Karlsruher Tulpenbuch - Einführung Teil 2
»... Der Blumen Glantz. . . Mit klugen Farben fast verewigt«
Diese Einführung von Dr. Gerhard Stamm wurde in der Faksimile-Ausgabe zum Karlsruher Tulpenbuch veröffentlicht:
Stamm, Gerhard:
Karlsruher Tulpenbuch :
[Auszug d. Hs. KS Nische C 13] ; eine Handschrift der Badischen Landesbibliothek /
mit einer Einf. von Gerhard Stamm. - Unveränd. Ausg.. - Karlsruhe : Bad. Bibliotheksges., 1984. - 25, 38 Bl. :
überwiegend Ill. (farb.).
ISBN 3-89065-006-6
Der hoch-seelige Herr Marggraf haben durch zerschiedene künstliche Mahler die meisten Tulpen und
andere Blumen, auch rareste Gewächse, nach dem Leben abmahlen lassen, wovon etliche tausend Gemählde
vorhanden seynd.« [37] Die Blumen- und Pflanzenmalerei Karl Wilhelms hat viel dazu beigetragen, die
Erinnerung an seinen Lustgarten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Sie war ebenso wie die
barocken Gartenanlagen eine zeittypische fürstliche Liebhaberei.
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Aquarell aus dem "Karlsruher Tulpenbuch".
Papier; Karlsruhe; um 1730
Badische Landesbibliothek,
Cod. KS Nische C 13,
Blatt 35 (Ausschnitt)
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Vorbilder und Anregungen konnte der Markgraf in seiner unmittelbaren Nähe finden. Schon der
Urgroßvater, Friedrich V., hatte einen Band mit etwa 200 Blumendarstellungen hinterlassen, unter
denen nicht weniger als 80mal Tulpen zu finden sind. [38] Ein lose eingelegtes Doppelblatt zeigt
eine Anzahl von 15 Frühjahrsblühern und trägt den Vermerk »Anno 1625 den 17. Januar biß den 28. ...
hatt der durchleuchtige hochgeboren Fürst und Herr, Herr Friderich [V.] Marggrave zu Baden und
Hochberg etc. diße Blumen im Lustgarten abgebrochen«. [39] Offensichtlich war hier ein ungewöhnlich
milder Winter der Anlaß, die besagten Blumen zu brechen und zu malen.
Eine ungewöhnliche Erscheinung war auch die Ursache für die Entstehung eines Blumenaquarells im
Jahre 1663, während der Regierungszeit des Markgrafen Friedrich VI.: »Den 19. Juny deß 1663 Jahrs
hat diese doppelt außeinander gewachsene Rose in dem fürstlichen Lustgartten florirt und [ist]
wunders halben abgemahlt worden in Durlach von J.B.Braun«. [40]
Mehr als die von seinen Vorfahren betriebene, künstlerisch nicht sehr anspruchsvolle Blumenmalerei,
dürften den Markgrafen andere Vorbilder zur Nachahmung gereizt haben, etwa jene berühmten Vélins -
auf Pergament gemalte Pflanzen- und Tierdarstellungen -, von denen das Muséum National d'Histoire
Naturelle in Paris etwa 6000 Blätter besitzt. Die Grundlage für diese Sammlung waren fünf große
Foliobände, die der junge Ludwig XIV. 1660 von Gaston d'Orleans erbte.
Gaston, der Bruder Ludwigs XIII., hatte das Glück, hervorragende Künstler zu finden, die die in
seinem Garten wachsenden Pflanzen malten, allen voran Nicolas Robert (1614 -1685). [41] In den
hervorragenden Blättern dieses Miniaturmalers verbinden sich dekorative Wirkung und minutiöse
Naturwiedergabe in einer Vollkommenheit, wie man sie zuvor höchstens von Dürers Pflanzengemälden
kannte.
Abbildung von Pflanzen, das hieß im 16. und 17. Jahrhundert in erster Linie Illustration von
Kräuterbüchern. Hier kam es, wie die Aquarelle eines Hans Weiditz zeigen, auf eine naturgetreue,
nicht aber auf eine möglichst dekorative Wiedergabe an. [42] Im Blumenstilleben hingegen, das sich
im 17. und 18. Jahrhundert so großer Beliebtheit erfreute, stand der künstlerisch ästhetische
Gesichtspunkt ganz im Vordergrund.
Der badische Markgraf hat eine Sammlung von mindestens 6000 Pflanzenaquarellen hinterlassen.
Vermutlich waren mehr als 5 300 dieser Blätter der Darstellung von Tulpen gewidmet. Dies erklärt die
traditionelle Bezeichnung »Tulpenbücher«. Man fragt sich, was einen kleinen deutschen Fürsten bewog,
sich eine derartige Sammlung anzulegen, die hinsichtlich ihres Umfangs schwerlich ihresgleichen
hatte. [43]
Ein frühes Zeugnis für die Pflanzenmalerei Karl Wilhelms bietet der erste Karlsruher Blumenkatalog
von 1725, [44] wo es im Anschluß an das Verzeichnis der Nelken heißt: »Angelieren, die dis Jahr
gezeichnet«. Es folgt eine Liste von Großbuchstaben, die die genauen Farbwerte der »gezeichneten«
Nelken angeben, zum Beispiel P. B. R = Picot bruyn root, oder D.V.P.W. = Double violet purpur witt.
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Aquarell aus dem "Karlsruher Tulpenbuch".
Papier; Karlsruhe; um 1730
Badische Landesbibliothek,
Cod. KS Nische C 13,
Blatt 26 (Ausschnitt)
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Das Bemühen, die Farbe einer Blume so präzise wie möglich anzugeben, findet man bereits sehr
ausgeprägt im gedruckten Katalog von 1713. [45] Hier gibt es häufig jeweils im Anschluß an die
Sortenbezeichnung Farbcharakteristiken wie »Carmosin-roth mit purpur und weißlechten Flammen« (Nr.
682), »Seltzam Lederfarb und mit viel hell-gelben und Carmosin-rothen Flammen« (Nr.292), »wie
schwefel-gelb, mit Carmosin-rothen Rippen, neben mit rothen Flammen und gar viel kleinen hell-rothen
Flämmlein« (Nr. 283).
Derartige Beschreibungen - außer den gedruckten gibt es auch handschriftlich nachgetragene - mochten
dem naheliegenden Ziel dienen, die mehr als 1100 Tulpensorten besser unterscheiden zu können. Die
Differenziertheit und Genauigkeit lassen erkennen, daß es hier um eine geradezu wissenschaftlich
exakte Erfassung der einzelnen Blumenindividualität ging. Es war freilich eine fast unmögliche
Aufgabe, die zahllosen Farbspiele der Tulpen mit sprachlichen Mitteln festzuhalten. Bei
Formulierungen wie »Ein seltsame Farb, schier wie feurig« (Nr.1115) merkt man immer wieder, wie sich
trotz angestrengter Suche ein treffender sprachlicher Ausdruck nicht finden läßt.
