Badische Landesbibliothek
   


Clara Faisst

Clara Faisst wurde am 22. Juni 1872 in Karlsruhe geboren und starb am 22. November 1948 in Karlsruhe. Ihre Musikhandschriften werden in der Badischen Landesbibliothek unter den Signaturen Mus. Hs. 1400 und 1411 aufbewahrt, sie sind in RISM verzeichnet. Musikdrucke sind im Katalog plus nachgewiesen. Eine Nutzung der Musikhandschriften und Musikdrucke ist im Lesesaal Sammlungen möglich.

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Clara Faisst war ausübende Künstlerin und Musiklehrerin, Komponistin von mehr als 100 Liedern sowie von etwa 10 Orgel- und Klavierwerken.

Ihre musikalische Ausbildung begann bereits mit dem Schuleintritt. Vom 7. bis zum 9. Lebensjahr hatte sie Hamonielehreunterricht beim Konzertmeister des Großherzoglichen Hoftheaters in Karlsruhe, Carl Will (um 1812-1892), als damals jüngste Schülerin. Bis 1894 erhielt Faisst eine Musikausbildung am Großherzoglichen Konservatorium in Karlsruhe, anschließend ging sie zum Studium nach Berlin an die Königliche Hochschule für Musik. Dort war sie Schülerin von Ernst Rudorff (1840-1916), Robert Kahn (1865-1951), Woldemar Bargiel (1828-1897) und von Max Bruch (1838-1920), an dessen Meisterklasse für Komposition sie teilnahm. Im Anschluss an ihr Studium kehrte Clara Faisst nach Karlsruhe zurück, wo sie als Künstlerin und als Lehrerin wirkte.

Faisst hat vorwiegend Lieder komponiert, die auch in großer Zahl veröffentlicht worden sind.

Ihr Gesamtwerk weist 30 Opusnummern auf, wobei es sich bei den späteren Werken hauptsächlich um Instrumentalmusik handelt. Vieles erschien im Selbstverlag und wurde von verschiedenen Karlsruher Musikalienhandlungen in Kommission vertrieben. Manch ein Liederheft erfuhr auch eine zweite Auflage, teilweise dann mit einem Schmucktitelblatt in farbiger Ausführung. Zwanzig Lieder sind als Musikbeilagen in Zeitschriften veröffentlicht worden und hatten so eine weite Verbreitung. Die meisten Werke entstanden in den Jahren bis 1930. Ihre gedruckten Werke im Bestand der Badischen Landesbibliothek können recherchiert und im Lesesaal Sammlungen benutzt werden.


Clara Faisst - 5 Lieder
Fünf Lieder / für / eine Singstimme mit Pianoforte /
componirt von / Clara Faisst / Op. 3. Leipzig: Leuckart, um 1895 mit Widmung an "Herrn Professor Dr. Max Bruch" (BLB, Musikabteilung, Signatur M 6517 RH)



In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg hat Clara Faisst als Komponistin und als Interpretin von Klavierwerken Beachtung gefunden. Insbesondere sind Aufführungen ihrer Kompositionen in Karlsruhe belegt. Die allgemein schlechte Quellenlage zu Biographie und Werk Clara Faissts dürfte wohl mit ein Grund gewesen sein, weshalb die Künstlerin in der neueren Musikgeschichtsschreibung, aber auch in der Lokalgeschichtsschreibung bislang kaum beachtet wurde. Nur wenige Werke sind bislang auf Tonträgern erhältlich und ein einziges Werk ist in den letzten Jahren in einer Neuausgabe erschienen.

Von besonderer Bedeutung ist eine zeitgenössische Würdigung, die eine gute Einschätzung der Werke Clara Faissts wiedergibt:

"C. F. ist eine jener glücklich veranlagten Naturen, bei denen Seele und Verstand sich das Gleichgewicht halten. Ihre bedeutenden künstlerischen Gaben werden unterstützt von einer ausgezeichneten Allgemeinbildung und gründlichen Musikbeherrschung. Ihre Kompositionen tragen den Stempel wahrer, tiefer und gesunder Inspiration - die letztere Eigenschaft ist heutzutage selten geworden - die sich natürlich und lebendig auszudrücken versteht in ungezwungenen Formen und fester und doch feiner Linienführung. Eine besondere Energie und oft geradezu männliche Kraft, hinreißender Enthusiasmus und überschäumendes Leben klingt aus ihrer Musik. Gerade dieses Leben in seiner Ausdrucksfähigkeit läßt einen zu der festen Ueberzeugung kommen, daß hier eine Persönlichkeit ist, die etwas zu sagen hat und die nicht irgend ein mehr oder weniger geschickt fabriziertes "Produkt" darbietet. [...]"

(Zeitungsartikel als Ausschnitt erhalten, wohl um 1913 erschienen, aufbewahrt im Nachlass Clara Faisst, BLB, Musikabteilung, Mus. Hs. 1400,4, hierzu fehlen weitere bibliographische Angaben.)

Neben gedruckten Würdigungen zeigen vor allem private briefliche Lebenszeugnisse, dass Clara Faisst eine sehr sensibel auf ihre Umwelt reagierende Künstlernatur war. Von besonderem Interesse sind die vielfältigen Kontakte und Freundschaften, die zu bedeutenden Persönlichkeiten bestanden, dazu gehörten u. a. der Maler Hans Thoma, der seit 1899 Direktor der Kunsthalle und Professor der Kunstakademie in Karlsruhe war, sowie vor allem Musiker oder Musikwissenschaftler wie Wilhelm Furtwängler, Max Bruch und Willy Rehberg.


