Wolfgang Amadeus Mozart und die Donaueschinger Musikaliensammlung
In einhundertvierundvierzig Umzugskisten kamen am Abend des 11. Novembers 1999 die Musikalien aus
der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek in Donaueschingen in der Badischen Landesbibliothek in
Karlsruhe an. Es war schon eine Stunde vor Schließung der Bibliothek und die Umzugskisten mussten
möglichst rasch in einen sicheren Bereich gebracht werden. Die Kisten enthielten Tausende von
Notenheften und -bänden: die Musikalien der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek in
Donaueschingen.
|
Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791): Briefunterschrift
"ihr ergebenster freund und diener Wolfgang Amadè Mozart"
30. September 1786
|
|
Mit 3.612 Handschriften und 3.920 Drucken zählt die Sammlung zu den umfangreichen.
Gleichzeitig gehört sie zu den wertvollsten und geschlossensten Musikbibliotheken aus Fürstenbesitz.
Dies hatte die Forschung schon lange erkannt: die Musikalien, die bis dahin in Donaueschingen
verwahrt worden waren, standen im Interesse der Musikwissenschaft, wie sie auch von Musikerinnen und
Musikern viel benutzt wurden. Und schon bevor die Musikwerke die Reise in ihren Kisten im Herbst
1999 angetreten hatten, sind die ersten Anfragen dazu in der Badischen Landesbibliothek
eingetroffen.
Die Musikalien aus Donaueschingen haben ihren Schwerpunkt in der Musik des letzten Viertels des 18.
sowie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dabei nehmen Werke von Wolfgang Amadeus Mozart
(1756-1791) eine besonders prominente Rolle ein: nicht nur in quantitativer Hinsicht - neun der
erwähnten Umzugskisten enthielten ausschließlich Musik von ihm -, sondern auch in qualitativer:
persönliche Beziehungen Mozarts zum Donaueschinger Hof hatten dort eine ganz besondere Pflege seiner
Werke nach sich gezogen.
So sind z. B. alle großen Opern Mozarts in Donaueschingen aufgeführt worden
- und die Noten davon haben sich in der Musikaliensammlung erhalten. Doch auch seine Sinfonien und
Instrumentalkonzerte, Kammermusik und Arrangements für die verschiedensten Besetzungen sind in
außergewöhnlich reichem Maße in der fürstlichen Sammlung vertreten.
Die engen Kontakte der Familie Mozart zum Donaueschinger Fürstenhof reichen weit zurück. Sebastian
Winter (1744-1815), ein gebürtiger Donaueschinger, reiste 1763 nach Salzburg - wahrscheinlich von
der bedeutenden Benediktineruniversität angezogen. Dort wurde er mit der Familie Mozart bekannt, die
den 19-jährigen Mann als Begleiter für die große, dreieinhalb Jahre dauernde Europareise von Leopold
Mozart (1719-1787), sowie seiner Kinder Wolfgang (7 Jahre) und Nannerl (12 Jahre) in Dienste nahm.
Die Kinder verstanden sich mit Sebastian Winter offenbar sehr gut und noch 23 Jahre später nennt
Wolfgang Amadeus Mozart ihn seinen "liebsten freund" und "gesellschafter meiner jugend" in einem
Brief, mit dem er ein Angebot an Noten nach Donaueschingen sandte.
|
W. A. Mozart,
Brief an
Sebastian Winter in Donaueschingen, Autograph, Wien, 8. August 1786,
mit einem Angebot an neuen
Kompositionen.
[als PDF, 622 kbyte]
|
Auf dem beigelegten Zettel sind insgesamt 12 Musikincipits verzeichnet, u.a. von vier Sinfonien, fünf Klavierkonzerten
und von Kammermusik aus den Jahren 1779 bis 1786. Die nicht durchgestrichenen Kompositionen wurden vom Fürsten in
Abschriften bestellt und sind zum größten Teil in der Notensammlung erhalten.
[als PDF, 871 kbyte]
Badische Landesbibliothek, Don Mus. Autogr. 44
Mozart kehrte zwar nie
mehr in die Residenz auf der Baar zurück, doch sandten sein Vater und er Notenpakete mit der
Postkutsche dorthin. Auch über die böhmische Verwandtschaft der Fürstenberger kam wichtiges
Notenmaterial von Mozart nach Donaueschingen: in Prag, wo Mozarts Don Giovanni 1787 uraufgeführt
wurde, entstand beim Kopisten Anton Grams eine Abschrift dieser Opernpartitur in zwei Bänden, die
nach Donaueschingen geschickt wurde und sich daher heute in der Musiksammlung befindet (Signatur:
Don Mus. Ms. 1386). Diese Abschrift wurde direkt nach der so genannten "Prager"- oder
"Donebauerschen"-Abschrift angefertigt (der Partitur, aus der Mozart die ersten Aufführungen des Don
Giovanni in Prag dirigierte), die den Stand der Komposition kurz vor der Generalprobe für die
Uraufführung der Oper am 29. Oktober 1787 in Prag widerspiegelt.
