Synagogengedenkbuch Baden-Württemberg
Spurensuche nach jüdischen Gotteshäusern
Nürnberg, 10. November 1938: Der 12-jährige Meier Schwarz wacht nachts von dumpfen
Schlägen an der Haustür auf. Fünf SA-Männer stürmen in die Wohnung,
plündern und zerstören die Einrichtung. Am frühen Morgen läuft der Bub in
Richtung Synagoge in der Esenweinstraße und sieht schon von weitem die lodernden Flammen.
Kurze Zeit später verlässt er Deutschland. Sein Vater war schon 1937 ermordet worden;
auch seine Mutter, deren Familie viele Generationen im württembergischen Wiesenbach bei
Blaufelden beheimatet war, wird er nicht mehr wiedersehen.
Jahrzehnte später. Mitte der 1980er-Jahre, steht Meier Schwarz, mittlerweile Professor
für Biologie in Jerusalem, wieder in Nürnberg. Dort, wo die Synagoge stand, ist jetzt
eine Tankstelle. Kein Gedenkstein, keine Erinnerungstafel, nichts zeugt von der Existenz des
jüdischen Gotteshauses. Niemand scheint sich der Synagoge erinnern zu wollen.
Meier Schwarz beschließt, gegen dieses Vergessen zu arbeiten. In Jerusalem gründet er
das "Synagogue Memorial Institut". Er will den deutschen Synagogen und ihren Menschen in Text und
Bild ein Denkmal setzen. In den folgenden Jahren sucht er in Deutschland nach Partnern für
sein Vorhaben, Synagogengedenkbücher für alle Bundesländer zu erarbeiten. In
Baden-Württemberg nimmt er 1988 Kontakt mit Pfarrer Joachim Hahn auf. Hahn hatte soeben
für Baden-Württemberg zwei Bücher erstellt, die auch zum Ziel hatten, dass
die Orte und Spuren jüdischen Lebens nicht in Vergessenheit geraten.
In Baden-Württemberg gab es etwa an 300 Orten Synagogen oder jüdische Beträume,
in der Hälfte dieser Orte bis in die NS-Zeit. Nur wenige dieser Synagogen sind bekannt:
Affaltrach, Baisingen, Freudental, Hechingen, Haigerloch, Michelbach an der Lücke und andere.
An diesen Orten sind die ehemaligen jüdischen Gotteshäuser wieder zu neuem Leben erweckt
worden. Gedenkstätten, kulturelle oder pädagogische Zentren entstanden, mit denen an die
jahrhundertealte jüdische Geschichte in unserem Land erinnert wird.
|
In Bonfeld (Landkreis Heilbronn) stand die Synagoge in der Lücke zwischen den beiden
Häusern. Nichts erinnert vor Ort an das Gebäude.
|
|
|
|
|
In Heinsheim (Landkreis Heilbronn) wird
die ehemalige Synagoge als Handwerksbetrieb verwendet. Auch hier ist keine Hinweistafel vorhanden.
Fotos: Joachim Hahn
|
Aber wer kennt die vielen anderen württembergischen Judendörfer früherer
Jahrhunderte? Wer weiß um die Geschichte der Synagogen in Ailringen, Aldingen, Dörzbach,
Neunkirchen, Oedheim? Oft erinnert überhaupt nichts mehr das einstige jüdische Leben.
Im "Synagogengedenkbuch Baden-Württemberg" wird die Geschichte aller Synagogen und Gemeinden
umfassend dokumentiert.
Neben Joachim Hahn ist auch als der Karlsruher Professor Jürgen
Krüger Autor. Er ist ein Kenner sakraler Architektur. Die Badische Landesbibliothek in
Karlsruhe betreut das Vorhaben und wird es mit dem Synagogues Memorial Jerusalem gemeinsam
herausgeben. Im Herbst 2005 soll das über 1 000 Seiten umfassende Werk erscheinen. Finanziert
wird es von der Landesstiftung Baden-Württemberg, der Badischen Landesbibliothek und durch
Beiträge von Gemeinden.
Für die beiden Autoren war es eine der überraschenden Entdeckungen, dass letztmals
in Deutschland vor der Pogromnacht 1938 in Stuttgart am 2. Juni 1938 eine neue Synagoge eingeweiht
wurde. Die verbliebenen, orthodoxen Juden der Stadt hatten auf einem Nachbargrundstück
zur großen Synagoge in der Hospitalstraße durch den jüdischen Architekten
Ernst Guggenheimer eine kleinere Synagoge erbauen lassen. Diese kleine Stuttgarter Synagoge
wurde im Krieg zerstört. Auch an diese Synagoge wird im Synagogengedenkbuch erinnert.
gb
Erschienen in:
Evangelisches Gemeindeblatt für Württemberg,
Nr. 33/2004 vom 15. August 2004
Orginalartikel
im PDF-Format (402 kbyte) /
im JPG-Format (513 kbyte)
|