Momente - Beiträge zur Landeskunde
Baden-Württemberg - 04/2005
"...die Praecision und der grosse Effect dieses kleinen Orchesters"
Fast alle Fürstenhöfe pflegten im 18. Jahrhundert ein mehr oder weniger reges Musikleben. Dass ein
Fürstensitz auch im 19. Jahrhundert ein Zentrum der Musik blieb, ist schon etwas Besonderes.
Im Fall der Fürsten von Fürstenberg
trug das Interesse an der Musik noch im 20. Jahrhundert Früchte. Mozart, List
und Hindemith - die Namen zeugen von der erstaunlichen Anziehungskraft Donaueschingens
für Musikschaffende aller Zeiten.
"Der Herzog von Fürstenberg, ist ein grosser Liebhaber und Beschützer der Musik. Alle deutsche [!]
Virtuosen sind sicher, bey ihm zum Gehör zu gelangen, und nach ihrem Verdienste belohnt zu werden" -
so beschrieb der englische Musikschriftsteller Charles Burney (1724-1814) die Situation der Musik am
Hof zu Donaueschingen.
Der Ruf Donaueschingens und der dort regierenden Fürsten zu Fürstenberg - die Herzogswürde hatten sie
entgegen der Ausdrucksweise Burneys nie beansprucht - war in den 15 Jahren seit der Gründung einer
kleinen Hofkapelle bereits weit verbreitet. Doch die glänzendsten Zeiten des Donaueschinger Musiklebens
begannen gerade erst: sie sollten dann bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts dauern.
Eine erste Blüte erlebte das fürstenbergische Musikleben unter Fürst Joseph Wilhelm Ernst (1699-1762).
Er hatte Residenz und Verwaltung des 1716 in den Reichsfürstenstand erhobenen Hauses im Jahr 1723
nach Donaueschingen verlegt. Ein Höhepunkt fiel dann in die Regierungszeit des Fürsten Joseph
Wenzel (1728-1783). Sofort nach seinem Regierungsantritt im Jahr 1762 gründete er eine Hofkapelle,
die dreimal wöchentlich Kammermusikkonzerte veranstaltete. Häufig stellten hier durchreisende Künstler
ihr Können unter Beweis.
So waren im Herbst 1766 auch Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), sein Vater
Leopold und seine Schwester Nannerl auf der Rückreise von Zürich kommend Gast im Donaueschinger
Schloss. Leopold Mozart berichtete in einem Brief über diesen Aufenthalt:
"S:e
Durchleucht der Fürst empfiengen uns ausserordentlich gnädig; wir hatten nicht nöthig uns zu melden.
Man erwartete uns schon mit Begierde ... Kurz, wir waren 12. Täge da. 9. Täge war Music von 5. Uhr
Abends bis 9. Uhr; wir machten allzeit etwas besonders. Wäre die Jahrszeit nicht so weit vorgerücket,
so würden wir noch nicht loos gekommen seyn. Der Fürst gab mir 24. louis d´or, und iedem meiner Kinder
einen diamantenen Ring; die Zächer flossen ihm aus den Augen, da wir uns beurlaubten, und kurz wir
weinten alle beym Abschiede; er bath mich ihm oft zu schreiben, und so höchst vergnügt unser
Aufenthalt war, so sehr traurig war unser Abschied."
W. A. Mozart, "Galimathias musicum" (KV 32),
Stimme der ersten Violine, Abschrift.
Der 10-jährige Wolfgang Amadeus hat eigens für den Fürsten, der ein ausgezeichneter Cellist
gewesen sein soll, Solowerke für Violoncello komponiert, die heute leider verschollen sind. Erhalten
hat sich in der Donaueschinger Musikaliensammlung dagegen die Abschrift des "Galimathias musicum",
eines musikalischen Potpourris für "2. Violini. 2. Oboe 2. Corni, Viola Cembalo con Fagotto è Violone
obligati Del Sig: Wolfganggo Mozart Compositore di 9. Anni à la Haye / nel mese di Marzo 1766." Mozart
hatte das Musikstück also schon im selben Frühjahr in Den Haag geschrieben, doch die Donaueschinger
Abschrift enthält als einzige Quelle dieses Werkes einen Hinweis darauf, welchen Gassenhauer der
junge Komponist hier verarbeitet hat. In der Stimme der ersten Violine ist beim neunten Stück der
Text unterlegt: "Eitelkeit! Eitelkeit! Ewigs Verderben! Wenn alls versoffen ist, gibt´s nichts
zu Erben." - eine sicherlich richtige Einsicht.
