Badische Landesbibliothek
   


Schlösser Baden-Württemberg, Nr. 1-2001

Schlösser Baden-Württemberg

"...von den Tonmusen reich begünstigt"

Zum 200. Geburtstag des Donaueschinger Hofkapellmeisters Johann Wenzel Kalliwoda (1801-1866)
"Mit einem ausgezeichneten Talente für die Komposition verbindet er einen Grad von Virtuosität auf der Violine, der ihm bei mancher größeren Kapelle den ersten Rang gewiß unbestritten ließ. Dabei ist er ein fertiger Klavierspieler: 3 Talente, die man in diesem Grad von Ausbildung selten beisammen findet."

J. W. Kalliwoda, Lithographie von Gustav Schlick, um 1850
Johann Wenzel Kalliwoda

So wurden im Jahr 1822 die Vorzüge des jungen Komponisten Johann Wenzel Kalliwoda gelobt. Fürst Carl Egon II. (1796-1854) stellte den Musiker daraufhin als Fürstlich Fürstenbergischen Kapellmeister ein, und Kalliwoda sollte dann über 40 Jahre lang das Musikleben am Donaueschinger Hof bestimmen.

Zu dieser Zeit hatte die Musik am fürstenbergischen Hof bereits eine lange Tradition. Schon aus dem 16. Jahrhundert haben sich Nachweise über Musikausübung erhalten, so wurde am Hof von Graf Heinrich VIII. von Fürstenberg (1536-1596) u. a. das Lautenspiel gepflegt. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstand in Donaueschingen dann eine "Schauspiel-Liebhabergesellschaft", die sich aus Angehörigen des Fürstenhauses, aus Hofbeamten sowie Mitgliedern der einfachen Dienerschaft zusammensetzte. Neben Theaterstücken wurden häufig auch Opern aufgeführt, vor allem diejenigen von Wolfgang Amadeus Mozart und Carl Ditters von Dittersdorf waren äußerst beliebt.

Im Gebäude der fürstlichen Winterreitschule in der Nähe des Schlosses wurde 1784 ein veritables Hoftheater in spätbarocker Tradition eingebaut, das Platz für 555 Zuschauerinnen und Zuschauer bot. Die Auswahl der gespielten Stücke sowie die Leitung der Proben oblag in der Regel der damaligen Fürstin Maria Antonia (1760-1797), die teilweise dann auch selbst auf der Bühne stand.

Um das Jahr 1800 wurden die Zeiten unruhiger - die Napoleonischen Kriege verwüsteten auch fürstenbergisches Gebiet und es gab daher Jahre, in denen der Hof gar nicht in Donaueschingen weilte. Außerdem folgten rasch mehrere Regentenwechsel aufeinander. So trat erst wieder mit der Regierung Carl Egons II. seit 1817 eine größere Kontinuität ein. Dies kam auch der künstlerischen Tätigkeit am Hof zugute. Der junge Herrscher vermählte sich 1818 mit der badischen Prinzessin Amalie Christine (1795-1869), die wie er selbst als äußerst musikliebend galt. Obwohl die Ehe wohl nicht zuletzt aus politischen Erwägungen heraus geschlossen worden war - das Fürstentum Fürstenberg wurde 1806 mediatisiert und zum größten Teil dem Großherzogtum Baden zugeschlagen -, scheint es eine glückliche Verbindung gewesen zu sein.

J. W. Kalliwoda: Erste Partiturseite der Oper Christine von Wolfenburg
Autograph von J. W. Kalliwoda: Erste Partiturseite der Oper Christine von Wolfenburg (1828)

Der junge Fürst hatte bereits 1817 den aus Meßkirch, also aus fürstenbergischem Gebiet, stammenden Komponisten Conradin Kreutzer (1780-1849) als Hofkapellmeister engagiert. Diese Besetzung der Stelle erschien zunächst sehr glücklich: Kreutzer war bereits durch die Komposition großer und damals beliebter Opern bekannt geworden, daneben galt er als glänzender Klavierspieler. Schon bald scheint es dem Künstler in der kleinen Residenz jedoch zu eng geworden zu sein, 1822 verlangte er von Wien aus seine Entlassungpapiere, ein Akt, der einen Schlussstrich unter eine von Meinunsgsverschiedenheiten geprägte Beziehung zwischen Carl Egon und seinem Hofkapellmeister zog.