Eine bis zum Tod der Komponistin andauernde Freundschaft bestand mit dem Arzt, Theologen und Musiker Albert Schweitzer (1875-1965). Die Verbundenheit in musikalischen Fragen muss sehr groß gewesen sein. Faisst schrieb am 5. März 1939 aus Karlsruhe an Schweitzer:

"Ich vergesse die Stunden nie im Leben, als Sie einmal am späten Abend in mein Zimmer traten und ich Ihnen viele von meinen Liedern spielen u. singen durfte. [...] Wie Sie mir damals zuhörten, u. beim Fortgehen um ein Heft der Lieder baten - das war eine solche Ermutigung und Ehre für mich, für die ich Ihnen immer dankbar bleibe. Das sind seltene Stunden im Leben des Künstlers [...] Gestern las ich in einem Musikkreis aus Ihrem Bachbuch vor. Ich spielte das Ital. Concert. Das ist so befreiend, so lebensstark, so klar, so beglückend froh. Glaubt man, daß dieses Werk vor 200 Jahren entstanden ist? Ach, was ist "Zeit" - rasch ent-eilend - solche Lebenswerke wie die unserer ganz großen Meister können nie veralten, denn sie sagen ja gerade jedem Zeitalter das, was es braucht! [...]

Wenn Sie jemals wieder einmal Abends, wie damals, in meinen Musikraum träten, dann würden Sie da 2 Flügel vorfinden, die mir Freunde schenkten. Mit einem Flügel kann man ja nicht fliegen, dazu braucht man schon zwei! Und da mir das Geld zum Reisen fehlt, ich meine zu solchen Reisen, nach denen ich mich sehne - so lasse ich mich von den Flügeln in "ferne Welten" tragen, wo alles groß, harmonisch, rein und erhaben ist. [...]

Meine Kunst hat hier eine feste kleine Zuhörerschar, die ich alle 4 Wochen zur Musik in meine Wohnung lade. Ich pflege die Werke unsrer großen Meister und spiele viel Bach - neben den andern Großen. [...]

Ich grüße sie herzlich mit meinen guten Wünschen für Ihre Gesundheit und Ihre große Arbeitsleistung.

Wir sind alle unter Gottes Schutz und Führung - das ist mein fester Glaube, der allein mir Kraft verleiht! Ihre Clara Faisst."

(Brief verwahrt im Centre International Albert Schweitzer in Günsbach.)


Weitere Briefe von Clara Faisst an Freunde zeichnen ein eindrückliches Bild der schwierigen Zeitumstände in der Heimatstadt nach dem Zweiten Weltkrieg. In einem Brief vom Dezember 1945 berichtete die Komponistin über die schlechte Ernährungslage und Probleme beim Beheizen von Wohnungen in der zu einem Drittel sehr schwer zerstörten Stadt.

Die Gesundheit der Künstlerin verschlechterte sich in den letzten Jahren sehr - wohl nicht zuletzt durch die widrigen Lebensumstände - und Faisst starb im November 1948 im Alter von 76 Jahren.


Clara Faisst erlebte zwei Weltkriege. Diese Erfahrung und die damit verbundenen Verluste von Angehörigen sowie weitere Entbehrungen haben ihr Leben stark geprägt. Als Musikerin war sie schwierigen äußeren Umständen ausgesetzt und dennoch fand sie als Komponistin und ausübende Künstlerin Anerkennung. Erhalten hat sich ihr handschriftlicher und gedruckter Notennachlass in der Musikabteilung der Badischen Landesbibliothek. So kann ihr Werk heute wieder neu entdeckt werden.


Lied "Die Sennin"
(Text: Nikolaus Lenau), Autograph, Datierung: "August 41"
(BLB, Musikabteilung, Mus. Hs. 1400,7)
Clara Faisst - Lied "Die Sennin"


BIBLIOGRAPHIE:
  • Martina Rebmann, "Clara Faisst. Komponistin, Pianistin und Dichterin (1872-1948)", in:
    Lebensbilder aus Baden-Württemberg. Im Auftrag der Kommission für Geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg hrsg. von Gerhard Taddey [u.a.]. - Stuttgart : Kohlhammer. Band 23, 2010, S. 294-320.
  • Martina Rebmann, "Denn Fremdling sein ist Künstlers Los auf Erden". Zu Leben und Werk der Karlsruher Komponistin Clara Faisst (1872-1948), in:
    Musik in Baden-Württemberg. Jahrbuch, Bd. 8 (2001), S. 79-103; ausführliches Werkverzeichnis: S. 87-103.
  • "Soll sie dazu bestimmt sein, unwirksam zu vergehen?" - Die Karlsruher Komponistin und Dichterin Clara Faisst (1872-1948), in: Reiner Nägele und Martina Rebmann (Hrsgg.), Klangwelten : Lebenswelten - Komponistinnen in Südwestdeutschland; [eine Ausstellung der Badischen Landesbibliothek vom 6. Oktober 2004 bis 3. Januar 2005 und der Württembergischen Landesbibliothek vom 2. Februar bis 24. März 2005], Stuttgart : Württembergische Landesbibliothek, 2004, S. 150-177.
  • Martina Rebmann, "Clara Faisst", Internetdokument von MUGI = Musik und Gender im Internet
  • Martina Rebmann, "Auf den Spuren der Karlsruher Komponistin und Dichterin Clara Faisst (1872-1948) - Komponieren kann man allenfalls lernen - dichten in Tönen - nie!", in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins, Bd. 154 (2006), S. 517-555.
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