Alte und moderne Landkarten in der Badischen Landesbibliothek
Die Kartensammlung
Es ist allgemein bekannt, daß in Bibliotheken Bücher
aufbewahrt werden, ebenso daß öffentliche Bibliotheken
ihre Buchbestände an interessierte Leser zur Benutzung ausleihen.
Aber nicht jeder Benutzer erwartet auch Landkarten im Bibliotheksbestand.
Wie Handschriften, Autographen, Inkunabeln, Musikalien und Tonträger
(Schallplatten u. ä.) gehören auch Karten zu den Sondersammlungen
einer wissenschaftlichen Bibliothek. Alte und moderne Landkarten
stehen vielfach etwas im Schatten der weltweit bekannteren Handschriften-
und Rarasammlungen. Karten liegen den Interessen der meisten Benutzer
einer Bibliothek weitaus ferner als Bücher.
Die gegenwärtige Beachtung der alten Kartographie ist dennoch
heute so groß wie nie zuvor. Das Interesse an alten Karten
hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Dies drückt sich
deutlich in einer intensiven historisch-kartographischen Forschung
aus, aber auch andere historisch orientierte Wissenschaften wissen
alte Landkarten als Quellenmaterial zu schätzen. Ebenso läßt
sich ein allgemeines, nicht-wissenschaftliches Interesse in einer
wachsenden Sammlernachfrage auf Antiquariatsmessen und Auktionen erkennen.
Der Reiz und der Wert alter Karten sind nicht erst in der heutigen
Zeit erkannt worden. Berühmte Kartensammlungen öffentlicher
und privater Institutionen und Privatsammlungen legen Zeugnis
davon ab. Die Badische Landesbibliothek verfügte schon in
ihrer großherzoglichen Zeit als Hofbibliothek über
eine eigene Kartensammlung. Diese kann daher auf eine lange Geschichte
zurückblicken. Die Sammlung umfaßte Karten unterschiedlicher
Epochen der ganzen Welt.
Außer in der Hofbibliothek gab es noch weitere Landkarten
im Schloßbereich, die allerdings lange Zeit in Vergessenheit
geraten waren. 1893 wurden handgezeichnete und gedruckte Karten
und Pläne im Fasanenschlößchen im Schloßpark,
das der Großherzoglichen Intendanz der Zivilliste unterstand,
zufällig gefunden. Von dieser Sammlung erhielt das Generallandesarchiv
in Karlsruhe mit wenigen Ausnahmen die gezeichneten Karten und
Pläne, außerdem die meisten gedruckten Karten von Gebieten,
die militärgeschichtlich mit dem großherzoglichen Haus
verbunden waren, und von Gebieten aus dem südwestdeutschen
Raum und der Schweiz, wenn ein familiärer bzw. hoheitsrechtlicher
Bezug gegeben war. Den größeren Teil der gedruckten
Karten und einige wenige Manuskriptkarten erhielt die Hofbibliothek.
Dort wurden sie so aufbewahrt, wie sie im Fasanenschlößchen
aufgefunden worden waren, nämlich gefaltet und gebündelt
und durch einen handgeschriebenen Zettelkatalog erschlossen. Dieser
baden-durlachischen Sammlung erging es ähnlich wie manch
anderem Kartenbestand, daß sie lange Zeit weitgehend unbeachtet
blieb. Sie belegt jedoch das große Interesse an Karten bei
den badischen Fürsten. Diese sammelten wie viele ihrer Zeitgenossen
gekaufte und in ihrem Auftrag angefertigte Karten.
Seit dem 16. Jahrhundert war es das Bestreben der meisten europäischen
Herrscher, ihre Territorien in umfassenden topographischen Kartenwerken
darzustellen. Der Besitz guter Spezialkarten war geradezu ein
Privileg der Staatsführung. Amtliche Karten unterlagen sehr
oft, selbst noch bis in unsere Tage, der Geheimhaltung. Durch
die weltweiten Entdeckungs- und Handelsfahrten bedingt war auch
ein verstärktes Interesse an Welt- und Kontinentkarten erwacht.
Weite Kreise des Adels und des wohlhabenden Bürgertums sammelten
Landkarten oder Atlanten. Systematischem und zielbewußtem
oder auch rein zufälligem Sammeln in früheren Zeiten
ist es zu verdanken, daß wertvolle Karten erhalten blieben,
die heute Prunkstücke öffentlicher Sammlungen bilden.
