Die Sammlung und Erschliessung regionaler Literatur
Sammelauftrag und Pflichtexemplarrecht
Die aus der Büchersammlung der badischen Markgrafen und Großherzöge
hervorgegangene Badische Landesbibliothek in Karlsruhe zählt
heute zu den größten Regionalbibliotheken der Bundesrepublik
Deutschland. Zu ihren wichtigsten regionalen Aufgaben gehört
die Sammlung und Erschließung der in der Region verlegten
bzw. der über die Region geschriebenen Literatur. Diesem
Auftrag kamen die Hofbibliothekare seit jeher nach; erstmals schriftlich
fixiert findet er sich in den Statuten von 1874, nachdem die
Bibliothek in die Verwaltung des Staates übergegangen war
und sich für die Bürger des Landes geöffnet hatte:
"Vollständig soll erworben werden die auf Baden bezügliche
Literatur." Wie wichtig diese Funktion selbst für die
Existenz der Bibliothek werden konnte, zeigte sich 1931, als der
Badische Landtag eine Sparkommission einsetzte, die angesichts
der schweren Wirtschaftskrise Sparvorschläge auszuarbeiten
hatte. Sie stellte nämlich fest, "daß neben 3
Hochschulbibliotheken für die Landesbibliothek kein Bedürfnis
mehr besteht. Es sei denn, daß dort die besonderen 'Landeseigentümlichkeiten'
gesammelt werden." Wäre die Regierung dieser Auffassung
gefolgt, bestünde die Badische Landesbibliothek heute als
eigenständige Einrichtung nicht mehr oder sie wäre zu
einer landeskundlichen Spezialsammlung geworden, vergleichbar
mit der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek in Kiel.
Wie stark die "badische Abteilung" wuchs, belegen folgende
Zahlen: Gegen Ende des 19. Jahrhunderts umfaßte sie mehr
als 18 000 Bände; 1929 zählte Theodor Längin 37
373 Bände und 11 532 (Bände) Zeitungen "heimatliches
Schrifttum", das damals zum am stärksten benutzten Fach
geworden war; und 1942, am Vorabend der Brandkatastrophe,
besaß die Bibliothek 69 700 Bände Badensia.
Unterstützung bei der Sammlung der regionalen Literatur erhielt
die Bibliothek durch ihr Recht auf Zensur- bzw. Pflichtexemplare,
doch dauerte es Jahrhunderte, bis diesbezügliche Verordnungen
und Gesetze tatsächlich griffen. Während die "Bücher-Censur-Ordnung"
von 1797 noch keine Pflichtabgabe an die Bibliothek forderte,
erwähnt eine Verordnung von 1807 zum ersten Mal die unentgeltliche
Ablieferung je eines im Inland gedruckten Werkes an die Hofbibliothek
und die zwei Universitätsbibliotheken Freiburg und Heidelberg. Diese Verordnung scheint
wenig befolgt worden zu sein, sie wurde
bald wieder aufgehoben, später wieder erneuert. Der Pflicht
zur Abgabe eines Freiexemplars wurde mal der Verleger und mal
der Drucker unterworfen. Insofern scheint das Pflichtexemplar
zunächst für den Bestandsaufbau wenig Bedeutung gehabt
zu haben, so daß es nicht verwundert, daß die Bibliothekare
schließlich auf ihr Freiexemplar verzichteten, weil dessen
Eintreibung die Kräfte der Bibliothek überstieg.
Größere Wirkung erzielten die Gesetze des 20. Jahrhunderts,
so 1936 das "Gesetz über die Abgabe von Freistücken
der im Lande Baden erscheinenden oder daselbst zum Druck gelangten
Druckwerke an die Badische Landesbibliothek", das Zuwiderhandlungen
mit Geld- oder Haftstrafe bedrohte. Oder das 1948 für Südbaden
erlassene Landesgesetz, das die Abgabe von zwei Freistücken
an die Universitätsbibliothek Freiburg bestimmte (von denen
eines für die Badische Landesbibliothek reserviert wurde).
1964 wurde das Pflichtexemplargesetz in das "Gesetz über
die Presse" eingebettet;
an die Stelle der Ablieferungspflicht trat die Anbietungsverpflichtung
für alle Druckwerke gegenüber der Landesbibliothek Karlsruhe
und der Landesbibliothek Stuttgart. Die heute gültige Regelung
stammt aus dem Jahre 1976, als ein neues "Gesetz über
die Ablieferung von Pflichtexemplaren an die Badische Landesbibliothek
in Karlsruhe und die Württembergische Landesbibliothek in
Stuttgart" erlassen wurde. Die Zahl von 21 000 Bänden
(ca. 30%) Pflichtzugang 1991 beweist die Bedeutung dieses Rechts.
Es dient jedoch nicht einfach der Vermehrung des Bestandes, sondern
ist zugleich Voraussetzung für die der Intention nach lückenlose
Sammlung des Regionalschrifttums und dessen Verzeichnung in der
Landesbibliographie Baden-Württemberg.
Die "badische Abteilung" der Landesbibliothek
Unmittelbar nach dem Brand der Badischen Landesbibliothek in der
Nacht vom 2. zum 3. September 1942 ist mit der Wiederbeschaffung
der Bücher begonnen worden. Auch wenn die einmal vorhanden
gewesenen Titel nicht immer ersetzt werden konnten, so besitzt
die Bibliothek heute doch wieder einen reichen Bestand an Badensia.