Eifrige Notensammler in Donaueschingen
Die Werke Mozarts - insbesondere Opern, Sinfonien und Klavierwerke - wurden am Donaueschinger
Hof außerordentlich geschätzt und obwohl der Komponist es auf seinen zahlreichen weiteren Reisen
nicht mehr schaffte, die Residenz auf der Baar erneut zu besuchen, sandte er doch noch viele Werke
in Abschriften dorthin. Vermittelt wurden diese durch Sebastian Winter (gest. 1815), der aus
Donaueschingen stammte und 1764 ein halbes Jahr lang in den Diensten der Familie Mozart gestanden
hatte. Er wurde später Kammerdiener des Fürsten zu Fürstenberg und war dabei auch für die
Beschaffung von Notenmaterial zuständig. Durch ihn erhielt das Fürstenhaus in den 1780er-Jahren
unter anderem Noten aus Wien, Salzburg, Prag, Augsburg, Ulm, Stuttgart, Tübingen, Wallerstein, Karlsruhe,
Mannheim, Frankfurt und Lyon zugeschickt.
Briefe und Notenpakete reisten von Ort zu Ort und auch Mozart war bestrebt, dem Fürsten Josef
Maria Benedikt (1757-1796) über Sebastian Winter seine neuesten Kompositionen anzutragen. In einem
Brief an Sebastian Winter bot Mozart dem Fürsten an, er möge Sinfonien, Quartette und Konzerte bei ihm
bestellen und ihm dafür "eine bestimmte Jährliche Belohnung" bezahlen. Das
Fürstenhaus würde dadurch
schneller mit neuesten Musikalien bedient werden und Mozart selbst könne, da er ein sicheres Einkommen
hätte, ruhiger arbeiten. Die Vereinbarung, Mozart als Hofkomponisten anzustellen, wurde leider nicht
geschlossen.
Brief aus Wien vom 8. August 1786 an Sebastian Winter: W. A. Mozart bietet ihm seine
"Neuesten geburten" an. Auf dem Zettel sind insgesamt 12 Musikincipits (Anfänge von Musikstücken)
verzeichnet, u.a. von vier Sinfonien, fünf Klavierkonzerten und von Kammermusik aus den
Jahren 1779 bis 1786. Die nicht durchgestrichenen Kompositionen wurden in Abschriften bestellt und
sind zum größten Teil in der Notensammlung erhalten.
Bereits seit 1773 bestand am fürstenbergischen Hof eine ständige Schauspiel-Liebhaber-Gesellschaft
aus Hofdamen, Kavalieren und Angehörigen der Beamten- und Dienerschaft, die Aufführungen von Schauspielen
sowie deutschen Singspielen und Operetten in der Hofreitschule veranstaltete. Fürst Joseph
Maria Benedikt ließ sofort nach seinem Amtsantritt im Jahr 1784 die Reitschule in ein richtiges
Hoftheater umbauen, das 555 Personen Platz bot.
Donaueschingen hatte damals zwar bereits
den Ruf, dass potentielle Hofbeamte stets auch musikalische Kenntnisse mitbringen sollten, die die
Chancen einer Anstellung dann beträchtlich erhöhten. Für die in den folgenden Jahren stattfindenden
Aufführungen reichte jedoch das vorhandene Personal nicht aus, und der Fürst stellte deshalb 1786
Franz Walter und 1789 Franz Xaver Weiss als Hofbeamte und Kammersänger ein. Seit 1779 stand Wenzel
Nerlinger der Kapelle als Musikdirektor vor, dem zehn Jahre später der aus München stammende Carl
Joseph von Hampeln zur Seite gestellt wurde. Dieser hatte - im Gegensatz zu Nerlinger - dann auch keine
Aufgaben in der Hofverwaltung mehr.
Plan des Fürstlich Fürstenbergischen Hoftheaters, aquarellierte Tinte auf
Papier, Donaueschingen 1814. Erkennbar sind Einzelheiten der Bühnentechnik.
Im Untergeschoss (links außen) ist der Mechanismus für das "Changieren" der
Kulissen zu sehen, im Schnürboden (rechts außen) derjenige zur "Veränderung
der Soffitten" (Kulissen von oben).
