Traumkraut

Hintergrund und literarische Vorlage

Traumkraut (Calea ternifolia), auch Aztekisches oder Mexikanisches Traumgras genannt, ist eine Pflanze, die halluzinogene Wirkungen hervorruft, etwa die Anzahl und Intensität von Träumen erhöhen kann.

Traumkraut ist auch der Titel eines postum erschienenen Bandes mit späten Gedichten des expressionistischen Dichters Yvan Goll (1891–1950). Nachdem der in Lothringen geborene, zweisprachig aufgewachsene Dichter während der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur nur noch französische und englische Werke verfasst hatte, kehrte er in seinen letzten Gedichten wieder zur deutschen Sprache zurück („Ich gehe mit französischem Herzen, deutschem Geist, jüdischem Blut und amerikanischem Paß.“). Yvan Golls Werke faszinierten Joachim Krebs zeitlebens sehr und regten mehrere eigene Kompositionen an.

Sieben der insgesamt 50 Gedichte aus Golls Traumkraut bilden den Ausgangspunkt des 1981 entstandenen gleichnamigen Werks von Joachim Krebs. Der Komponist vertont Golls Verse jedoch nicht auf ‚konventionelle‘ Weise wie in einer Liedvertonung, also Wort für Wort, wobei die Instrumente die wichtigere, weil Text tragende Stimme untermalen. Die Gesangslinie bildet vielmehr nur eine von vielen verschiedenen Linien, welche sich erst in ihrer Gesamtheit zu einem ‚rhizomartig‛ verflochtenen Gefüge verbinden.

„In Traumkraut geht es auch um Musik über einen Text, in dem dieser zufälligerweise auch vorkommt.“

Der Werkentstehungsprozess ist durch eine Vielzahl von schriftlichen wie musikalischen Quellen bestens dokumentiert und lässt sich somit fast lückenlos von der ersten Idee bis zur Uraufführung des Werks nachvollziehen. Eine derart singuläre Quellenlage ist äußerst selten und ermöglicht uns tiefe Einblicke in die ‚Werkstatt‘ eines Komponisten. Was später als Musik im Konzertsaal erklingt, hat häufig einen langen gedanklichen Vorlauf, der meist nicht in schriftlicher Form erhalten bleibt.

Musikalische Ausgestaltung

Im Vorfeld der Komposition betrieb Joachim Krebs detaillierte Studien zu einzelnen Worten der ausgewählten Gedichte. Er machte sich Notizen zu chemischen Elementen und Verbindungen und reflektierte überhaupt viel über den Prozess des ‚Komponierens‛ im Sinne von (Re)kombinieren verschiedener Möglichkeitsräume.

Schon sehr früh werden musikalische Parameter fixiert (etwa ffff für extrem laut / ppp für kaum hörbar, Metronomzahlen für einzelne Abschnitte). Diese nehmen in vielen weiteren Arbeitsschritten allmählich immer konkretere Gestalt an, bis schließlich der vollständige Notentext – und damit die Handlungsanweisung für die späteren Interpreten – vorliegt.

Der durch grafische Darstellungen schon früh konzipierte musikalische Verlauf wird vertikal durch sechstönige „Klangknollen“ als Materialbasis, horizontal durch kleinräumige Linienführung von Einzelstimmen ausgestaltet. Der frei und ungehindert fließende Ablauf des Stücks wird weder an den Gedicht-Enden noch an den Abschnitten zur Formgliederung unterbrochen, getreu dem aus Gilles Deleuzes’ und Félix Guattaris Rhizom-Philosophie übernommenen Motto: „Laßt uns keine Punkte setzen.“

Auch in Traumkraut überträgt Krebs Ansätze der Rhizom-Philosophie auf seine Musik: Er lasse hier „die einzelnen Ausdruckslinien und Emotionsschichten ‚frei‘ wachsen und sich nach allen Richtungen hin simultan in allen Parametern ausbreiten und verästeln oder in Knollen sich verdichten.“ Später entstand eine ganze mit Rhizom betitelte Werkreihe.

Traumkraut – Gedichtband von Yvan Goll (1950)
Ausgabe Limes-Verlag 1982 aus Joachim Krebs’ Besitz

In seinen letzten Lebensjahren verfasste der schwer an Leukämie erkrankte expressionistische Dichter Yvan Goll (1891–1950) in Straßburg eine Reihe deutschsprachiger Gedichte, welche später postum unter dem Titel Traumkraut erschienen. Golls Verse sind, vor allem in dieser letzten Gedichtsammlung, von einer sehr typischen, kraftvoll-metaphernreichen Sprache geprägt. Joachim Krebs griff in seinen eigenen Kompositionen mehrfach auf Werke Golls zurück. Für sein gleichnamiges Werk Traumkraut wählte Krebs sieben Gedichte aus Golls Sammlung aus: Sprengung der Dotterblume, Bluthund, Die Hochöfen des Schmerzes, Salz und Phosphor, Morgue, Erde sowie Staubbaum.

