Markgräflich badische Büchersammlungen - erhaltene Bestände
Wenn man sich heute mit der Geschichte und den Beständen
der Badischen Landesbibliothek beschäftigt, ist man geneigt,
mit dem Jahr 1942 einzusetzen. Kein Datum war so einschneidend
und folgenschwer wie jene Nacht vom 2. zum 3. September, in der
die Badische Landesbibliothek nach einem Luftangriff völlig
ausbrannte und nahezu der gesamte Buchbestand zerstört wurde.
Der Vernichtung entgingen die zum Zeitpunkt der Katastrophe bereits
ausgelagerten Handschriften und Inkunabeln. Außer diesen
Sammlungen ist der gängigen Meinung zufolge nichts Nennenswertes
erhalten geblieben. Eine genaue Sichtung der heutigen Bestände,
insbesondere derjenigen mit Signaturen des Jahres 1942, ergibt
jedoch ein differenzierteres Bild. Anhand alter Stempel, Einbände,
Exlibris und sonstiger Kriterien konnte ein erhaltener Bestand
von etwa 3000 bis 3200 Titeln (ohne die Inkunabeln) ermittelt
werden, der gemessen an dem Vernichteten nicht sehr umfangreich,
jedoch großenteils von beträchtlichem Wert ist und
zudem die Geschichte der Bibliothek facettenreich spiegelt.
Es zeigte sich, daß die Gründe für die Erhaltung
keineswegs nur zufällig waren. Zweifellos war vieles zum
Zeitpunkt des Brandes verliehen und kam deshalb später zurück.
Ein großer, vielleicht sogar der größte Teil
dürfte jedoch wie die Handschriften und Inkunabeln ausgelagert
gewesen sein und diesem Umstand seine Rettung verdanken. Inhaltliche
und wertmäßige Schwerpunkte lassen dies deutlich erkennen:
Eine Folge von 35 umfangreichen Kollektaneenbänden enthält
eine Spezialsammlung von 957 Titeln (101 des 17., 341 des 18.,
515 des 19. Jahrhunderts), die Baden und vor allem das badische
Haus betreffen. Ganz überwiegend handelt es sich um Gelegenheitsschriften
(Leichenpredigten und Publikationen zu Festanlässen aller
Art). Diese Sammlung, großenteils mit prachtvollen Buntpapieren
des 18. Jahrhunderts broschiert, ist auch unter dem Aspekt der
badischen Druckgeschichte von hohem Wert.
Unabhängig von dieser Sammlung verdient sodann eine stattliche
Anzahl von Werken besondere Beachtung, die sämtlich aus markgräflich-badischem
Bibliotheksbesitz stammen. Sie waren Bestandteil der Hofbibliothek,
bevor diese die Bücherfülle aus den säkularisierten
Klosterbibliotheken aufnahm.
Bei dem Versuch, die heute noch in der Badischen Landesbibliothek
vorhandenen Bestände der Hofbibliothek aus der Zeit um 1800
zu erfassen, ist Vollständigkeit schwer zu erreichen. Denn
einerseits ist die Zugehörigkeit zur Bibliothek offenbar
nicht immer durch entsprechende Stempel bzw. Signaturschildchen
kenntlich gemacht. Zum anderen dürften gelegentlich durch
Beschädigungen und Erneuerungen der Einbände bibliotheksgeschichtliche
Bezüge verlorengegangen sein. Insgesamt gesehen überwiegen
jedoch die Drucke, die sich mit Sicherheit oder hoher Wahrscheinlichkeit
der markgräflichen Hofbibliothek zuweisen lassen, bei weitem.
Der Bibliothekar Friedrich Valentin Molter schätzte 1799
den Bestand der Hofbibliothek auf 30 000 Bände. Diese
Zahl ist nicht gerade beeindruckend angesichts einer damals etwa
300jährigen Geschichte der Sammlung, die freilich sehr wechselvoll und besonders
im 17. Jahrhundert äußerst verlustreich war.
Die Anfänge der Bibliothek dürften bis ins 15. Jahrhundert
zurückreichen. Von Markgraf Christoph I.., dessen um 1490
entstandenes privates Stundenbuch erhalten ist, weiß man,
daß er literarische Interessen hatte. Bereits 1528 spricht
der Basler Reformator Ökolamp von der markgräflichen
Büchersammlung. Diese und andere Erwähnungen der Markgrafenbibliothek
im 16. Jahrhundert sind vor allem dem Vermächtnis Johannes
Reuchlins (1455-1522) zu verdanken, der seine berühmte Bibliothek
im Jahre 1522 gleichermaßen seiner Vaterstadt Pforzheim
und dem badischen Landesherrn anvertraute. Von Pforzheim, wo
Heinrich Pantaleon, der Verfasser des "Heldenbuchs teutscher
Nation", 1565 Reuchlins Bücher einsah, wurde die
gesamte Bibliothek noch im gleichen Jahr in die neue Residenz
nach Durlach gebracht.
Nachrichten über die Durlacher Hofbibliothek aus dem 17.
Jahrhundert betreffen überwiegend Flüchtungen bei drohender
Kriegsgefahr, Auslagerungen nach Straßburg und in den Badischen
Hof nach Basel. Daß die Verluste im 17. Jahrhundert, vermutlich
schon während des Dreißigjährigen Krieges, außerordentlich
hoch waren, ist aus dem enormen Schwund ersichtlich, der bei den
Bibliotheksbeständen Reuchlins eintrat. Erst 1765 wurde
die Hauptmenge der geretteten Bücher von Basel nach Karlsruhe
geschafft, wo sie zusammen mit Karlsruher Buchbeständen in
dem 1769 fertiggestellten neuen Bibliotheksgebäude untergebracht
wurde.
1770 wurde der Bestand der Bibliothek auf fast 11 000 Bände,
zwei Jahre später auf 20 000 geschätzt. Der Grund für
diesen raschen Zuwachs ist fast ausschließlich der Überführung
der Rastatter Hofbibliothek nach Karlsruhe zu verdanken, nachdem
1771 der letzte Markgraf der Baden-Badener Linie gestorben war.