Es gab jedoch eine Möglichkeit, die Eigenart einer jeden Tulpe adäquat wiederzugeben, nämlich mit
Hilfe der Malerei. Sie allein war in der Lage, alle
individuellen Details und zugleich den ästhetischen Reiz einer Pflanze unverwechselbar festzuhalten.
Sicherlich war es ein aufwendiges Verfahren, zu dem der Markgraf sich entschloß, jedoch das einzig
befriedigende.
Der schönheitsliebende und zugleich auf genaue Naturbeobachtung bedachte Fürst hatte vielleicht auch
erkannt, daß die Malerei ihm einen ganz neuen Zugang zu seinen geliebten Blumen vermittelte. Schon
Leonardo da Vinci war bekanntlich der Meinung, daß der Mensch am sichersten zum Verständnis der
Natur gelange, indem er sie abmalt.
Die erwähnten genauen Charakteristiken im Blumen-Katalog von 1713 sind ausschließlich den Tulpen
vorbehalten, denen sowohl in den Gärten als auch in der Pflanzenmalerei des Markgrafen eine so
offenkundige Vorrangstellung zukommt. Erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts in Mitteleuropa bekannt
geworden, hatte die Tulpe bald einen unvergleichlichen Siegeszug in den Gärten angetreten. Ausgehend
von Holland, dem Zentrum der Tulpenzucht, steigerte sich die Vorliebe für die neue Blume zu einer
wahren Leidenschaft, deren extreme Auswüchse in den Jahren 1634 bis 1637 zu der spektakulären
»Tulipomanie« führten.
Tulpenzwiebeln, insbesondere ausgefallene Spielarten, wurden zu Spekulationsobjekten, für die
unglaubliche Summen gezahlt wurden. Ein Preis von mehreren tausen Gulden für eine einzige Zwiebel -
für die »Semper Augustus« wurden 13 000 Gulden bezahlt - war keine Seltenheit. Von einem Tag zum
anderen wurden Vermögen gewonnen und verloren.
Welche Ausmaße das Spekulationsfieber bei allen Bevölkerungsschichten angenommen hatte, zeigt
folgende Geschichte: »Ein Tulpomane hatte für schweres Geld ein seltenes Exemplar erstanden und
erfuhr, daß ein Schuster in Haarlem die gleiche Tulpe besaß. Erfuhr hin, zahlte 1500 Gulden und
zertrampelte die Pflanze, damit seine Tulpe die einzige blieb. Als er dem Verkäufer sagte, er wäre
bereit gewesen, ihm auch das Zehnfache zu zahlen, ging der Schuster auf den Boden und erhängte
sich.« [46]
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Aquarell aus dem "Karlsruher Tulpenbuch".
Papier; Karlsruhe; um 1730
Badische Landesbibliothek,
Cod. KS Nische C 13,
Blatt 19 (Ausschnitt)
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1737 machte ein rapider Preisverfall der »Tulpenwut« ein jähes Ende. Die Tulpenzucht freilich
erholte sich von diesem Schlag ziemlich bald, wenn auch nie wieder so fantastische Preise gezahlt
wurden. An der Tulpenliebhaberei änderte sich nichts. Im Gegenteil, ihre Attraktivität vergrößerte
sich noch durch die außerordentliche Vielfalt neuer Sorten.
Wie kaum eine andere Blume neigt die Tulpe zur Bildung sogenannter Sports. Darunter versteht man
plötzlich auftretende Veränderungen der Farbe oder Form von Blüten oder Knospen. Diese natürliche
Eigenschaft nutzend erzielte man schließlich eine nur noch schwer übersehbare Sortenfülle, in deren
Farben sich »alle erdenkliche Pracht« entfaltete. Die Tulpe wurde zur Blume des Barock schlechthin,
zum »Wahrzeichen barocken Herrentums«. [47]
Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß auch die Künstler von der Tulpe fasziniert waren.
Bezeichnend ist die dominierende Rolle der Tulpe im Blumenstilleben. Bedeutende Maler wie Jacob
Marrell, der Siefvater der Maria Sibylla Merian, oder Judith Leyster fanden es nicht unter ihrer
Würde, Tulpen-Verkaufskataloge mit vorzüglichen Portraits der diversen Sorten auszustatten. [48]
Von jener berühmten Maria Sibylla wird berichtet, daß sie einmal in den Garten ihres Nachbarn, des
Grafen von Rintmer stieg und dessen schönste Tulpen raubte, um sie zu malen. Weil sie die Leiter
stehen ließ, wurde sie entdeckt. Der Bestohlene - auch er ein Blumenliebhaber - verzieh, denn er
hatte Verständnis für die Diebin. [49]
Unter den Blumen, die fürstliche Gartenbesitzer abmalen ließen, stand natürlich die Tulpe an erster
Stelle. So war es schon in dem bereits erwähnten Blumenbuch des badischen Markgrafen Friedrich V.
Der Große Kurfürst von Brandenburg beauftragte seinen Leibarzt Elshols, 71 der schönsten Tulpen
abzubilden. [50]
Niemand hat jedoch so viele Tulpen malen lassen wie Markgraf Karl Wilhelm. Von der riesigen Fülle
seiner Blumenportraits ist jedoch nur wenig erhalten geblieben. [51] Sechzehn Großfoliobände mit
der Bibliothekssignatur KS (= Kuppelsaal) Nische C 20 wurden 1942 beim Brand der Badischen
Landesbibliothek vernichtet.
Die Bände I bis XIV enthielten wahrscheinlich nur Tulpendarstellungen auf lose eingelegten
Blättern, die von 1 bis 5298 auf der Rückseite numeriert waren. In Band XV waren »Nicht-Tulpen« (283
Blätter) und in Band XVI eine ungenannte Zahl von Hyazinthen abgebildet. [52] Auf welche Weise die
beiden heute noch in der Handschriftensammlung der Badischen Landesbibliothek vorhandenen
Blumenbücher KS Nische C 12 und C 13 die Katastrophe von 1942 überdauert haben, ist nicht bekannt.
Diese sowie zwei weitere Bände im Besitz des Badischen Generallandesarchivs (Hfk, Hss. 263 und 269)
enthalten die jetzt noch existierenden Blumen- bzw. Pflanzenaquarelle aus der Zeit Karl Wilhelms.
