Reichenauer Fragment 150
Durch Zufall erhalten: Ein Brief aus dem 9. Jahrhundert
Der Brief richtet sich an den ostfränkischen König Arnulf (887-899), der am 22.2.896 in Rom zum Kaiser gekrönt wurde. Das Schriftstück hat sich durch Zufall erhalten, weil ein Buchbinder das Pergament mit dem Text nach unten auf den hinteren Holzdeckel einer noch älteren Handschrift klebte. Der Handwerker, der die Handschrift für das Kloster Reichenau mit einem neuen Einband versah, arbeitete im 15. Jahrhundert. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts blieb der Brief im Einband unbemerkt.
Alfred Holder (1840-1916), der verdiente Karlsruher Handschriftenbibliothekar, katalogisierte die Handschrift, die im Zuge der Säkularisation nach Karlsruhe gekommen war. Dabei entdeckte er den vom Holzwurm zerfressenen Brief, den er vom Einbanddeckel löste. Den Wortlaut publizierte Holder in einem weiteren Katalogband, der die Reichenauer Fragmente behandelt. Hansmartin Schwarzmaier zeigte 1972, dass es sich um einen originalen Brief handelt und entzifferte ihn noch weiter gehend, indem er die spiegelbildlich zu lesenden Schriftreste auf dem Deckel berücksichtigte.
Fragment 150, Blatt 1r.
Siehe auch Fragment 150, 1r (Reichenauer Fragmente im Internet)
Markgraf Aribo, der Absender des Briefes aus dem Jahre 891, informierte König Arnulf über erfolgreiche Friedensverhandlungen, die Bischof Wiching von Neutra geführt hatte. Die Mährer wiesen gegen sie erhobene Anschuldigungen zurück und verpflichteten sich zu Tributzahlungen. Es handelt sich um das einzige im Original erhaltene Schreiben der Geschichte einer ersten größeren slawischen Reichsgründung. Die "Magna Moravia" wird von der heutigen Slowakei und Tschechien als eine Art früher Vorläuferstaat angesehen.
Dr. Ute Obhof
Publikation:
Obhof, Ute: Zwei Karlsruher Fragmente. - In: Handschriften des Mittelalters. - Stuttgart: Staatsanzeiger-Verlag 2007, S. 45
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