Die zunächst lange im Baden-Badener Stammschloß untergebrachte
Bibliothek hatte ebenfalls unter den Kriegswirren des 17. Jahrhunderts
zu leiden gehabt, war mehrfach ausgelagert worden, bis sie schließlich
1763 im Rastatter Schloß ein repräsentatives Domizil
erhielt. Vermutlich zu diesem Zeitpunkt wurde der gesamte Buchbestand
- auch die Handschriften - mit einheitlichen, reich vergoldeten
braunen Buchrücken versehen, wie es dem Zeitgeschmack entsprach
( Abbildung 1).
Über die frühe Geschichte der Baden-Baden-Rastatter
Bibliothek ist wenig bekannt. Ihren bemerkenswertesten Zuwachs
erhielt sie wahrscheinlich durch die Erwerbung eines großen
Teils der Büchersammlung des Augsburger Mediziners und Philologen
Georg Hieronymus Welsch (1624-1677). Zu diesem Bestand gehörte
vermutlich auch eine nicht genauer bekannte Anzahl von Handschriften
und Drucken aus dem Besitz des bekannten Arztes Achilles Pirmin
Gasser (1505-1577).
Ausgestattet mit einem jährlichen Aversum von etwa 500 Gulden
- gelegentlich kamen Sondermittel hinzu - nahm die Karlsruher
Hofbibliothek in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts
einen stetigen, wenn auch nicht spektakulären Aufschwung.
Auch die den badischen Verlegern seit 1771 abverlangten Zensurexemplare
trugen zum Wachstum der Bestände bei. Hinzu kamen Privatsammlungen
wie die des Leibmedicus Hofrat Buch und des Geh. Legationsrats
Rochebrune. Auf einer Versteigerung im Jahre 1786 konnte Molter
neben einer bedeutenden Briefsammlung Herrmanns von der Hardt
auch Teile von dessen Bibliothek erwerben. Nicht zuletzt verdienen
die Bestände aus den Privatbibliotheken des Markgrafen Karl
Friedrich und seiner Gemahlin Karoline Luise besondere Beachtung. Wann und in welchem Umfang diese Privatsammlungen in die "öffentliche"
Hofbibliothek gelangt sind, ist nicht bekannt. Jedenfalls waren
bis Anfang des 19. Jahrhunderts zumindest große Teile dieser
fürstlichen Privatbibliotheken in der Hofbibliothek aufgegangen.
Die Zugehörigkeit zur Hofbibliothek wurde durch Stempel,
in der Regel auf dem Titel, sowie ein schmales, relativ langes
unten auf dem Buchrücken angebrachtes Signaturschildchen
kenntlich gemacht. Die Signaturen bezeichnen Fachgruppen, z.
B. Th (= Theologie), Auct. cl. (klassische Autoren, Altertumswissenschaft).
Neben der Fachbezeichnung gehören zur Signatur jeweils eine
römische und 2 arabische Zahlen, wie etwa Th. III,6,15.
Die römische Zahl dürfte sich auf den Schrank, die
erste arabische auf das Bücherbrett, die zweite arabische
auf die individuelle Nummer des jeweiligen Buches beziehen.
Von den verwendeten Stempeln ist hier vor allem der älteste
von Interesse: ein kleines Wappenschild mit dem badischen Querstreifen.
Dieser Stempel, von dem zwei zeitlich vermutlich nur wenig auseinanderliegende
Fassungen existieren
( Abbildung 2a), dürfte um 1770 bis 1780
hergestellt worden sein. Er war bis Anfang des 19. Jahrhunderts
in Gebrauch. Der späteste Nachweis findet sich bei Büchern
mit dem Erscheinungsjahr 1806 (042 A 514, 42 A 1516,1). Zu diesem
Zeitpunkt fand zumindest ein weiterer Stempel schon seit mehreren
Jahren Verwendung, der die Umschrift "Hofbibliothek Carlsruhe"
trägt
( Abbildung 2b).
Der dritte Stempel kann erst nach 1806 entstanden sein, denn er ist mit
"G. B. Hofbibliothek Karlsruhe" bezeichnet
( Abbildung 2c).
Er ist besonders häufig zu finden,
weil er vor allem bei der großen Menge des säkularisierten
Buchbestandes Verwendung fand. Der alte Stempel des 18. Jahrhunderts
konnte nur zweimal in einem aus Klosterbesitz stammenden Buch
nachgewiesen werden (42 B 301 RH, Pc 270). Der zweite, ca. 1803-1806
geschaffene Stempel wurde neben dem dritten noch bis um die Mitte
des 19. Jahrhunderts benutzt.
Bei der Sichtung der erhaltenen alten Hofbibliotheksbestände
findet man recht oft Hinweise auf markgräflichen Buchbesitz.
Diesen Aspekt hat Gerhard Kattermann 1942 in seinem Aufsatz "Exlibris
und Supralibros badischer Markgrafen und Markgräfinnen"
untersucht. Da Kattermann seinerzeit noch der gesamte, unzerstörte
Buchbestand zur Verfügung stand, erhob sich die Frage, wieweit
die von ihm ermittelten Exlibris und Supralibros heute noch nachweisbar
sind. Das Ergebnis der Nachforschungen war erstaunlich. Nicht
nur sämtliche von Kattermann beschriebenen Eignerzeichen
ließen sich nachweisen, sondern darüber hinaus noch
vier weitere ( Abbildung 5b,
Abbildung 8,
Abbildung 9,
Abbildung 13b).
Zweifellos haben nicht alle markgräflichen Bücherliebhaber
ihren Buchbesitz besonders gekennzeichnet. Deshalb muß
man sich bewußt sein, daß das Büchersammeln der
badischen Markgrafen im folgenden nicht vollständig dokumentiert
werden kann.