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Aquarell aus dem "Karlsruher Tulpenbuch".
Papier; Karlsruhe; um 1730
Badische Landesbibliothek,
Cod. KS Nische C 13,
Blatt 43 (Ausschnitt)
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Der Band KS Nische C 12 ist kein »Tulpenbuch«. Er ist, wie vermutlich auch Band XV der verbrannten
Folianten, den botanisch interessanten, meist seltenen Pflanzen gewidmet. Die 182 Blätter zeigen
neben dekorativen Objekten nicht selten auch recht bescheidene Pflänzchen. Die botanisch
wissenschaftliche Zielsetzung dieser Folge wird noch dadurch unterstrichen, daß häufig Pflanzennamen
nach Linnés Species plantarum eingetragen sind. [53]
Ein Teil der Blätter - die genaue Anzahl wird sich kaum ermitteln lassen - stammt aus der Zeit der
Markgräfin Karoline Luise, auf deren Veranlassung sie sehr wahrscheinlich geschaffen wurden. Die
Entstehungszeit dieser Aquarelle wird man entsprechend den 16 signierten Stücken des Miniaturmalers
Joh. Heinrich Edenberger um 1770 anzusetzen haben. Auch die kalligraphische Beschriftung muß in
diese Zeit fallen. [54]
Die späteren Blätter stehen offenbar im Zusammenhang mit dem ehrgeizigen Publikationsvorhaben der
Markgräfin. Sie plante, alle von Linné beschriebenen Pflanzenarten in einem großen Tafelwerk
abzubilden. [55] Das mit großem Elan begonnene Werk kam bald ins Stocken. Heute gibt es vermutlich
nur noch einen einzigen Probedruck eines der fertiggestellten Pflanzenkupfer, [56] denjenigen
nämlich, den Karoline Luise zur Begutachtung an Linné geschickt hat und der mit dem Nachlaß Linnés
in den Besitz den Linnean Society in London gelangte.
Dieses bei Lauts (S. 329) abgebildete Blatt zeigt den gleichen Typus der Beschriftung wie jene
späteren Aquarelle in KS Nische C 12. Offenbar waren eben diese Blätter als Vorlagen für den
Kupferstich gedacht. Das bestätigt vor allem auch die Beobachtung, daß die späteren Blätter großen-,
wenn nicht größtenteils Kopien älterer Vorlagen sind, die für das Vorhaben der Markgräfin
vereinheitlicht werden mußten. Alte Beschriftungen, Signaturen oder Beiwerk wie Spruchbänder oder
Blumentöpfe durften in dem geplanten Tafelwerk nicht erscheinen. [57]
Es dürfte wenig bekannt sein, daß auch Karl Wilhelm ein botanisches Kupferstichwerk plante. Er
»wollte die schönsten Pflanzen in Kupfer stechen und colorieren lassen. Schon waren die Künstler
dazu bestellt und mehrere der schönsten Tulpen gestochen, als er der Welt entrissen und dieses
Unternehmen gehemmt wurde«. [58]
Wenden wir uns nun jenem »Tulpenbuch« mit der Signatur KS Nische C 13 zu, aus dessen 72
Blumenaquarellen für die vorliegende Publikation eine Auswahl von 36 Blättern mit hohem technischen
Aufwand faksimiliert wurde. Die im folgenden verwendete Bezeichnung »Tulpenbuch« ist nur bedingt
richtig, weil nicht ausschließlich Tulpen abgebildet sind. Gehörte doch dieser Band auch nicht zu
jenen erwähnten 14 Folianten, die 5298 gezählte Blätter mit Tulpendarstellungen enthielten.
Auf eine gewisse Sonderstellung des Tulpenbuches weist bereits eine formale Eigentümlichkeit hin:
Die einzelnen Aquarelle sind fest auf große Papierblätter montiert und anschließend mit einem
schmalen Goldrahmen eingefaßt worden, während sich alle anderen Aquarelle lose zwischen den fest
eingebundenen Blättern der Folianten befanden bzw. noch befinden. Was waren die Gründe für die
aufwendige Ausstattung? Vielleicht hat man den Band aus einem bestimmten Anlaß, etwa zu
Geschenkzwecken, zusammengestellt. Vielleicht war auch die hohe künstlerische Qualität der Gemälde
für die Bevorzugung maßgebend.
Die Reihenfolge der Blätter des Tulpenbuches ist sachbezogen und wohlüberlegt. Deshalb können sich
die folgenden Ausführungen zwanglos nach ihr richten. Die Blumensorten, denen wir im Tulpenbuch
begegnen, werden wir in den heutigen Gärten vergeblich suchen. Denn sie sind, abgesehen vielleicht
von wenigen Ausnahmen, längst zugrunde gegangen.
Die Blätter 3 - 5.
Die Symphonie der Tulpen beginnt mit einem prächtigen Dreiklang, einer fürstlichen Selbstdarstellung
oder vielleicht besser: einer Repräsentation badischen Fürstenglanzes. Es ist möglich, daß die drei
Tulpenportraits mit den Spruchbändern »Marggräfin Sybilla Augusta von Baaden«, »Marggraf Louis von
Baaden« und »Printz August von Baaden« bereits nach dem Tode Karl Wilhelms entstanden sind. Sie
tragen die Signatur des Durlacher Kabinett-Malers Johann Ziegler und das Datum 1738. [59]
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Aquarell aus dem "Karlsruher Tulpenbuch".
Papier; Karlsruhe; um 1730
Badische Landesbibliothek,
Cod. KS Nische C 13,
Blatt 3 (Ausschnitt)
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Die drei Tulpen zeigen aber auch die stolzen Erfolge der Karlsruher Blumenzucht. Viele der in
Karlsruhe blühenden Tulpenarten waren Karlsruher Neuzüchtungen, denen man vorzugsweise Namen von
badischen Persönlichkeiten oder Orten gab. Die beiden ersten der oben angeführten Tulpennamen
begegnen erstmalig als handschriftlicher Nachtrag im gedruckten Tulpenkatalog von 1731. Hier finden
sich ferner die Namen »Marggräffin Maria Anna von Baaden« und »Marggräffin Magdalena Wilhelmina von
Durlach«. [60] Die Tulpe »Printz August von Baaden« ist offenbar eine spätere Züchtung, die in den
Katalogen noch nicht vorkommt. Bereits der Katalog von 1725 führt eine bezeichnende Neuzüchtung an:
»Incomparable Carlsrouhe« (Nr. 1 der späten Tulpen). [61]
Nicht alle Namen mit badischem Bezug wurden freilich in Karlsruhe vergeben. Auch holländische
Blumenzüchter erwiesen der weit bekannten Blumenliebe Karl Wilhelms mit entsprechenden Namen ihre
Reverenz. [62]
Die Karlsruher Bemühungen um die Tulpen-Neuzucht hatten offensichtlich auch einen wirtschaftlichen
Hintergrund. Durch den Verkauf der eigenen Produkte oder auch durch Tausch konnte man die
Aufwendungen für den Gartenetat reduzieren. [63]
Die Blätter 6,11,14,16,18.