Zwischen 1785 und 1796 erlebte das Hoftheater seine glänzendsten Jahre - maßgeblich gefördert durch den
Fürsten und vor allem getragen vom persönlichen Engagement der Fürstin Maria Antonia (1760-1797). Sie wählte
nicht nur selbst die gespielten Stücke aus, sondern übernahm auch die Rollenverteilung, die Inszenierung
und die Leitung der Proben, die stets in ihrem eigenen Kabinett im Schloss stattfanden. Dort wurden die
Sängerinnen und Sänger vom Kammervirtuosen Johann Abraham Sixt am Klavier begleitet.
Seit 1785 erhob das Fürstenhaus bei den Aufführungen der Schauspiel-Liebhaber-Gesellschaft Eintritt,
der jedoch nicht dem Theater oder den Darstellern zugute kam, sondern für soziale Aufgaben im Fürstentum
verwendet wurde. Die Eintrittspreise waren mäßig und blieben bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts
nahezu unverändert.
In den Jahren 1785 bis 1791 studierte die Schauspiel-Liebhaber-Gesellschaft insgesamt 64 neue Stücke
ein - darunter 19 Opern - und führte sie zum Teil mehrfach auf. Bereits 1785 gab das Ensemble Mozarts
Singspiel "Die Entführung aus dem Serail", das 1782 in Wien uraufgeführt worden war. 1787 erfolgte
dann die Donaueschinger Erstaufführung der "Hochzeit des Figaro".
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Titelseite des Librettos der Donaueschinger
Singspielfassung von "Le Nozze di Figaro" von W. A. Mozart,
Druck aus dem Jahr 1787.
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Dieses Werk wurde, wie fast alle
Opern in Donaueschingen, auf Deutsch gegeben, damit das Publikum, das nur zum kleinsten Teil aus
gebildeten Adligen bestand, der Handlung auch folgen konnte. Im Fall des "Figaro" wurde in Donaueschingen
eigens eine Übersetzung angefertigt, für die Hofsekretär Franz Michael Held und Kammersänger Franz
Walter aus der italienischen Fassung der Partitur eine deutsche Textfassung für die Singstimmen
herstellten und die Secco-Rezitative in gesprochene Dialoge umwandelten. So erklang
also nur ein Jahr nach der Wiener Uraufführung Mozarts beliebte Oper in Donaueschingen. Sie wurde
auch in den Jahren 1788, 1789 und 1791 noch mehrfach aufgeführt und zählt damit zu den am häufigsten
gegebenen Opern am Hoftheater. Und stets sang die regierende Fürstin Maria Antonia - bei der
Donaueschinger Erstaufführung gerade 26 Jahre alt - nicht etwa die Rolle der Fürstin in der Oper,
sondern diejenige der Susanna, der Dienerin.
Auch die Aufführung von Mozarts Oper "Così fan tutte, ossia La scuola degli amanti" die
in Donaueschingen
erstmals außerhalb der Musikzentren Wien und Prag und zum ersten Mal überhaupt als deutsches Singspiel
unter dem Titel "So machen´s alle, oder Die Schule der Liebhaber" gegeben wurde, fand nur ein Jahr nach
der Uraufführung 1790 statt. Das Werk wurde dann im Januar 1792 aus Anlass des Besuchs des
württembergischen Herzogspaars in Donaueschingen noch einmal aufgeführt.
Kriege, Krisen und Regentenwechsel
Dieses blühende Musikleben fand jedoch ein jähes Ende, als das Fürstenpaar kurz nacheinander 1796
und 1797 starb und französische Truppen in fürstenbergisches Territorium eindrangen. Die Unruhen
der napoleonischen Kriege ließen auch das Theaterleben in Donaueschingen nicht unbeeinflusst, und
so wurden in den kommenden Jahren die Aufführungen von Opern immer seltener.
Der Hof floh in den
Jahren 1798 bis 1801 mehrfach aus der Residenz, und nach dem Tod des kinderlosen Fürsten Carl
Joachim (1771-1804, reg. ab 1796) lag das Hofleben völlig darnieder, da der Thronfolger Carl Egon II.
(1796-1854) erst acht Jahre alt war und auf den böhmischen Besitzungen der Fürstenberger weilte.
Erst 1805 kam Carl Egon mit seinem Vormund Landgraf Joachim Egon (1749-1828) nach Donaueschingen.
