Badische Landesbibliothek
   


Alte und moderne Landkarten in der Badischen Landesbibliothek

Die Kartensammlung

Es ist allgemein bekannt, daß in Bibliotheken Bücher aufbewahrt werden, ebenso daß öffentliche Bibliotheken ihre Buchbestände an interessierte Leser zur Benutzung ausleihen. Aber nicht jeder Benutzer erwartet auch Landkarten im Bibliotheksbestand. Wie Handschriften, Autographen, Inkunabeln, Musikalien und Tonträger (Schallplatten u. ä.) gehören auch Karten zu den Sondersammlungen einer wissenschaftlichen Bibliothek. Alte und moderne Landkarten stehen vielfach etwas im Schatten der weltweit bekannteren Handschriften- und Rarasammlungen. Karten liegen den Interessen der meisten Benutzer einer Bibliothek weitaus ferner als Bücher.

Die gegenwärtige Beachtung der alten Kartographie ist dennoch heute so groß wie nie zuvor. Das Interesse an alten Karten hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Dies drückt sich deutlich in einer intensiven historisch-kartographischen Forschung aus, aber auch andere historisch orientierte Wissenschaften wissen alte Landkarten als Quellenmaterial zu schätzen. Ebenso läßt sich ein allgemeines, nicht-wissenschaftliches Interesse in einer wachsenden Sammlernachfrage auf Antiquariatsmessen und Auktionen erkennen.

Der Reiz und der Wert alter Karten sind nicht erst in der heutigen Zeit erkannt worden. Berühmte Kartensammlungen öffentlicher und privater Institutionen und Privatsammlungen legen Zeugnis davon ab. Die Badische Landesbibliothek verfügte schon in ihrer großherzoglichen Zeit als Hofbibliothek über eine eigene Kartensammlung. Diese kann daher auf eine lange Geschichte zurückblicken. Die Sammlung umfaßte Karten unterschiedlicher Epochen der ganzen Welt.

Außer in der Hofbibliothek gab es noch weitere Landkarten im Schloßbereich, die allerdings lange Zeit in Vergessenheit geraten waren. 1893 wurden handgezeichnete und gedruckte Karten und Pläne im Fasanenschlößchen im Schloßpark, das der Großherzoglichen Intendanz der Zivilliste unterstand, zufällig gefunden. Von dieser Sammlung erhielt das Generallandesarchiv in Karlsruhe mit wenigen Ausnahmen die gezeichneten Karten und Pläne, außerdem die meisten gedruckten Karten von Gebieten, die militärgeschichtlich mit dem großherzoglichen Haus verbunden waren, und von Gebieten aus dem südwestdeutschen Raum und der Schweiz, wenn ein familiärer bzw. hoheitsrechtlicher Bezug gegeben war. Den größeren Teil der gedruckten Karten und einige wenige Manuskriptkarten erhielt die Hofbibliothek. Dort wurden sie so aufbewahrt, wie sie im Fasanenschlößchen aufgefunden worden waren, nämlich gefaltet und gebündelt und durch einen handgeschriebenen Zettelkatalog erschlossen. Dieser baden-durlachischen Sammlung erging es ähnlich wie manch anderem Kartenbestand, daß sie lange Zeit weitgehend unbeachtet blieb. Sie belegt jedoch das große Interesse an Karten bei den badischen Fürsten. Diese sammelten wie viele ihrer Zeitgenossen gekaufte und in ihrem Auftrag angefertigte Karten.


Seit dem 16. Jahrhundert war es das Bestreben der meisten europäischen Herrscher, ihre Territorien in umfassenden topographischen Kartenwerken darzustellen. Der Besitz guter Spezialkarten war geradezu ein Privileg der Staatsführung. Amtliche Karten unterlagen sehr oft, selbst noch bis in unsere Tage, der Geheimhaltung. Durch die weltweiten Entdeckungs- und Handelsfahrten bedingt war auch ein verstärktes Interesse an Welt- und Kontinentkarten erwacht. Weite Kreise des Adels und des wohlhabenden Bürgertums sammelten Landkarten oder Atlanten. Systematischem und zielbewußtem oder auch rein zufälligem Sammeln in früheren Zeiten ist es zu verdanken, daß wertvolle Karten erhalten blieben, die heute Prunkstücke öffentlicher Sammlungen bilden. Eine auffallende Tatsache ist, daß Originale von Karten aus dem Altertum bis spät in das Mittelalter hinein zu den größten Seltenheiten in Bibliotheken zählen. Ähnlich wie bei technischen, naturwissenschaftlichen und medizinischen Werken oder wie bei Reiseführern verlieren die Karten ihre Aktualität, damit auch weithin das Interesse des Besitzers, so daß ihre Aufbewahrung nicht mehr lohnend erscheint. Hinzu kommt noch der Umstand, daß Karten schneller als Bücher Schaden nehmen und nicht leicht aufzubewahren sind. So erklärt sich auch, daß sich alte Karten seltener erhalten haben als Bücher. Die meisten Kartenbestände in den Bibliotheken gehören folglich wesentlich jüngeren Zeitepochen an. Jede größere Kartensammlung ist in ihrem Bestand durch das geschichtliche Werden bestimmt, jede hat ihre eigene Geschichte.