Eine auffallende Tatsache ist, daß Originale von Karten
aus dem Altertum bis spät in das Mittelalter hinein zu den
größten Seltenheiten in Bibliotheken zählen. Ähnlich
wie bei technischen, naturwissenschaftlichen und medizinischen
Werken oder wie bei Reiseführern verlieren die Karten ihre
Aktualität, damit auch weithin das Interesse des Besitzers,
so daß ihre Aufbewahrung nicht mehr lohnend erscheint.
Hinzu kommt noch der Umstand, daß Karten schneller als Bücher
Schaden nehmen und nicht leicht aufzubewahren sind. So erklärt
sich auch, daß sich alte Karten seltener erhalten haben
als Bücher. Die meisten Kartenbestände in den Bibliotheken
gehören folglich wesentlich jüngeren Zeitepochen an.
Jede größere Kartensammlung ist in ihrem Bestand durch
das geschichtliche Werden bestimmt, jede hat ihre eigene Geschichte.
Die Badische Landesbibliothek besitzt heute nicht mehr
den gesamten Bestand an alten Landkarten, den die Hofbibliothek
im 19. Jahrhundert, katalogmäßig dokumentiert, besessen
hat. Zu jener Zeit waren ca. 4000 Karten des 16. bis 19. Jahrhunderts
nachgewiesen. Der größte Teil der Kartensammlung ist
bei einem Luftangriff auf Karisruhe 1942 mit der Bibliothek vernichtet
worden. Nur ein kleiner Teil, der irrtümlich mit den Handschriften
zu der Zeit des Brandes ausgelagert war, ist erhalten geblieben.
Diese geretteten Karten - der Fund aus dem Fasanenschlößchen
im Schloßpark - bilden heute den Hauptbestand der Sammlung
alter Landkarten.
Alte Karten
Obwohl die Sammlung alter Karten vergleichsweise zu den kleineren
zählt, kann diejenige der Landesbibliothek doch einige Kostbarkeiten,
sogar ein paar Unikate aufweisen, die als hervorragende Beispiele
europäischer bzw. südwestdeutscher Kartographiegeschichte
anzusehen sind und auf die die Bibliothek mit Recht stolz sein
kann.
Im heutigen Bestand überwiegen die Karten aus dem südwestdeutschen
Raum, aus dem Oberrheingebiet mit Baden, Elsaß und der Pfalz,
aus Württemberg und Schwaben. Er enthält aber auch Karten
der ganzen Welt aus unterschiedlichen Epochen. Die fahrenden süddeutschen
Kartographen bzw. Verleger sind am häufigsten vertreten.
Die berühmten niederländischen Verleger des 17. und
18. Jahrhunderts und die Pariser Verleger des 18. Jahrhunderts
sind auch zahlreich vorhanden.
Die Karteninteressenten der Karlsruher Sammlung kommen nicht nur
aus der Stadt und der Region, sondern aus dem ganzen In- und dem
Ausland. Wer nicht persönlich nach Karlsruhe kommen kann
oder will, um sich vor Ort mit dem einen oder anderen Kartenwerk
zu beschäftigen, bekommt auf Wunsch auch photographische
Reproduktionen zugesandt, um mit diesen Vorlagen zu Hause zu arbeiten
oder um sie als Bildmaterial für Publikationen zu nutzen.
Kritisch betrachtet, können alte Landkarten auch heute noch
wertvolles qualitatives und quantitatives Material liefern. Unter
historischem Aspekt, etwa bevölkerungsgeschichtlicher, sozial-
und wirtschaftsgeschichtlicher oder kulturgeschichtlicher Art,
läßt sich eine Karte als Quelle auswerten. Die erhaltenen
Karten zeugen davon, daß die Kartographen es im Zeitenwandel
immer versucht haben, das jeweilige Bild der Erde nach ihrer Kenntnis
wiederzugeben. Die Karte wollte damals wirklich noch Imago Mundi
- ein Bild der Welt sein. Als Zeugen vergangener Zeiten liefern
alte Landkarten einen unmittelbaren Einblick in die sich ständig
wandelnden Natur-, Siedlungs- und Wirtschaftsverhältnisse.
Deshalb gehören sie auch zum kulturellen Erbe eines jeden
Landes. Vor allem wenn man mehrere Karten desselben Raumes aus
verschiedenen Epochen miteinander vergleicht, läßt
sich daraus die Entwicklung der Kulturlandschaft ablesen. Die
politischen Grenzen sind geschichtlich keine konstanten Linien
gewesen, Flüsse haben im Laufe der Zeit ihr Flußbett
mehr oder weniger verändert. In Jahrhunderten hat sich ebenfalls
das Siedlungsbild verändert. Dörfer und Städte
sind neu gegründet, bereits bestehende sind erweitert oder
durch Kriegswirren zerstört worden und von der Karte verschwunden.