Handschriftliche Besitzvermerke, wie sie weitgehend üblich
sind, pflegen fürstliche Büchersammler in der Regel
nicht anzubringen. Ihnen ist eine aufwendigere Kennzeichnung
des Bucheigentums gemäßer. Sie verwenden Exlibris,
schmücken die Einbände außen mit oft prächtigen
Supralibros oder lassen gar ihre ganze Büchersammlung mit
kostbaren, auf ihre Person zugeschnittenen Einbänden versehen.
Auf die Seltenheit von Besitzeinträgen badischer Markgrafen
wies schon Kattermann hin. Nur ein einziger derartiger Besitzeintrag
läßt sich heute noch nachweisen, nämlich der des
Markgrafen Friedrich Vl. von Baden-Durlach in Pluvinels bekannter
prächtig illustrierter königlicher Reitanleitung in
einer Ausgabe von 1666
( Abbildung 3).
Daß dieses Buch die besondere
Hochschätzung seines Besitzers besaß, liegt nahe.
Bei den Markgrafen von Baden-Baden war es offensichtlich nicht
üblich, Bücher mit Besitzzeichen zu versehen. Lediglich
von Leopold Wilhelm (gestorben 1691), der übrigens nicht zu den regierenden
Markgrafen zählte, ist ein mit 1666 datiertes Holzschnittexlibris
erhalten
( Abbildung 4).
Leopold Wilhelm erwarb sich in kaiserlichen
Diensten stehend Meriten im Kampf gegen die Türken. Seine
einst offenbar beachtliche Büchersammlung zeugte von seinen
wissenschaftlichen und künstlerischen Interessen. Vom Baden-Durlacher
Markgrafen Ernst Friedrich (1577 -1604) sind die ältesten
badischen Bücherzeichen erhalten, zwei künstlerisch
beachtliche Kupferstich-Exlibris, eine größere Fassung
( Abbildung 5a)
und eine kleinere
( Abbildung 5b).
Daß die erhaltenen
Drucke mit diesem Exlibris ganz überwiegend theologischen
Inhalts sind, verwundert nicht. Ernst Friedrich war engagierter
Calvinist, der seine lutherischen Landsleute durch mehrere Schriften,
u. a. das bekannte" Stafforter Buch" von 1599 zum
Calvinismus zu bekehren suchte. Sein plötzlicher früher
Tod ließ dieses Vorhaben scheitern.
Häufiger als mit Exlibris sind die Bücher der Baden-Durlacher
Markgrafen mit Supralibros versehen, die durch eine meist auffällige
Prägung auf dem Buchdeckel den Bezug zwischen Buch und Besitzer
augenfällig hervorheben. Hauptbestandteil der Supralibros
ist fast durchweg das jeweils variierte badische Wappen. Als
Grenzfall eines Supralibros kann man den auf dem Buchdeckel geprägten
Namen eines Besitzers ansehen. Ein Beispiel dieser Art ist der
Name GEORGIUS FRIDERICUS (gestorben 1638) auf dem 1. Band von Heinrich
Pantaleons "Heldenbuch teutscher Nation" (1568). Diese
Namensprägung ist von so extremer Winzigkeit, daß sie
erst bei sehr genauem Hinsehen erkennbar ist. Dies mag ein Hinweis
auf die Bescheidenheit des Markgrafen, übrigens eines Sohnes
Ernst Friedrichs, sein. Vielleicht war aber auch beabsichtigt, daß die Prägung fremden Augen verborgen bleiben sollte. Das besagte Heldenbuch
ist auch in anderer Hinsicht bemerkenswert. Es trägt auf dem 1. Titelblatt eine schöne Widmung
des Autors an Markgraf Karl II., den Vater Ernst Friedrichs, aus
dem Jahre 1568. Bleibt noch anzumerken, daß die Badische
Landesbibliothek das besagte Heldenbuch erst 1989 im Handel erworben
hat. Zweifellos gehört dieser Kauf zu den seltenen großen
Glücksfällen antiquarischer Erwerbungen der Landesbibliothek.
Doch zurück zu den Supralibros und den Büchern, die
die markgräfliche Sammlung nicht wie das "Heldenbuch" vor
langer Zeit verlassen haben - das "Heldenbuch" war zweifellos
nie mit einem Stempel der Hofbibliothek versehen und dürfte
wohl schon im 17. Jahrhundert verlorengegangen sein.
Das erste
echte markgräfliche Supralibros ist das des Markgrafen Friedrich
Magnus (1677-1709), des Vaters von Karl Wilhelm, dem Gründer
Karlsruhes
( Abbildung 6).
Während Karl Wilhelm dem Bücherwissen
nicht sehr zugetan war - seine Liebhabereien lagen auf anderen
Gebieten -, besaß sein Enkel Karl Friedrich, der seinem
Großvater nach einigen Jahren der Vormundschaftsregierung
1746 in der Regierung nachfolgte, weitgespannte geistige Interessen,
die sich an seinen heute noch erhaltenen Büchern deutlich
erkennen lassen. Glücklicherweise ist Karl Friedrichs Buchbesitz
durch geschmackvolle Lederbände, die mit zahlreichen Supralibros
ihres Besitzers ausgestattet sind, leicht zu erkennen.
In einem
prachtvollen schwarzen Maroquin-Einband mit reichster Deckel-
und Rückenvergoldung präsentiert sich das Buch mit dem
vermutlich frühesten Supralibros Karl Friedrichs
( Abbildung 8). Es handelt sich um die dem Markgrafen gewidmete und mit dessen
Kupferstichportrait versehene qualitätvoll illustrierte englisch-französische
Ausgabe von Alexander Pope's "essay on man", die 1745 in Lausanne
und Genf erschienen ist.
Während die Wappendarstellung des
Supralibros auf dem Prachteinband noch etwas unbeholfen wirkt,
ist sie in einer weiteren, in zwei Größen existierenden
Fassung künstlerisch überzeugend gelungen
( Abbildung 7).
Dem Wappen ist hier lediglich der Fürstenhut und der Hubertusorden
beigefügt, dessen Kette das Wappen elegant umschließt.