Die Badische Landesbibliothek besitzt heute nicht mehr den gesamten Bestand an alten Landkarten, den die Hofbibliothek im 19. Jahrhundert, katalogmäßig dokumentiert, besessen hat. Zu jener Zeit waren ca. 4000 Karten des 16. bis 19. Jahrhunderts nachgewiesen. Der größte Teil der Kartensammlung ist bei einem Luftangriff auf Karisruhe 1942 mit der Bibliothek vernichtet worden. Nur ein kleiner Teil, der irrtümlich mit den Handschriften zu der Zeit des Brandes ausgelagert war, ist erhalten geblieben. Diese geretteten Karten - der Fund aus dem Fasanenschlößchen im Schloßpark - bilden heute den Hauptbestand der Sammlung alter Landkarten.


Alte Karten

Obwohl die Sammlung alter Karten vergleichsweise zu den kleineren zählt, kann diejenige der Landesbibliothek doch einige Kostbarkeiten, sogar ein paar Unikate aufweisen, die als hervorragende Beispiele europäischer bzw. südwestdeutscher Kartographiegeschichte anzusehen sind und auf die die Bibliothek mit Recht stolz sein kann.

Im heutigen Bestand überwiegen die Karten aus dem südwestdeutschen Raum, aus dem Oberrheingebiet mit Baden, Elsaß und der Pfalz, aus Württemberg und Schwaben. Er enthält aber auch Karten der ganzen Welt aus unterschiedlichen Epochen. Die fahrenden süddeutschen Kartographen bzw. Verleger sind am häufigsten vertreten. Die berühmten niederländischen Verleger des 17. und 18. Jahrhunderts und die Pariser Verleger des 18. Jahrhunderts sind auch zahlreich vorhanden.

Die Karteninteressenten der Karlsruher Sammlung kommen nicht nur aus der Stadt und der Region, sondern aus dem ganzen In- und dem Ausland. Wer nicht persönlich nach Karlsruhe kommen kann oder will, um sich vor Ort mit dem einen oder anderen Kartenwerk zu beschäftigen, bekommt auf Wunsch auch photographische Reproduktionen zugesandt, um mit diesen Vorlagen zu Hause zu arbeiten oder um sie als Bildmaterial für Publikationen zu nutzen.

Kritisch betrachtet, können alte Landkarten auch heute noch wertvolles qualitatives und quantitatives Material liefern. Unter historischem Aspekt, etwa bevölkerungsgeschichtlicher, sozial- und wirtschaftsgeschichtlicher oder kulturgeschichtlicher Art, läßt sich eine Karte als Quelle auswerten. Die erhaltenen Karten zeugen davon, daß die Kartographen es im Zeitenwandel immer versucht haben, das jeweilige Bild der Erde nach ihrer Kenntnis wiederzugeben. Die Karte wollte damals wirklich noch Imago Mundi - ein Bild der Welt sein. Als Zeugen vergangener Zeiten liefern alte Landkarten einen unmittelbaren Einblick in die sich ständig wandelnden Natur-, Siedlungs- und Wirtschaftsverhältnisse. Deshalb gehören sie auch zum kulturellen Erbe eines jeden Landes. Vor allem wenn man mehrere Karten desselben Raumes aus verschiedenen Epochen miteinander vergleicht, läßt sich daraus die Entwicklung der Kulturlandschaft ablesen. Die politischen Grenzen sind geschichtlich keine konstanten Linien gewesen, Flüsse haben im Laufe der Zeit ihr Flußbett mehr oder weniger verändert. In Jahrhunderten hat sich ebenfalls das Siedlungsbild verändert. Dörfer und Städte sind neu gegründet, bereits bestehende sind erweitert oder durch Kriegswirren zerstört worden und von der Karte verschwunden. Das Verkehrsnetz wurde vergrößert und verbessert. Die Verteilung und Art der landwirtschaftlichen und forstlichen Nutzung läßt sich ebenfalls von den Karten ablesen. Man kann also sagen, daß alte Landkarten einen dokumentarisch-historischen Wert besitzen. Daher besteht die Aufgabe von Kartensammlungen vor allem in der Bewahrung und Pflege aller älteren Kartendokumente, d. h. die Bestände wertvoller, oft unersetzlicher Karten sind vor Zerstörung zu bewahren und ihre sachgemäße Konservierung ist durchzuführen.


