Badische Landesbibliothek
   


Badische Neueste Nachrichten -
27. November 2002

Badische Neueste Nachrichten

Auf den Spuren der Karlsruher Komponistin Clara Faisst

Einen kostbaren Nachlass der Müllhalde entrissen

Mappe mit Autographen und Bildern wird jetzt in der Badischen Landesbibliothek aufbewahrt
Beinahe wäre fast der gesamte musikalische Nachlass der Karlsruher Komponistin Clara Faisst auf der Müllhalde gelandet - nur durch einen Zufall konnte er in letzter Minute gerettet werden. Vor einigen Jahren fand ein Passant eine Leinenmappe mit Autographen, Drucken (zum Teil Widmungsexemplare), Konzertprogrammen und sogar Fotografien von Clara Faisst auf dem Sperrmüll in Karlsruhe-Durlach - sie wurde zum Glück entdeckt und gerettet. Die Mappe stammte aus dem Nachlass von Grete Pohl, einer Freundin der Musikerin, die in den letzten Lebensjahren zusammen mit Clara Faisst im selben Haus wohnte. Im August 1993 wurde die Mappe der Badischen Landesbibliothek zum Kauf angeboten und ist dort nun sicher unter der Signatur Mus. Hs. 1411 in der Musikabteilung verwahrt.

Was für Musikschätze dabei ans Licht kamen, zeigte sich erst kürzlich bei der Katalogisierung. Vor allem Lieder für Klavier und Singstimme hat Clara Faisst komponiert, an die 100 haben sich erhalten, daneben aber auch eine sehr anspruchsvolle Violinsonate und Werke für Klavier und Orgel.

Geboren wurde Clara Faisst am 22. Juni 1872 hier in Karlsruhe, und sie besuchte zunächst die Höhere Mädchenschule. Zum Musikstudium ging sie nach Berlin und kehrte um das Jahr 1900 in ihre Heimatstadt zurück. Die Adressbücher der Zeit verzeichnen sie als "Pianistin", später auch als "Tonkünstlerin".

Karlsruhe war in der Vergangenheit nicht eben reich an Vertreterinnen und Vertretern der komponierenden Zunft. Clara Faisst gehört zu den wenigen. Sie war daneben aber auch noch ausübende Künstlerin. In ihrer Wohnung in der Kriegsstraße 75 sowie an verschiedenen Konzertorten in der Stadt trat sie als Pianistin auf.
"Meine Kunst hat hier eine feste kleine Zuhörerschar, die ich alle vier Wochen zur Musik in meine Wohnung lade. Ich pflege die Werke unsrer großen Meister und spiele viel Bach - neben den andern Großen", schrieb die Künstlerin in einem Brief an den Arzt und Theologen Albert Schweitzer im Jahr 1939. Schweitzer wurde auch selbst Zeuge ihres Talentes. Faisst erinnerte sich: "Ich vergesse die Stunden nie im Leben, als Sie einmal am späten Abend in mein Zimmer traten und ich Ihnen viele von meinen Liedern spielen und singen durfte. Wie Sie mir damals zuhörten, und beim Fortgehen um ein Heft der Lieder baten - das war eine solche Ermutigung und Ehre für mich, für die ich Ihnen immer dankbar bleibe. Das sind seltene Stunden im Leben des Künstlers."

Doch lassen sich aus den erhaltenen Briefen Clara Faissts auch die großen Strapazen der Zeit während und nach dem Zweiten Weltkrieg in Karlsruhe ablesen, denn die Komponistin blieb vor zeitweiliger Evakuierung und sogar Einquartierung nicht verschont. Ihr Lebensmut wurde offenbar durch Musik gestärkt. Im März 1946 schrieb sie aus der zu einem Drittel sehr schwer zerstörten Stadt an Freunde: "Ich bin sehr tief in musikalische Tätigkeit versetzt, Unterricht, Proben, Hausconcerte u.s.w. Aber solange ich so energiegeladen und froh bei dieser mir so angepassten Tätigkeit bin, solange gefällt mir das Leben in den Ruinen hier! Sie sollen im Vergleich mit Pforzheim und Bruchsal gar nicht so schlimm sein".

Doch den Verlust naher Angehöriger konnte sie nicht mehr verkraften. Ohne Nachkommen starb sie am 22. November 1948 in ihrer Geburtsstadt. Ihr Werk ist jedoch für die Zukunft gerettet.

Martina Rebmann

Clara Faisst - Musikzimmer
CLARA FAISST in ihrem Musikzimmer mit zwei Flügeln in der Karlsruher Kriegsstraße 75, aufgenommen vermutlich im Jahr 1940.
Foto: BLB
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