Während der Vormundschaftsregierung Joachim Egons gingen musikalische Betätigungen des Hofes stark
zurück, 1805 nahm auch noch der Musikintendant Carl Joseph von Hampeln seinen Abschied und trat eine
Stelle am Hof in Hechingen an.
Das Fürstentum Fürstenberg war durch die Rheinbundakte 1806 zum Großteil dem Großherzogtum Baden, zu
kleineren Teilen dem Fürstentum Hohenzollern-Sigmaringen und dem Königreich Württemberg zugeschlagen
worden. Hierdurch finanziell erheblich geschwächt, musste das Fürstenhaus massive Einschnitte in der
Hofhaltung vornehmen. In der Folge fanden auch fast nur noch Schauspielaufführungen im Theater statt,
die kostspieligeren Opernaufführungen wurden für viele Jahre eingestellt. Zwischen 1812 und 1817
ruhte der Theaterbetrieb wegen der Befreiungskriege dann ganz.
Erst 1817 mit dem Regierungsantritt
des nun volljährigen Carl Egon II. begann das Theaterleben in Donaueschingen wieder neu: Sofort bestellte
er den Komponisten Conradin Kreutzer (1780-1849) als Hofkapellmeister. Kreutzer, der in Messkirch geboren
wurde und daher "fürstenbergisches Landeskind" war, vermerkte bereits 1818: "Frembde, die hier
[in Donaueschingen] durchreisen, und unsere Concerte besuchen, sind über die Praecision und den grossen
Effect dieses kleinen Orchesters ganz erstaunt!"
Doch trotz der Qualität der musikalischen
Aufführungen blieb Kreutzer nicht lange in Donaueschingen, er empfand die Verhältnisse in der kleinen
Residenz als bedrückend und eng, keine einzige neue Oper komponierte er in dieser Zeit, selbst
Opernaufführungen älterer Werke fanden kaum statt. Kreutzer genoss seine Konzertreisen sehr, die er jeden
Sommer antrat, und im Jahre 1821 dehnte er seine Beurlaubung für Aufführungen seiner Werke in
Wien so lange aus, dass der Fürst ihn schließlich entnervt aus seinen Diensten entließ - Kreutzer hatte
damit erreicht, was er wollte.
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Johann Wenzel Kalliwoda (1801-1866), Lithographie von
Gustav Schlick, um 1850.
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Sicherlich aufgrund dieser schlechten Erfahrung mit Kreutzer waren dann
einige Formulierungen im Anstellungsgesuch des Nachfolgers, des aus Prag stammenden Johann Wenzel
Kalliwoda (1801-1866), so streng formuliert:
"Verbindlichkeiten: Die fürstliche Hofcapelle zu dirigiren / Eine bestimmte Kirchenmusik zu errichten /
Eine Singschule zu errichten und ihr vorzustehen / Keinen Tag über den bewilligten Urlaub auszubleiben /
Sich fernerhin dem SoloSpiel auf der Violine zu widmen / Nach Italien zu reisen / Am ersten April [1823] in
Donau:[eschingen] einzurücken, und die Capelle ungesäumt dann in den möglichst vollkommenen
Stand zu setzen." Gewährt wurde dem neuen Kapellmeister, der erst 22 Jahre alt war, aber auch eine
ausreichende Besoldung von 1.000 Gulden sowie Naturalien und "Ein jährlicher ReiseUrlaub von 2-3.
Monath / Von dem Tage der angetretenen Reise monathlich 150 fl."
Kalliwoda hatte kurz vor Amtsantritt die Prager Sängerin Therese Brunetti (1803-1892) geheiratet,
die die Aufführungen des Hoftheaters nun wirkungsvoll unterstützen konnte. Und so blieb
der Hofkapellmeister - mit kurzen Unterbrechungen - bis 1863 in Donaueschingen. Auf zahlreichen Reisen
konzertierte Kalliwoda unter anderem mit Franz Liszt sowie Robert und Clara Schumann, seine Aufenthalte in der
Musikmetropole Leipzig nutzte er geschickt, um Werke dort zum Druck zu geben.