Das Verkehrsnetz wurde vergrößert und verbessert. Die
Verteilung und Art der landwirtschaftlichen und forstlichen Nutzung
läßt sich ebenfalls von den Karten ablesen. Man kann
also sagen, daß alte Landkarten einen dokumentarisch-historischen
Wert besitzen. Daher besteht die Aufgabe von Kartensammlungen
vor allem in der Bewahrung und Pflege aller älteren Kartendokumente,
d. h. die Bestände wertvoller, oft unersetzlicher Karten
sind vor Zerstörung zu bewahren und ihre sachgemäße
Konservierung ist durchzuführen.
Vor allem Karten aus den Jahrhunderten, aus denen sich nur wenige
Exemplare weltweit erhalten haben, sind heute sehr begehrt und
werden als Quellen auf vielfältigste Weise genutzt. Die Badische
Landesbibliothek besitzt einige Karten aus dem 15. Jahrhundert
und 16. Jahrhundert von hohem kartographischen Wert, die auch
als Rara - wie die Benutzung aus dem In- und Ausland beweist sehr
geschätzt sind. Einige Beispiele seien genannt. Als erste
seien die beiden Portulankarten, die das Mittelmeergebiet und
das Schwarze Meer umfassen, erwähnt. Es sind auf Pergament
koloriert gezeichnete Karten, die die Konturen des Tierfelles
behalten haben. Das westliche Gebiet des Mittelmeeres liegt in
dessen Halspartie. Die Karte des Petrus Roselli aus Katalonien
von 1449 ist die älteste in der Landesbibliothek. Die zweite
Portulankarte ist ohne Verfasserangabe und ohne Erscheinungsjahr.
Ruthardt Oehme vermutet, daß Bartolomeo Oliva aus Messina
der Verfasser ist und datiert sie in die zweite Hälfte des
16. Jahrhundert (nach 1550)
(Abbildung 1).
Die Entstehung der Portulankarten
ist heute immer noch nicht geklärt. Ihre besonders auffallenden
Merkmale sind die genaue Darstellung der Küsten mit den vielen
eingezeichneten Häfen und ein Netz von Linien, die meist von mehreren Kompaßrosen ausgehen und die ganze Karte überziehen. Immer wieder werden neue
Untersuchungen durchgeführt und neue Hypothesen aufgestellt,
um die Problematik zu lösen. Hierzu sind auch die beiden
Portulankarten der Landesbibliothek in den letzten Jahren als
Grundlagen genutzt worden.
Die Bibliothek besitzt noch einige weitere Pergamentkarten, die
als wertvolle Rara zu bezeichnen sind, dazu gehören die in
nur wenigen Exemplaren erhaltenen Seekarten von Willem Blaeu.
Die "Pascaarte van alle de Zecusten van Europa" ist
auf 1577 zu datieren. Die "West Indische Paskaert"
(Abbildung 2), die vermutlich vor 1630 erschienen ist, gehört zu den
ersten Karten, die den Atlantik darstellen. Als Quelle dienten
wahrscheinlich die Unterlagen des Kartographen der Holländisch-Westindischen
Campagnie Hessel Gerritsz. Eine Pazifikkarte, die im Kartenkatalog
der Landesbibliothek als anonym bezeichnet ist, ordnet G. Schilder
aufgrund neuerer Forschungen (1976) Johann Blaeu, einem Sohn
von Willem Blaeu, zu. Jener war auch Kartograph der Holländisch-Westindischen
Compagnie gewesen. Schilder bestätigt, daß die "Pascaerte
von de Zuydt Zee" nach 1644 entstanden sein muß. Zu
den Rara zählt auch zweifelsohne die "Pascaerte van
Oost-Indien" von Theunis Jacobszon. Diese Südostasienkarte
ist ca. 1630-40 entstanden. Zu den Pergamentkarten gehören
noch zwei erwähnenswerte Europakarten. Die "Nieuwe Paschaerte"
von Cornelius Doußoon erschien 1602. Durch die Ansichten
von Städten, Häfen und Inseln, die die Karte als Bordüre
umgeben, ist sie besonders schmuckreich gestaltet. Die von Pieter
Goos geschaffene "Paskaarte vertonende alle de Zekusten van
Europa" ist undatiert (um 1660). Dieser ist besonders durch
die Veröffentlichung von mehreren Seeatlanten (ab 1650) bekannt
geworden. Die Landesbibliothek besitzt das einzige Exemplar, das
sich im öffentlichen Bibliotheksbesitz befindet. Im 16.
und 17. Jahrhundert war die niederländische Kartographie
führend in Europa, Amsterdam war das Zentrum. Die genannten
Seekarten (außer den Portulanen, die auch als Seekarten
bezeichnet werden könnten) sind dort alle entstanden.