Kattermann konnte seinerzeit mehr als 500 Bände mit diesem
Supralibros nachweisen, dessen Hauptverwendung er zwischen 1750
und 1760 datierte. Auch heute noch ist es das am häufigsten
unzutreffende, nämlich auf insgesamt 33 Bänden.
Ein
weiteres Wappensupralibros, das Kattermann vorwiegend den achtziger
Jahren zuordnet, zeigt das von zwei Greifen gehaltene Wappen.
Im unteren Bereich finden sich Symbole der Künste und Wissenschaften
( Abbildung 10).
Dies von Kattermann als "nicht gerade häufig"
bezeichnete Besitzzeichen findet sich heute nur noch auf den Einbänden
von einigen Handschriften. Es gibt jedoch eine ältere,
Kattermann nicht bekannte Variante dieses Supralibros, die sich
jeweils vorn und hinten auf zwei großformatigen, reich
verzierten roten Maroquinbänden befindet, die zweifellos
als Spitzenstücke der für den Karlsruher Hof tätigen
Buchbinder anzusprechen sind
( Abbildung 9).
Bei diesen Bänden
wissen wir ausnahmsweise näheres über die Umstände
ihrer Rettung: Sie waren 1942 an das Münzkabinett im Karlsruher
Schloß ausgeliehen.
Prachtbände wie diese oder der
oben
( Abbildung 8)
erwähnte scheinen vor allem in der frühen
Regierungszeit des Markgrafen entstanden zu sein. Später
huldigte dieser offenbar zunehmend einem dezenten klassizistischen
Stil. Die Wappensupralibros wurden abgelöst durch CF-Monogramme,
die in verschiedenen Ausführungen das Mittelfeld der Einbanddeckel meist nur vorn - schmückten
( Abbildung 11 a-d).
Schlichte Goldleisten
oder -ranken, Rückenvergoldung und ein kleines Zierstück
auf dem Hinterdeckel (ovaler Kranz, Laute und Flöte, Kriegstrophäen)
als Pendant zum Monogramm waren der einzige Zierrat, der noch
geduldet wurde
( Abbildung 12).
Das CF-Monogramm findet sich aber
auch bei einem Supralibros, das bereits in den fünfziger
Jahren entstanden sein dürfte. Hier zeigt es sich noch barock
verschnörkelt und ist deshalb schwer erkennbar. Dieses Supralibros,
von dem eine kleinere Version
( Abbildung 13a) - nur diese nennt Kattermann
(S. 225, Abb. 8)
- und eine größere
( Abbildung 13b)
existiert, ist wohl etwa gleichzeitig wie das besonders häufige
( Abbildung 8)
zu datieren. Beide befinden sich nämlich mehrfach
auf ein und demselben Einband und weisen formale Entsprechungen
auf.
Der Inhalt der mit Karl Friedrichs Supralibros ausgestatteten
Bände ist vielfältig. Unter den Gebieten, denen wohl
mehr das allgemeinere Interesse des Markgrafen galt, sind, soweit
sich dies heute noch sagen läßt, etwa Geschichte,
Militärwissenschaft oder Literatur zu nennen. Fachgebiete,
die Karl Friedrich besonders am Herzen lagen und mit denen er
sich wissenschaftlich auseinandersetzte, waren bekanntlich Landwirtschaft
und Industrie. Aus diesem Bereich ist einiges erhalten, wie etwa
"L'agronomie et l'industrie" von de Bellepierre de Neuve-Eglise,
Paris 1761, 6 Bde.
Eine Ausgabe der Werke Friedrichs des Großen
(Berlin 1788) dokumentiert die Sympathie des Markgrafen für
den preußischen König, der Karl Friedrich 1786 den schwarzen
Adlerorden, die höchste Auszeichnung seines Hauses, verlieh.
Besondere Erwähnung verdienen schließlich noch zwei
großformatige, prachtvoll ausgestattete Werke: eine Terenzausgabe
und ein monumentales archäologisches Werk des Ridolfino Venuti.
Daß die zahlreichen Supralibros Karl Friedrichs erhalten
sind, einige sogar auf vielen Büchem, ist sicher nicht zuletzt
darauf zurückzuführen, daß die Einbände in
ihrer charakteristischen Besonderheit erkannt und deshalb in Sicherheit
gebracht wurden. Umgekehrt ist der Buchbesitz der Markgräfin
Karoline Luise, der Gemahlin Karl Friedrichs, heute vielleicht
deshalb nur noch so spärlich nachweisbar, weil ihr Sinn für
dekorative fürstliche Selbstdarstellung weniger ausgeprägt
war. Bei ihren vielfältigen, teilweise ausgesprochen wissenschaftlichen
Interessen wird sie über einen ansehnlichen Buchbestand verfügt
haben, den sie mit sehr dezenten, typographisch gestalteten Exlibris
kennzeichnete, teils in deutscher, teils in französischer
Sprache
( Abbildung 14a, 14b)
Die deutsche Fassung besitzen wir
in einer Bibelkonkordanz und dem kleinformatigen, außen
mit Silberstickerei verzierten deutschen Psalter der Markgräfin,
die französische in drei Bänden mit Schriften von Francois-Thomas
de Baculard d'Argnaud, die dieser 1769 Karoline Luise widmete.
Die schönen Einbände, die das Geschenk d'Argnauds zieren,
tragen als Supralibros das Allianzwappen des Fürstenpaares
( Abbildung 16), das in dieser Form nur hier überliefert ist.
Einen ebenfalls kunstvollen, jedoch für den Karlsruher Einbandstil
der Zeit durchaus untypischen Einband besitzt ein Exemplar der
1748 in Lörrach gedruckten deutschen Bibel
( Abbildung 17).