Die Neuzugänge sind anfänglich getrennt von den übrigen
Fächern aufgestellt, ab 1975 aber in den Normalbestand
integriert worden. Die Führung eines eigenen Systematischen
Kataloges wurde allerdings beibehalten. Anhand dieses Kataloges
mit der Bezeichnung O (= Oberrhein, Baden) konnten die Badensia
für das Handbuch der historischen Buchbestände ausgezählt
werden; die vor 1900 erschienenen Drucke belaufen sich auf über
10 000 Titel. Betrachtet man die gesamte Region des Oberrheins,
so wären die Titel über das Elsaß, die Pfalz und
andere angrenzende Gebiete zu berücksichtigen, die sich in
den übrigen Hauptabteilungen des Systematischen Kataloges
finden lassen. Schließlich enthalten auch die Sondersammlungen,
etwa die Bibliothek des Karlsruher Bismarck-Gymnasiums, die 1953,
1958 und 1970 in die Badische Landesbibliothek gelangte, Badensia;
diese ca. 300 Titel verteilen sich vor allem auf die Geschichte,
Literatur und Landesbeschreibung. Auch in der 1990 erworbenen
Schloßbibliothek von Bödigheim bei Buchen mögen
noch einige Badensia stecken.
Wie groß hingegen der Bestand an Württembergica ist,
läßt sich schwerlich bestimmen. Da sich die Karlsruher
Bibliothek nicht nur nominell, sondern auch hinsichtlich ihres
Sammelauftrags bis in die Nachkriegszeit als badische Landesbibliothek
verstand, ist die Literatur über den württembergischen
Landesteil in sehr unterschiedlicher Dichte vorhanden; was den
Altbestand betrifft - und der Begriff reicht in diesem Fall bis
in die Zeit nach 1945 -, so bestehen ganz erhebliche Lücken,
die sich wahrscheinlich erst nach dem Pflichtexemplargesetz von
1964, das das Recht auf Pflichtexemplare auf das ganze Bundesland
ausdehnte, allmählich schließen. Doch auch heute noch
verzichtet die Badische Landesbibliothek auf bestimmte Literaturerzeugnisse
aus den Regierungsbezirken Stuttgart und Tübingen.
Der Bestand läßt sich am besten nach der in der Badischen
Landesbibliothek generell geltenden Systematik beschreiben, die
auch dem System des badischen Katalogs zugrundeliegt und weiter
unten abgedruckt ist.
Den Fachgebieten voran gehen die Formalgruppen für bestimmte
Literaturgattungen. Unter diesen nehmen die Zeitschriften, von
den Fachzeitschriften und Jahrbüchern bis zu den Gemeindeblättern,
Schülerzeitschriften und Vereinsmitteilungen sehr großen
Raum ein. Daneben sind die Festschriften, Jubiläumsschriften,
Ausstellungskataloge und sonstige Gelegenheitsschriften zu nennen.
Im Hochschulbereich sind die beiden alten badischen Universitäten
Freiburg und Heidelberg sowie die ehemalige Technische Hochschule
Karlsruhe literarisch gut dokumentiert. Auch Schriften zu den
gelehrten Gesellschaften und den studentischen Verbindungen sucht
man nicht vergebens. Etwa gleich viele Titel findet man zum badischen
Schul- und Erziehungswesen sowie zu einzelnen Fächern und
Schulen, allen voran zu den Gymnasien des Landes.
Fast 1000 Titel Altbestand besitzt die Badische Landesbibliothek
zur Kirchengeschichte und zur Katholischen und Evangelischen Kirche,
beziehen sie sich nun auf das ganze Land oder auf einzelne Landesteile
wie die Kurpfalz, die Markgrafschaft Baden oder Vorderösterreich
oder auf das Erzbistum Freiburg, auf einzelne Gemeinden und Klöster.
Literatur zum Verhältnis zwischen Kirche und Staat ist ebenfalls
vertreten. In den letzten Jahren stark angewachsen ist die Literatur
über die Juden in Baden, wobei vor allem Lokalstudien dominieren.
Einen sehr großen Anteil an der Sammlung Badensia hat der
Bereich Staat, Recht und Gesellschaft, in dem auch der Altbestand
zahlreich ist. Von insgesamt 2100 vor 1900 erschienenen Titeln
beziehen sich 1150 Titel auf Staat und Recht (Gesetzessammlungen,
Verfassungsgeschichte, Einzelgesetze, Verordnungen). Neben dem
Staatsrecht findet man die Schriften zum Privatrecht und - in
jüngerer Zeit - eine große Zahl von Büchem zum
Verwaltungsrecht. Werke zur Politik und zur Gesellschaft werden
erst im 20. Jahrhundert zahlreicher.
Die Wirtschaft umfaßt relativ wenig Altbestand (ca. 500
Titel), ist aber insgesamt ein ebenso großes Fach wie das
Recht. Naturgemäß sind Schriften über die Industrie,
ihre einzelnen Zweige und über einzelne Firmen in Baden weniger
häufig zu finden als in Württemberg; dafür sind
die Landwirtschaft, vor allem Wein- und Tabakbau, gut dokumentiert.
An dieser Stelle kann auch die Literatur zum Verkehrswesen erwähnt
werden, mit Werken zur Rhein- und Bodenseeschiffahrt, zur Flößerei
sowie zu einzelnen Eisenbahnstrecken, wie z. B. der Höllentalbahn.
Die naturwissenschaftlichen Werke, darunter viele zur Geologie
und Landesnatur, sind meist jüngeren Datums, was insbesondere
auf die expandierende Literatur zum Umwelt- und Naturschutz zutrifft.