Kalliwodas Ruf als
Musiker war bald hervorragend und er erhielt zahlreiche Angebote, als Kapellmeister nach Mannheim,
Dessau, Leipzig, Köln oder Prag zu gehen. Diese schlug er jedoch alle wegen der guten Konditionen
in Donaueschingen und aus Loyalität zu seinem Fürsten aus. Carl Egon wiederum belohnte die Treue,
indem er Kalliwoda, der auch ein ausgezeichneter Violinvirtuose war, eine Stradivari schenkte, mit
der der Musiker dann den musikalischen Ruf Donaueschingens auf seinen jährlichen Konzertreisen
verbreiten konnte.
Häufig weilten in diesen Jahren berühmte Gäste in der Residenz, die Donaueschingen wegen des musikalischen
und großzügigen Fürstenhauses gerne besuchten. Vom 23. bis 26. November 1843 war Franz Liszt
(1811-1886) zu Gast - laut einem zeitgenössischen Bericht rührte er die Zuhörerinnen und Zuhörer der
Hofgesellschaft mit seinem Klavierspiel zu Tränen.
Franz Liszt, Autograph des "Ländlers" für Klavier
in As-Dur, komponiert im
November 1843 am vorletzten Tag seines Aufenthalts in Donaueschingen.
Das Stück ist wohl ein "musikalisches Souvenir" für die Fürstin Amalie
(1795-1869), die Gattin Carl Egons. Sie war eine badische Prinzessin und
galt - wie ihr Mann - als sehr musikalisch.
Die revolutionären Unruhen im Fürstentum im Jahr 1848 veranlassten den Hofstaat, Donaueschingen zu verlassen.
Dies war dem Musikleben in der Residenz ebenso abträglich wie der Brand des Hoftheaters im Jahr 1850,
der den Opernaufführungen ein jähes Ende bereitete. Bei diesem Brand nahmen die im Schloss aufbewahrten
Musikalien glücklicherweise keinen Schaden. Nach der Rückkehr Carl Egons II. nach Donaueschingen
reorganisierte Kalliwoda 1853 die Hofkapelle, diesmal jedoch in kleinerem Umfang.
Nach dem Tod des
Fürsten 1854 erlosch das Interesse an höfischer Musik zunehmend, sein Nachfolger Carl Egon III. war
kunstinteressiert und legte den Grundstein für eine Gemäldesammlung. Die Musikausübung beschränkte
sich nun in der Hauptsache auf Harmoniemusik und Kammermusik, Musik also, die bei der Tafel, bei der
Jagd oder kleinen gesellschaftlichen Anlässen als Hintergrund gespielt wurde. Im Jahr 1863 wurde die
Hofkapelle schließlich aufgelöst und Kalliwoda zog nach Karlsruhe, wo einige seiner Kinder wohnten und
wo er 1866 starb.
Der neuerliche Aufschwung der fürstlichen Hofkapelle in Donaueschingen im 19.
Jahrhundert unter Kalliwoda ist jedoch bemerkenswert, weil herrschaftliche Hofmusikkapellen im Südwesten
in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts fast überall sonst im Aussterben begriffen waren, wie
z. B. an den Höfen in Oettingen-Wallerstein und Hechingen.
Harmoniemusik
Harmoniemusik wurde als Tafelmusik oder zur musikalischen Untermalung von Gesellschaften verwendet,
doch fand sie auch als Ständchen im Freien oder in geschlossenen Räumen statt. Ihre Blütezeit lag
zwischen 1780 und 1800. Sie ist an die Adelshöfe gebunden, so wie in Donaueschingen, wo sie etwa seit
der Mitte des 18. Jahrhunderts belegt ist.
Besetzt war sie mit fünf bis zehn Stimmen (Oboen, Klarinetten,
Hörner, Fagotte, teilweise Kontrabass). Dabei wurde sie nur zu einem geringen Teil als Originalwerk
komponiert, meist handelte es sich um Bearbeitungen von bekannten Werken wie Opern und Balletten,
seltener Sinfonien, Kammermusik oder Kirchenmusik. Besonders beliebt waren Opern von Mozart, Carl
Ditters von Dittersdorf und Joseph Weigl, im 19. Jahrhundert Werke von Gioacchino Rossini und Vincenzo
Bellini.
Das Donaueschinger Harmoniemusik-Repertoire ist eines der umfangreichsten und am besten erhaltenen.
Unter den Opernbearbeitungen treten besonders Werke von Mozart hervor: nicht weniger als fünf
Opern von ihm sind in Bearbeitung für Harmoniemusik vorhanden: "Le nozze di Figaro",
"Don Giovanni",
"La clemenza di Tito", "Die Zauberflöte" und "Die Entführung aus dem Serail".