Vor allem Karten aus den Jahrhunderten, aus denen sich nur wenige Exemplare weltweit erhalten haben, sind heute sehr begehrt und werden als Quellen auf vielfältigste Weise genutzt. Die Badische Landesbibliothek besitzt einige Karten aus dem 15. Jahrhundert und 16. Jahrhundert von hohem kartographischen Wert, die auch als Rara - wie die Benutzung aus dem In- und Ausland beweist sehr geschätzt sind. Einige Beispiele seien genannt. Als erste seien die beiden Portulankarten, die das Mittelmeergebiet und das Schwarze Meer umfassen, erwähnt. Es sind auf Pergament koloriert gezeichnete Karten, die die Konturen des Tierfelles behalten haben. Das westliche Gebiet des Mittelmeeres liegt in dessen Halspartie. Die Karte des Petrus Roselli aus Katalonien von 1449 ist die älteste in der Landesbibliothek. Die zweite Portulankarte ist ohne Verfasserangabe und ohne Erscheinungsjahr. Ruthardt Oehme vermutet, daß Bartolomeo Oliva aus Messina der Verfasser ist und datiert sie in die zweite Hälfte des 16. Jahrhundert (nach 1550) (Abbildung 1). Die Entstehung der Portulankarten ist heute immer noch nicht geklärt. Ihre besonders auffallenden Merkmale sind die genaue Darstellung der Küsten mit den vielen eingezeichneten Häfen und ein Netz von Linien, die meist von mehreren Kompaßrosen ausgehen und die ganze Karte überziehen. Immer wieder werden neue Untersuchungen durchgeführt und neue Hypothesen aufgestellt, um die Problematik zu lösen. Hierzu sind auch die beiden Portulankarten der Landesbibliothek in den letzten Jahren als Grundlagen genutzt worden.

Die Bibliothek besitzt noch einige weitere Pergamentkarten, die als wertvolle Rara zu bezeichnen sind, dazu gehören die in nur wenigen Exemplaren erhaltenen Seekarten von Willem Blaeu. Die "Pascaarte van alle de Zecusten van Europa" ist auf 1577 zu datieren. Die "West Indische Paskaert" (Abbildung 2), die vermutlich vor 1630 erschienen ist, gehört zu den ersten Karten, die den Atlantik darstellen. Als Quelle dienten wahrscheinlich die Unterlagen des Kartographen der Holländisch-Westindischen Campagnie Hessel Gerritsz. Eine Pazifikkarte, die im Kartenkatalog der Landesbibliothek als anonym bezeichnet ist, ordnet G. Schilder aufgrund neuerer Forschungen (1976) Johann Blaeu, einem Sohn von Willem Blaeu, zu. Jener war auch Kartograph der Holländisch-Westindischen Compagnie gewesen. Schilder bestätigt, daß die "Pascaerte von de Zuydt Zee" nach 1644 entstanden sein muß. Zu den Rara zählt auch zweifelsohne die "Pascaerte van Oost-Indien" von Theunis Jacobszon. Diese Südostasienkarte ist ca. 1630-40 entstanden. Zu den Pergamentkarten gehören noch zwei erwähnenswerte Europakarten. Die "Nieuwe Paschaerte" von Cornelius Doußoon erschien 1602. Durch die Ansichten von Städten, Häfen und Inseln, die die Karte als Bordüre umgeben, ist sie besonders schmuckreich gestaltet. Die von Pieter Goos geschaffene "Paskaarte vertonende alle de Zekusten van Europa" ist undatiert (um 1660). Dieser ist besonders durch die Veröffentlichung von mehreren Seeatlanten (ab 1650) bekannt geworden. Die Landesbibliothek besitzt das einzige Exemplar, das sich im öffentlichen Bibliotheksbesitz befindet. Im 16. und 17. Jahrhundert war die niederländische Kartographie führend in Europa, Amsterdam war das Zentrum. Die genannten Seekarten (außer den Portulanen, die auch als Seekarten bezeichnet werden könnten) sind dort alle entstanden.