Sein Nachfolger im Amt, Johann Wenzel Kalliwoda, war bei Amtsantritt noch recht jung. Er war 1801 in Prag geboren und seine musikalische Begabung wurde früh erkannt und gefördert. Bereits mit zehn Jahren trat er in das neu gegründete Konservatorium in Prag ein. Mit 14 Jahren hatte er seinen ersten öffentlichen Auftritt als Geiger und das Abgangszeugnis aus dem Jahr 1816 vermerkte: "Kalliwoda hat ein entschiedenes Talent zur Instrumental-Komposition." Konzertreisen führten den jungen Musiker nach Linz und München, wo ihn auch Carl Egon hörte.

Nach dem Abschied Kreutzers bot der Fürst die Stelle des Hofkapellmeisters Johann Wenzel Kalliwoda an. Dieser erbat sich zunächst Bedenkzeit - außerdem wollte er noch rasch das eheliche Band mit der talentierten Prager Sängerin Therese Brunetti (1803-1892) knüpfen - trat dann aber seine neue Stelle, deren Beginn eigentlich erst auf den 1. April 1823 datiert war, bereits am 19. Dezember 1822 an. Das Paar war dem Fürsten umso willkommener, als die junge Ehefrau auch auf der Bühne mitwirken konnte. Denn Opern und Konzerte sollten nun wieder zahlreicher werden.

Der Anstellungsvertrag Kalliwodas weist die Pflichten und Rechte des Kapellmeisters aus: Zu den "Verbindlichkeiten" gehört es, "Die fürstliche Hofcapelle zu dirigiren. Eine bestimmte Kirchenmusik zu errichten. Eine Singschule zu errichten und ihr vorzustehen. Keinen Tag über den bewilligten Urlaub auszubleiben. Sich fernerhin dem SoloSpiel auf der Violine zu widmen. Nach Italien zu reisen. Am ersten April 1823 in Donaueschingen einzurücken, und die Capelle ungesäumt dann in den möglichst vollkommenen Stand zu setzen..."

Titelblatt des Drucks der Zweiten Symphonie von J. W. Kalliwoda
Titelblatt des Drucks der Zweiten Symphonie von J. W. Kalliwoda, 1829 erschienen und Carl Egon gewidmet

Als Vorteile Kalliwodas werden in dem Vertrag ausgewisen: "decretmäßige Anstellung als Capellmeister vom 1sten April an. Besoldung 1000 Gulden. Quartier, Garten, Holz oder Ersatz. Früchte aus der Kammer. Ein jährlicher ReiseUrlaub [...] von 2-3. Monath. Von dem Tage der angetretenen Reise monathlich 150 Gulden." Unterzeichnet wurde der Kontrakt von Carl Egon Fürst zu Fürstenberg am 11. Juni 1822 in Heiligenberg.

Kalliwoda musste sich also nicht nur um die Musik am Hof kümmern - Opernaufführungen, Konzerte (auch mit eigenem Violinspiel), Tafelmusik oder Musik anlässlich von geselligen Veranstaltungen im Freien - sondern war auch noch für die Kirchenmusik zuständig.

Die Einrichtung einer Singschule zielte wohl darauf ab, geeigneten Nachwuchs für das Hoftheater heranzubilden. Die Mahnung, immer rechtzeitig aus dem Urlaub zurückzukehren, wurde vermutlich aufgrund der schlechten Erfahrungen mit Kreutzer aufgenommen, der regelmäßig den bewilligten Urlaub weit überzog.

Erstaunlich sind die Verpflichtungen, sich dem Violinspiel zu widmen und eine musikalische Bildungsreise nach Italien zu unternehmen. Offenbar war Carl Egon daran gelegen, mit einem renommierten Hofkapellmeister und Violinvirtuosen glänzen zu können, der seine Ausbildung in Italien, dem klassischen Land der Musik, vervollkommnet hatte. Außerdem wurde Kalliwoda ein jährlicher Urlaub von zwei bis drei Monaten gewährt, den er dazu nutzte, seine Werke und sein Können einem größeren Publikum bekannt zu machen.

