Bei der Frage nach dem künftigen Standort der Sammlung entschied sich die
Landesregierung nach einer längeren Konsultations- und Beratungsphase für eine
Lösung, die der besonderen Struktur des Bundeslandes mit seinen beiden
Landesteilen und den für diese zuständigen Landesbibliotheken in Karlsruhe und
Stuttgart Rechnung tragen sollte. Mit Beschluß vom 14. März 1994 verfügte daher
die Landesregierung eine Aufteilung der ca. 1225 Handschriften (ca. 1370 Bände
bzw. Faszikel) auf die Badische und die Württembergische Landesbibliothek.
Als Kriterium für diese politisch motivierte, in sachlicher Hinsicht durchaus
problematische Teilung wurde ein benutzungsorientierter Gesichtspunkt gewählt:
Ausgehend von der Tatsache, daß der ehemals Donaueschinger Bestand in erster
Linie als Domäne der Mittelaltergermanistik bekannt war und benutzt wurde
(2),
entschloß man sich zu einem Teilungsmodus, der den für diese Fachrichtung
besonders relevanten Komplex möglichst geschlossen an einer Stelle verfügbar
halten sollte. Im Ministerratsbeschluß wurde deshalb angeordnet, daß die in
deutscher Sprache gehaltenen Handschriften der Zeit bis ca. 1500 (einschließlich
Mischhandschriften mit deutschen Anteilen) sowie die späteren Abschriften
mittelhochdeutscher Texte (eine größere Anzahl von Kopien aus dem Umkreis des
berühmten Germanisten Joseph von Laßberg) künftig von der Badischen
Landesbibliothek Karlsruhe, alle übrigen von der Württembergischen
Landesbibliothek Stuttgart verwahrt werden sollen. Ausnahmen von diesem Prinzip
wurden nur in einigen wenigen Fällen mit ausgesprochenem Regionalbezug gemacht.
Freilich konnte auf diese Weise die historische Tektonik der Sammlung
(3)
nicht bewahrt werden, da aufgrund dieser rein sprachbezogenen und gleichzeitig
chronologisch orientierten Aufteilung die einzelnen Teilprovenienzen vielfach
auseinandergerissen wurden. Dies gilt insbesondere für die Sammlung des eben
genannten Freiherrn von Laßberg, die für das Gesicht des Gesamtbestands von
prägender Bedeutung war
(4),
oder auch für die kleine, aber hochbedeutende Handschriftengruppe aus dem Besitz
der Grafen von Helfenstein, um nur gerade zwei Beispiele zu nennen.
Um die künftige Benutzung in Karlsruhe und Stuttgart zu erleichtern, soll im
folgenden zur Vermeidung von Umwegen bei schriftlichen Anfragen, Foto- und
Filmbestellungen und nicht zuletzt bei Direktkonsultation vor Ort eine Liste der
Handschriften mit ihren neuen Standorten geboten werden. Dabei wurden im Sinne
einer umfassenden Orientierung über das aktuelle Gesicht des Gesamtbestands der
ehemals Fürstlich Fürstenbergischen Sammlung auch die Handschriften aufgeführt,
die Donaueschingen bereits vor 1993 verlassen haben und somit weder in Karlsruhe
noch in Stuttgart greifbar sind (einschließlich des Einzelfalls Nr. 63, der in
Donaueschingen verbliebenen Nibelungenlied-Handschrift C). Der Zusatz * markiert
Stücke, die bei der Sotheby-Auktion vom 21. Juni 1982 versteigert worden sind
(5).
Soweit der heutige Aufbewahrungsort ermittelt werden konnte, wird er genannt;
unbekannte Standorte werden durch ? gekennzeichnet.
(Publiziert in: Scriptorium 49, 1995, S. 312-319; Aktualisiert: 03.03.2009)
1. Vgl. dazu "Unberechenbare Zinsen" - Bewahrtes
Kulturerbe. Katalog zur Ausstellung der vom Land Baden-Württemberg erworbenen
Handschriften der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek, hrsg. von F.
HEINZER, Stuttgart 1993, darin (S. 1-4) zu den Hintergründen und dem Ablauf der
Transaktion: H.-P. GEH, Die Erwerbung der Handschriftensammlung der F.F.
Hofbibliothek durch das Land Baden-Württemberg.
2. Vgl. dazu den Beitrag von V. MERTENS in
"Unberechenbare Zinsen" (wie Anm. 1), S. 34-39.
3. Vgl.F. HEINZER, Zur Geschichte der Fürstlich
Fürstenbergischen Handschriftensammlung in: "Unberechenbare Zinsen"
(wie Anm. 1), S. 5-13.
4. Dazu V. SCHUPP, Joseph von Laßberg als
Handschriftensammler, ebd., S. 14-33.
5. S. Catalogue of twenty western illuminated
manuscripts from the fifth to the fifteenth century from the library at
Donaueschingen, London 1982.
6. Vgl. B. BISCHOFF und V. BROWN, Addenda to 'Codices
Latini Antiquiores', in: Mediaeval Studies 47(1985), S. 317-366, hier
S. 364.
7. Die aus dem bekannten Atelier Diebold Laubers in Hagenau
stammende Handschrift scheint erst vor wenigen Jahren abhanden gekommen zu sein.