Auch von deutschen Kartographen und Verlegern und aus der historischen
Region Germanien hat die Landesbibliothek einige Rara in ihrer
Sammlung. Die Erstausgabe der Schlesienkarte von Martin Helwig
erschien 1561 in Neisse. Sie ist ein kolorierter Holzschnitt ohne
Titel. Von dieser Karte sind noch über 200 Jahre lang Auflagen
erschienen. Sie diente lange Zeit als Grundlage für Neubearbeitungen
von Schlesienkarten und hat auch Eingang in niederländische
Atlanten gefunden. Eine Karte von Ubbo Emmius "Typus Frisiae
Orientalis. . ." von 1595 wurde 1964 zufällig in der
Landesbibliothek entdeckt. Dieser Fund hat die Datierung der Frieslandkarten
von Emmius nachhaltig beeinflußt, denn das Karlsruher Exemplar
gibt den ersten Zustand der Karte wieder. Dasjenige, das bis
dahin als die älteste Karte galt, zeigt sie im zweiten Zustand.
Hier enthält die rechte untere Kartusche keinen Text mehr,
sondern eine Vogelschauansicht von Emden. Diese Karte ist ebenfalls
1595 erschienen.
Eine weitere Zufallsentdeckung einer Karte sei
an dieser Stelle erwähnt. Eine anonyme und undatierte Kraichgaukarte
ist in der Neckarkartenausstellung von 1988 gezeigt und in dem
dazu erschienenen Katalog beschrieben worden. Sie war einer Cosmographie
von Sebastian Münster beigebunden, die aus dem Besitz von
Peter Perna aus Basel stammte. Sie könnte um 1580 entstanden
sein.
Je länger die Entstehungszeit einer Karte zurückliegt,
desto geringer ist die Chance, heute noch viele Exemplare vorzufinden.
Das trifft auf Einzel-, besonders aber auf mehrblättrige
Karten zu; bei diesen besteht noch zusätzlich die Gefahr,
daß einzelne Teile verloren gehen. Das "Kriegs Theater
der Teutschen und franzoesischen Graenzlanden zwischen dem Rhein
und der Mosel" von Peter Dewarat wurde zwischen 1794 und
1799 in sechs Einzelblättern von dem privaten Verleger J.
L. C. Rheinwald herausgegeben, der die Karte bei B. F. Leizelt
in Augsburg stechen ließ. Über den 1. Koalitionskrieg
(1792-97) ist dieses Werk ein wichtiges kartographisches Dokument
und daher heute noch von großem Interesse. Die Landesbibliothek
besitzt alle sechs Einzelblätter in gut erhaltenem Zustand
und somit eines der wenigen vollständigen Exemplare.
Die genannten Karten sind als Raritäten vorgestellt worden,
da sie zu denen gehören, die in den vergangenen Jahren besondere
Beachtung gefunden haben, indem sie als Exponate für auswärtige
Kartenausstellungen ausgeliehen wurden und/oder als Unterlagen
für kartographische Forschungsarbeiten bzw. Publikationen
dienten.
Hinzuweisen ist auf das regionale Sammelgebiet der Badischen Landesbibliothek,
auf das Oberrheingebiet. Als erstes seien zwei Karten von Sebastian
Münster genannt, der Basel zu einem kartographischen Zentrum
machte. Seine Karten bedeuten einen Höhepunkt der Holzschnittkartographie.
Die kolorierte Schwarzwaldkarte "Nigra Sylva XI. Nova Tabula"
stammt aus der Basler Ptolemäusausgabe von 1545. Sie ist
die älteste gedruckte Schwarzwaldkarte in größerem
Maßstab. Das Karlsruher Exemplar diente 1989 als Vorlage
für eine farbige Reproduktion des Landesvermessungsamtes
in Stuttgart. Sie ist mit einem Erläuterungstext käuflich
zu erwerben. Die Reproduktion unterstreicht die Bedeutung der
Existenz dieser Karte und das allgemein wachsende Interesse an
alten Landkarten. Als weitere Karte von Münster ist eine
Rheinlaufkarte zu nennen, die in der Erstausgabe der Cosmographie
1544 in Basel erschien. Sie besteht aus drei Blättern und
ist die erste zusammenhängende Darstellung des Rheines. "Die
erste Tafel des Rheinstroms in der vergriffen wirt die Eidtgnoschafft,
das Elsass vnd Brisgow. . ."