Konzert
Sonntag, 16. Oktober 2005, 11 Uhr
Aufführung von Mozarts "Entführung aus dem Serail" in Bearbeitung für Harmoniemusik,
Info: 07 21 / 1 75-22 01,
Studio Karlsruhe des SWR, Karlsruhe
Ausstellung
1. Februar 2006 bis 1. April 2006:
"Mozart in der Badischen Landesbibliothek", Badische Landesbibliothek, Karlsruhe
(Info 07 21 / 1 75-22 01).
Zentrum musikalischer Avantgarde
Erst Maximilian (Max) Egon II. (1863-1941) ließ das vom Fürstenhaus geförderte musikalische Leben in
Donaueschingen wieder aufleben. Der Fürst setzte mit Heinrich Burkard (1888-1950) im Jahr 1909 wieder
einen Musikdirektor ein, dessen Aufgabe nicht zuletzt darin bestand, die am Hof verwendeten Musikalien
der letzten Jahrhunderte zu ordnen. 1913 rief Burkard mit Unterstützung von Max Egon eine "Gesellschaft
der Musikfreunde" ins Leben, die ab 1921 "Kammermusik-Aufführungen zur Förderung zeitgenössischer
Tonkunst" veranstaltete.
Burkards Idee war es dabei, nicht nur der Musik der Vergangenheit eine
Plattform in Donaueschingen zu bieten, sondern auch - wie in der Blütezeit der vergangenen 150
Jahre - zeitgenössische Musik aufzuführen. Dafür wandte sich Burkard zunächst an bedeutende
Komponisten und Kompositionslehrer wie Ferruccio Busoni, Hans Pfitzner und Arnold Schönberg, deren
Schüler er für die Austragung der Konzerte engagieren wollte. Auch ein Ehrenausschuss für die
Aufführungen wurde gebildet, der unter dem Vorsitz von Richard Strauss stand, welcher der "Donaueschinger
Idee" sehr viel Sympathie entgegenbrachte.
Die "Neue Musik-Zeitung" (Stuttgart) berichtete am 21. Juli 1921 ausführlich über das
musikalische Ereignis
auf der Baar. Das Manifest der drei Mitglieder des Arbeitsausschusses, Heinrich Burkard, Eduard Erdmann
und Joseph Haas gilt als eines der wichtigsten Dokumente für die "Neue Musik" des 20. Jahrhunderts.
Darin wird viel von der Aufbruchsstimmung und dem künstlerischen Impetus der Organisatoren in der
schwierigen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg spürbar:
"Während heute auf den Gebieten der bildenden Künste, der erzählenden, lyrischen und dramatischen
Literatur allenthalben ein lebhafter Streit um die Neuerscheinungen ausgefochten wird, hat der junge
Tondichter gegen starke Widerstände aller Art zu kämpfen, um überhaupt die Möglichkeit zu erlangen,
sein Werk vor der Oeffentlichkeit zur Diskussion zu bringen. ... Aus der Erwägung heraus, auch
ihrerseits in bescheidenem Maße für die Förderung des musikalischen Nachwuchses eintreten zu können,
ist die 'Gesellschaft der Musikfreunde zu Donaueschingen' dem Gedanken näher getreten, durch eine
musikalische Sonderveranstaltung, die dem Schaffen ausschließlich noch unbekannter oder umstrittener
schöpferischer musikalischer Talente gewidmet sein soll, den Jungen den Weg zur Oeffentlichkeit
ebnen zu helfen. ...
Wenn diese 'Kammermusik-Aufführungen zur Förderung zeitgenössischer Tonkunst' in dem kleinen
Schwarzwald-Städtchen Donaueschingen ihre Stätte finden sollen, so ist diese Einrichtung - an
deren Wiederholung gedacht wird - hier kein einem kulturfremden Boden künstlich eingepflanztes
Reis, sondern das Unternehmen knüpft an die künstlerische Ueberlieferung einer Stadt an, in der
seit 150 Jahren ein Fürstenhaus ein hochstehendes geistiges und künstlerisches Leben hat bodenständig
werden lassen."
In den nächsten Jahren wurden hier Werke unter anderem von Béla Bártok, Alban Berg,
Alois Hába, Paul
Hindemith, Philipp Jarnach, Ernst Krenek, Arnold Schönberg und Anton von Webern uraufgeführt.