Diese fünf Portraits einzelner durch ungewöhnliche Farben und Formen auffallender Tulpen tragen oben
den Namen der jeweiligen Sorte und unten - mit Ausnahme von Blatt 16 - die Signaturen der Maler und
die Datierung aus den Jahren 1729 und 1730. Der Großbuchstabe hinter dem Namen der Tulpen bezeichnet
den Züchter. [64]
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Aquarell aus dem "Karlsruher Tulpenbuch".
Papier; Karlsruhe; um 1730
Badische Landesbibliothek,
Cod. KS Nische C 13,
Blatt 14 (Ausschnitt)
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Blatt 14, eine bizarr geformte Papageientulpe, wurde von der Hand des bekannten Blumenmalers und
Garteninspektors August Wilhelm Sievert gefertigt, dem Sohn des Gärtners und Gartenältesten Joachim
Sievert. Von Sievert stammt das älteste erhaltene datierte und signierte Pflanzenaquarell aus der
Zeit Karl Wilhelms, nämlich eine 1718 in Durlach »ad vivum« gemalte Aloe. [65] Eine feste
Anstellung als Pflanzenmaler scheint Sievert 1726 bekommen zu haben. Von diesem Jahr an datieren die
zahlreichen Blätter Sieverts in dem Band KS Nische C 12. [66] Die dominierende Stellung Sieverts
unter den Karlsruher Pflanzenmalern ist auch im Tulpenbuch ersichtlich: Nach Sieverts Gemälden
wurden Kopien angefertigt, wie die Blätter von J. A. Simson [67] (Bl. 6 und 11) und Ernst
Friedrich Sievert [68] (Bl. 18 und 15) zeigen.
Auf Blatt 22 begegnet ein weiterer Kopist Sieverts, nämlich Philipp Andreas Eichrodt, [69] der auch
die Blätter 23 und 24 - diesmal vermutlich nach der Natur - gemalt hat. Außer den erwähnten
Künstlern nennt sich noch der Rastatter Hofmaler Heinrich Lihl, dessen Beitrag zum Tulpenbuch,
nämlich das mit 1732 datierte Blatt 1, vermutlich eine Gelegenheitsarbeit war. Zur Reihe der
Karlsruher Blumenmaler gehören schließlich noch die Frauen M. Erlacher und A. S. Mez, die jedoch
nicht am Tulpenbuch beteiligt sind. Auch könnte vielleicht noch eine A. M. Baumeisterin als
Blumenmalerin in Frage kommen (vgl. Anm. 58).
Die Blätter 25 - 28, 30 - 32, 34 - 37, 40 - 43.
Die staatliche Folge dieser Tulpendarstellungen ist - zumindest größtenteils - das Werk eines
bemerkenswerten Künstlers, der leider nirgends seinen Namen nennt. Seine Malweise, aber auch die
künstlerische Konzeption seiner Aquarelle weichen deutlich von den vorausgehenden Blättern ab. Das
Blattwerk der Tulpen ist flächiger, mit wenig Längsschraffuren gemalt. Licht und Schatten, hell und
dunkel werden kräftig betont. Besonders bemerkenswert ist ein ausgeprägter Sinn für dekorative
Anordnung der Blumenelemente.
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Aquarell aus dem "Karlsruher Tulpenbuch".
Papier; Karlsruhe; um 1730
Badische Landesbibliothek,
Cod. KS Nische C 13,
Blatt 27 (Ausschnitt)
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Nur wenige Blätter zeigen jeweils ein einzelnes Tulpenportrait (Bl. 25, 26, 30, 32, 35). Auf den
übrigen sind zwei oder sogar drei Blumen vereinigt. Unverkennbar ist eine Tendenz zum
Blumenstilleben. Auf Blatt 27 werden drei Tulpen zu einem Strauß gebunden. Als Beigabe zur Tulpe auf
Blatt 30 finden sich zwei Pfirsiche. Bisweilen werden Tulpen auch zusammen mit anderen Blumen
abgebildet, Blatt 41 mit einer Hyazinthe, Blatt 42 und 43 mit Narzissen.
Es kommt nicht unbedingt darauf an, den Gesamthabitus einer Pflanze exakt wiederzugeben.
Gelegentlich wird bei einer Tulpe auf die Darstellung des grünen Blattwerks ganz verzichtet (Bl. 34,
40, 42) und abgelöste Tulpenblätter, die sich nicht einmal mehr einer bestimmten Pflanze zuordnen
lassen (Bl. 31,36), haben ausschließlich dekorative Funktion. Dem Blattwerk widmen freilich auch die
anderen Maler nicht ihre größte Sorgfalt. Das Entscheidende ist die Blüte, insbesondere bei der
sortenreichen Tulpe.
Die feinen Farbspiele und Zeichnungen müssen der Natur entsprechend sorgsam wiedergegeben werden,
und zwar um so genauer, je ähnlicher die Sorten einander sind. Was man an den Aquarellen des
ungenannten Künstlers am meisten bewundert, ist die Frische der Naturwirklichkeit, die die mit
großer Akkuratesse gemalten Blüten ausstrahlen.
Die meisten Blätter der Reihenfolge 25 bis 43 tragen eine charakteristische Beschriftung: Datum und
Nummer, jeweils in unmittelbarer Nähe einer Tulpenblüte. Einmal ist das Jahr 1727 (Bl. 31), sonst
immer 1728 angegeben. Die Numerierung bezieht sich auf die entsprechenden Zahlen in den Karlsruher
Blumenkatalogen von 1727 und 1728. [70] Mit der Datierung der Aquarelle besitzen wir einen gewissen
Anhaltspunkt bei der Suche nach dem Künstler, dessen Arbeiten offenbar keinem der bekannten
Karlsruher Blumenmaler zugeschrieben werden können.
In den Jahren 1727 und 1728 war im Karlsruher Garten ein junger Mann beschäftigt, der später einer
der berühmtesten Blumenmaler des 18. Jahrhunderts werden sollte, nämlich der 1708 in Heidelberg
geborene Georg Dionys Ehret. [71] Mehr als das Gartenhandwerk interessierte diesen jedoch die
Malerei. Der um vier Jahre ältere August Wilhelm Sievert, der das große Talent Ehrets sicher bald
erkannte, suchte dessen künstlerische Aktivitäten zu verhindern, vermutlich weil er ihn als
Konkurrenten fürchtete.