(Abbildung 3).
Nur zur Ergänzung
sei die Oberrheinkarte"Tabv. Nova Provin. Rheni" erwähnt,
die aus der Straßburger Ptolemäusausgabe von 1535 stammt. Sie ist ein verkleinerter Nachschnitt nach der
Karte von Waldseemüller von 1512.
Schließlich sei noch auf eine Manuskriptkarte aus Baden besonders hingewiesen. Sie ist zeitlich viel später entstanden. "Carte portatiff et tres Exacte de
une partie du Cours du Rhein . . ." Der Franzose Jacques
Michal, der seine Karte dem Markgrafen von Baden-Durlach und Hochberg
widmete, stand zeitweise in dessen Diensten. Es ist eine handgezeichnete
Karte in schwarzer und roter Tinte, die den Lauf des Oberrheins
mit Einzeichnung aller Kirchen in 12 Tafeln darstellt. Diese "carte
portatiff" ließ sich als Faltkarte in handlichem Format
bequem auf Reisen mitnehmen. Michal war nicht nur militärkartographisch
am Oberrhein bzw. in Baden tätig, sondern hat auch für
die zivile Kartographie gearbeitet. Er hat mehrere Karten einzelnen
Markgrafen gewidmet. Die genannte Karte ist undatiert, sie könnte
um 1720 entstanden sein. - Diese Karte ist nicht im gedruckten
Katalog verzeichnet, da sie erst unmittelbar nach dessen Fertigstellung
von der Bibliothek erworben wurde. Es befinden sich noch weitere
Raritäten in der Kartensammlung, die es verdienten, genannt
zu werden. Auf ihre Erwähnung wird hier verzichtet, da dies
im wesentlichen schon an anderer Stelle geschehen ist. In der
Einleitung zum Kartenkatalog (1974) und in einem Aufsatz über
die Kartensammlung der Badischen Landesbibliothek von Joachim
Neumann (1983) sind weitere Rarakarten aufgeführt.
Die Sammlung alter Landkarten umfaßt den Bestand bis zum
Erscheinungsjahr 1800. Der Schnitt zwischen alten und modernen
Karten ist relativ früh gelegt. In der Landesbibliothek gibt
es nicht nur zeitlich eine Zäsur im Gesamtkartenbestand,
sondern auch hinsichtlich des Aufbewahrungsortes und
der Erschließung. Die Karten aus dem Fasanenschlößchen,
die durch Auslagerung den Krieg überstanden hatten, blieben
lange Zeit gefaltet in Mappen aufbewahrt. Die Kartensammlung führte
bis vor zwei Jahrzehnten ein Schattendasein in der Bibliothek
und wurde entsprechend wenig benutzt. Dieser Zustand änderte
sich Anfang der 70er Jahre, als die Karten in moderne Kartenschränke
plano gelagert wurden. Aus diesem Anlaß wurde fast der gesamte
Bestand an alten Karten katalogisiert und systematisiert. Die
Neuerwerbungen seit 1945 wurden integriert. (Die wenigen Veduten,
Pläne und astronomischen Karten, die in der Sammlung enthalten
sind, wurden nicht katalogisiert, ebenso nicht die Karten, die
sich in der Handschriftenabteilung befinden). Das Ergebnis dieser
Arbeit liegt in einem gedruckten Katalog (1974) vor.
Die Atlanten, die vor 1800 erschienen sind, befinden sich nicht
in unmittelbarer Nähe der Kartenschränke und sind auch
nicht im gedruckten Katalog miterfaßt. Ihr Standort ist
im Büchermagazin bzw. in der Handschriftenabteilung. Bei
der Zerstörung der Bibliothek im Zweiten Weltkrieg sind mit
dem Buchbestand die alten Atlanten vernichtet worden. Der heutige
alte Atlantenbestand ist klein und ist formal und systematisch
in den allgemeinen Zettelkatalogen der Bibliothek nachgewiesen.
Karten und Atlanten aus diesen erfaßten Zeiträumen
(bis 1800) können nur im Hause benutzt werden, in der Regel
im Lesesaal, in einigen Fällen nur in der Handschriftenabteilung.
Dort befinden sich spezielle Arbeitsplätze für Kartenbenutzer.
Neue Karten
Wie schon erwähnt, endet die alte Kartographie zeitlich bei
1800. Der Bestand an Karten und Atlanten aus dem 19. und 20. Jahrhundert
ist in der Landesbibliothek wesentlich umfangreicher. Allgemein
läßt sich sagen, daß aus dem vergangenen Jahrhundert
weltweit mehr erhalten geblieben sind als aus früheren Zeiten.