Das größte Einzelfach ist die Geschichte. Dies' gilt
sowohl für die jüngeren Bestandsschichten als auch für
den Altbestand, der etwa 1550 Titel zählt, die vorwiegend
dem 19. Jahrhundert entstammen, während die Ortsgeschichte
eher neuerer Herkunft ist. Sie umfaßt mit 40% der Geschichtsliteratur
ebensoviele Titel wie die Literatur über einzelne Persönlichkeiten,
seien sie adeliger oder bürgerlicher Herkunft, und zur Genealogie
und Familiengeschichte. Zum Bestand Geschichte gehört auch
die nach dem Zweiten Weltkrieg gekaufte Sammlung über den
angeblich badischen Abkömmling Kaspar Hauser. Daß einschneidende
geschichtliche Ereignisse, wie die Revolution 1848/49 gut dokumentiert
sind, versteht sich von selbst.
Die Volkskunde läßt sich teilen in häusliche und
wirtschaftliche Kultur, wobei viel Literatur über landestypische
Kleidung (Tracht) und Ernährung (Kochbücher) vorhanden
ist, und in gesellige Kultur und Brauchtum, wobei natürlich
die schwäbisch-alemannische Fastnacht dominiert. Die anthropologischen
Titel und die Bücher und Dissertationen zur Stammeskunde
und zum Volkscharakter findet man ebenfalls hier.
Ein großes Fach ist die Geographie; ihr Altbestand zählt
ca. 1000 Werke. Neben den Landesbeschreibungen und den historisch-topographischen
Beschreibungen der einzelnen Landesteile, Kreise und Orte sowie
den Reiseberichten sind die große Zahl der Bildbände
und der Reiseführer aller Art zu nennen. Einen großen
Umfang nehmen auch die Karten ein, von den topographischen Grund-
und Sonderkarten des Landesvermessungsamtes bis zu den Spezialkarten
und den Stadtplänen. Von den etwa 2000 vor 1900 gedruckten
Karten der Badischen Landesbibliothek bilden nicht wenige das
Oberrheingebiet ab.
Einen erheblichen Umfang nimmt die Belletristik und Literaturgeschichte
ein. Auch wenn sich das Wort vom Land der Dichter und Denker eher
auf Württemberg bezieht, so hat auch Baden einige bekannte
Namen hervorgebracht. Die Zeit des Humanismus und der Reformation
am Oberrhein ist mit zahlreichen älteren Werken vertreten.
Aus dem 17. Jahrhundert stammt J. J. C. Grimmelshausen;
die Badische Landesbibliothek besitzt einen bedeutenden Bestand
an Originalausgaben seiner Werke und sammelt darüberhinaus
Quellen der Barockliteratur. 70% der Bücher dieses Faches
sind Einzelwerke badischer Autoren, von denen Johann Peter Hebel
und Heinrich Hansjakob zu nennen sind. Erwähnt werden muß
auch der große Teil der Mundartliteratur.
Nicht unbeträchtlich ist der Umfang des Faches Kunst, wobei
die Baukunst und Architektur, in jüngerer Zeit ergänzt
um die Denkmalpflege, hervorzuheben sind. Aufgrund der zahlreichen
Kunstmuseen Baden-Württembergs und eines regen Ausstellungsbetriebes
auch außerhalb der
Museen besitzt die Badische Landesbibliothek einen reichen Bestand
an Ausstellungskatalogen. Demgegenüber ist die Musik bescheiden
vertreten, sieht man einmal von den Festschriften der vielen Musik-
und Gesangvereine des Landes ab. Diese werden ohnehin nur für
den badischen Landesteil gesammelt und archiviert.
Schließlich ist das Wehrwesen zu nennen, mit Literatur zu
einzelnen Regimentern und Festungen, über Waffen und Uniformen
und zu einzelnen Militärstandorten. An dieser Stelle findet
man auch Schriften zur Kriegsgeschichte, die im Systematischen
Katalog der Badischen Landesbibliothek aus der Geschichte ausgegliedert
wurde.
Lokale Bestandserschließung und -darbietung
Der Systematische Katalog der Badischen Landesbibliothek wurde
1942 nach dem Neubeginn der Bibliothek entwickelt, seine Wurzeln
reichen allerdings in das 19. Jahrhundert, in die Zeit Wilhelm
Brambachs, zurück. Er spiegelt das Übergewicht der Geisteswissenschaften
ebenso wider wie das Wissenschaftsverständnis seiner philologisch
geschulten Schöpfer.
Jede einmal festgelegte Systematik hinkt der realen Entwicklung
notwendigerweise hinterher. Dennoch ist es bemerkenswert, daß
die beiden Landesbibliotheken lange an ihrer regionalen Ausrichtung
auf Baden bzw. Württemberg festhielten und die Badische Landesbibliothek
erst 1988/89 ihren badischen Katalog zum baden-württembergischen
erweiterte. Mit der Ausdehnung des geographischen Berichtsraumes
verlief eine grundlegende Anpassung an die Wirklichkeit des Landes
parallel. So hatte sich, um einige Beispiele zu nennen, die Hochschullandschaft
des Landes seit den sechziger Jahren stark gewandelt; neue Hochschulen
waren gegründet worden, andere hatten ihren Namen geändert.
Deutliche Erweiterungen erfuhr das Recht mit seinen neuen Gebieten
wie dem Medienrecht, Umweltschutzrecht, Nachbarrecht usw. Neue
Bereiche wie der Umwelt-, Natur- und Landschaftsschutz oder die
Landes- und Regionalplanung sind in den letzten Jahren stark hervorgetreten.