J. W. Kalliwoda, Gipsbüste, um 1860
 J. W. Kalliwoda, Gipsbüste, um 1860

Dazu bekam er von Carl Egon sogar eine Stradivari geschenkt, mit der er auf seinen Konzertreisen den Ruhm des kleinen Donaueschinger Hofes vermehren konnte. Häufig führten ihn diese Reisen nach Leipzig, wo er dann Verhandlungen mit dem Musik-Verlag C. F. Peters aufnahm, der viele seiner Werke druckte. Die Entlohnung von 1000 fl. jährlich war zudem gemessen an den Gehältern anderer Kapellmeister relativ hoch.

Kalliwodas Leben in Donaueschingen verlief insgesamt wohl in ruhigen Bahnen. Seine Familie vergrößerte sich im Lauf der Zeit auf acht Kinder, von denen jedoch nur sechs das Erwachsenenalter erreichten und nur ein Sohn eine musikalische Laufbahn einschlug: Wilhelm Kalliwoda (1827-1893) wurde badischer Hofkapellmeister in Karlsruhe.

Berichte von Musikzeitschriften aus dem 19. Jahrhundert bewerten die Leistungen J. W. Kalliwodas positiv. Sein Violinspiel wurde gerühmt: "So bewies der junge Künstler, dass er sein Instrument mit Kraft, Geschmack, Reinheit und bedeutender Kunstfertigkeit zu beherrschen weiss."

Kalliwoda komponierte viel, darunter neben herausragenden Werken auf dem Gebiet der Instrumentalmusik aber auch manches, das damals wie heute strengen Maßstäben nicht genügen kann. Seine frühen Orchesterwerke erhielten jedoch viel positive Kritik. 1829 war über die zweite Symphonie zu lesen: "Sie ist frisch und lebendig in der Erfindung, klar gedacht, geschickt durchgeführt und so voll instrumentiert, wie es den Zeiterfordernissen angemessen ist [...]. Druck und Papier sind schön, und der Preiss mässig."

Das Schloss zu Donaueschingen
Das Schloss zu Donaueschingen

Kalliwoda sei genau zwischen den beiden Klippen hindurchgesegelt, die die Gewässer der Symphonie nach Beethoven so unsicher machten: einerseits die Gefahr der Nachahmung des großen Komponisten, andererseits das Nichtgefallen beim Publikum, wenn eine Symphonie denjenigen von Beethoven zu fern stehe - beides damals beinahe unüberwindliche Hürden beim Komponieren eines Werkes in dieser Gattung.

Zu einer weiteren Symphonie schrieb kein Geringerer als Robert Schumann: "Über die Sinfonie von Kalliwoda, seine 5te, berichteten wir schon in einer kleinen Notiz, wie sie uns innig wohlgefallen habe; sie ist eine ganz besondere und, was die von Anfang bis zum Schluß sich gleichbleibende Zärte und Lieblichkeit anlangt, wohl einzig in der Sinfonienwelt."

Der Kapellmeister komponierte offenbar sehr rasch: "Vormittags setzte er sich an seinen Schreibtisch, nahm Feder und Papier zur Hand und nach wenigen Stunden waren sämtliche Möbel mit frisch beschriebenen Notenblättern bedeckt. Nach Tisch ging er ins Gasthaus 'Zum Schützen', um im Kreise einiger Freunde seinen Kaffee zu trinken. Nach seiner Rückkehr nahm er die inzwischen getrockneten Noten zusammen und schickte sie einem Mitgliede seiner Kapelle zur Abschrift und damit war die Sache für ihn abgetan. Während er komponierte, rauchte er ruhig seine Pfeife und erhob sich nicht ein einzigesmal vom Stuhle, um sich etwa der Mithilfe des Klaviers zu bedienen."

Kalliwoda erhielt zahlreiche Angebote, an anderen Orten zu lukrativen Bedingungen tätig zu sein, so aus Mannheim, Leipzig, Prag, Köln und Dessau. Er lehnte jedoch alle Angebote ab, wohl aus Dankbarkeit und Neigung zu seinem Dienstherrn.