Auch von deutschen Kartographen und Verlegern und aus der historischen Region Germanien hat die Landesbibliothek einige Rara in ihrer Sammlung. Die Erstausgabe der Schlesienkarte von Martin Helwig erschien 1561 in Neisse. Sie ist ein kolorierter Holzschnitt ohne Titel. Von dieser Karte sind noch über 200 Jahre lang Auflagen erschienen. Sie diente lange Zeit als Grundlage für Neubearbeitungen von Schlesienkarten und hat auch Eingang in niederländische Atlanten gefunden. Eine Karte von Ubbo Emmius "Typus Frisiae Orientalis. . ." von 1595 wurde 1964 zufällig in der Landesbibliothek entdeckt. Dieser Fund hat die Datierung der Frieslandkarten von Emmius nachhaltig beeinflußt, denn das Karlsruher Exemplar gibt den ersten Zustand der Karte wieder. Dasjenige, das bis dahin als die älteste Karte galt, zeigt sie im zweiten Zustand. Hier enthält die rechte untere Kartusche keinen Text mehr, sondern eine Vogelschauansicht von Emden. Diese Karte ist ebenfalls 1595 erschienen.

Eine weitere Zufallsentdeckung einer Karte sei an dieser Stelle erwähnt. Eine anonyme und undatierte Kraichgaukarte ist in der Neckarkartenausstellung von 1988 gezeigt und in dem dazu erschienenen Katalog beschrieben worden. Sie war einer Cosmographie von Sebastian Münster beigebunden, die aus dem Besitz von Peter Perna aus Basel stammte. Sie könnte um 1580 entstanden sein.

Je länger die Entstehungszeit einer Karte zurückliegt, desto geringer ist die Chance, heute noch viele Exemplare vorzufinden. Das trifft auf Einzel-, besonders aber auf mehrblättrige Karten zu; bei diesen besteht noch zusätzlich die Gefahr, daß einzelne Teile verloren gehen. Das "Kriegs Theater der Teutschen und franzoesischen Graenzlanden zwischen dem Rhein und der Mosel" von Peter Dewarat wurde zwischen 1794 und 1799 in sechs Einzelblättern von dem privaten Verleger J. L. C. Rheinwald herausgegeben, der die Karte bei B. F. Leizelt in Augsburg stechen ließ. Über den 1. Koalitionskrieg (1792-97) ist dieses Werk ein wichtiges kartographisches Dokument und daher heute noch von großem Interesse. Die Landesbibliothek besitzt alle sechs Einzelblätter in gut erhaltenem Zustand und somit eines der wenigen vollständigen Exemplare.

Die genannten Karten sind als Raritäten vorgestellt worden, da sie zu denen gehören, die in den vergangenen Jahren besondere Beachtung gefunden haben, indem sie als Exponate für auswärtige Kartenausstellungen ausgeliehen wurden und/oder als Unterlagen für kartographische Forschungsarbeiten bzw. Publikationen dienten.

Hinzuweisen ist auf das regionale Sammelgebiet der Badischen Landesbibliothek, auf das Oberrheingebiet. Als erstes seien zwei Karten von Sebastian Münster genannt, der Basel zu einem kartographischen Zentrum machte. Seine Karten bedeuten einen Höhepunkt der Holzschnittkartographie. Die kolorierte Schwarzwaldkarte "Nigra Sylva XI. Nova Tabula" stammt aus der Basler Ptolemäusausgabe von 1545. Sie ist die älteste gedruckte Schwarzwaldkarte in größerem Maßstab. Das Karlsruher Exemplar diente 1989 als Vorlage für eine farbige Reproduktion des Landesvermessungsamtes in Stuttgart. Sie ist mit einem Erläuterungstext käuflich zu erwerben. Die Reproduktion unterstreicht die Bedeutung der Existenz dieser Karte und das allgemein wachsende Interesse an alten Landkarten. Als weitere Karte von Münster ist eine Rheinlaufkarte zu nennen, die in der Erstausgabe der Cosmographie 1544 in Basel erschien. Sie besteht aus drei Blättern und ist die erste zusammenhängende Darstellung des Rheines. "Die erste Tafel des Rheinstroms in der vergriffen wirt die Eidtgnoschafft, das Elsass vnd Brisgow. . ." (Abbildung 3). Nur zur Ergänzung sei die Oberrheinkarte"Tabv. Nova Provin. Rheni" erwähnt, die aus der Straßburger Ptolemäusausgabe von 1535 stammt. Sie ist ein verkleinerter Nachschnitt nach der Karte von Waldseemüller von 1512.