Ehret jedoch malte auf eigene Faust Tulpen und Hyazinthen und präsentierte sie dem Markgrafen, der
offensichtlich beeindruckt war. Die Zwistigkeiten mit Sievert waren vermutlich die Ursache, daß
Ehret 1728 Karlsruhe wieder verließ. Bis dahin mochte er aber schon eine stattliche Anzahl von
Blumengemälden in Karlsruhe geschaffen haben. Das jedenfalls ist auch Hartwegs Meinung, der
schreibt: »G. D. Ehret lernte bei dem damaligen Garteninspector August Wilhelm Sievert dahier die
Gärtnerei, von welchen beiden ein großer Theil von Pflanzen und Tulpen nach der Natur gezeichnet
sind«. [72]
Ehret stand damals ganz am Anfang seiner Karriere. Der Stil seiner späteren Blumenportraits, die den
kenntnisreichen Botaniker verraten, [73] war noch nicht gefunden. Deshalb ist eine Zuschreibung der
Karlsruher Blätter mit Hilfe stilistischer Kriterien schwer möglich. Immerhin möchte man die
Vorzüge, die man Ehrets Pflanzenbildern nachrühmt, auch schon für viele Blätter des Tulpenbuches
gelten lassen: die malerische Darstellung und die freie und doch genaue Zeichnung und Beobachtung.
[74]
Die Blätter 49, 52, 53, 55, 56, 61, 64.
Auf die Tulpen folgen zunächst einige undatierte Hyazinthendarstellungen (Bl. 44 - 48), denen sich
siebzehn Blätter mit Ranunkeln (Ranunculus asiaticus) anschließen. Diese seinerzeit sehr beliebten
Blumen waren schon 1713 im Durlacher Schloßgarten mit 66 Sorten in vielen Farbspielarten vertreten.
[75] Die Entstehungszeit der Ranunkel-Aquarelle ist wiederum durch die auf einigen Blättern
erscheinende Jahreszahl 1728 festgelegt (Bl. 49, 53, 56).
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Aquarell aus dem "Karlsruher Tulpenbuch".
Papier; Karlsruhe;
um 1730
Badische Landesbibliothek,
Cod. KS Nische C 13,
Blatt 64 (Ausschnitt)
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Die Datierung, die Komposition - jeweils sind mehrere blühende Pflanzentriebe reizvoll vereinigt -
und nicht zuletzt der künstlerische Rang vieler Blätter lassen wieder an Georg Dionys Ehret denken.
Dieser kann freilich nicht die gesamte Folge gemalt haben. Es gibt deutliche stilistische und
qualitative Unterschiede. [76]
Die Blätter 67 - 70.
Wie häufig in den Blumenkatalogen folgen auf die Ranunkeln die Anemonen (Anemone coronaria-Sorten).
[77] Es bietet sich zunächst ein ungewohntes äußeres Bild: Vier kleinformatige Blätter mit meist
einem Blumenmotiv sind jeweils auf eine Seite der großen Blätter montiert und wie üblich gerahmt.
Mehrfach findet man die die Sorten bezeichnende Numerierung, sonst gibt es keinerlei schriftliche
Anhaltspunkte. Mit Ausnahme von je zwei Darstellungen auf Blatt 66 und 67 - Blatt 70 nimmt eine
Sonderstellung ein - sind die Blumenportraits vorzügliche Arbeiten eines Künstlers, der die
Detailfülle und nuancierte Farbigkeit der Blüten mit großer Präzision wiedergibt.
Blatt 67 zeigt nicht nur Anemonen. Im oberen Teil sind zwei päonienblütige Ranunkeln dargestellt.
Noch heterogener präsentiert sich Blatt 70: Oben links befindet sich noch eine der bemerkenswerten
Anemonendarstellungen, darunter die künstlerisch unbedeutende Abbildung einer Nigella (»Jungfer im
Grünen«), [78] während die ganze rechte Seite von gemalten Aurikelblüten eingenommen wird, die von
1 bis 25 durchnumeriert sind. [79] Von der Blüte Nr. 25 ist nur die Vorzeichnung ausgeführt. Dieses
Blatt ist wiederum typisch für das Bestreben, die Unterschiede der verschiedenen Arten und Sorten
exakt zu erfassen. Die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale bieten die Blüten der Aurikeln, deshalb
kann auf die übrigen Teile der Pflanzen verzichtet werden. Lediglich bei Nr. 1 ist die ganze
Aurikelpflanze, gleichsam eine für alle, abgebildet.
Aquarell aus dem "Karlsruher Tulpenbuch". Papier; Karlsruhe; um 1730
Badische Landesbibliothek, Cod. KS Nische C 13, Blatt 70 (Ausschnitt)
Ein interessantes weiteres Zeugnis für die Aurikelmalerei ist auch der Band Hfk, Hs. 263, der 159
kleinformatige Blätter mit einzelnen Aurikelblüten enthält. Ein Teil dieser Aquarelle ist signiert
und, abgesehen von einem Blatt Eichrodts aus dem Jahre 1732, mit 1738 datiert. [80]
Die nicht signierten Darstellungen sind mit handschriftlichen Beurteilungen versehen wie »recht«,
»mittel«, »nicht recht«, »nicht nach dem gemähld«, »zu violbraun«. Es handelt sich hier um
Schülerarbeiten, die stets von zwei Korrektoren bewertet werden. Auf den Rückseiten der Blätter sind
Namen der Schüler genannt, nämlich Gottschalck [81] und Vincent. Die kleinen, jedoch farblich sehr
variablen Aurikelblüten waren für den angehenden Blumenmaler gewiß ideale Übungsobjekte. Es scheint
nicht ausgeschlossen, daß auch die gemalten Aurikelblüten des Tulpenbuches erst gegen 1738
entstanden sind.
Die Blätter 71 und 71b.
Den Schluß des Tulpenbuches bilden zwei in ihrer Umgebung isolierte Einzelstücke. Das Veilchen mit
den seltsam gefüllten Blüten dürfte von einem der Künstler stammen, denen wir die
Ranunkel-Darstellungen verdanken (vgl. Bl. 55 und 64). Das Blatt mit der Kaiserkrone und
Schachbrettfaltern hat innerhalb des Tulpenbuches jedoch keinerlei Entsprechungen. Es ist vielmehr
die Nr. 13 einer Folge von prächtigen Blumenaquarellen auf feinem Pergament, die heute noch - die
alten Nummern, 1, 2, 33 und 35 fehlen - 62 Blätter umfaßt und zum ersten Teil des bereits mehrfach
erwähnten Blumenbuches Hfk, Hs. 269 gehört.