Gleich das erste Musikfest 1921 brachte dem bis dahin fast unbekannten 26-jährigen Komponisten
Hindemith den künstlerischen Durchbruch mit der Aufführung seines 2. Streichquartettes op. 16,
bei dem er sogar selbst mitwirkte. Ab 1924 war Hindemith dann auch als ordentliches Mitglied des
Arbeitsausschusses für den ausgeschiedenen Eduard Erdmann an der Organisation der Musikfeste
beteiligt.
Gartenparty bei Fürst Max Egon II. im Juli 1923 anlässlich der Kammermusiktage.
Hinten oben der Fürst, ganz vorne Heinrich Burkard und Paul Hindemith.
Seit 1927 fand die Veranstaltung in Baden-Baden statt, später in Berlin, und sie kehrte erst 1950
als "Donaueschinger Musiktage für zeitgenössische Tonkunst" an den Ort ihres Ursprungs zurück. Die
Donaueschinger Musiktage sind das älteste und traditionsreichste Festival für Neue Musik weltweit
und stehen auch heute noch für alle experimentellen Formen auf dem Gebiet aktueller Musik und
Klangkunst. So hat sich dieser Ort, an dem schon seit Jahrhunderten die zeitgenössische Musik
gepflegt wurde, bis in die Gegenwart stets für neueste musikalische Schöpfungen stark gemacht.
Dr. Matthias Miller ist Musikwissenschaftler und Historiker und erschließt z. Zt. die
deutschsprachigen Palatinahandschriften an der UB Heidelberg
Dr. Martina Rebmann ist Musikwissenschaftlerin und leitet die Musiksammlung
der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe.
Quellen und Literatur:
Bennwitz, Hanspeter: Donaueschingen und die Neue Musik 1921-1955. Donaueschingen o.J. [um 1955].
Die Fürstenberger - 800 Jahre Herrschaft und Kultur in Mitteleuropa, Red.: Erwein H. Eltz,
Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums Schloß Weitra. Korneuburg 1994.
Das Fürstlich Fürstenbergische Hoftheater zu Donaueschingen 1775-1850. Ein Beitrag zur Theatergeschichte.
Bearb. von Friedrich Dollinger und Georg Tumbült. Donaueschingen 1914.
Häusler, Josef: Spiegel der neuen Musik: Donaueschingen. Chronik - Tendenzen -
Werkbesprechungen. Kassel (u.a.) 1996.
Miller, Matthias / Rebmann, Martina (Hg.):, "... Liebhaber und Beschützer der Musik" - die neu
erworbene Musikaliensammlung der Fürsten zu Fürstenberg in der Badischen Landesbibliothek.
Ausstellung in der Badischen Landesbibliothek vom 20. September bis 25. November 2000. Berlin
2000.
Rieple, Max / Häusler, Josef: Musik in Donaueschingen. Konstanz 1959.
Tumbült, Georg: Das Fürstentum Fürstenberg von seinen Anfängen bis zur Mediatisierung im
Jahre 1806. Freiburg 1908.
Die komplett erhaltene Musikaliensammlung aus Donaueschingen umfasst 3.612 Musikhandschriften und
3.920 Musikdrucke. Sie wird heute in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe aufbewahrt.
Wichtige hier vertetene Namen sind außer Mozart auch Joseph Haydn und dessen Bruder
Michael. Von J. Haydn haben sich z. B. über 50 Sinfonien und mehr als 20 Streichquartette in
zeitgenössischen Abschriften und Erstdrucken erhalten.
Auch die lokale Musikgeschichte ist
vertreten: zahlreiche heute eher unbekannte Komponisten haben hier ihre Spuren, vielfach als
Autograph, hinterlassen. Darüber hinaus ist der Bestand an Kammer-, Jagd- und Huldigungsmusik zu
allen nur denkbaren Anlässen voll von Raritäten, die sich nur hier erhalten haben, ein Beispiel
also auch für die "private" Musikausübung an einem Fürstenhof in der Zeit des 18. und 19.
Jahrhunderts.
Schließlich findet sich auch noch Kirchenmusik - teilweise übernommen aus
säkularisierten Klöstern auf fürstenbergischem Gebiet - und Musikalien aus dem 20. Jahrhundert,
die in Zusammenhang mit den Donaueschinger Musiktagen stehen (u. a. Werke von Paul Hindemith,
Philipp Jarnach und Igor Strawinsky).
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