Mit
dem Monogramm CL auf den Buchdeckeln dürfte der Name der Markgräfin
gemeint sein. Bei der Karl Friedrich gewidmeten und mit
seinem Kupferstichportrait geschmückten Bibel
( Abbildung 15)
könnte
es sich um ein Braut- oder Hochzeitsgeschenk des Markgrafen an
Karoline Luise handeln. Auf Karoline Luise deutet schließlich
noch ein handschriftlich eingetragenes CL in einem von 8 Bänden
der "Continuationen des Berichts der königl. Dänischen
Missionarien in Ost-Indien" von Gotthilf August Francke,
Halle 1737-1751 (ZA 3153 RE,
s.
Abbildung 20).
Daß außer den wenigen genannten
Werken weiterer Buchbesitz der Markgräfin erhalten ist, läßt
sich nicht beweisen, ist aber nicht unwahrscheinlich. Es finden
sich z. B. etliche Andachtsbücher, die aufgrund prächtiger,
teils in reicher Stickerei ausgeführter Einbände
( Abbildung 18)
und aufwendiger Schnittverzierung
( Abbildung 19)
badischen
Markgräfinnen gehört haben dürften. Auch der bereits
genannte Psalter der Karoline Luise zählt zu diesen Stücken.
Der größte Teil der mit dem alten markgräflichen
Hofbibliotheksstempel versehenen Bände ist nicht mit einem
Besitzzeichen eines Mitglieds des badischen Fürstenhauses
ausgestattet. Bei diesen Büchern sind genauere Angaben, seit
wann sie zu einer der beiden Hofbibliotheken gehören, meist
nicht möglich. Andererseits finden sich doch mancherlei
Anhaltspunkte, die Hinweise zur Geschichte der markgräflichen
Büchersammlungen geben. Diesen Spuren nachzugehen lohnt sich
nicht zuletzt im Hinblick auf mehrere besonders kostbare Stücke.
Vom
markgräflichen Buchbesitz des sechzehnten Jahrhunderts können
wir heute nur noch wenig Erhaltenes nachweisen. Außer den
oben genannten Drucken sind hier fast ausschließlich die
Reuchliniana zu nennen: 12 hebräische Handschriften, 4 hebräische
und 2 griechische Inkunabeln - durchweg sehr seltene Stücke
- und Reuchlins "De verbo mirifico" (Basel 1494). Der
einzige Druck des 16. Jahrhunderts aus Reuchlins Besitz (42 A
1932,16) gelangte erst Anfang des 18. Jahrhunderts aus Ettenheimmünster
nach Karlsruhe. Erhalten sind schließlich
auch einige Werke Reuchlins, die sicherlich nicht ursprünglich
zum Bestand seiner Bibliothek gehört haben, aber vielleicht
teilweise doch schon recht früh in markgräflichen Besitz
gelangten. Zu nennen wäre hier vor allem ein wohlerhaltenes
Exemplar im blindgeprägten Holzdeckel-Ledereinband der Zeit
von "De arte cabalistica", 1517 (42 B 299 RH). Das
wie die meisten Schriften Reuchlins von Thomas Anshelm gedruckte
Werk zeigt zu Beginn das Wappen des Autors, das in unserem Exemplar
altkoloriert ist
( Abbildung 21).
Um sehr alten Hofbibliotheksbesitz
könnte es sich größtenteils bei einem Sammelband
mit 11 seltenen medizinischen Drucken des 16. Jahrhunderts handeln
(42 A 1272 R). Das erste Stück dieser Sammlung ist ein Werk
von Johann Widmann (1440 -1524), der Leibarzt des badischen Markgrafen
Christoph I. war. Ebenfalls schon im 16. Jahrhundert
können zwei bemerkenswerte Drucke der Heidelberger Bibliotheca
Palatina in badischen Hofbibliotheksbesitz gelangt sein. Der
eine ist die 1560 in Frankfurt bei Feyerabend gedruckte, von Virgil
Solis illustrierte Luther-Bibel in einem sehr kostbaren, luxuriös
kolorierten Exemplar
( Abbildung 22).
Zusätzlich zu den zum Grundbestand
dieser Bibel gehörenden Portraits der pfälzischen Kurfürsten
Ottheinrich und Friedrich III. wurde um 1582 / 83 ein weiteres
Portrait, nämlich das des Kurfürsten Ludwig Vl. (gestorben 1583), eingefügt. Aus dem Besitz Ludwigs Vl. stammt auch der großformatige, mit Blindprägung
reich verzierte helle Schweinslederband aus dem Jahre 1579 (42 C 23 RE,
Abbildung 23).
Der Plattenstempel mitten auf den Buchdeckeln
zeigt das Wappen Ludwigs mit der Devise "Alle Ding zergenglich".
Inhaltlich handelt es sich um Teil 1-3 (von 10) der Werke Augustins,
Basel 1569-1570.
Unter den Erwerbungen des 17. Jahrhunderts fallen
die berühmten, aufwendig illustrierten Reitanleitung Antoine
de Pluvinels auf, die mit 4 Titeln vertreten sind
( Abbildung 24).
Die einzige vorhandene deutschsprachige Ausgabe (Frankfurt 1666)
ist, wie schon erwähnt, mit dem Namenszug des Markgrafen
Friedrich Vl. von Baden-Durlach (gestorben 1677) versehen. Ähnlich
wie dieses Exemplar, das vermutlich gleich bei seinem Erscheinen
oder nur wenig später gekauft wurde, könnten auch die
drei in der französischen Originalsprache publizierten Ausgaben
auf direktem Weg erworben worden sein. Aufgrund seines Inhalts
hat das folgende Werk zweifellos noch in seinem Erscheinungsjahr
Eingang in die Baden-Durlacher Hofbibliothek gefunden: "Möglichst
kürzeste, jedoch gründliche Genealogische Herführung
von uralter Her- und Ankunft beyder hoch-fürstlichen Häuser
Baden und Holstein. . .", herausgegeben von Matthaeus Merian,
Frankfurt 1672 (0 42 C 4,
( Abbildung 25).
Die künstlerisch bemerkenswerten,
überwiegend von Merian gezeichneten und von Philipp Kilian
gestochenen Portraits badischer Fürstenpersönlichkeiten
machen das äußerst seltene Werk besonders wertvoll.