Badische Landesbibliothek, K 3353, A 39

Traumkraut – Kopie aus Golls Gedichtband
mit Bleistift-Eintragungen des Komponisten

In Kopien der ausgewählten Gedichte machte sich Joachim Krebs flüchtige Notizen zu Klangvorstellung und Formverlauf des späteren Werks – Eintragungen, die noch vor der Niederschrift des eigentlichen Notentextes erfolgten. Doch finden sich bereits hier Angaben zur Dynamik wie „f“ für forte (laut) und „pp“ für pianissimo (sehr leise), was darauf hinweist, dass der Komponist schon zu diesem frühen Zeitpunkt der Werkentstehung relativ präzise Klangvorstellungen des späteren Werks im Kopf bzw. seinem inneren Ohr hatte, welche sich für ihn mit den ausgewählten Versen verbunden hatten. Golls Texte selbst veränderte Joachim Krebs – abgesehen von der Umstellung der Reihenfolge der Gedichte im Vergleich zum Gedichtband – nicht.

Badische Landesbibliothek, K 3353, A 39

Traumkraut – Notizheft des Komponisten (undatiert)
Bleistift-Einträge zu Verlauf und Konzeption des Werks

Erste Vorüberlegungen und Bleistiftskizzen zur geplanten Komposition Traumkraut sind auch in einem frühen Notizheft von Joachim Krebs nachzuweisen. Bereits hier werden nicht nur die Titel der ausgewählten Gedichte genannt, sondern auch die für das Werk vorgesehenen Instrumente sowie deren Aufstellung im Raum. Weiterhin zeigen Beschreibungen musikalischer Abschnitte und andere mit den Versen verbundene Umschreibungen (etwa atmosphärische Eindrücke wie „glühend“), wie weit die Komposition im Kopf des Komponisten schon gediehen war. Ein derart früher Blick in die Komponisten-Werkstatt ist ungewöhnlich, da schriftliche Zeugnisse aus einer so frühen Entstehungszeit meist nicht erhalten bleiben.

Badische Landesbibliothek, K 3353, Notizbücher

Traumkraut – Blatt mit Notizen (undatiert, vor 1981)
Recherchen zum Textdichter und einzelnen Textworten

Im Vorfeld seiner Komposition von Traumkraut betrieb Joachim Krebs detaillierte Recherchen zu einzelnen in den Gedichten vorkommenden Begriffen. So trug er beispielsweise akribisch Informationen zu chemischen Elementen und Verbindungen zusammen (Phosphor, Chrom, Salpeter u.a.). Dieser umfassende, fast schon ‚wissenschaftliche‘ Ansatz bei der Konzeption und Komposition eines neuen Werks, der auch der Musik scheinbar fernliegende Bereiche wie die Chemie berühren konnte, ist für Krebs’ Arbeitsprozess und sein gesamtes Schaffen typisch. Immer wieder finden sich, eingestreut in die Exzerpte, auch mottoartige Aussagen des Komponisten wie: „Ich setze keine Prioritäten, ich arbeite an allem gleichzeitig.“

Badische Landesbibliothek, K 3353, A 39

Traumkraut – Blatt mit Notizen (undatiert, vor 1981)
Musikalischer Verlaufsplan der Komposition

Ausgehend von Textstellen aus dem Buch Rhizom des französischen Philosophen Gilles Deleuze entwarf Joachim Krebs bereits früh einen nach Art einer Karte gestalteten Gesamtplan des neuen Werks. Die ausgewählten Gedichte Golls sind in dieser grafischen Darstellung schon mit Metronomzahlen versehen, womit das Tempo des jeweiligen Abschnitts festgelegt war. Auch Angaben zum musikalischen Charakter der einzelnen Teile werden notiert, für den Abschnitt Sprengung der Dotterblume etwa Molto calmo (Sehr ruhig). Möglicherweise ist sogar die Umstellung der Gedichtreihenfolge im Vergleich zu Golls Sammlung solchen musikimmanenten Vorüberlegungen (z.B. zum dynamischen Verlauf) geschuldet.

Badische Landesbibliothek, K 3353, A 39

Traumkraut – Exzerpte und musikalische Skizzen
Notizen auf der Rückseite eines Plakats

Joachim Krebs schrieb Notizen gerne auf die Rückseiten aller verfügbarer Schriftstücke. Beim hier gezeigten Exponat nutzte er die Rückseite eines großen Plakats, um weitere Details des Werks festzuhalten, die schließlich (inklusive des mit Kugelschreiber notierten Notenbeispiels) auch im Vorwort zur Uraufführung der Komposition bei den Donaueschinger Musiktagen 1983 publiziert wurden. Das musikalische Material wird hier definiert: Intervalle und Tonreihen, die Anordnung von Halbtonabständen der verwendeten kleinräumigen Skalen, Klangknollen („weit gespreizte 6-tönige Toncluster“) sowie „immer wieder anders beleuchtete Emotionssäulen“. Auch die Werkliste von Joachim Krebs (oben auf dem Exponat) gelangte später in das Programmheft.