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Aquarell aus dem "Karlsruher Tulpenbuch".
Papier; Karlsruhe; um 1730
Badische Landesbibliothek,
Cod. KS Nische C 13,
Blatt 71b (Ausschnitt)
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Weil jegliche Hinweise über Entstehungszeit oder Künstler ebenso fehlen wie Anhaltspunkte für eine
Zuordnung zur Blumenmalerei Karl Wilhelms, sind konkrete Aussagen über Entstehungszeit und Herkunft
der Blätter schwierig, wenn nicht unmöglich. Die Darstellungen sind nach einem bestimmten Schema
angelegt: Von wenigen Ausnahmen abgesehen, zu denen auch unsere Kaiserkrone gehört, zeigt jedes
Blatt mehrere Gartenblumen - meist verwandte Arten bzw. Sorten -, die sämtlich mit dem Boden
abgebildet sind, auf dem sie wachsen. Nicht selten beleben Schmetterlinge, Libellen oder andere zum
üblichen Repertoire des Blumenstillebens gehörende Insekten die Szene. Botanisch interessante
Detailansichten von Pflanzen sind sehr selten.
Bei der Kaiserkrone gibt es freilich einen triftigen Grund, den Betrachter in eine von der Pflanze
abgetrennte, bzw. abgefallene Blüte hineinschauen zu lassen. Denn die sich nach unten neigenden
Blüten verbergen eine besondere Attraktion: »Auf jedem Blütenblatt, in einer kleinen Grube ruhend,
sieht man einen geheimnisvollen Tropfen schimmern, der uns tiefer entzückt als alles, was die Blume
sonst noch birgt«. [82]
Auf einigen Blättern der Folge trifft man Blumennamen an. Bei diesen Namen wurden mehrfach -
deutlich von späterer Hand - nach dem gedruckten Karlsruher Blumenkatalog von 1727 Sortennummern
beigefügt (Bl. 45, 46, 49, 50). Es war also möglich, bestimmte Sorten der genannten Blumen in dem
Verzeichnis von 1727 wiederzufinden. Dies mag vielleicht für die Entstehungszeit der Aquarelle nicht
von großer Bedeutung sein, denn wir wissen nicht, wie lange die betreffenden Sorten vor 1727 schon
existierten.
Man kann die Möglichkeit kaum ausschließen, daß die besagten Blumenaquarelle noch dem 17.
Jahrhundert angehören. Im Anschluß an die 62 Blätter finden sich zwei bemerkenswerte
Blumenstilleben, Sträuße in Vasen. Der Künstler, der sie geschaffen hat, ist auch maßgeblich an den
vorausgehenden Blumenaquarellen beteiligt.
Die beiden Stilleben zeigen hinsichtlich der Motive und Farben eine auffällige Verwandtschaft zu
zwei Blumenbuketts des Westfälischen Landesmuseums in Münster, die Jan Baptist van Fornenburgh
zugeschrieben und vor 1650 datiert werden. [83] Dies sowie die Tatsache, daß das Blumenbuch Hfk,
Hs. 269 noch andere auf Pergament gemalte Blätter enthält, die mit Sicherheit im 17. Jahrhundert
entstanden sind, [84] legt die Vermutung nahe, daß die schöne Blumenfolge auf Pergament aus dem 17.
Jahrhundert stammt.
Schließlich entsprachen jene stillebenartigen Bilder auch kaum Karl Wilhelms Vorstellungen von der
Blumenmalerei. Denn seine Künstler sollten von jeder Pflanze individuelle Portraits herstellen.
Johann Caspar Malsch berichtet 1728, daß er staunend einen großen Band mit Blumenbildern August
Wilhelm Sieverts gesehen habe. Auf die Frage, warum der Garteningenieur und Inspektor die Formen und
Farben der Blüten so lebendig darstelle, hatte dieser geantwortet, daß die Blumenmalerei vor allem
drei Ziele verfolge. Sie zeige nämlich die verschiedenen Arten einer Gattung, die Abweichungen
innerhalb ein und derselben Art in den verschiedenen Jahren und schließlich die stufenweise im Laufe
der Zeit feststellbare Entwicklung der Sämlinge zum besseren oder zum schlechteren. [85] Das alles
sind Argumente eines Botanikers, nicht aber die eines Künstlers.
Die Antwort Sieverts läßt auch erkennen, daß man der stark zu Mutationen neigenden Tulpe besondere
Aufmerksamkeit zuwandte. Die Tulpensorten mußten so genau nach der Natur abgemalt werden, daß sie
anhand des Bildes identifiziert werden konnten. Im Tulpenkatalog von 1731 liest man unter der Nr.
2352 den Eintrag: »Diese Blum ist zwar gemahlt, aber der zwibel davon verlohren gangen. Er muß also
unter vorig Numero 2351 seyn«. [86] Mit Hilfe des betreffenden Tulpenaquarells konnte man bei der
Blüte im folgenden Jahr die an den falschen Ort geratene Zwiebel wieder ausfindig machen. Demnach
war es nur folgerichtig, wenn der Markgraf sämtliche Tulpensorten abmalen ließ, die im Jahre 1738
etwa die Zahl von 5 000 erreicht hatten.
Der heutige Betrachter der prächtigen Blumenaquarelle mag mit Recht bezweifeln, daß die
markgräfliche Pflanzenmalerei ausschließlich nüchtern wissenschaftlicher Spezifizierung gedient
habe. Sievert unterläßt es, von der »delectatio«, der großen »Ergötzung« zu sprechen, die der
Markgraf von seinen Blumen hatte. [87] Hier liegt der tiefere Grund für die - man möchte sagen -
exzessive Blumenmalerei Karl Wilhelms: Weil ihn die Schönheit der Blumen so sehr faszinierte,
insbesondere die »elegantissimae species« [88] der Tulpe, mußte die Besonderheit jeder einzelnen
Art und Sorte so genau festgehalten werden. Die so rasch vergehende Pracht der Tulpenblüte, ein
Sinnbild irdischer Vergänglichkeit, [89] - im Bild war sie »unverwelklich«.
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Aquarell aus dem "Karlsruher Tulpenbuch".