Die O-Systematik mußte deshalb grundlegend geändert
und auch terminologisch überprüft werden; da sich der
Literaturanfall durch die Einbeziehung Württembergs mehr
als verdoppelte, war die Systematik entsprechend fein zu untergliedern,
um die einzelnen Klassen nicht zu unübersichtlich werden
zu lassen. Da auf der anderen Seite der Umfang der Systematik
auf diese Weise stark zugenommen hat, soll ein Schlagwortregister
dem Benutzer den Einstieg in die Klassifikation erleichtern. Die
etwa 600 Schlagwörter, die weitgehend den Systemstellenüberschriften
entsprechen, verweisen auf die Stelle(n) des Kataloges, an denen
Literatur zum gewünschten Thema zu finden ist.
Die O-Systematik präsentiert sich heute wie folgt:
| O | Formalgruppen für Periodika, Festschriften usw. |
| Oa | Hochschulen und Kultur |
| Oc | Erziehung und Bildung |
| Od | Kirchen und Religionsgemeinschaften |
| Oe | Recht und Politik |
| Of | Wirtschaft, Gesellschaft, Bevölkerung |
| Og | Gesundheit und Soziales |
| Oh | Landesnatur, Natur- und Umweltschutz |
| Ok | Geschicht |
| Ol | Volkskunde |
| Om | Geographie, Raumordnung |
| Oq | Sprache und Literatur |
| Ot | Kunst |
| Ox | Verkehr |
| Oy | Wehrwesen |
| Oz | Sport |
Diese Systematik ist auch für die Aufstellung der Baden-Württemberg-Literatur
im Lesesaal der
Badischen Landesbibliothek maßgebend geworden.
Als die Bibliothek im August 1987 den ersten Bauabschnitt ihres
Neubaus bezog, blieb der Lesesaal im Altbau bestehen. Um den Benutzern
auch im Neubau einen Raum für ungestörtes Arbeiten anbieten
zu können, wurde beschlossen, einen Lesebereich im dritten
Obergeschoß des Neubaus mit dem Namen "Studio Baden-Württemberg"
einzurichten. Die landeskundliche Literatur bot sich in einer
Landesbibliothek als Handapparat eines Speziallesesaals an. Doch
nicht nur Werke über BadenWürttemberg, sondern auch
schutzwürdige, nicht ausleihbare Bücher aus der Fernleihe
bzw. den eigenen Beständen konnten in dem neuen, ruhigen
Lesebereich, der über eine eigene Auskunft verfügte,
benutzt werden.
Sicherlich war das "Studio Baden-Württemberg" in
räumlicher Hinsicht nicht ideal untergebracht, handelte es
sich doch eigentlich um Magazinfläche, die erst in einer
späten Phase des Baufortschritts als Lesesaalfläche
umgewidmet wurde. Wegen mangelnder Isolierung stiegen die Temperaturen
im Lesesaal-Provisorium im Sommer häufig auf über 30°.
Nicht nur die Leser und die Bibliotheksmitarbeiter, sondern auch
die Bücher litten unter den Klima- und Lichtverhältnissen.
Dennoch war die Einrichtung eines Speziallesesaals für Baden-Württemberg-Literatur
eine zukunftsweisende Idee, die das vorübergehende Raumproblem
überdauerte. Nach Bezug des zweiten Bauabschnitts fand der
Lesesaal Baden-Württemberg in einem Nebenraum des Hauptlesesaals
ein neues und stilles, wenngleich auch nicht ganz ideales Domizil.
Vor allem fehlt den bisherigen "Studio Baden-Württemberg"-Benutzern
die spezielle Auskunft, die den Lesern während der Zeit des
Provisoriums eine beinahe individuelle Beratung zuteil werden
lassen konnte. Von dieser Aufsicht profitierten aber auch Ordnung
und Erhaltung der Lesesaalbestände.
Hinsichtlich des Bestandsaufbaus stand die Bibliothek anfangs
vor einem Dilemma. Daß die aus dem
Hauptlesesaal mitgenommenen 2348 Werke nicht ausreichten für
ein qualifiziertes Angebot und die
Ausschöpfung der vorhandenen Platzkapazität (10 000
Bände), ist evident. Doch sollte nun der
Ausbau des Lesesaals schnell und gründlich vonstatten gehen,
dann waren viele Baden-Württemberg-
Titel aus den offenen und geschlossenen Magazinen in den neuen
Lesesaal umzustellen, was zugleich bedeutete, ihren Ausleihstatus
zu verändern; Lesesaalbestände sind traditionell Präsenzbestände.
Oder sollte der Aufbau langsam mit Hilfe von speziell für
den Lesesaal erworbenen Zweitexemplaren durchgeführt werden,
was bedeutet hätte, den Benutzern über Jahre hinweg
viele nur mäßig gefüllte Regale anzubieten. Die
Entscheidung des Regionalreferenten fiel zugunsten des ersten
Weges, verbunden mit der Empfehlung, Ausnahmen vom Prinzip der
Präsenz großzügig zu gestatten. Die folgenden
Zahlen belegen den raschen Ausbau des Lesesaalbestandes bis 1989;
seitdem wächst der Bestand sehr viel langsamer; gegenüber
dem Ausgangsbestand hat er sich in vier Jahren vervierfacht:
| 1986 | 2.348 Bände |
| 1987 | 4.277 Bände |
| 1988 | 7.534 Bände |
| 1989 | 8.823 Bände |
| 1990 | 9.625 Bände |
| 1991 | 10.255 Bände |
Diese hohe Zahl hätte natürlich nicht erreicht werden
können, wenn die gewöhnlich für Lesesaal-Handapparate
geltenden engen Kriterien angewandt worden wären. Der Lesesaal
Baden-Württemberg geht über den Kanon an Nachschlagewerken
aller Art weit hinaus und ist deshalb schon eher mit einer Spezialbibliothek
oder einer Seminarbibliothek zu vergleichen. So präsentiert
er - im Unterschied zu den übrigen im Hauptlesesaal vertretenen
Fächern - auch komplette Zeitschriftenjahrgänge. Die
Einzelhefte des laufenden Jahrgangs, für die während
des vierjährigen Interims ein Zeitschriftenlesesaal eingerichtet
worden war, liegen nun beim jeweiligen Fach im Hauptlesesaal.
