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Bericht in der Zeitschrift "Aufbau" vom 10. März 2003:

Der Synagogensucher
Professor Meier Schwarz und die Organisation "Beit Ashkenaz"

Von Patrick Goldfein

Es war ein Kongress über salzverträgliche Pflanzen, der das Leben von Professor Dr. Meier Schwarz veränderte. Genauer gesagt, der Ort des Kongresses. Noch genauer, die Rückkehr in seine Heimatstadt, 160 Kilometer vom Ort des Kongresses entfernt: das idyllische Nürnberg, im Herzen Frankens. Die Stadt der Lebkuchen, der Rostbratwürstel, der ersten Eisenbahnstrecke Deutschlands, und dennoch auch eine Stadt unter vielen. Eine Stadt, in der wie in allen Städten Deutschlands am 9. November 1938 die Synagoge brannte.

Schwarz hat das als kleiner Junge miterlebt. Er war 12 Jahre alt, als er sah, wie sich die Flammen bis zum Dachgiebel des Gebetshauses fraßen. Er blickte um sich und sah die Menschen gaffen. "Das sagt man doch so, gaffen?", fragt er heute, fast siebzig Jahre später, noch immer mit fränkischem Einschlag in der Stimme. Schwarz sitzt am Schreibtisch in seinem schlichten Jerusalemer Büro, er trägt einen azurblauen Pullover über dem hellblauen Hemd. Die weißen Haare werden von einer schwarzen Kippa bedeckt. "Ich meine, sie sahen zu, keiner tat etwas, alle haben geschwiegen. Nur gegafft."

Kurz nach dem Synagogenbrand verlässt der kleine Meier Schwarz sein Heimatland Deutschland. Mit seiner Mutter, der Vater wird von den Nazis erschossen. Schwarz kämpft in der Hagana für die Unabhängigkeit Israels. Später studiert er Biologie an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Er spezialisiert sich auf Hydrokulturen und erforscht in der Negev-Wüste Bewässerungsmethoden für die Landwirtschaft.

Persönlich lernt er David Ben Gurion kennen ("Ich habe noch immer seine Briefe an mich, alle handgeschrieben"), und bewegt sich in den Kreisen der größten Wissenschaftler des Landes ("Leibowitz, ein großer Denker, leider wusste er das selbst zu genau"). Die Forschung, die Naturwissenschaft ist die Liebe seines Lebens. Es ist die Bestimmung des Professor Dr. Meier Schwarz. Bis zu jenem Kongress in München. 15 Jahre ist das her - es ging um die salzverträglichen Pflanzen ...

Schwarz erinnert sich nur noch an das Thema des Kongresses. Nicht mehr an die Teilnehmer, die Vorträge, die Fachgespräche. Das ist alles weit weg jetzt, es sind Nebensächlichkeiten kurz vor dem späten Schlüsselerlebnis seines Lebens - der Fahrt zurück in seine Jugend. Der Rückkehr nach Nürnberg. Auf der Suche nach der Synagoge. Er wusste noch genau, wo sie stand, obwohl er Jahrzehnte lang nicht mehr dort war. Als er sich dem Synagogenplatz nähert, klopft sein Herz. Dann, Sekunden später, zerreißt es. Alles, was er sieht, sind Lastwagen, Autos und Zapfsäulen. Alles, was er riecht, ist der Geruch von Benzin. Alles, was ihm heilig war, ist jetzt eine Tankstelle. Eine Tankstelle an Stelle der Synagoge. Der Stelle, an der sie in Flammen aufging. Als er das Schweigen der Menschen hörte.

"Ein Schild", geht es Schwarz durch den Kopf. Es muss ein Schild geben, etwas das an die abgebrannte Synagoge erinnert. Eine kleine Tafel, mit einem kleinen ermahnenden Sätzchen darauf. "Wir wissen von nichts", sagen ihm die Passanten. Die Politiker werden es besser wissen, denkt sich der Professor und stellt die Obersten der Stadt zur Rede. "Da war mal eine kleine Betstube", sagt der erste Stadtrat. "Bin mir nicht ganz sicher", sagt ein Zweiter. "Hat hier nicht existiert", ein Dritter. Schwarz verlässt die Stadt. Er fährt nach Israel zurück und schreibt ein 90-seitiges Buch über die Nürnberger Synagoge. Er nennt es "Die Synagoge, die nicht existierte." Das Buch ist der Beginn seines zweiten Lebens.