Papier; Karlsruhe; um 1730
Badische Landesbibliothek,
Cod. KS Nische C 13,
Blatt 40 (Ausschnitt)
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Doch hier sollten wir den Hamburger Barockdichter Barthold Hinrich Brockes zu Wort kommen lassen,
der die Passion Karl Wilhelms für die Blumen und die Blumenmalerei in wenigen Worten vortrefflich
charakterisiert hat. Er beklagt den Tod des Markgrafen,
»Der, in den Blumen sonderlich, in ihrer Zier- und Herrlichkeit,
Pracht, Farben, Mischungen, Figuren, den Schmuck biß zur Vollkommenheit Vermehret, und derselben
Glantz in neuen Bildungen vergrössert,
Der sie, noch durch die Mahlerey, zu ihr und ihres Schöpfers Ehren,
Mit klugen Farben fast verewigt, so, daß sie sonder Welcken währen«.
ANMERKUNGEN
[37]
Brockes, Ehrenmal.
[38]
Hfk, Hs. 261.
[39]
Vgl. auch Stamm, S. 34.
[40]
Hfk, Hs. 269, Bl. 76. Von Braun stammen in diesem Band offenbar auch die Blätter 71-74 (Rosen in
Vasen).
[41]
Vgl. Nicolas Robert et les vélins du Muséum National d'Histoire Naturelle, Paris 1980.
[42]
Vgl. Stilleben in Europa, S. 114 u. 300.
[43]
Die »Vélins« des französischen Königs waren zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf etwa 2 000 Stück
angewachsen (vgl. Nicolas Robert..., 1980, in der unpaginierten Einführung).
[44]
Hfk, Hs. 218.
[45]
Hfk, Hs. 207.
[46]
G. Tergit, Kaiserkron und Päonien rot. Kleine Kulturgeschichte der Blume... Köln 1958, S. 152 f.
Über das Phänomen der Tulpenmanie s. a. W. Blunt, Tulpomania, Harmondsworth 1950 und Stilleben in
Europa, S. 304-310.
[47]
G. K Schauer, Rosen und Tulipanen... Gartenlust von gestern und heute, Frankfurt/M. 1947, S. 70.
[48]
H. Deckert, Maria Sibylla Merians »Neues Blumenbuch«, Begleittext zur Faksimileausgabe, Leipzig
1966, S. 8.
[49]
Maria Sibylla Merian, Die schönsten Tafeln aus... Metamorphosis insectorum Surinamensium,
ausgewählt, eingeleitet und beschrieben von G. Nebel, Hamburg 1964. S.11.
[50]
Tergit, S.155.
[51]
vgl. Stamm, S. 32-34.
[52]
Diese Informationen enthält eine Titelkarte des alten Bibliothekskatalogs, der - gleichsam eine
Ironie des Schicksals - nicht mitverbrannt ist.
[53]
Verwendet wurde die 2., 1762-1763 erschienene Auflage von Linnés Werk.
[54]
Die Vorlagen für die Beschriftung, kleine Zettelchen, vermutlich vor der Hand des Botanikers
Koelreuter beschrieben, sind häufig noch vorhanden.
[55]
Näheres darüber bei Lauts, S. 325-336.
[56]
581 Kupfertafeln des Werkes wurden 1942 in der Badischen Landesbibliothek vernichtet.
[57]
Man vergleiche im Hinblick auf derartige Weglassungen z. B. Bl. 54 u. 56, 79 u. 79a, 89 u. 90,123
u.124,147 u.148,182 u. 182a. Die genaue Zahl der Kopien läßt sich deshalb nicht mehr ermitteln, weil
vermutlich ein Teil der Vorlagen nicht mehr existiert. Das von Edenberger gemalte Blatt Nr. 141
wurde nach einem Aquarell geschaffen, das als Nr. 66 zu der bemerkenswerten Folge von auf Pergament
gemalten Blumendarstellungen gehört, die möglicherweise noch vor der Gründung Karlsruhe entstanden
sind.
Die Pergamentblätter bilden den ersten Teil des Bandes Hfk, Hs. 269. (Näheres dazu im folgenden),
während eine zweite Folge von 43 Aquarellen auf Papier den Band beschließt. Die letzteren bieten in
ihrer Zusammenstellung ein ganz ähnliches Bild wie der Band KS Nische C 12. Auch hier findet man
eine Darstellung (Dianthus barbatus), die nach einer Vorlage (Bl. 51) der besagten Pergamentfolge
gemalt ist.
[58]
Gmelin, Über den Einfluß der Naturwissenschaft.... S. 370. (Die an recht versteckter Stelle zu
findende Abhandlung Gmelins über den Karlsruher Garten wird von Hartweg, z. B. S. XIV, ausgiebigst
zitiert, jedoch ohne daß Gmelin genannt wird.) S. auch oben Anm. 32.
Bis zum Brand im Jahre 1942 waren in der Badischen Landesbibliothek zwei bereits fertiggestellte
Kupferstiche des besagten Werke vorhanden, nämlich zwei Tulpendarstellungen, wie die alte
Karteikarte mit der Signatur KS Nische C 14 angibt. Gestochen waren diese Blätte von Johann Matthias
Steidlin (Steudlin), der um 1738-1740 Hofkupferstecher in Karlsruhe war (s. Thieme-Becker,
Künstlerlexikon, Bd. 32, S. 20).
Die gemalte Vorlage des einen Stichs stammte von der Hand de Haarlemer Malers Vincent van der Vinne
(s. Thieme-Becker, Künstlerlexikon, Bd. 34, S. 394), den der Markgraf vermutlich bei seinen
Aufenthalten in Haarlem kennengelernt hatte. Die Vorlage für das andere Blatt ist von einer A. M.
Baumeisterin gemalt und 1736 datiert. Möglicherweise war sie auch sonst an der Karlsruher
Blumenmalerei beteiligt.
[59]
Der Name Zieglers ist in jedem der vier erhaltenen Blumenbücher vertreten, obwohl dessen früheste
datierte Blätter erst aus dem Jahre 1737 stammen. Er wurde vermutlich erst nach der Rückkehr Karl
Wilhelms aus Basel im Jahre 1736 für die Blumenmalerei engagiert. Zieglers prachtvolle Darstellung
einer Amaryllis aus dem Jahre 1742 (Hfk, Hs. 269) läßt erkennen, daß die Blumenmalerei nach dem Tode
des Markgrafen noch weitergeführt wurde.
[60]
Hfk, Hs. 226. Im Katalog von 1732 erschienen diese Namen bereits in gedruckter Form. Weitere
Beispiele für Karlsruher Neuzüchtungen: »Carlsruher Gut Glück« (Hfk, Hs. 226 [1731]), »Erb Prinz
Carl Friderich van Baden-Durlach« (Hfk, Hs. 236 [1734]). Die Neuzüchtungen sind in den Katalogen
durch Zusatz eines »N« hinter dem Namen kenntlich gemacht.
[61]
Hfk, Hs. 218.
