen gelagert und können dann einzeln benutzt werden.

Die Maßnahme wurde im Rahmen des Landesrestaurierungsprogramms durchgeführt und von der Badischen Bibliotheksgesellschaft unterstützt.

Unsere Richtlinien bei der Bestandserhaltung

Durch unsachgemäßes Restaurieren kann erheblicher Schaden an Bibliotheksbeständen verursacht werden, auch wenn dies nicht beabsichtigt ist. "Gut gemeint", aber unnötig restauriert und rekonstruiert - solche Bände sind enttäuschend für Historiker, Literaturwissenschaftler, Handschriften- und Einbandforscher. Historische Bände sind Individuen. Sie enthalten über den gedruckten Text hinaus Informationen über frühere Besitzer und historische Zusammenhänge, zum Beispiel in Besitzeinträgen, in Marginalien, in zum Binden verwendeter Makulatur sowie in Einbandformen - und techniken. Die besondere landeskundliche Bedeutung eines historischen Bandes besteht häufig gerade in diesen exemplarspezifischen Besonderheiten. Werden durch inadäquates Restaurieren oder großangelegtes Neueinbinden historische Spuren vernichtet, gehen für die Landes- und Kulturgeschichte wichtige Merkmale unnötig verloren.

Um derartige Verluste zu vermeiden, werden in der Badischen Landesbibliothek die sogenannten "Blaubeurener Empfehlungen" angewendet. Diese Empfehlungen wurden 1992 gemeinsam von Restauratoren, Archivaren und Bibliothekaren während eines Seminars der Universität Tübingen in Blaubeuren erarbeitet. Seither haben sie sich als Maßstab für zahlreiche Sanierungsprojekte bewährt und werden in Fachkreisen weithin anerkannt. Gemäß den "Blaubeurener Empfehlungen" bleiben alle Spuren und Hinweise erhalten, die zur vollständigen Interpretation eines historischen Bandes als Quelle notwendig sind.

Reinigen und Desinfizieren am Reinraumarbeitsplatz mit Mundschutz Reinigen und Desinfizieren am Reinraumarbeitsplatz mit Mundschutz
Reinigen und Desinfizieren am Reinraumarbeitsplatz mit Mundschutz
Badische Landesbibliothek
Restauratorin Michaela Komlósy

Reinigen und Desinfizieren am Reinraumarbeitsplatz mit Mundschutz

Digitalisierung der Badensia-Bände

Mit ihren reichen Hand- und Druckschriftensammlungen leistet die Badische Landesbibliothek einen wertvollen Beitrag zu Pflege der kulturellen Überlieferung unserer Region. Um dieses Erbe für künftige Generationen zu bewahren, es aber zugleich der Wissenschaft und der literarisch interessierten Öffentlichkeit weltweit zur Verfügung zu stellen, hat die Badische Landesbibliothek am 1. Dezember 2010 ein neues Internetportal gestartet.

In den "Digitalen Sammlungen" präsentiert sie eine kontinuierlich wachsende Zahl gescannter, für die komfortable Betrachtung am Bildschirm aufbereiteter Werke aus ihrem Bestand. Besondere Aufmerksamkeit erfahren dabei zum einen die mittelalterlichen und neuzeitlichen Handschriften, zum anderen jene historischen Drucke, die als Quellen zur badischen Geschichte anzusehen sind. Aber auch regional bedeutsame Musikalien und Briefsammlungen werden berücksichtigt (s. Pressemitteilung vom 01.12.2010: Start der "Digitalen Sammlungen" - Neues Internetangebot der Badischen Landesbibliothek - http://digital.blb-karlsruhe.de)

Die Badensia-Bände liegen bereits in digitaler Form vor. Die Digitalisate werden innerhalb der "Digitalen Sammlungen" nachgewiesen unter Drucke.

Adresse
Erbprinzenstraße 15, 76133 Karlsruhe
Postfach 1429, 76003 Karlsruhe
Telefonnummern und E-Mail-Adressen


Öffnungszeiten
Mo - Fr 9.00 - 19.00 Uhr,
Sa 10.00 - 18.00 Uhr

Lesesaal Sammlungen:
Mo - Fr 9.30 - 13.00 Uhr, 14.00 - 16.00 Uhr
Do 9.30 - 13.00 Uhr, 14.00 - 18.00 Uhr


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