In der Forschungsliteratur der achtziger Jahre wird sie noch als Donaueschinger
Bibliotheksgut erwähnt, so z.B. bei I. HENDERSON, Manuscript
illustrations as generic determinants in Wirnt von Gravenberg's
Wigalois, in: Genres in medieval german litterature, Göppingen
1986, S. 59-73.
8. Vgl. HEINZER (wie Anm. 3), S. 13 mit Anm. 48.
9. Vgl. HEINZER (wie Anm. 3), S. 12 mit Anm. 45.
10. Vgl. HEINZER (wie Anm. 3), S. 12 mit Anm. 47.
11. S. Die Handschriften von St. Peter im Schwarzwald,
2. Teil: Die Pergamenthandschriften, beschr. von F. HEINZER und G. STAMM,
Wiesbaden 1984 (Die Handschriften der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe,
Bd. 10/2), S. XXXII und S. 231-234.
12. Jetzt in der Collection Henri Schiller, Paris (Hinweis
der Hofbibliothek Donaueschingen).
13. Vgl. H. HOFFMANN, Buchkunst und Königtum
im ottonischen und frühsalischen Reich, Stuttgart 1986, S. 388f.
14. Erneut angeboten in der Sotheby-Auktion vom 20. Juni
1989 (Lot 41 des Katalogs).
15. Sammlung Renate König (Köln), s. Ars vivendi
Ars moriendi, hrsg. von Joachim M. Plotzek, München 2001, Nr. 25
16. Vgl. Andachtsbücher des Mittelalters aus
Privatbesitz, bearb. von J.M. PLOTZEK, Köln 1987, Nr. 23.
17. Signatur: 135 K 45 (mehr
Informationen)
18. Wohl in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts
veräußert: vgl. Catalogue of twenty western illuminated manuscripts...
(wie Anm. 5), S. VIII.
19. Auch diese Handschrift, ein illuminiertes deutsches
Kalendar von 1443, war wie die Nr. 71 (vgl. Anm. 7) bis vor wenigen Jahren noch
in Donaueschingen vorhanden und benutzbar (vgl. z. B. die Beschreibung des sehr
qualitätvollen Stücks in Gotik an Fils und Lauter, hrsg. von W.
ZIEGLER und K.-H. RUESS, Weißenhorn 1986, S. 278 - 280).
- Jetzt bei Günther/Hamburg (Nr. 12 des Anm. 7 erwähnten Katalogs).
20. Vgl. HEINZER (wie Anm. 3), S. 12 mit Anm. 46.
21. Bellifortis-Handschrift (Konrad Kyeser), wie Nr. 71
und 494 erst in jüngster Zeit abgewandert (noch als Donaueschinger Besitz
erwähnt im 1985 erschienen Kyeser-Artikel in: Verfasser-Lexikon, 2. Aufl.,
Bd. 5, Sp. 481).
- Jetzt bei Günther/Hamburg (Nr. 15 des Anm. 7 erwähnten Katalogs).
22. Fechtbuch, erwähnt in H.-P. HILS,
Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes, Frankfurt a.M.
1985, S. 46 - 50.
früher Privatbesitz Antiquariat Dr. Jörn Günther, Hamburg, Nr. 2006/34;
davor Privatbesitz Antiquariat Dr. Jörn Günther, Hamburg, Nr. 2003/25
23. Dominikanisches Prozessionale mit Sequenziar, zuletzt
erwähnt von C. ALLWORTH, The medieval processional Donaueschingen 882,
in: Ephemerides Liturgicae 84 (1970), S. 169-184.
24. Mit E I 10 vereinigt (gehörte ursprünglich
zur selben Handschrift). Näheres s. dort.
25. Nicht mehr besetzt. Die früher unter dieser Signatur
stehenden Laßberg-Briefe wurden schon vor längerer Zeit in die Donaueschinger
Autographensammlung umgestellt.
26. Vgl. BISCHOFF/BROWN (wie Anm. 6), S. 359, sowie D.
GANZ, The Luxeuil Prophets and Merovingian Missionary Strategies,
in: Beinecke Studies in Early Manuscripts (=
The Yale University Library Gazette. Suppl. 66), New Haven 1991, S. 105
- 117, hier S. 105, 114, 116 Anm. 17.
27. Inkunabelfragment.
28. Vgl. B. BISCHOFF, V. BROWN, J.J. JOHN, Addenda
to 'Codices Latini Antiquiores' (II), in: Mediaeval Studies 54(1992),
S. 305 (zu CLA VIII, 1174).
29. S. BISCHOFF/BROWN/JOHN (wie Anm.27), S. 306 (zu CLA
VIII, 1177). (Vgl. auch A II 26).
30. Die noch im Ausstellungskatalog "Unberechenbare
Zinsen" (s. Anm. 1) verwendete Bezeichnung "Ms. Fürstenberg" wurde
nach längerer Überlegung und Beratung unter den beiden Bibliotheken
zugunsten der neuen Lösung aufgegeben.