Auch ganze Reihen wurden aufgenommen und nicht zuletzt aus Gründen
einer übersichtlichen und ästhetischen Präsentation
geschlossen aufgestellt. Neben Nachschlagewerken und Periodica
findet der landeskundlich interessierte Benutzer auch viele Monographien,
die keine typische Lesesaalliteratur sind. Zu nennen sind hier
vor allem die Ortsgeschichten, die mittlerweile einen Umfang von
54 Regalmetern einnehmen, so daß das Ziel, alle 1100 Gemeinden
Baden-Württembergs zu dokumentieren, in greifbare Nähe
gerückt ist.
Als oberrheinische Regionalbibliothek darf die Badische Landesbibliothek
ihren Blick nicht an der Landesgrenze Baden-Württembergs
halt machen lassen. Der Lesesaal Baden-Württemberg berücksichtigt
deshalb nicht nur in besonderen Abteilungen die Region Mittlerer
Oberrhein einschließlich der Stadt und des Landkreises Karlsruhe,
sondern auch die Nachbargebiete, namentlich die Pfalz und das
Elsaß. Auch für diese Länder sind Reiseführer,
Kunstführer, Bildbände oder andere Nachschlagewerke,
z. B. zur Vorbereitung einer Exkursion oder Reise, vorhanden.
Selbstverständlich fehlen auch entsprechende Karten nicht;
ca. 350 Karten bietet der Lesesaal Baden-Württemberg an.
Darunter ist als großes Einzelwerk die geologische Karte
von Baden-Württemberg zu nennen.
Neben der Geographie, zu der auch die komplett vorhandenen Oberamts-
und Kreisbeschreibungen gehören, bilden die Kunstgeschichte
und die Landesgeschichte stark hervortretende Fächer. Letztere
bietet mit den vollständig aufgestellten Ortssippenbüchern
auch den Genealogen wichtige Grundlagenliteratur an. Das bei weitem
umfangreichste Fach ist Oe = Staat und Politik, finden sich hier
doch die badischen und württembergischen Regierungsblätter,
die Gesetzes- und Verordnungsblätter und die Gesetzessammlungen
Baden-Württembergs, außerdem die Protokolle der Badischen
Ständeversammlung und die Verhandlungen und Drucksachen des
baden-württembergischen Landtags, die alleine 25 Regalmeter
einnehmen. Neben die historische tritt die aktuelle juristische
Literatur, die den rechtswissenschaftlichen Lesesaalbestand im
Hinblick auf das Landesrecht ergänzt.
Wie sehr das Studio Baden-Württemberg angenommen wurde und
wie richtig deshalb die Entscheidung zu seiner Einrichtung war,
mögen abschließend folgende Benutzungszahlen belegen.
Schon im ersten vollen Öffnungsjahr 1988 wurde das Studio
von 11 749 Benutzern aufgesucht, 1989 von 12 982 und 1990 von
12 798. Im Jahre 1988 wurden 6165 Bände, in den beiden folgenden
Jahren 5532 bzw. 5816 Bände ausgegeben (Magazinbestellungen
und Fernleihen).
Die bibliographische Verzeichnung des regionalen Schrifttums
Die kontinuierliche Verzeichnung des Schrifttums über Baden kann auf eine lange
Tradition zurückblicken, die bis in das Jahr 1869 reicht. Damals begann die
jährliche Anzeige der neuen Literatur in der Zeitschrift für die Geschichte des
Oberrheins. Sie wurde 1924, als mit dem Erscheinen der badischen Bibliographie zu rechnen
war, eingestellt, aber zwischen 1936 und 1942 noch einmal aufgenommen.
Hintergrund des Bemühens um die Erfassung der landeskundlichen Literatur war der
große Aufschwung der Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert, der nicht nur in der
akademischen Forschung stattfand, sondern sich auch in der Gründung historischer Vereine
auf lokaler und regionaler Ebene sowie in der Etablierung historischer Kommissionen
ausdrückte. Die von den Ländern auf öffentlich-rechtlicher Grundlage
getragenen Kommissionen förderten neben großen wissenschaftlichen Projekten auch
viele bibliographische Unternehmungen. Dies gilt auch für die 1883 gegründete
Badische Historische Kommission, die sich 1908 dem Projekt einer badischen Bibliographie
annahm.
Zuvor war 1897/98 in zwei Bänden der erste Teil der Badischen Bibliothek erschienen,
die sich die "systematische Zusammenstellung selbständiger Druckschriften über
die Markgrafschaften, das Kurfürstentum und Großherzogtum Baden" zum Ziel gesetzt
hatte. Quellenbasis dieser von Walther Arnsperger und Karl Theodor Weiss konzipierten
Bibliographie waren die Sammlungen der Großherzoglichen Hof- und Landesbibliothek,
deren badische Abteilung damals mehr als 18 000 Bände umfaßte.
Während sich der erste Teil der Literatur zur Staats- und Rechtskunde widmete,
verzeichnete der 1901 erschienene, von Otto Kienitz und Karl Wagner bearbeitete zweite Teil
der Badischen Bibliothek die Literatur zur Landes- und Volkskunde und berücksichtigte
hierbei nicht nur Monographien, sondern auch Zeitschriften- und Zeitungsartikel,
Dissertationen und Programme. Dafür fehlen ihm im Unterschied zu Teil 1 ein Personen-
und ein Sachregister.