Während am Durlacher Hof im 17. Jahrhundert Reitliteratur
anscheinend besonders gefragt war - keines der genannten Werke Pluvinels
kommt aus der Rastatter Bibliothek - gibt es in der Baden-Baden-Rastatter
Sammlung einen Schwerpunkt, zu dem wiederum die erhaltenen Durlacher
Bestände keinerlei Entsprechungen aufweisen, nämlich
die Medizin. Hier handelt es sich allerdings wohl weniger um
ein Ergebnis planmäßigen Sammelns, sondem vor allem
um den einmaligen Zugang eines Nachlasses, durch den Bibliotheksbestände
von drei in Augsburg tätigen Ärzten (Achilles Pirmin
Gasser, 1505-1577; Georg Hieronymus Weisch, 1624-1677; Johann
Ulrich Rumler, Anfang des 17. Jahrhunderts) erworben wurden.
Unter den 39 Inkunabeln der Rastatter Provenienz finden sich
allein 10 medizinische, die möglicherweise sämtlich
aus der genannten Quelle stammen. Sind doch allein drei
Bände mit insgesamt 5 Inkunabeln handschriftlich mit dem
Monogramm Rumlers (l. U. R. A.) versehen.
Über Achilles Pirmin
Gasser und die Bücher aus seinem Besitz in der Badischen
Landesbibliothek hat 1939 Gerhard Kattermann berichtet. Kattermann
hat 6 Drucke und 3 Handschriftenbände namhaft gemacht - alle
mit Gassers eigenhändigen Einträgen. Die 6 Drucke (eine
Inkunabel, 5 Titel des 16. Jahrhunderts) sind sämtlich als
Kriegsverluste zu beklagen. In zweien der geretteten Handschriftenbände
sind jedoch Drucke miteingebunden: Hs. Karlsruhe 1632 enthält
8 Drucke mit Editionen griechischer Autoren, in denen Gasser durchgehend
Annotationen bzw. Melanchthons lateinische Übersetzungen
beigefügt hat. Der Hs. Rastatt 36 ist eine Inkunabel komputistischen
Inhalts (Hain 5600), vorgebunden
( Abbildung 26).
Außer den bei
Kattermann verzeichneten Stücken gibt es noch einen weiteren
Druck, der sicherlich aus Gassers Bibliothek stammt, nämlich
ein gynäkologisches Werk von Matthias Cornax (Historiae duae
memorabiles, Augsburg 1555), der auf dem Titel eine Widmung an
Gasser eingetragen hat.
Zwei Bände mit dem typischen Rastatter
Einbandrücken, möglicherweise im.17. Jahrhundert in
markgräflichen Besitz übergegangen, lassen erkennen,
wie Zugänge aus der näheren Umgebung der Hofbibliothek
zu deren Bestandsvermehrung beitrugen. In beiden Fällen
handelt es sich um Baden-Badener Vorbesitz. Ein 1513 bei Grüninger
in Straßburg erschienenes Plenar, das besonders durch
seine schönen kolorierten Holzschnittillustrationen bemerkenswert
ist
( Abbildung 27),
zeigt auf den Vorsatzblättem zahlreiche private
Eintragungen aus Baden-Baden von 1569 bis 1608 (42 B 227 RH).
Das andere Stück ist ein kostbarer Sammelband, der 5 Inkunabeln und 3 Frühdrucke u. a. von Wimpfeling,
Jakob Lochner und Trithemius enthält. Bemerkenswert ist
vor allem die illustrierte Ausgabe des Columbus-Briefes von der
Entdeckung Amerikas, Basel 1494. Beide Bände müssen
zeitweilig - offenbar in Baden-Baden - der gleichen Bibliothek
angehört haben. Denn in beiden findet sich der gleiche charakteristische
Signaturentypus
(s. Abbildung 5b).
Während die Geschichte der beiden Hofbibliotheken im 17.
Jahrhundert weit eher durch große Verluste als durch Neuzugänge
bestimmt war, nahm die Entwicklung im 18. Jahrhundert einen weit
günstigeren Verlauf, besonders nachdem die Bibliotheken vereinigt
und die neue Hofbibliothek, der öffentlichen Nutzung zugänglich,
unter der bibliothekarischen Betreuung von Friedrich Valentin
Molter durch kontinuierliche Erwerbungen und durch den Zugang
größerer Sammlungen erheblich anwuchs. Aus dieser
Epoche ist manches erhalten, auch mehrere bedeutende Stücke,
die im folgenden beschrieben werden.
Zwei äußerlich völlig unscheinbare Bände
kommen aus berühmtem Vorbesitz und sind besonders durch die
handschriftlichen Einträge ihrer einstigen Besitzer sehr
wertvoll. Erst 1938 entdeckte Kattermann, daß das Werk
"Victoria adversus impios Hebraeos" des Salvagus Porchetus,
Paris 1520 (42 B 297 RH), aus Luthers Bibliothek stammt und mit
dessen Randnotizen versehen ist
( Abbildung 28).
Diesem ungewöhnlichen
Fund ist es sicher zu verdanken, daß diese Schrift des Porchetus
- eine wichtige Quelle für Luthers Publikationen über
die Juden - heute noch in der Badischen Landesbibliothek erhalten
ist. Bücher aus Luthers Bibliothek sind sehr selten. Ohne
den Karlsruher Band konnte Kattermann insgesamt nur 16 Titel benennen.
Luthers Sohn Paul schenkte das Porchetus-Handexemplar seines Vaters
dem Wittenberger Professor Heinrich Moller, dessen diesbezügliche
Notiz sich oben auf dem Titelblatt befindet. Auf der gleichen
Seite hat auch Herrmann von der Hardt (1660-1746), der spätere
Besitzer, seinen Namen notiert. Aus der bedeutenden Bibliothek
von der Hardts konnte Molter 1796 bei einer Versteigerung u. a.
eine bemerkenswerte Briefsammlung, aber auch wertvolle Drucke
wie den Porchetus erwerben.