Neue graphische Techniken kamen auch der Kartenherstellung zugute.
Sie machten es im 19. Jahrhundert möglich, Karten und Atlanten
schneller, billiger und in höherer Auflage herzustellen.
Hinzu kommt, daß das Informationsbedürfnis der gebildeten
Bevölkerung gestiegen war. Dies führte zu einer erhöhten
Nachfrage, und ein relativ niedriger Preis sorgte für eine
große Verbreitung. Aber selbst hohe Auflagen bedeuten nicht
unbedingt, daß von Karten bzw. Atlanten aus dem 19. Jahrhundert
eine große Zahl von Exemplaren heute noch vorhanden ist.
Durch Kriege, Feuer, Wasser und unsachgemäße Aufbewahrung
wurden im Laufe der Zeit viele Karten vernichtet. Vom Verlust
besonders stark betroffen sind großformatige, aus mehreren
Blättern zusammengesetzte Karten und Kartenwerke, die aus
vielen Einzelblättern bestehen. So kann es heute auch auf
Karten des 19. Jahrhunderts zutreffen, daß sie weltweit
nur in wenigen Exemplaren erhalten blieben und deshalb zum wertvolleren
Teil einer Sammlung gehören. Für Forschungsarbeiten
mit räumlichem und zeitlichem Bezug sind Landkarten des 19.
Jahrhunderts wegen ihrer genauen Wiedergabe der Topographie und
Orthographie wie auch der politischen Verhältnisse wichtige
Quellen. Ihre Bedeutung ist also nicht nur kartographiehistorisch
zu sehen.
Die Landesbibliothek besitzt beachtenswerte Karten und Atlanten
aus dem 19. Jahrhundert, von denen einige genannt werden sollen.
Die ersten Beispiele betreffen Karten bzw. Kartenwerke aus Baden.
Obwohl in allen süddeutschen Staaten schon im 18. Jahrhundert
staatlich gelenkte Landesaufnahmen zur Herstellung großmaßstäbiger
Territorialkarten durchgeführt wurden, ist das 19. Jahrhundert
in Baden wie auch in anderen deutschen Staaten die große
Zeit der staatlichen Landestriangulation, auf deren Grundlage
die allgemeine Landesaufnahme erfolgte. Das Ergebnis dieser Arbeiten
ist für Baden der " Topographische Atlas über das Großherzogtum
Baden... 1838-1849"
(Abbildung 4).
Das Kartenwerk besteht aus
55 Blättern im Maßstab 1:50 000. Warum sollte dieser
Atlas besonders erwähnt werden, da er selbstverständlich
in eine badische Landesbibliothek gehört? Dieses Kartenwerk
ist heute in mehreren Exemplaren in der Bibliothek in unterschiedlichem
Erhaltungszustand vorhanden, ebenso einige Nachauflagen. Um die
in Bibliotheken vorhandenen Atlanten auf Dauer nicht zu starker
Benutzung auszusetzen und um dem wachsenden Interesse an diesem
historischen Quellenmaterial entgegenzukommen, hat das Landesvermessungsamt
in Stuttgart diesen Atlas 1984-85 reproduziert; als Vorlage diente
ein besonders gut erhaltenes Exemplar der Badischen Landesbibliothek.
Die nebenstehende Karte wird wegen ihrer kartentechnischen Besonderheit
erwähnt. In dem Herstellungsverfahren liegt ihre Seltenheit.
Die Übersichtskarte "Karte von dem Großherzogthum
Baden ... Maßstab 1: 400 0000. " wurde als Folgemaßstab
des Topographischen Atlasses hergestellt und erschien 1843. Das
Exemplar der Landesbibliothek, wurde um 1860 im Zweifarbendruck
hergestellt. Dieser ist viel aufwendiger als der einfarbige schwarze
Druck, da bei einer mehrfarbigen Ausführung für jede
Druckfarbe ein eigener Stein manuell hergestellt werden muß.
Dieses Verfahren wurde für Karten nicht oft und nur kurze
Zeit angewandt. Mit der Einführung des Vierfarbendruckes
war es überholt.
Die sogenannte Rheingrenzkarte ist ein Beispiel für Landesgrenzen
überschreitende kartographische Kooperation. Die topographischen
Aufnahmen sind eine badisch-französische Gemeinschaftsarbeit,
die durch die Rheingrenzberichtigungskommission zustande kam.