Schließlich sei noch auf eine Manuskriptkarte aus Baden besonders hingewiesen. Sie ist zeitlich viel später entstanden. "Carte portatiff et tres Exacte de une partie du Cours du Rhein . . ." Der Franzose Jacques Michal, der seine Karte dem Markgrafen von Baden-Durlach und Hochberg widmete, stand zeitweise in dessen Diensten. Es ist eine handgezeichnete Karte in schwarzer und roter Tinte, die den Lauf des Oberrheins mit Einzeichnung aller Kirchen in 12 Tafeln darstellt. Diese "carte portatiff" ließ sich als Faltkarte in handlichem Format bequem auf Reisen mitnehmen. Michal war nicht nur militärkartographisch am Oberrhein bzw. in Baden tätig, sondern hat auch für die zivile Kartographie gearbeitet. Er hat mehrere Karten einzelnen Markgrafen gewidmet. Die genannte Karte ist undatiert, sie könnte um 1720 entstanden sein. - Diese Karte ist nicht im gedruckten Katalog verzeichnet, da sie erst unmittelbar nach dessen Fertigstellung von der Bibliothek erworben wurde. Es befinden sich noch weitere Raritäten in der Kartensammlung, die es verdienten, genannt zu werden. Auf ihre Erwähnung wird hier verzichtet, da dies im wesentlichen schon an anderer Stelle geschehen ist. In der Einleitung zum Kartenkatalog (1974) und in einem Aufsatz über die Kartensammlung der Badischen Landesbibliothek von Joachim Neumann (1983) sind weitere Rarakarten aufgeführt.

Die Sammlung alter Landkarten umfaßt den Bestand bis zum Erscheinungsjahr 1800. Der Schnitt zwischen alten und modernen Karten ist relativ früh gelegt. In der Landesbibliothek gibt es nicht nur zeitlich eine Zäsur im Gesamtkartenbestand, sondern auch hinsichtlich des Aufbewahrungsortes und der Erschließung. Die Karten aus dem Fasanenschlößchen, die durch Auslagerung den Krieg überstanden hatten, blieben lange Zeit gefaltet in Mappen aufbewahrt. Die Kartensammlung führte bis vor zwei Jahrzehnten ein Schattendasein in der Bibliothek und wurde entsprechend wenig benutzt. Dieser Zustand änderte sich Anfang der 70er Jahre, als die Karten in moderne Kartenschränke plano gelagert wurden. Aus diesem Anlaß wurde fast der gesamte Bestand an alten Karten katalogisiert und systematisiert. Die Neuerwerbungen seit 1945 wurden integriert. (Die wenigen Veduten, Pläne und astronomischen Karten, die in der Sammlung enthalten sind, wurden nicht katalogisiert, ebenso nicht die Karten, die sich in der Handschriftenabteilung befinden). Das Ergebnis dieser Arbeit liegt in einem gedruckten Katalog (1974) vor.

Die Atlanten, die vor 1800 erschienen sind, befinden sich nicht in unmittelbarer Nähe der Kartenschränke und sind auch nicht im gedruckten Katalog miterfaßt. Ihr Standort ist im Büchermagazin bzw. in der Handschriftenabteilung. Bei der Zerstörung der Bibliothek im Zweiten Weltkrieg sind mit dem Buchbestand die alten Atlanten vernichtet worden. Der heutige alte Atlantenbestand ist klein und ist formal und systematisch in den allgemeinen Zettelkatalogen der Bibliothek nachgewiesen. Karten und Atlanten aus diesen erfaßten Zeiträumen (bis 1800) können nur im Hause benutzt werden, in der Regel im Lesesaal, in einigen Fällen nur in der Handschriftenabteilung. Dort befinden sich spezielle Arbeitsplätze für Kartenbenutzer.