Ein Band aus der Bibliothek und mit dem bekannten Exlibris des
großen Bücher- und Handschriftensammlers Konrad Zacharias
von Uffenbach (1683 -1734) ist eine 1550 in Genf erschienene Ausgabe
von Werken des Clemens von Alexandrien (42 C 15 R,
Abbildung 29).
Ein ebenfalls namhafter Vorbesitzer ist auf dem Titelblatt vermerkt
("Ex libris Henrici Stephani bibliothecae"). Es handelt
sich hier sehr wahrscheinlich um den eigenhändigen Eintrag
des bekannten Genfer Druckers Henri Estienne (1528-1598), der
neben zahlreichen anderen griechischen Autoren eben auch Clemens
von Alexandrien gedruckt hat. Das Karlsruher Exemplar zeichnet
sich vor allem noch durch eine Fülle von meist textkritischen
Annotationen aus, die Estienne selbst hier eingetragen hat.
Schon äußerlich als Zimelie erkennbar ist ein ungewöhnliches
Exemplar des bekannten Turnierbuches Georg Rüxners, das 1530
in Simmern erschien (42 C 39 RH). Das ohnehin sehr aufwendig
in der sog. Theuerdanktype gedruckte und reich illustrierte Werk
liegt hier in einer einzigartigen Sonderausstattung vor. Sämtliche
Holzschnitte sind hervorragend in Farben und Gold koloriert
( Abbildung 30).
Darüber hinaus sind die Blattränder an vielen Stellen
mit Ranken, Blumen, Vögeln farbig bemalt, besonders im Bereich
der Initialen.
Hinzu kommen weitere auffällige Besonderheiten: Das Titelblatt
- und zuvor nur dieses - ist ein Pergamentblatt. Auf der Rückseite
findet sich anstelle des Wappenholzschnitts eine ganzseitige,
sehr qualitätvolle, in Deckfarbenmalerei und Gold ausgeführte
Miniatur, die das Wappen Karls V. darstellt
( Abbildung 31).
Sie ist
oben mit "1531" datiert. Auff'ällig ist ferner
das Fehlen eines Blattes (Bl. 8, nach der Vorrede) mit dem Wappen
des Herzogs Johann II. von Pfalz-Simmern, dem das Werk gewidmet
ist. Offenbar handelt es sich hier nicht um einen zufälligen
Verlust, sondem um eine bewußte Weglassung: Das Wappen des
Herzogs Johann sollte nicht mit dem des Kaisers konkurrieren.
Aufschlußreich ist auch der Einband. Der rote Samtbezug
und die Brokatpapiervorsätze gehören zweifellos dem
18. Jahrhundert an und könnten in Karlsruhe entstanden sein.
Die vergoldeten Silberbeschläge jedoch - je 4 Eckstücke
und je ein Medaillon in der Mittel der Deckel - stammen aus dem
16. Jahrhundert. Sie wurden bei der Erneuerung des Einbandes
wiederverwendet. Das Medaillon des Vorderdeckels zeigt den thronenden
Christus mit der Umschrift: "IHESVS CHRISTVS AIN KVNIG IN HIMEL VND DER ERDEN. 1550". Auf dem hinteren Deckel ist in Herrscherpose
Karl V. zu sehen. Hier lautet die Umschrift: "VON GO'TTES GNADEN KAROLVS DER V. RÖ. KAISER WART GEBORN IM 1500".
Alle die bemerkenswerten Besonderheiten des ungewöhnlichen Stückes fügen sich schlüssig zu einem Gesamtbild. Es liegt nahe, daß es sich um ein für Karl V. persönlich gefertigtes Luxusexemplar
handelt. Aber wie konnte dieses in die badische Hofbibliothek gelangen? Unten auf der Titelseite gibt es einen schon stark verblaßten Kaufvermerk: Franz Anton Freiherr Segesser v. Brunegg, der hier unter seinen diversen Titeln und Ämtern auch das Amt des Obristhofmeisters der verwitweten Markgräfin (Maria Josepha) von Baden-Baden nennt, notiert, daß er das kostbare Werk am 29. April 1775 für 50 (oder 500?) Gulden in München erworben hat, vielleicht im Auftrag der Markgräfin, die 1776 verstarb. Möglicherweise schon bald nach diesem Datum könnte das Turnierbuch der Hofbibliothek zugewiesen worden sein.
Zwei weitere wertvolle Stücke enthalten keine direkten Hinweise auf ihre Geschichte. Da sie jedoch
Einbände des 18. Jahrhunderts haben, die keine Gemeinsamkeiten mit typischen Rastatter oder Karlsruher
Einbänden der Zeit aufweisen, dürften sie zum Bibliothekszugang des 18. Jahrhunderts gehören:
Eines der epochemachenden Werke in der Geschichte der neuzeitlichen Buchkunst
ist der 1517 erschienene sog. "Theuerdank", jene allegorische Schilderung der Brautfahrt und Werbung
Kaiser Maximilians I. um Maria von Burgund (42 C 36 RH). Der bibliophile Kaiser hat den Text teilweise
selbst verfaßt und für den Druck höchste technische und künstlerische Maßstäbe gesetzt. Ein Teil der
Ausgabe wurde auf Pergament gedruckt, wozu auch das Karlsruher Exemplar gehört. Dieses zeichnet sich
ferner durch eine qualitätvolle Kolorierung der Holzschnitte aus, die von Leonhard Beck, Hans Burkmair
und Hans Schäufelein stammen
( Abbildung 32).