Beide Teile sind auch heute noch gelegentlich zu konsultieren, da namentlich Teil 1 durch die
Bibliographie der badischen Geschichte nicht gänzlich ersetzt worden ist. Allerdings
gelten die bibliographischen Angaben speziell des zweiten Teils als nicht immer
zuverlässig. Da die Badische Bibliothek den Ansprüchen der Wissenschaftler an eine
retrospektive Bibliographie nicht genügte, rief die Badische Historische Kommission 1908
die Bibliographie der badischen Geschichte ins Leben. Doch erst 1915, nachdem sich der
Historiker Friedrich Lautenschlager um die Bearbeitung der Bibliographie beworben hatte, kam
das Projekt richtig in Gang. Zugleich wurde Lautenschlager an der Universitätsbibliothek
Heidelberg angestellt, an der er 1919 zum wissenschaftlichen Hilfsarbeiter und 1925 zum
planmäßigen Beamten befördert wurde. Die Erfassungsgrundlage der Bibliographie
bildeten also die Bestände der Universitätsbibliothek Heidelberg, später auch
diejenigen der Badischen Landesbibliothek, des Generallandesarchivs, der Fürstlich
Fürstenbergischen Hofbibliothek und anderer Institutionen.
Aufgrund der schwierigen ökonomischen Situation in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg
verzögerte sich das Erscheinen des ersten Bandes der Bibliographie der badischen
Geschichte, der schließlich mit finanzieller Unterstützung der Notgemeinschaft der
deutschen Wissenschaft, der Vorläuferin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, 1929 und
1930 gedruckt werden konnte. Aus dem gleichen Grund erschien der zweite Band, ebenfalls in
zwei Teilen, erst 1933 und 1938. Während Band 1 die allgemeine politische Geschichte
Badens literarisch dokumentiert, widmete sich Band 2 den Hilfs- und Sonderwissenschaften.
Hierunter faßte Lautenschlager nicht nur die heute sogenannten historischen
Grundwissenschaften, sondern auch die Geschichte einzelner Fächer, von der Wirtschafts-
über die Literatur- und Kunstgeschichte bis zur Kirchen- und Rechtsgeschichte. Hier wird
deutlich, daß die Bibliographie in erster Linie für Historiker von Historikern
gemacht wurde und im Unterschied zu den modernen Landesbibliographien keine
Universalbibliographie war. Vollständigkeit strebte Lautenschlager nur "in der
Verzeichnung des für den Historiker wichtigen geschichtlichen Stoffes" an; mit seiner
Bibliographie verfolgte er ausdrücklich "wissenschaftliche Ziele".
Im April 1936 wechselte Lautenschlager als Direktor an die Badische Landesbibliothek, an der
er seine Tätigkeit als Bibliograph fortsetzte. Doch konnte er den orts- und
personengeschichtlichen Teil seiner Bibliographie nicht mehr vollenden. 1955 starb er. Die
zwei Jahre nach Entstehung des Bundeslandes Baden-Württemberg gebildete Kommission
für geschichtliche Landeskunde übernahm die Aufgaben ihrer Vorgängerin und
beauftragte 1955 Werner Schulz mit der Fortführung der Arbeiten an der Bibliographie der
badischen Geschichte. Nach einer durch Krieg und Nachkriegszeit bedingten Unterbrechung von 23
Jahren erschien schließlich 1961 als Band 3 der Bibliographie ein Nachtragsband zu den
beiden Vorkriegsbänden. Da Lautenschlager eine gleitende Berichtszeit gewählt hatte,
die möglichst eng an den jeweiligen Drucktermin heranrückte, galt es nun, eine feste
Berichtsgrenze zu ziehen, die das Jahr 1959 markierte. Hinsichtlich der Systematik und der
Auswahlkriterien hielt sich Schulz an seinen Vorgänger. Er traf jedoch die Entscheidung,
die einzelnen Einträge nicht mehr fortlaufend durchzunumerieren, sondern
"Veröffentlichungen über den gleichen oder verwandten Gegenstand unter einer
gemeinsamen Nummer" zu vereinigen.
Der vierte Band, 1963 erschienen, dokumentiert die von Lautenschlager nicht aufgenommene
Literatur der Volkskunde und Landeskunde bis zum Erscheinungsjahr 1959. Drei Jahre später
konnte in zwei Teilbänden Band 5 erscheinen, der das gesamte ortsgeschichtliche
Schrifttum versammelt, soweit es nicht bereits in den allgemeinen Teilen angezeigt worden war;
in diesen Fällen wurden Verweisungen statt Zweiteinträge vorgenommen. Das Werk kam
schließlich 1973 mit Band 6, ebenfalls in zwei Teilbänden, zu einem vorläufigen
Abschluß, da nun auch die personengeschichtliche Literatur veröffentlicht war.
Berücksichtigt wurden alle "badischen Persönlichkeiten", sofern sie vor 1959
verstorben waren.
Als letzter Band der Bibliographie der badischen Geschichte hätte nun das Register
für alle vorliegenden Teile folgen können; das Manuskript für das
Verfasserregister zu den 19 000 Literatur stellen der ersten beiden Teile hatte bereits
Lautenschlager erstellt, doch war es 1945 beim Einmarsch der Franzosen zerstört worden.