W. A. Mozart, Il dissoluto punito, ossia Il Don Giovanni (KV 527),
Partitur, Handschrift, Titelblatt des 1. Bandes, Prag, 1787
Badische Landesbibliothek, Don Mus. Ms. 1386/1
Wie üblich geriet
Mozart beim Komponieren in Zeitnot und soll einer Anekdote zufolge die Ouvertüre zum Don Giovanni
sogar erst in der Nacht vor der Generalprobe komponiert haben.
Die Donaueschinger Partitur ist nun in vielerlei Hinsicht bedeutsam: Zum einen fehlt darin ein
Stück, das Mozart erst so kurz vor der Uraufführung in Prag komponierte, dass es keine Aufnahme mehr
in die Partiturabschrift fand, obgleich sein Eintrag vorgesehen war, wie der Hinweis "Segue Aria di
Masetto." ["es folgt die Arie des Masetto"] beweist. Außerdem enthält sie Stellen, die Mozart kurz
vor der Aufführung noch änderte, zu einem Zeitpunkt, als die Kopie wohl schon angefertigt war.
Darüber hinaus hat die Donaueschinger Partitur quellengeschichtlich höchsten Wert, da sie
Bläserstimmen innerhalb der üblichen Partituranordnung für die beiden Finali enthält, die im
Autograph auf gesonderten Blättern notiert waren und heute verloren sind. Sie ist deshalb das
einzige authentische Zeugnis für die Absicht Mozarts, den Auftritt des Steinernen Gastes im Finale
des zweiten Aktes mit Posaunen zu unterlegen.
|
Ausschnitt aus der Donaueschinger Partitur des Don Giovanni, Band 2, Bl. 109v
Auftritt des "Comendatore" [sic] mit Einsatz der 3 Posaunen ("Tromboni")
Badische Landesbibliothek, Don Mus. Ms. 1386/2
|
Auch im Fall einer Bläserbearbeitung der Musik zu Mozarts Singspiel Die Entführung aus dem Serail
konnte durch Forschungen belegt werden, dass die Donaueschingen Bearbeitung der Harmoniemusik
(Signatur: Don Mus. Ms. 1392) direkt von Mozart selbst stammen muss. "Nun habe ich keine geringe
arbeit", schrieb Mozart an seinen Vater Leopold 1782 aus Wien. "Bis Sonntag acht tag muß meine Opera
auf die harmonie gesetzt seyn - sonst kommt mir einer bevor - und hat anstatt meiner den Profit
davon." Dass Mozart selbst und nicht ein anderer Bearbeiter das Singspiel Die Entführung aus dem
Serail tatsächlich "auf die harmonie" gesetzt hat und sich dies in der Donaueschinger Abschrift
erhalten hat, daran gibt es heute keinen Zweifel mehr.
|
W. A. Mozart, Die Entführung aus dem Serail (KV 384), Stimmen der Fassung für Harmoniemusik, Handschrift,
Titelblatt der Stimme des 1. Horns, um 1790
Badische Landesbibliothek,
Don Mus. Ms. 1392
|
|
Als drittes Beispiel sei die Herkunft der Stimmensätze der Sinfonie C-Dur (KV 338) genannt, die
Mozart vor dem Versand kritisch durchgesehen hat und die noch mit Tempoangaben versehen worden sind. Im Fall
der Linzer Sinfonie (KV 425) handelt es sich bei den Donaueschinger Quellen um die heute wichtigste
und authentischste Quelle für das Werk überhaupt, da Mozarts Partiturniederschrift verschollen ist.
W. A. Mozart, Sinfonie C-Dur (KV 338), Stimmen, Handschrift, Wien, 1786, Stimme der 1. Violine mit autographer
Eintragung von Mozart: "più tosto Allegretto."
Badische Landesbibliothek, Don Mus. S. B. 2 Nr. 10
Hier wie an weiteren Stellen zeigt sich der außergewöhnliche Quellenwert der Donaueschinger
Mozart-Materialien, die daher selbstverständlich auch bei der wissenschaftlich kritischen Forschung
im Rahmen der Neuen Mozart-Ausgabe
herangezogen worden sind.
Nirgendwo sonst haben sich in Deutschland so viele Mozart-Handschriften erhalten, die eine solch
frühe und intensive Auseinandersetzung mit dem Komponisten durch seine Zeitgenossen belegen. Daher
bietet diese Musikaliensammlung Einmaliges.
>>> Das könnte Sie auch interessieren:
in der Badischen Landesbibliothek:
|