|
Beinahe wäre fast der gesamte musikalische Nachlass der Karlsruher Komponistin
Clara Faisst auf der Müllhalde gelandet - nur durch einen Zufall konnte er in
letzter Minute gerettet werden. Vor einigen Jahren fand ein Passant eine Leinenmappe
mit Autographen, Drucken (zum Teil Widmungsexemplare), Konzertprogrammen und sogar
Fotografien von Clara Faisst auf dem Sperrmüll in Karlsruhe-Durlach - sie wurde zum
Glück entdeckt und gerettet. Die Mappe stammte aus dem Nachlass von Grete Pohl, einer
Freundin der Musikerin, die in den letzten Lebensjahren zusammen mit Clara Faisst im selben
Haus wohnte. Im August 1993 wurde die Mappe der Badischen Landesbibliothek zum Kauf angeboten und ist dort nun
sicher unter der Signatur Mus. Hs. 1411 in der Musikabteilung verwahrt.
Was für Musikschätze dabei ans Licht kamen, zeigte sich erst kürzlich bei der Katalogisierung.
Vor allem Lieder für Klavier und Singstimme hat Clara Faisst komponiert, an die 100 haben sich
erhalten, daneben aber auch eine sehr anspruchsvolle Violinsonate und Werke für Klavier
und Orgel.
Geboren wurde Clara Faisst am 22. Juni 1872 hier in Karlsruhe, und sie besuchte zunächst die
Höhere Mädchenschule. Zum Musikstudium ging sie nach Berlin und kehrte um das Jahr 1900
in ihre Heimatstadt zurück. Die Adressbücher der Zeit verzeichnen sie als "Pianistin",
später auch als "Tonkünstlerin".
Karlsruhe war in der Vergangenheit nicht eben reich an Vertreterinnen und Vertretern der
komponierenden Zunft. Clara Faisst gehört zu den wenigen. Sie war daneben aber auch noch
ausübende Künstlerin. In ihrer Wohnung in der Kriegsstraße 75 sowie an verschiedenen
Konzertorten in der Stadt trat sie als Pianistin auf.
|
"Meine Kunst hat hier eine feste
kleine Zuhörerschar, die ich alle vier Wochen zur Musik in meine Wohnung lade. Ich pflege
die Werke unsrer großen Meister und spiele viel Bach - neben den andern Großen", schrieb
die Künstlerin in einem Brief an den Arzt und Theologen Albert Schweitzer im Jahr 1939.
Schweitzer wurde auch selbst Zeuge ihres Talentes. Faisst erinnerte sich: "Ich vergesse
die Stunden nie im Leben, als Sie einmal am späten Abend in mein Zimmer traten und ich
Ihnen viele von meinen Liedern spielen und singen durfte. Wie Sie mir damals zuhörten, und
beim Fortgehen um ein Heft der Lieder baten - das war eine solche Ermutigung und Ehre für
mich, für die ich Ihnen immer dankbar bleibe. Das sind seltene Stunden im Leben des Künstlers."
Doch lassen sich aus den erhaltenen Briefen Clara Faissts auch die großen Strapazen der Zeit
während und nach dem Zweiten Weltkrieg in Karlsruhe ablesen, denn die Komponistin blieb vor
zeitweiliger Evakuierung und sogar Einquartierung nicht verschont. Ihr Lebensmut wurde
offenbar durch Musik gestärkt. Im März 1946 schrieb sie aus der zu einem Drittel sehr
schwer zerstörten Stadt an Freunde: "Ich bin sehr tief in musikalische Tätigkeit versetzt,
Unterricht, Proben, Hausconcerte u.s.w. Aber solange ich so energiegeladen und froh bei
dieser mir so angepassten Tätigkeit bin, solange gefällt mir das Leben in den Ruinen hier!
Sie sollen im Vergleich mit Pforzheim und Bruchsal gar nicht so schlimm sein".
Doch den Verlust naher Angehöriger konnte sie nicht mehr verkraften. Ohne Nachkommen starb
sie am 22. November 1948 in ihrer Geburtsstadt. Ihr Werk ist jedoch für die Zukunft gerettet.
Martina Rebmann
|