Badische Landesbibliothek
   


Blick in die Geschichte - 21. Juni 2002

Blick in die Geschichte

Clara Faisst - Gemälde

Clara Faisst

"Mit einem Flügel kann man ja nicht fliegen" - dieser Satz stammt nicht etwa von einem Vogelkundler, sondern von der Karlsruher Komponistin C. Faisst. Geboren ist sie hier am 22. Juni 1872 - gerade vor 130 Jahren - und sie starb hier am 22. November 1948. Als Pianistin, Musiklehrerin und Komponistin sowie als Dichterin wirkte sie in ihrer Heimatstadt. Ihre musikalische Ausbildung erhielt sie zunächst am Großherzoglichen Konservatorium in Karlsruhe, 1894 ging sie dann zum Studium nach Berlin an die Königliche Hochschule für Musik, wo Max Bruch einer ihrer Lehrer war. Seit 1901 ist sie als "Pianistin", später auch als "Tonkünstlerin" im Karlsruher Adressbuch verzeichnet.

C. Faisst hat vorwiegend Lieder komponiert, u. a. auf Texte von E. Geibel, G. Hauptmann, L. Uhland sowie auf eigene Gedichte. Viele der Lieder und der rund 10 Orgel- und Klavierwerke sind veröffentlicht. Die Künstlerin pflegte viele Freundschaften, u. a. zu Hans Thoma, dem Direktor der Kunsthalle in Karlsruhe, zum Dichter Hermann Hesse, sowie vor allem zu Musikern wie W. Furtwängler, J. Joachim und ihrem Lehrer M. Bruch.

Eine bis zum Tod der Komponistin andauernde Freundschaft bestand mit dem Arzt, Theologen und Musiker Albert Schweitzer. Die Verbundenheit in musikalischen Fragen muss sehr groß gewesen sein. Faisst schrieb am 5. März 1939 an Schweitzer:

"Ich vergesse die Stunden nie im Leben, als Sie einmal am späten Abend in mein Zimmer traten und ich Ihnen viele von meinen Liedern spielen u. singen durfte. [...]

Wie Sie mir damals zuhörten, u. beim Fortgehen um ein Heft der Lieder baten - das war eine solche Ermutigung und Ehre für mich, für die ich Ihnen immer dankbar bleibe. Das sind seltene Stunden im Leben des Künstlers [...] Gestern las ich in einem Musikkreis aus Ihrem Bachbuch vor. Ich spielte das Ital. Concert [von J. S. Bach]. Das ist so befreiend, so lebensstark, so klar, so beglückend froh. Glaubt man, daß dieses Werk vor 200 Jahren entstanden ist? Ach, was ist "Zeit" - rasch enteilend - solche Lebenswerke wie die unserer ganz großen Meister können nie veralten, denn sie sagen ja gerade jedem Zeitalter das, was es braucht! [...]

Wenn Sie jemals wieder einmal Abends, wie damals, in meinen Musikraum träten, dann würden Sie da 2 Flügel vorfinden, die mir Freunde schenkten. Mit einem Flügel kann man ja nicht fliegen, dazu braucht man schon zwei! Und da mir das Geld zum Reisen fehlt, ich meine zu solchen Reisen, nach denen ich mich sehne - so lasse ich mich von den Flügeln in "ferne Welten" tragen, wo alles groß, harmonisch, rein und erhaben ist. [...]

Meine Kunst hat hier eine feste kleine Zuhörerschar, die ich alle 4 Wochen zur Musik in meine Wohnung lade. Ich pflege die Werke unsrer großen Meister und spiele viel Bach - neben den andern Großen. [...]"

Weitere erhaltene Briefe an Freunde zeigen ein eindrückliches Bild der schwierigen Lebensumstände in Karlsruhe während und nach dem Zweiten Weltkrieg, die schlechte Ernährungslage und die Probleme beim Beheizen der Wohnungen in der zu einem Drittel sehr schwer zerstörten Stadt. In diesen Jahren verschlimmerte sich zudem der Gesundheitszustand der Künstlerin.

C. Faisst erlebte zwei Weltkriege. Diese Erfahrungen und die damit verbundenen Verluste von Angehörigen sowie weitere Entbehrungen haben ihr Leben stark geprägt. Die Musikerin war schwierigen äußeren Umständen ausgesetzt und dennoch fand sie als Komponistin und ausübende Künstlerin Anerkennung.

Erhalten hat sich ihr handschriftlicher und gedruckter Notennachlass in der Badischen Landesbibliothek. So kann ihr Werk heute wieder neu entdeckt werden.
Martina Rebmann


Erschienen in: Blick in die Geschichte.
Karlsruher stadthistorische Beiträge Nr. 55 (21. Juni 2002)
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