Badische Landesbibliothek
   


Badische Heimat, Heft 2, Juni 2003 / 83. Jahrgang

Badische Heimat

Das Reinhold-Schneider-Archiv in der Badischen Landesbibliothek

Ist man auf der Suche nach dem Nachlass einer bestimmten Persönlichkeit, so kann man folgende Verzeichnisse konsultieren: einmal die Zentralkartei der Autographen der Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz - jetzt online großteils erfasst in der Datenbank Kalliope - und zum anderen das Nachschlagewerk von Ludwig Denecke und Tilo Brandis "Nachlässe in deutschen Bibliotheken" [1]. Dort findet man folgenden Eintrag zu Reinhold Schneider:

"Schneider, Reinhold (1903-1958), Schriftsteller, LB Karlsruhe, Nachl.: 2600 Mss., Rez., persönl. Dok., Fotos, Büste, 3000 [sic!] Br. an u. 700 Br. v. S., Privatbibl. m. zahlr. Handex. - Hsl. Verz."

Was verbirgt sich nun tatsächlich hinter dieser knappen Information für denjenigen, der sich für Reinhold Schneider interessiert?

Reinhold Schneider, 1932

Foto: Badische Landesbibliothek
(K 2883, III)
Reinhold Schneider

1960 konnte die Badische Landesbibliothek, damals unter Leitung von Bibliotheksdirektor Dr. Franz Anselm Schmitt [2], von der langjährigen Lebensgefährtin Schneiders und Alleinerbin Anna-Maria Baumgarten den größten Teil des Nachlasses käuflich erwerben. In Freiburg im Breisgau waren die vielfältigen Zeugnisse über Leben und Wirken Schneiders von Frau Baumgarten in der Mercystraße 2 wohl verwahrt worden. Nach dem Besitzwechsel wurden sie für die Forschung zugänglich und außerdem durch Ordnen und Erschließen per Findbuch [3], Autographenkartei und Katalog der Privatbibliothek für den Suchenden erschlossen.

Die Zusammensetzung des Nachlasses birgt die schönsten Überraschungen: Schneiders Privatbibliothek, sein schriftstellerisches Werk, die Korrespondenz, Publikationen von und über Schneider, Photographien, Lebensdokumente, persönliche Gegenstände und Kunstobjekte, die ihn im Porträt zeigen.

Schneiders Privatbibliothek mit ca. 11.000 Bänden ist separat nach dem Provenienzprinzip im Magazin der Badischen Landesbibliothek neben der Bibliothek Leopold Zieglers (1881-1958) aufgestellt. Die Bücher Schneiders sind durch einen alphabetischen und sachsystematischen Zettelkatalog erschlossen. Die bereits per Retrokonversion mit EDV erfassten Titel können leicht im bibliothekseigenen Suchsystem durch die Signaturenanfrage "RS?" ermittelt werden. Man kann sich an Hand der Titel einen Überblick verschaffen, was Schneider interessierte. In den Bänden lassen sich Widmungen und Marginalien finden. Eine Arbeit der Autorin über diese Privatbibliothek erscheint voraussichtlich 2004.

Ewald Vetter (1894-1981): Reinhold Schneider
Ewald Vetter (1894-1981):
Reinhold Schneider, Öl / Lwd., 1945

Foto: Hilla Grosse, Restauratorin, Karlsruhe

Das Archivmaterial zum schriftstellerischen Werk zeigt die Arbeitsweise Schneiders. Mit Korrekturen und Ergänzungen versehene Typoskripte und Manuskripte sind für die großen Werke wie auch für die Gedichte vorhanden.

Die 30.000 Briefe umfassende Korrespondenz ist per Autographenkartei in Form eines Zettelkataloges erschlossen. Der stete schriftliche Gedankenaustausch mit Familie, befreundeten Schriftstellern und Künstlern, Verlegern und Prominenz aus Politik und Kultur über längere Zeiträume hinweg ist politische und kulturhistorische Lektüre zugleich. Als prägnantes Beispiel sei der bereits 1960 von der Leopold Ziegler-Stiftung herausgegebene Briefwechsel zwischen Schneider und Ziegler genannt. Er gibt dem Leser eindrücklich die Möglichkeit, das langsame sich Annähern der beiden Männer mitzuerleben und Einblick in ihre Gedankenwelten zu erhalten.

Es schließt sich eine Sammlung von Zeitungs- und Zeitschriftenpublikationen von und über Schneider an, die auch postum erschienene Artikel enthält. Dazu gehören Rezensionen seiner Bücher und Mitteilungen der in- und ausländischen Presse zu Vorträgen und Lesungen.