Die durch die Gebietsreform veranlaßte Entscheidung der Kommission für
geschichtliche Landeskunde, ab Berichtsjahr 1973 die badische und die württembergische
Bibliographie zur Landesbibliographie von Baden-Württemberg zu vereinen, verhinderte
allerdings diesen Plan. Denn nun galt es, zunächst einmal die Berichtslücke von
1960 bis 1972 zu schließen. Dieses Ziel wurde erreicht durch Band 7 (1976) für
die allgemeine Literatur, inhaltlich somit den Bänden 1 bis 4 entsprechend, und durch
Band 8 (1979) für die orts- und personengeschichtliche Literatur, somit die Bände 5
und 6 fortführend. Sowohl quantitativ als auch inhaltlich boten diese Bände jedoch
mehr als ihre Vorgänger: Zum einen hatte nach dem fortschreitenden Zusammenwachsen der
beiden Landesteile die Zahl der Baden-Württemberg behandelnden Arbeiten stark zugenommen,
zum anderen waren bislang kaum in Erscheinung getretene Sachgebiete nun mit eigenen
Systematikstellen zu berücksichtigen. Schließlich mußten jetzt auch die noch
lebenden Persönlichkeiten aufgenommen werden, da die Literatur über diese sonst
für immer unerfaßt geblieben wäre.
Nachdem jetzt das Material vollständig veröffentlicht worden war, konnte
endgültig das Register in Angriff genommen werden. Es wurde mit Hilfe der elektronischen
Datenverarbeitung und mit Unterstützung des Fachinformationszentrums Energie, Physik,
Mathematik in Leopoldshafen erstellt. Der 1984 als Band 9 erschienene Registerband (Autoren-,
Sach-, Fürstenregister) schließt das Gesamtwerk ab, das stets mit dem Namen seines
Begründers verbunden bleibt, obwohl es zum weitaus größeren Teil von dessen
Nachfolger geschaffen worden ist. Die Bibliographie der badischen Geschichte zählt 51 590
Nummern, hinter denen allerdings eine viel größere Anzahl von Titeln steht. Sie ist
damit fast ebenso umfangreich geworden wie die Bibliographie der württembergischen
Geschichte.
Das schwäbische Parallelunternehmen, 1891 durch die im selben Jahr gegründete
Württembergische Kommission für Landesgeschichte ins Leben gerufen, war jedoch
rascher vorangekommen als das badische. Es wurde begonnen von Wilhelm Heyd, dem späteren
Direktor der Königlichen Bibliothek in Stuttgart, und blieb immer mit seinem Namen
verbunden. Fortgeführt von Theodor Schön, Otto Leuze, Heinrich Ihme und Wolfgang
Irtenkauf erschienen zwischen 1885 und 1974 elf Bände, zum Teil aus zwei Halbbänden
bestehend, jeweils mit Register.
Die Vereinigung der beiden Regionalbibliographien zur Landesbibliographie, zwanzig Jahre nach
Gründung des Bundeslandes Baden-Württemberg, wurde durch die am 1. 1. 1973 in Kraft
getretene Gebietsreform verursacht, vermischte diese doch die historischen Grenzen der beiden
Landesteile und damit die geographischen Berichtsgrenzen der beiden Bibliographien. Zwar blieb
die Kommission für geschichtliche Landeskunde Herausgeberin der Bibliographie, doch
wandelte sich die Bibliographie nach der Zusammenlegung von einer stark historisch
geprägten Fachbibliographie zu einer modernen Universalbibliographie. Die
Berücksichtigung der bislang ignorierten Naturwissenschaften, aber auch der
Sozialwissenschaften, der Wirtschaft und der Gesellschaft, aller Bereiche staatlicher
Verwaltung und Fürsorge, des Umweltschutzes usw. schlug sich in einer
zeitgemäßeren Systematik nieder. Die traditionelle Dreiteilung in einen Allgemeinen,
einen Orts- und einen Personenteil blieb bestehen.
Zugleich wurde die Bearbeitung der Bibliographie zu einer Dienstaufgabe der Badischen und der
Württembergischen Landesbibliothek. Beide Häuser, der Sammlung der landeskundlichen
Literatur verpflichtet und mit dem Pflichtexemplarrecht ausgestattet, integrierten die
Bibliographiebearbeitung in ihren jeweiligen Geschäftsgang und erleichterten damit die
Erfassung und Auswertung des Materials. Zu den stark expandierenden Publikationen über
das Land zählte nun auch der Bereich der grauen Literatur, der bekanntlich bibliographisch
schwer zu kontrollieren ist. Auch setzte sich bald der zeitgemäße Gedanke durch,
nicht allein die wissenschaftliche oder wissenschaftlich relevante Literatur zu erfassen,
sondern größtmögliche Vollständigkeit anzustreben und dem Benutzer die
Auswahl zu überlassen. Schließlich wurde aus der retrospektiven eine laufende
Bibliographie; mit der Entscheidung, die Literatur künftig in Zweijahresbänden
anzuzeigen, konnte dem Wunsch nach Aktualität Genüge getan werden. Damit entsprach
die neue baden-württembergische Bibliographie den Forderungen, die man an eine moderne
Landesbibliographie richtet und die in den meisten Bundesländern umgesetzt worden sind.