Professor Schwarz läßt sich von der Universität befreien. Er will jetzt alle Synagogen finden. All die Synagogen, die einmal in Deutschland existiert haben, in denen Juden gebetet und gelebt haben, die am 9. November 1938 gebrannt haben und an die sich heute keiner mehr erinnern will. 151 Synagogen wurden damals zerstört, sagen die Historiker. Das ist die Zahl, die Reinhard Heydrich an Hermann Göring gemeldet hat. Sie ist in die Geschichtsbücher eingedrungen und hat sich dort eingenistet. Meier Schwarz hat fünfzehn Jahre lang gearbeitet, um sie sie zu widerlegen.

Unzählige Male reist er nach Deutschland, in jede Groß- und Kleinstadt, in jeden Ort, in jedes Dorf, in entlegenste Winkel. "Wo war die Synagoge? Wo haben die Juden hier gelebt? Wie haben sie gelebt? Was ist am 9. November 1938 geschehen?" Immer wieder die selben Fragen. Und immer wieder die selben Mauern des Schweigens. "Hier gab es keine Synagoge." Meier Schwarz hat den Satz tausendmal gehört. Die Menschen, die ihn sagten, haben ihm dabei in die Augen gesehen. Dann haben sie mitleidig mit dem Kopf geschüttelt. Manchmal standen sie dabei genau vor der ehemaligen Synagoge. Wenn das Gebetshaus verbaut und nicht mehr als solches erkennbar war, hat die Suche oft mehrere Tage gedauert. Bis zur Verzweiflung.

Bis dann plötzlich eine alte Einheimische vor ihm stand. Eine, die sich noch an alles erinnert konnte und wollte. "In jedem Dorf gibt es eine solche Frau", sagt Schwarz. "Wenn ich sie gefunden hatte, wusste ich, dass ich es geschafft habe." Er wurde dann zu einem eingefallenen Haus, einem modernen Supermarkt oder einer Feuerwehrstation gebracht. In den Mauern eingraviert: Vereinzelte hebräische Buchstaben, vielleicht ein Davidstern, ein siebenarmiger Leuchter, ein Psalm. "Eine Synagoge nach langer Zeit zu finden ist ein unbeschreibliches Gefühl", sagt Schwarz. "Es wird mir immer warm ums Herz. Aber gleichzeitig ist es auch ein unendlich trauriger Moment."

Die Gravuren in der Mauer sind die letzten leisen Zeugen einer toten Welt. Und auch sie vergilben mit der Zeit, sind kurz davor, für immer zu verstummen. "Ich habe dreißig Jahre zu spät angefangen", sagt Schwarz. "Es wird immer schwerer, Menschen zu finden, die vom Leben in den Synagogen erzählen können, die noch alte Fotos von ihnen besitzen, und miterlebt haben wie sie nieder gebrannt wurden." 1574 Synagogen und Gebetsstuben, die sich 1938 auf deutschem Staatsgebiet befanden und in der "Reichspogromnacht" zerstört wurden, hat er ausfindig gemacht. 61 davon in Österreich, 35 im Sudetenland, 161 in Schlesien und 13 in Ostpreußen. Die restlichen 1304 befinden sich auf heutigem deutschen Staatsgebiet, die meisten in Hessen (300) und in Nordrhein-Westfalen (237).

Über die zerstörten Synagogen in Nordrhein-Westfalen hat die von Schwarz gegründete Organisation "Beit Ashkenaz" einen ersten Bilderband ("Feuer an dein Heiligtum gelegt") veröffentlicht. Jeder Synagoge sind zwei Seiten gewidmet. Darin finden sich Texte zur ihrer Entstehung, Bauweise, dem Gemeindeleben und der Zerstörung. Dazu gibt es Bilder von damals und heute. Schwarz und seine Mitarbeiter arbeiten an sieben weiteren Bänden, nach Regionen geordnet. Jeder Synagoge soll ein Denkmal gesetzt, und an die Juden aus Deutschland erinnert werden. Erst wenn sein Lebenswerk vollbracht ist, wird sich Schwarz wieder ganz seiner alten Liebe widmen können. Und nach Neuseeland fahren. Dort gibt es neue Hydrokulturen.

Kontakt:
Professor Meier Schwarz, Ashkenaz House,
King George Street 58, Jerusalem, Israel.
Tel.: (...)972-2-6233225. Fax: (...) 972-2-6233226.
E-Mail: synagog@netvision.net.il



Quelle: Zeitschrift AUFBAU
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