Die Photographien-Sammlung dokumentiert Schneider von der frühesten Kindheit bis hin zu den Gedenkfeiern nach dem Tode. Ein ausgefülltes Leben breitet sich vor uns aus: Der junge und lachende Mensch neben dem gealterten und müden, von den Ereignissen gezeichneten Zeitzeugen. Aufnahmen aus der Privatwohnung zeigen die unmittelbare Umgebung, in der Schneider seine letzten Jahre in Freiburg verbrachte.

Reinhold Schneider beobachtet am Schreibtisch, Freiburg i. Br., 1955

Foto: Badische Landesbibliothek
(K 2883, XIII)
Reinhold Schneider

Den Bürger Schneider und die politische Situation in Kaiserreich, Deutschem Reich und Bundesrepublik Deutschland evozieren Lebensdokumente, Pässe, Passierscheine, ärztliche Bescheinigungen und Steuererklärungen. Der Nachlass wird durch sogenannte graue Literatur ergänzt, zum Beispiel Programme zu Ehrungen, Feiern, Ausstellungen und Aufführungen der Bühnenwerke Schneiders.

Schneider selbst sammelte Manuskripte und künstlerische Beiträge anderer Künstler. Dazu gehören Vertonungen seiner Texte. Für sich sprechen Objekte der bildenden Kunst von Hans-Günther van Look (geb. 1939 Freiburg im Breisgau), Heinrich Graf von Luckner (1891 - 1970), Albert Schilling (1904 - 1987) und Ewald Vetter (1894 - 1981).

In der Badischen Landesbibliothek wird weiterhin dafür Sorge getragen, dass der Nachlass Reinhold Schneiders auch späteren Generationen und künftigen Forschungsvorhaben zur Verfügung steht. Mit großzügigen Mitteln des Landesrestaurierungsprogrammes Baden-Württemberg kommen den Dokumenten zum Jubiläumsjahr umfangreiche konservatorische Maßnahmen einschließlich Verfilmung zugute.

Restauratorin Christiane Schwab, Badische Landesbibliothek
Restauratorin Christiane Schwab,
Badische Landesbibliothek, schließt Risse an einem empfindlichen Objekt - blaue Tinte auf Pergamentpapier - mit Hilfe des Saugtisches, 2003.

Foto: Badische Landesbibliothek

Einen persönlichen Einblick in den Nachlass Reinhold Schneiders konnte man in der Ausstellung zu seinem Leben und Werk gewinnen, die die Badische Landesbibliothek im Jahr seines 100. Geburtstages vom 10. April - 07. Juni 2003 präsentiert hat.

Anmerkungen

[1] Denecke / Brandis 1981 S.334.
[2] Schmitt 1972 S.64 f.
[3] Findbuch und Autographenkartei wurden erstellt von Dr. Hildegard Maulbecker.

Literatur
  • Denecke, Ludwig und Tilo Brandis: Die Nachlässe in den Bibliotheken der Bundesrepublik Deutschland, 2., völlig neu bearb. Aufl. Boppard a. Rh.: Harald Boldt, 1981 (Verzeichnis der schriftlichen Nachlässe in deutschen Archiven und Bibliotheken ; Bd.2)
  • Reinhold Schneider - Leopold Ziegler. Briefwechsel. Hg. Leopold Ziegler-Stiftung. München: Kösel-Stiftung, 1960
  • Schmitt, Franz Anselm (Hg.): Bedeutende Nachlässe aus fünf Jahrhunderten in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe, in: Tradition und Erneuerung. Erinnerungsgabe für Friedrich Hengst zum 80. Geburtstag, hg. Erwin Stein. Frankfurt a. M.: Verlag Osterrieth, 1972 S.53-68
Dr. Babette Stadie


Dieser Artikel ist in leicht veränderter Form publiziert in:
Badische Heimat, Heft 2/2003, S. 311f.

Adresse
Erbprinzenstraße 15, 76133 Karlsruhe
Postfach 1429, 76003 Karlsruhe
Telefonnummern und E-Mail-Adressen


Öffnungszeiten
Mo - Fr 9.00 - 19.00 Uhr,
Sa 10.00 - 18.00 Uhr

Lesesaal Sammlungen:
Mo - Fr 9.30 - 13.00 Uhr, 14.00 - 16.00 Uhr
Do 9.30 - 13.00 Uhr, 14.00 - 18.00 Uhr


Webseiten-Suche
  erweiterte Suche
Valid HTML 4.01! Valid CSS!