Das badische Kartenwerk "Topographische Carte des Rheinstromes
und seiner beiderseitigen Ufer von Huningen bis Lauterburg oder .
. ." erschien im Maßstab 1:20 000 in 18 Blättern
1828 bei Herder in Freiburg. Die Rheingrenzkarte wurde in den
folgenden Jahren mehrmals überarbeitet und neu aufgelegt.
Die Landesbibliothek besitzt nur die erste Ausgabe von 1828, aber
im Generallandesarchiv Karisruhe sind die späteren vorhanden.
Dafür besitzt sie die französische Ausgabe der Rheingrenzkarte,
die mit französischen Texten und Namen 1840 bei E. Simon
Fils in Straßburg erschien: "Carte du cours du Rhin
et de la limite des proprietés entre les communes de deux rive
depuis Huningue jusq'à Lauterbourg . . .". Sie hat
eine andere Orientierung und einen anderen Blattschnitt als die
badische, außerdem sind 17 Einzelblätter zu 3 Teilkarten
zusarnmengefügt. Hier ergänzen sich die Bestände
der beiden Karlsruher Landesinstitutionen.
Beispiele für Kartenwerke, die über die eigene Region
hinausgehen, dürfen nicht fehlen. Daher sei als nächstes
auf einen französischen Atlas hingewiesen, der in mehreren
hoben Auflagen in Paris, ebenso in deutscher Übersetzung
in Karlsruhe erschien. Die Landesbibliothek besitzt verschiedene
Ausgaben dieses Atlasses, eine französische Ausgabe: "Atlas
historique, généalogique, chronologique, et géographique. Par
A. Le Sage (Pseudonym des Grafen Las Cases) Paris 1813 -14"
und verschiedene deutsche Ausgaben in mehreren Exemplaren unter
dem Titel: "Historisch-genealogisch-geographischer Atlas".
In Karlsruhe erschienen zwei Ausgaben bei Nöldeke 1829 und
1843 und eine bei Velten 1825-31. Letztere ist besonders hervorzuheben,
da sie als erste deutsche Ausgabe nach der französischen
von 1823 übersetzt wurde. Im Atlas selbst steht: "Aus
dem Französischen der neuesten Ausgabe in's Deutsche übertragen
und mit zwei politisch geographischen Uebersichten vermehrt von
Alexander von Dusch." Wenn ein Atlas in vielen und hohen
Auflagen erschien, wie es beim Atlas von Le Sage der Fall war,
ist damit noch nicht gewährleistet, daß sich viele
Exemplare in öffentlichen Bibliotheken und ähnlichen
Institutionen bis Ende des 20. Jahrhundert erhalten haben. Dieser
Atlas läßt sich nicht mehr häufig in Bibliotheksbeständen
nachweisen. Mit der ersten deutschen Ausgabe besitzt die Landesbibliothek
ein sehr selten erhaltenes Exemplar.
Ein besonderer Hinweis gilt einem Kartenwerk, dessen Publikationsbeginn
am Ende des 19. Jahrhunderts liegt. Gemeint ist die "Geologische
Specialkarte des Grossherzogtums Baden (1919 ff: von Baden). Hrsg.
von der Grossh. Bad. Geologischen Landesanstalt." Heidelberg:
Winter (1928 ff. Freiburg: Herder). Die Einzelblätter im Maßstab
1:25 000 sind zwischen 1894 und 1934 erschienen. Bis auf die nicht
erschienenen Blätter ist die Landesbibliothek im Besitz eines
kompletten Kartenwerkes, das heute sehr selten zu finden ist.
Einzelblätter und unvollständige Kartensätze haben
sich häufiger erhalten.
Alle Karten und Atlanten, die nach 1800 erschienen sind, haben
keinen Sonderstandort, sie stehen im allgemeinen im Büchermagazin
oder im Lesesaal. Nachgewiesen sind sie im Alphabetischen und
im Systematischen Katalog beim Fachgebiet Geographie mit den Untergruppen
Atlanten und Karten. Soweit sie nicht älter als 100 Jahre
sind, können sie von wenigen Ausnahmen abgesehen (z. B. Atlanten
mit losen Einzelblättern, Präsenzbestand des Lesesaals)
nach Hause entliehen werden.
Es gehört zu den Aufgaben einer Kartensammlung, ihren Bestand
kontinuierlich zu ergänzen. Bei der Erwerbungspolitik wird
die Bedeutung einer Sammlung, ihre Größe und ihr Profil
die eigenen, individuell angepaßten Richtlinien bestimmen.