Karlsruhe
Nachlass in der Landesbibliothek


Johann Wenzel Kalliwodas umfangreicher musikalischer Nachlass wird heute vollständig in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe verwahrt. Ein Teil kam schon 1939 in die Bibliothek, der andere Teil konnte dann 1999 im Zuge des Ankaufs der Musikalien der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek Donaueschingen erworben werden. Im Frühjahr 2000 erhielt die Badische Landesbibliothek aus Privatbesitz noch wichtiges Material zu Leben und Werk Kalliwodas. Dies steht nun der Öffentlichkeit zur Erforschung und musikalischen Aufführung zur Verfügung.

Insgesamt haben sich etwa 250 mit Opuszahlen versehene Werke sowie ungefähr 50 weitere Werke ohne Opuszahlen erhalten. Neben zwei Opern (Christine von Wolfenburg, 1828, und Blanda, oder die silberne Birke, 1847) hat Kalliwoda sieben Symphonien und 17 Ouvertüren sowie Messen und kleinere Werke der Kirchenmusik komponiert. Sein umfangreiches Schaffen weist jedoch auch Klaviermusik zu zwei und vier Händen auf. Mehr als 150 Lieder und zahlreiche Chöre haben sich erhalten - im Zentrum seines Schaffens standen jedoch besonders die Werke für Violine - sein eigenes Instrument.
Spätestens 1848 waren die ruhigen Zeiten für die fürstenbergischen Lande vorüber, der Hof floh vor revolutionären Übergriffen, obwohl sich Carl Egon stets sehr aufgeschlossen für die Wünsche seiner Untertanen gezeigt hatte. Der offenbar gekränkte Fürst zog sich auf seine böhmischen Besitzungen zurück und kam erst im Jahr 1853 wieder nach Donaueschingen zurück. In den Jahren der Abwesenheit des Hofes wurde kaum Musik aufgeführt, viele der Musiker suchten sich daher anderweitig Stellen. Zum Entsetzen aller brannte 1850 auch noch das Hoftheater ab, das in der Folge nie mehr aufgebaut wurde.

Kalliwoda hatte 1853 gerade mit der Reorganisation der Hofmusik begonnen als sein Gönner im folgenden Jahr starb. Da der neue Fürst, Carl Egon III. (1820-1892), nicht so sehr auf Musikausübung am Hof Wert legte, verlebte Kalliwoda die letzten Jahre dann zeitweilig in der badischen Residenz Karlsruhe, wo inzwischen auch einige seiner Kinder ansässig waren.

1858 war Kalliwoda ein letztes Mal in seiner Heimatstadt Prag, um das Konservatorium zu besuchen. Eine Zeitung berichtete damals über den Künstler: "Eine besondere Zierde der ältern Schule unseres Conservatoriums ist der ebenso bescheidene, liebenswürdige als von der Tonmuse reich begünstigte J. W. Kalliwoda, fürstl. Fürstenberg'scher Hofkapellmeister."

Im Frühjahr 1866 wurde Kalliwoda in den Ruhestand versetzt, bereits im Herbst desselben Jahres erlag er einem Herzschlag. Das Fürstenhaus ließ dem Komponisten 1902, also fast vierzig Jahre nach seinem Tod, im Schloßpark in Donaueschingen ein Denkmal setzen - auf dem Hauptfriedhof in Karlsruhe befindet sich sein Grab, in das er zusammen mit seiner Gattin gebettet wurde. Nicht zuletzt zeugt eine nach ihm benannte Straße in Karlsruhe von seinem Wirken in Baden.

Martina Rebmann
Adresse
Erbprinzenstraße 15, 76133 Karlsruhe
Postfach 1429, 76003 Karlsruhe
Telefonnummern und E-Mail-Adressen


Öffnungszeiten
Mo - Fr 9.00 - 19.00 Uhr,
Sa 10.00 - 18.00 Uhr

Lesesaal Sammlungen:
Mo - Fr 9.30 - 13.00 Uhr, 14.00 - 16.00 Uhr
Do 9.30 - 13.00 Uhr, 14.00 - 18.00 Uhr


Webseiten-Suche
  erweiterte Suche
Valid HTML 4.01! Valid CSS!