Der Theuerdank ist ein vielzitiertes Beispiel für drucktechnische und ästhetische Spitzenleistungen des
Buchdrucks. Daß auch diese nicht allen Ansprüchen gerecht werden können, zeigen die durch besondere
Ausstattung hervorgehobenen Exemplare. Eine Buchgattung, bei der besonders deutlich
wurde, daß das gedruckte Buch das handgeschriebene nicht in jedem Fall vollwertig ersetzen konnte,
war das Stundenbuch, jenes aus dem liturgischen Brevier abgeleitete Gebetbuch für Laien, das vor allem
für hochgestellte Persönlichkeiten lange nach Erfindung des Buchdrucks noch geschrieben und mit
Miniaturen und sonstigem Buchschmuck ausgemalt wurde. Erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts erschienen
in Paris die ersten gedruckten Stundenbücher. Sie waren in der Herstellung natürlich sehr viel billiger
als die handgefertigten, konnten mit diesen jedoch vor allem wegen der fehlenden farbigen Ausstattung
nicht konkurrieren. So bot sich der Ausweg an, die gedruckten Stundenbücher nachträglich auszumalen,
wobei unterschiedliche Wünsche der Käufer berücksichtigt werden konnten.
Insbesondere sind es die
großen ganzseitigen Illustrationen, die auf diese Weise ein mehr oder
weniger aufwendiges Kolorit erhielten. Nicht selten ist die Ausmalung von sehr hoher Qualität, so daß
die Illustrationen eher den Eindruck wertvoller Miniaturen vermitteln als den von kolorierten Metall-
oder Holzschnitten. Es kommt auch vor, daß der Bildschmuck im Druck großenteils ausgespart und vom
Miniator ganz unabhängig gestaltet wird. Ein derartiges Stundenbuch, auf Pergament gedruckt, ist aus
markgräflichem Bibliotheksbesitz erhalten (42 A 2123 RH,
Abbildung 33).
Es wurde um 1526 in der Offizin von Germain Hardouyn in Paris gedruckt und ist offenbar von größter
Seltenheit.
Im einzelnen nicht so kostbar, jedoch mit bemerkenswerten Hinweisen über ihre Herkunft versehen, sind
die folgenden Werke, die der Hofbibliothek in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts zugingen:
Ein Inkunabelband mit zwei Werken von Johannes Gerson (Dd 183)
enthält vorn den Eintrag Molters: "Bibliothecae publicae
Carlsruhanae obtulit Ring 1773". Der Schenkende ist der
Karlsruher Schriftsteller und badische Geheime Hofrat Friedrich
Dominikus Ring (1726-1809).
Aus dem Nachlaß des Geheimen Rats Rodolphe de Rochbrune
(gestorben 1799), der 1799 an die Hofbibliothek fiel, haben sich etwa
300 Kleinschriften erhalten, die mit Handschriften zusammengebunden
sind und diesem Umstand ihre Rettung verdanken. Diese Sammlung
ist wegen ihrer regionalhistorischen Schwerpunkte (Straßburg,
Elsaß, Oberrhein) von Interesse. Dar-über hinaus gibt
es zwei Bände mit Rochebrunes Exlibris (42 A 1827 R).
Mit ihren schönen goldgeprägten Supralibros fallen einige
Bände auf, die aus der Bibliotheca Palatina des Kurfürsten
Karl Theodor stammen. Allerdings ist wahrscheinlich nur einer
von diesen schon im 18. Jahrhundert nach Karlsruhe gelangt
( Abbildung 34).
Die übrigen, die den alten markgräflichen
Bibliotheksstempel nicht aufweisen, dürften erst um 1857
mit einem größeren Teil der Mannheimer Hofbibliothek
Karl Theodors nach Karlsruhe gekommen sein.
Die erhaltenen Bestände der markgräflichen Hofbibliothek
sind, wie sich gezeigt hat, von erheblicher Bedeutung. Als ganzes
sind sie von hohem bibliotheksgeschichtlichen Wert und repräsentieren
traditionelle Sammelschwerpunkte der badischen Hof- und Landesbibliothek.
Relativ hoch ist der Anteil der sowohl inhaltlich wie ausstattungsmäßig
bemerkenswerten Stücke. Diese recht positive Bilanz wird
freilich vor dem Hintergrund der enormen Kriegsverluste relativiert.
Gleichsam eine Ironie des Schicksals, besitzen wir noch den alten
Bibliothekskatalog, der die Fülle seltener und seltenster
Kostbarkeiten der einstigen Fürstenbibliothek nachweist.
Heute läßt sich besser als je zuvor das ganze Ausmaß
der Verluste ermessen, nachdem man sich fast 50 Jahre lang bemüht
hat, das Verlorene wiederzubeschaffen. Viele Stücke sind
so selten, daß schon deshalb die Erwerbungschancen pessimistisch
beurteilt werden müssen. Auf´s Ganze gesehen ist Pessimismus
freilich fehl am Platz. Es wird zwar voraussichtlich noch der
Arbeit von Generationen von Bibliothekaren bedürfen, bis
eine dem Stand vor der Brandkatastrophe in etwa vergleichbare
Sammlung älterer Literatur erreicht wird. Doch sind die
inzwischen bereits erzielten Erfolge durchaus beachtlich. Durch
Geschenke und vor allem durch kontinuierlichen Kauf, der in erster
Linie durch die vom Land Baden-Württemberg zur Verfügung
gestellten Sondermittel ermöglicht wurde, konnten viele Lücken
geschlossen werden.
Darüber hinaus war es möglich, etliche Spezialsammlungen
wie die Grimmelshausen-Sammlung Könneke-Koschlig oder die
Alchemiebibliothek des Alexander von Bemus zu erwerben, zu denen
es vor 1942 keine vergleichbaren Entsprechungen gab. Zweifellos
wäre eine ausschließlich auf die Wiederbeschaffung
vernichteten Bibliotheksgutes gerichtete Erwerbungsstrategie zu
einseitig. Es sollten auch die Chancen genutzt werden, das Spektrum
an älterer Literatur vielfältig zu erweitern, soweit
dies im Rahmen der Sammelaufgaben einer großen Landesbibliothek
sinnvoll erscheint.
Dr. Gerhard Stamm
aus:
Buch - Leser - Bibliothek : Festschrift der Badischen Landesbibliothek zum Neubau /
hrsg. von Gerhard Römer. - Karlsruhe : Badische Landesbibliothek, 1992.
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