Neue Karten

Wie schon erwähnt, endet die alte Kartographie zeitlich bei 1800. Der Bestand an Karten und Atlanten aus dem 19. und 20. Jahrhundert ist in der Landesbibliothek wesentlich umfangreicher. Allgemein läßt sich sagen, daß aus dem vergangenen Jahrhundert weltweit mehr erhalten geblieben sind als aus früheren Zeiten. Neue graphische Techniken kamen auch der Kartenherstellung zugute. Sie machten es im 19. Jahrhundert möglich, Karten und Atlanten schneller, billiger und in höherer Auflage herzustellen. Hinzu kommt, daß das Informationsbedürfnis der gebildeten Bevölkerung gestiegen war. Dies führte zu einer erhöhten Nachfrage, und ein relativ niedriger Preis sorgte für eine große Verbreitung. Aber selbst hohe Auflagen bedeuten nicht unbedingt, daß von Karten bzw. Atlanten aus dem 19. Jahrhundert eine große Zahl von Exemplaren heute noch vorhanden ist. Durch Kriege, Feuer, Wasser und unsachgemäße Aufbewahrung wurden im Laufe der Zeit viele Karten vernichtet. Vom Verlust besonders stark betroffen sind großformatige, aus mehreren Blättern zusammengesetzte Karten und Kartenwerke, die aus vielen Einzelblättern bestehen. So kann es heute auch auf Karten des 19. Jahrhunderts zutreffen, daß sie weltweit nur in wenigen Exemplaren erhalten blieben und deshalb zum wertvolleren Teil einer Sammlung gehören. Für Forschungsarbeiten mit räumlichem und zeitlichem Bezug sind Landkarten des 19. Jahrhunderts wegen ihrer genauen Wiedergabe der Topographie und Orthographie wie auch der politischen Verhältnisse wichtige Quellen. Ihre Bedeutung ist also nicht nur kartographiehistorisch zu sehen.

Die Landesbibliothek besitzt beachtenswerte Karten und Atlanten aus dem 19. Jahrhundert, von denen einige genannt werden sollen. Die ersten Beispiele betreffen Karten bzw. Kartenwerke aus Baden. Obwohl in allen süddeutschen Staaten schon im 18. Jahrhundert staatlich gelenkte Landesaufnahmen zur Herstellung großmaßstäbiger Territorialkarten durchgeführt wurden, ist das 19. Jahrhundert in Baden wie auch in anderen deutschen Staaten die große Zeit der staatlichen Landestriangulation, auf deren Grundlage die allgemeine Landesaufnahme erfolgte. Das Ergebnis dieser Arbeiten ist für Baden der " Topographische Atlas über das Großherzogtum Baden... 1838-1849" (Abbildung 4). Das Kartenwerk besteht aus 55 Blättern im Maßstab 1:50 000. Warum sollte dieser Atlas besonders erwähnt werden, da er selbstverständlich in eine badische Landesbibliothek gehört? Dieses Kartenwerk ist heute in mehreren Exemplaren in der Bibliothek in unterschiedlichem Erhaltungszustand vorhanden, ebenso einige Nachauflagen. Um die in Bibliotheken vorhandenen Atlanten auf Dauer nicht zu starker Benutzung auszusetzen und um dem wachsenden Interesse an diesem historischen Quellenmaterial entgegenzukommen, hat das Landesvermessungsamt in Stuttgart diesen Atlas 1984-85 reproduziert; als Vorlage diente ein besonders gut erhaltenes Exemplar der Badischen Landesbibliothek.

Die nebenstehende Karte wird wegen ihrer kartentechnischen Besonderheit erwähnt. In dem Herstellungsverfahren liegt ihre Seltenheit. Die Übersichtskarte "Karte von dem Großherzogthum Baden ... Maßstab 1: 400 0000. " wurde als Folgemaßstab des Topographischen Atlasses hergestellt und erschien 1843. Das Exemplar der Landesbibliothek, wurde um 1860 im Zweifarbendruck hergestellt. Dieser ist viel aufwendiger als der einfarbige schwarze Druck, da bei einer mehrfarbigen Ausführung für jede Druckfarbe ein eigener Stein manuell hergestellt werden muß. Dieses Verfahren wurde für Karten nicht oft und nur kurze Zeit angewandt. Mit der Einführung des Vierfarbendruckes war es überholt.