[62]
S. Anm. 26 oder in Hfk, Hs. 226 die Namen »Princeß van Baaden«, »Prinz van Baaden«.
[63]
»Catalogus über die an den Gaertner Süß nach Ulm versandte Tulpanen« - so ist das erste Blatt in
Hfk, Hs. 232 von 1733 beschriftet. Außer dem Titel des Verkaufskatalogs ist leider nichts erhalten.
Der Gärtner Süß in Ulm war der einzige deutsche Händler, der den Karlsruher Garten über lange Zeit
mit bedeutenden Sendungen belieferte.
[64]
V = Dirk Vorhelm, B = Bold (vermutlich), H = Nicolaus Huin. Eine Liste der Blumenzüchter und
-händler mit den Abkürzungen, wie sie in den Karlsruher Tulpenkatalogen seit 1730 verwendet wurden,
findet sich vorn in Hfk. Hs. 237.
[65]
Hs. KS Nische C 12, Bl. 56. Sievert war zu der Zeit etwa 13 Jahre alt. Er wurde am 6.6.1705 geboren
(Durlacher Kirchenbuch, s. oben Anm. 36).
[66]
Calman (S.15) nimmt an, daß Sievert um 1727 eine Anstellung erhielt. Sievert ist nur bis 1734 in
Karlsruhe gewesen und dann zusamen mit seinem Vater nach Ludwigsburg gezogen, wo beide im
Schloßgarten eine neue Anstellung fanden (vgl. W Pfeilsticker, Neues Württembergisches Dienerbuch,
Bd. 1, Stuttgart 1957, § 982 u. 994).
Der Grund für den Weggang aus Karlsruhe war vermutlich finanzieller Natur. In einem Brief vom
20.1.1734 an den Markgrafen beklagt sich Joachim Sievert lebhaft darüber, daß mit dem Wegzug Karl
Wilhelms nach Basel sein Einkommen um die Hälfte gekürzt worden sei, und er bittet um finanzielle
Besserstellung. Die eigenhändige Notiz des Markgrafen auf dem Brief Sieverts lautet »abgewiesen«.
Sievert erwähnt im gleichen Brief, daß sein Sohn August Wilhelm beabsichtige, in württembergische
Dienste zu treten (GLA 56/454). Für den Hinweis auf diese Akte habe ich Herrn Dr. Otto Mittelstraß
zu danken.
[67]
Simson wird von Fecht (S. 51) als »Blumenmaler aus Ludwigsburg« bezeichnet.
[68]
Ernst Friderich Sievert ist der am 12.5.1714 in Durlach geborene Bruder August Wilhelm Sieverts (s.
Durlacher Kirchenbuch). Sonstige Blumendarstellungen von seiner Hand sind nicht erhalten.
[69]
Philipp Andreas Eichrodt ist der älteste Sohn von Hofrat und Leibarzt Joh. Andreas Eichrodt (s. Anm.
33).
Die Kinder Eichrodts sind im Nachlaßverzeichnis seiner Witwe von 1753 genannt. Philipp Andreas
erscheint hier als unverheirateter »Candidatus medicinae« (GLA 76/1908; den Hinweis auf dieses
Material verdanke ich Herrn Dr. Otto Mittelstraß).
[70]
Ein Katalog von 1728 ist leider nicht erhalten. Eine sichere Identifizierung anhand der Kataloge
wäre allerdings auch schwierig, weil die Aquarelle keine Sortennamen tragen. Daß die Nummern den
Blumenverzeichnissen entsprechen, läßt sich aber anhand des Bandes Hfk, Hs. 269 nachweisen. Unter
den Blättern auf Pergament sind einige (Bl. 45, 46, 49, 50), die zugleich mit Blumennamen und
Nummern des Katalogs von 1727 (Hfk. Hs. 221) versehen sind.
Bei den Nummern finden sich oft eigenartige Zeichen: ein oder mehrere kurze Striche (meist drei),
ein L, ein Zeichen ähnlich wie ein griechisches ω (Bl. 33) und eine Null, bzw. ein O (Bl. 48).
Möglicherweise handelt es sich hier um Angaben über die Standorte der Tulpen.
[71]
G. Calman, S. 14-16. Den ersten Hinweis auf Ehret und das Buch Calmanns über Ehret verdanke ich
Herrn Professor Dr. Jan Lauts.
[72]
Hartweg, S. XIV, Anm.; vgl. auch Gmelin, Über den Einfluß der Naturwissenschaft..., S. 370, wo er
davon berichtet, daß Ehret bei Sievert »die trefflichste Belehrung im Pflanzenzeichnen« bekommen
habe.
[73]
Ehret illustrierte zahlreiche berühmte botanische Tafelwerke, insbesondere die des Nürnberger
Botanikers Christoph Jakob Trew (vgl. Calman, S. 93-99). In dem bereits genannten Karlsruher
Blumenbuch KS Nische C 12 findet sich (Bl. 45) eine nach Ehrets Zeichnung gestochene Tafel aus einem
der botanischen Werke Trews.
[74]
Thieme-Becker, Künstlerlexikon, Bd. 10, S. 396 f.
[75]
Hfk, Hss. 106 u.107.
[76]
S. besonders Bl. 61.
[77]
Im Durlacher Katalog von 1713 sind bereits 150 Anemonensorten aufgeführt (Hfk, Hs. 107).
[78]
Im Durlacher Garten gab es 1713 acht verschiedene Arten (Hfk, Hs. 107).
[79]
Stets blühten in den Gärten zu Durlach oder Karlsruhe mindestens 200 Aurikelsorten (s. z. B. Hfk,
Hs. 107 oder Malsch, S. 24).
[80]
Die sonstigen Maler sind die bereits erwähnten Simson und Ziegler sowie die Frauen Erlacher und Mez.
[81]
Es könnte sich um einen Sohn des Gärtners Zacharias Gottschalck handeln (s. Anm. 11).
[82]
Ch. Grunert, Pflanzenportraits, Hamburg 1954, S. 59.
[83]
Stilleben in Europa, Abb. 183 u.184, u. S. 601.
[84]
S. oben S. 15, Anm. 40.
[85]
Malsch, S. 25 f.
[86]
Hfk, Hs. 227.
[87]
Risler, Vorwort. - C. Linné, Hortus Cliffortianus, Amsterdam 1737, S. 3 der Dedicatio.
[88]
Risler, S.152.
[89]
Brockes berichtet, daß Karl Wilhelm einen Tag vor seinem Tod, das nahe Ende schon fühlend, folgendes
geäußert habe: »Seht, Kinder, sprach er bei den Tulpen, wie wir die Blätter fallen seh'n, so wird es
auch bald mir ergeh'n.«
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