In einer Hinsicht war der Neuanfang allerdings nicht erfolgreich: Die Ablösung der
konventionellen Herstellung der Bibliographie mittels eines Zettelmanuskripts durch ein
EDV-gestütztes Verfahren gelang in den siebziger Jahren noch nicht. Die Bibliotheken
verfügten damals weder über die erforderliche Hardware-Ausstattung noch über
ein geeignetes Programm noch über die notwendige EDV-Kompetenz. Auch gelang es Günter
Stegmaier, dem Bibliographiebearbeiter in der Zentralredaktion der Württembergischen
Landesbibliographie, seinerzeit nicht, einen leistungsfähigen EDV-Partner außerhalb
des Bibliothekswesens zu finden. Am weitesten gediehen die Kontakte mit der Zentralstelle
für Atom-Energie-Dokumentation in Leopoldshafen, der Vorläuferin des FIZ Karlsruhe;
doch der von dieser Institution 1974 produzierte Prototyp einer Landesbibliographie, komfortabel
hinsichtlich der zahlreichen Register, abschreckend in Bezug auf das Druckbild, überzeugte
die Kommissionsmitglieder nicht, zumal die Kommission ohnehin an der Einführung der EDV
kein Interesse hatte.
Die Bibliographie mußte schließlich in herkömmlicher Weise hergestellt werden.
Da durch die Suche nach einer Möglichkeit der Automatisierung viel Zeit verstrichen war,
erblickte die neue Landesbibliographie das Licht der Welt gleich mit dem Geburtsfehler einer
leichten zeitlichen Verzögerung: Band 1 für die Berichtsjahre 1973/74 erschien erst
1978. Mit den folgenden Bänden vergrößerte sich allerdings der Berichtsverzug
auf zunächst fünf Jahre (Band 2. 1975/76. 1981), dann auf sechs Jahre (Band 3.
1977/78. 1984, Band 4. 1979/80. 1986) und schließlich auf sieben Jahre (Band 5. 1981/82.
1989, Band 6. 1983-85. 1992). Zugleich vermehrte sich aber auch der Umfang der Bibliographie.
War 1973/74 mit 6745 Titeln noch dem Wunsch der Kommission nach einer Auswahlbibliographie
entsprochen worden, so kletterten die Nachweise schnell auf über 10 000 Nummern und lagen
beim Jahrgang 1981/82 schließlich bei 13 762 Titeln.
Einen weiteren Einschnitt in der Geschichte der bibliographischen Verzeichnung der regionalen
Literatur an der Badischen Landesbibliothek bedeutete das Jahr 1986, steht dieses Datum doch
für den Beginn der automatisierten Landesbibliographie. Mit den seit dem Berichtsjahr
1986 einsetzen den Jahresbänden vollzog sich auch ein personeller Wechsel, sowohl in der
Badischen als auch in der Württembergischen Landesbibliothek. Nachfolger von Werner Schulz
wurde Ludger Syré, Nachfolgerin von Günter Stegmaier Brigitte Schürmann. An
der arbeitsteiligen Erstellung der Bibliographie zwischen Karlsruhe und Stuttgart, wobei in
der Württembergischen Landesbibliothek seit 1973 die Zentralredaktion angesiedelt ist,
änderte sich nichts.
Der Anstoß zur Automatisierung erfolgte 1983, als der Landesausschuß für
Information, das paritätisch mit Mitgliedern des Landtags und der Landesregierung besetzte
Steuerungsgremium für das Landesinformationssystem (LIS), das Statistische Landesamt in
Stuttgart und die Württembergische Landesbibliothek mit der Einführung der EDV bei
der Landesbibliographie beauftragte und damit einen bereits zehn Jahre zuvor geknüpften
Kontakt reaktivierte. Die Badische Landesbibliothek, die das FIZ Karlsruhe als EDV-Partner
favorisiert hätte, wurde in das Projekt ebenfalls miteinbezogen. Das Statistische
Landesamt entwickelte in den folgenden Jahren ein Programmpaket, das sich vor allem an den
bereits im Rahmen des LIS existierenden Datenbanken orientierte.
Mit der Katalogisierung aller Titel in der Datenbank des Statistischen Landesamtes konnte in
der Badischen Landesbibliothek Ende 1987, in Stuttgart bereits ein Jahr früher, begonnen
werden. Nach Vollendung des Druckprogramms und nach umfangreicher Endredaktionsarbeit erschien,
abermals mit einem unerfreulichen Berichtsverzug, 1990 der Band 7 der Landesbibliographie
für das Berichtsjahr 1986. Er weist exakt 7000 Titel nach. Noch umfangreicher wurde
Band 8 (1987) mit mehr als 7800 Titeln.
Die Anwendung der EDV dient jedoch nicht allein der Produktion der gedruckten
Landesbibliographie. Vielmehr ist neben die Buchausgabe als zweite Version der
Landesbibliographie die Datenbank getreten, in der mittlerweile mehr als 38 000
Literaturstellen ab Erscheinungsjahr 1986 nachgewiesen sind. Vermittelt durch die Mitarbeiter
der Badischen Landesbibliothek haben die Benutzer nun die Möglichkeit, differenzierte
Suchanfragen an die Datenbank zu richten und sich alle gewünschten Zitate ausdrucken zu
lassen. Neben diese Form der Onlinerecherche soll ab 1992 eine vereinfachte Suche treten, die
allen Benutzern mit Btx-Anschluß an das Statistische Landesamt offen stehen wird.
Da der Nutzer der Datenbank zugleich die Signatur des betreffenden Dokuments erfährt, ist
eine Weiterarbeit in der Badischen Landesbibliothek, zum Beispiel in ihrem Lesesaal
Baden-Württemberg, leicht gemacht. Aufgrund ihrer hervorragenden Bestände und ihres
Systems der lokalen und regionalen Erschließung bietet die Badische Landesbibliothek
allen landeskundlich interessierten Besuchern ideale Arbeitsbedingungen an.
Dr. Ludger Syre
aus:
Buch - Leser - Bibliothek : Festschrift der Badischen Landesbibliothek zum Neubau /
hrsg. von Gerhard Römer. - Karlsruhe : Badische Landesbibliothek, 1992.
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