Die sogenannte Rheingrenzkarte ist ein Beispiel für Landesgrenzen überschreitende kartographische Kooperation. Die topographischen Aufnahmen sind eine badisch-französische Gemeinschaftsarbeit, die durch die Rheingrenzberichtigungskommission zustande kam. Das badische Kartenwerk "Topographische Carte des Rheinstromes und seiner beiderseitigen Ufer von Huningen bis Lauterburg oder . . ." erschien im Maßstab 1:20 000 in 18 Blättern 1828 bei Herder in Freiburg. Die Rheingrenzkarte wurde in den folgenden Jahren mehrmals überarbeitet und neu aufgelegt. Die Landesbibliothek besitzt nur die erste Ausgabe von 1828, aber im Generallandesarchiv Karisruhe sind die späteren vorhanden. Dafür besitzt sie die französische Ausgabe der Rheingrenzkarte, die mit französischen Texten und Namen 1840 bei E. Simon Fils in Straßburg erschien: "Carte du cours du Rhin et de la limite des proprietés entre les communes de deux rive depuis Huningue jusq'à Lauterbourg . . .". Sie hat eine andere Orientierung und einen anderen Blattschnitt als die badische, außerdem sind 17 Einzelblätter zu 3 Teilkarten zusarnmengefügt. Hier ergänzen sich die Bestände der beiden Karlsruher Landesinstitutionen.

Beispiele für Kartenwerke, die über die eigene Region hinausgehen, dürfen nicht fehlen. Daher sei als nächstes auf einen französischen Atlas hingewiesen, der in mehreren hoben Auflagen in Paris, ebenso in deutscher Übersetzung in Karlsruhe erschien. Die Landesbibliothek besitzt verschiedene Ausgaben dieses Atlasses, eine französische Ausgabe: "Atlas historique, généalogique, chronologique, et géographique. Par A. Le Sage (Pseudonym des Grafen Las Cases) Paris 1813 -14" und verschiedene deutsche Ausgaben in mehreren Exemplaren unter dem Titel: "Historisch-genealogisch-geographischer Atlas". In Karlsruhe erschienen zwei Ausgaben bei Nöldeke 1829 und 1843 und eine bei Velten 1825-31. Letztere ist besonders hervorzuheben, da sie als erste deutsche Ausgabe nach der französischen von 1823 übersetzt wurde. Im Atlas selbst steht: "Aus dem Französischen der neuesten Ausgabe in's Deutsche übertragen und mit zwei politisch geographischen Uebersichten vermehrt von Alexander von Dusch." Wenn ein Atlas in vielen und hohen Auflagen erschien, wie es beim Atlas von Le Sage der Fall war, ist damit noch nicht gewährleistet, daß sich viele Exemplare in öffentlichen Bibliotheken und ähnlichen Institutionen bis Ende des 20. Jahrhundert erhalten haben. Dieser Atlas läßt sich nicht mehr häufig in Bibliotheksbeständen nachweisen. Mit der ersten deutschen Ausgabe besitzt die Landesbibliothek ein sehr selten erhaltenes Exemplar.

Ein besonderer Hinweis gilt einem Kartenwerk, dessen Publikationsbeginn am Ende des 19. Jahrhunderts liegt. Gemeint ist die "Geologische Specialkarte des Grossherzogtums Baden (1919 ff: von Baden). Hrsg. von der Grossh. Bad. Geologischen Landesanstalt." Heidelberg: Winter (1928 ff. Freiburg: Herder). Die Einzelblätter im Maßstab 1:25 000 sind zwischen 1894 und 1934 erschienen. Bis auf die nicht erschienenen Blätter ist die Landesbibliothek im Besitz eines kompletten Kartenwerkes, das heute sehr selten zu finden ist. Einzelblätter und unvollständige Kartensätze haben sich häufiger erhalten.

Alle Karten und Atlanten, die nach 1800 erschienen sind, haben keinen Sonderstandort, sie stehen im allgemeinen im Büchermagazin oder im Lesesaal. Nachgewiesen sind sie im Alphabetischen und im Systematischen Katalog beim Fachgebiet Geographie mit den Untergruppen Atlanten und Karten. Soweit sie nicht älter als 100 Jahre sind, können sie von wenigen Ausnahmen abgesehen (z. B. Atlanten mit losen Einzelblättern, Präsenzbestand des Lesesaals) nach Hause entliehen werden.