Eine Beschränkung in räumlicher und thematischer
Hinsicht, meist auch in zeitlicher, ist oft notwendig. So beschränkt
sich die Badische Landesbibliothek beim Kauf von alten Karten
auf das Oberrheingebiet im weitesten Sinne (Baden, Elsaß,
Pfalz, Württemberg). In den vergangenen Jahren wurden durchschnittlich
5-10 alte Landkarten bei Antiquaren bzw. auf Auktionen gekauft.
Die moderne Kartographie unterliegt nicht der ganz so restriktiven
Erwerbungspolitik wie die historische, obwohl auch hier finanziell
enge Grenzen gesteckt sind.
Die verschiedenen Erwerbungsarten von modernen Kartenmaterialien
sind durch die Bibliothek als Institution mitbedingt. Da ist einmal
der Kauf, der mit den finanziellen Mitteln bestritten wird, die
dem Fachreferat für Geographie zur Verfügung stehen.
Eine besondere Quote für Karten gibt es nicht. Da die Landesbibliothek
als Archivbibliothek das Pflichtexemplarrecht besitzt, erhält
sie alle im Lande Baden-Württemberg verlegten Karten, dazu
gehören selbstverständlich auch alle, die vom Landesvermessungsamt
herausgegeben werden, angefangen bei der Grundkarte (1:5000) bis
zu den verschiedenen Spezialausgaben der amtlichen Kartenwerke
und den Reproduktionen von älterem Kartenmaterial. Daher
ergibt sich von selbst der große Kartenbestand aus dem südwestdeutschen
Raum. Kartengeschenke spielen nur eine bescheidene Rolle. Die
verschiedenen Erwerbungsarten treffen auch auf Atlanten zu. Der
Schwerpunkt bei den Anschaffungen liegt auf Atlanten und Karten
von Deutschland und Mitteleuropa. In den letzten zehn Jahren wurden
im verstärkten Umfang großmaßstäbige Karten
und Regional-/Nationalatlanten aus den EG-Ländern käuflich
erworben, thematische Kartenmaterialien waren ebenfalls stark
vertreten. Ein Nachholbedarf besteht bei Karten aus Osteuropa,
da Karten im großen Maßstab bis vor kurzem zum allgemeinen
Verkauf nicht freigegeben waren. Von einigen Ländern konnten
sie inzwischen schon angeschafft werden. Wenn auch der Erwerb
von alten Originalkarten wegen der begrenzten Geldmittel für
antiquarische Käufe oft zu teuer ist, so wird je nach Angebot
die eine oder andere als Faksimile gekauft. Im letzten Jahrzehnt
ist der Kartenbestand kontinuierlich gewachsen; der Jahreszugang
betrug durchschnittlich 1200-1300 Karten. Der Gesamtbestand der
Bibliothek umfaßt 1991 mehr als 32 600 Karten.
Entsprechend ihrer Bedeutung für Wissenschaft und Forschung
müssen die erworbenen Karten für jedermann zugänglich
gemacht werden. Eine Kartensammlung ist kaum zu benutzen, wenn
sie nicht in irgendeiner, wenn auch noch so einfacher Form, durch
Kataloge erschlossen ist. Es besteht zugleich aber auch die Pflicht,
vor allem die älteren Kartendokumente vor Schäden zu
bewahren. Einen Beitrag dazu leisten geeignete Aufbewahrungs-
und Benutzungsbedingungen. Im neuen Bibliotheksgebäude haben
sich die Räumlichkeiten zur Aufbewahrung der alten Landkarten
verbessert, so daß in Zukunft weniger Lagerungsschäden
zu befürchten sind. Die eigens bereitgestellten Kartentische
im Hauptlesesaal und in der Handschriftenabteilung bieten nicht
nur dem Benutzer gute Arbeitsbedingungen, sondern dienen auch
der Schonung der benutzten Karten.
Ein weiterer Beitrag im Rahmen der allgemeinen Information sind
Kartenausstellungen, durch die eine Bibliothek auf ihre Sondersammlung
aufmerksam macht und ihre kostbaren Bestände der Öffentlichkeit
präsentiert. Das ist in den vergangenen Jahren mehrere Male
in der Landesbibliothek geschehen. Heute läßt sich
über ihre Kartensammlung mit Berechtigung sagen, daß
sie aus ihrem ehemaligen Schattendasein herausgetreten ist und
sehr wohl beachtet wird.
Irene-Annette Bergs
aus:
Buch - Leser - Bibliothek : Festschrift der Badischen Landesbibliothek zum Neubau /
hrsg. von Gerhard Römer. - Karlsruhe : Badische Landesbibliothek, 1992.
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