Es gehört zu den Aufgaben einer Kartensammlung, ihren Bestand kontinuierlich zu ergänzen. Bei der Erwerbungspolitik wird die Bedeutung einer Sammlung, ihre Größe und ihr Profil die eigenen, individuell angepaßten Richtlinien bestimmen. Eine Beschränkung in räumlicher und thematischer Hinsicht, meist auch in zeitlicher, ist oft notwendig. So beschränkt sich die Badische Landesbibliothek beim Kauf von alten Karten auf das Oberrheingebiet im weitesten Sinne (Baden, Elsaß, Pfalz, Württemberg). In den vergangenen Jahren wurden durchschnittlich 5-10 alte Landkarten bei Antiquaren bzw. auf Auktionen gekauft. Die moderne Kartographie unterliegt nicht der ganz so restriktiven Erwerbungspolitik wie die historische, obwohl auch hier finanziell enge Grenzen gesteckt sind.

Die verschiedenen Erwerbungsarten von modernen Kartenmaterialien sind durch die Bibliothek als Institution mitbedingt. Da ist einmal der Kauf, der mit den finanziellen Mitteln bestritten wird, die dem Fachreferat für Geographie zur Verfügung stehen. Eine besondere Quote für Karten gibt es nicht. Da die Landesbibliothek als Archivbibliothek das Pflichtexemplarrecht besitzt, erhält sie alle im Lande Baden-Württemberg verlegten Karten, dazu gehören selbstverständlich auch alle, die vom Landesvermessungsamt herausgegeben werden, angefangen bei der Grundkarte (1:5000) bis zu den verschiedenen Spezialausgaben der amtlichen Kartenwerke und den Reproduktionen von älterem Kartenmaterial. Daher ergibt sich von selbst der große Kartenbestand aus dem südwestdeutschen Raum. Kartengeschenke spielen nur eine bescheidene Rolle. Die verschiedenen Erwerbungsarten treffen auch auf Atlanten zu. Der Schwerpunkt bei den Anschaffungen liegt auf Atlanten und Karten von Deutschland und Mitteleuropa. In den letzten zehn Jahren wurden im verstärkten Umfang großmaßstäbige Karten und Regional-/Nationalatlanten aus den EG-Ländern käuflich erworben, thematische Kartenmaterialien waren ebenfalls stark vertreten. Ein Nachholbedarf besteht bei Karten aus Osteuropa, da Karten im großen Maßstab bis vor kurzem zum allgemeinen Verkauf nicht freigegeben waren. Von einigen Ländern konnten sie inzwischen schon angeschafft werden. Wenn auch der Erwerb von alten Originalkarten wegen der begrenzten Geldmittel für antiquarische Käufe oft zu teuer ist, so wird je nach Angebot die eine oder andere als Faksimile gekauft. Im letzten Jahrzehnt ist der Kartenbestand kontinuierlich gewachsen; der Jahreszugang betrug durchschnittlich 1200-1300 Karten. Der Gesamtbestand der Bibliothek umfaßt 1991 mehr als 32 600 Karten.

Entsprechend ihrer Bedeutung für Wissenschaft und Forschung müssen die erworbenen Karten für jedermann zugänglich gemacht werden. Eine Kartensammlung ist kaum zu benutzen, wenn sie nicht in irgendeiner, wenn auch noch so einfacher Form, durch Kataloge erschlossen ist. Es besteht zugleich aber auch die Pflicht, vor allem die älteren Kartendokumente vor Schäden zu bewahren. Einen Beitrag dazu leisten geeignete Aufbewahrungs- und Benutzungsbedingungen. Im neuen Bibliotheksgebäude haben sich die Räumlichkeiten zur Aufbewahrung der alten Landkarten verbessert, so daß in Zukunft weniger Lagerungsschäden zu befürchten sind. Die eigens bereitgestellten Kartentische im Hauptlesesaal und in der Handschriftenabteilung bieten nicht nur dem Benutzer gute Arbeitsbedingungen, sondern dienen auch der Schonung der benutzten Karten.

Ein weiterer Beitrag im Rahmen der allgemeinen Information sind Kartenausstellungen, durch die eine Bibliothek auf ihre Sondersammlung aufmerksam macht und ihre kostbaren Bestände der Öffentlichkeit präsentiert. Das ist in den vergangenen Jahren mehrere Male in der Landesbibliothek geschehen. Heute läßt sich über ihre Kartensammlung mit Berechtigung sagen, daß sie aus ihrem ehemaligen Schattendasein herausgetreten ist und sehr wohl beachtet wird.

Irene-Annette Bergs

aus: Buch - Leser - Bibliothek : Festschrift der Badischen Landesbibliothek zum Neubau / hrsg. von Gerhard Römer. - Karlsruhe : Badische Landesbibliothek, 1992.

Adresse
Erbprinzenstraße 15, 76133 Karlsruhe
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