Badische Landesbibliothek, K 3353, A 39

Traumkraut – Skizzenseite (undatiert, vor 1981)
Erste zusammenhängende Niederschrift des Notentextes

Die hier gezeigten Bleistiftskizzen enthalten einzelne Textworte des Beginns von Golls Gedicht Sprengung der Dotterblume: „Gewittergelb | Wie Blick von [Amazonen] | [Voll] Lüsternheit des Chroms…“. Musikalisch werden von Joachim Krebs hier die zuvor skizzierten 6-tönigen „Klangknollen“ verarbeitet, deren Töne nun jeweils von unterschiedlichen Instrumentalisten übernommen werden. Dabei sind die innerhalb einer einzelnen Stimme verwendeten Intervalle stets recht klein (das größte verwendete Intervall ist die kleine Terz, also drei Halbtöne). Intendiert ist ein möglichst freies Fließen aller Linien, die sich – mitunter sogar mit unterschiedlichen Tempi – überlagern können: „Ich will meine Musik ‚fliehen lassen‘.“

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Traumkraut – Vorwort der Partitur (1981)
Erstdruck der Partitur des Peer Musikverlags

Im Vorwort der Partitur wird erneut die nicht herausgehobene Rolle der Sänger betont: Die Gesangsstimme ist nur eine von vielen verschiedenen Linien, die zufällig auch den Text der zugrundeliegenden Gedichte trägt. Auffällig ist das reiche Instrumentarium des Schlagzeugs, für das zwei Spieler gefordert werden. Auch die klangliche Disposition durch Verteilung und Aufstellung der verschiedenen Instrumentalisten im Raum ist genau geregelt – zum Raum-Klang gibt der Komponist also ähnlich detaillierte Anweisungen wie zu Spieltechniken einzelner Instrumente. Die Angaben „etwas tiefer intonieren“ und „etwas höher intonieren“ zeigen, dass auch mikrotonale Intervalle (kleiner als Halbtöne) verwendet wurden.

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Traumkraut – Stichvorlage des Erstdrucks (1981)
Handschrift mit Tuschefeder auf Transparentpapier

Für den Peer Musikverlag fertigte Joachim Krebs eine Reinschrift des Werks auf Transparentpapier an: Dieses Papier konnte bei der Vervielfältigung im Offsetdruckverfahren ohne größere Qualitätseinbußen belichtet werden, musste zuvor jedoch mit spezieller Tusche beschriftet werden (normale Tinte haftet auf dem Untergrund nicht). Da der Notentext vom Verlag nicht erneut ‚gestochen‘ oder mit Computerprogrammen gesetzt wurde, um Herstellungskosten zu sparen, ist die Schrift so akribisch wie sorgfältig. Gezeigt ist hier die gleiche Stelle wie in der Skizze, nämlich die anfänglichen Textworte von Golls Gedicht Sprengung der Dotterblume: „Gewittergelb. Wie Blick von Amazonen | Voll Lüsternheit des Chroms.“

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Traumkraut – Programmheft
Programm der Donaueschinger Musiktage ’83, Außentitel

Die Uraufführung des Werks fand im Rahmen der Donaueschinger Musiktage ’83 statt. Dieses Festival – 1921 gegründet als Donaueschinger Kammermusikaufführungen zur Förderung zeitgenössischer Tonkunst – ist die älteste Veranstaltungsreihe, die sich speziell dem zeitgenössischen Musikschaffen verschrieben hat. Ins Donaueschinger Festivalprogramm aufgenommen zu werden, bedeutete für einen jungen Komponisten (Joachim Krebs war damals erst 30 Jahre alt) eine Auszeichnung. Bei den Donaueschinger Musiktagen ’83 standen auch Werke von Karlheinz Stockhausen und Klaus Huber auf dem Programm, also von älteren und bekannteren, bereits etablierten Komponistenkollegen.

Badische Landesbibliothek, K 3353, A 39

Traumkraut – Programmheft
Programm der Donaueschinger Musiktage ’83, Innenseiten

Im gedruckten Werktext, der verschiedene vorab skizzierte Textabschnitte und Notenbeispiele wiederaufnimmt, hebt Joachim Krebs die seiner Ansicht nach essenziellen Bestandteile des Werks hervor, ausgehend von der ursprünglichen Konzeption und Idee von Traumkraut. Der Komponist nennt die verwendeten Kompositionstechniken (kleinräumige Intervalle, fließende Linien, bruchlose Übergänge) und geht auch auf seinen Bezug zum Dichter Yvan Goll ein, dessen Frau Claire im Werktext zitiert wird. Auch das im Vergleich zu herkömmlichen ‚Liedern‘ ungewöhnliche Verhältnis von Text und Musik wird erneut angesprochen: Der Text sei in Traumkraut nur eine von vielen Ausdrucksformen und -linien innerhalb der Musik.

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Traumkraut – Einladung des Fürsten zu Fürstenberg
Einladungskarte zum Empfang nach der UA

Die Uraufführung des Werks erfolgte am 15. Oktober 1983 im Rahmen der Donaueschinger Musiktage. Danach war der Komponist noch zum Abendempfang beim Fürsten von Fürstenberg eingeladen – wie seine Komponistenkollegen, deren Werke im selben Konzert Uraufführungen erlebten. Noch heute gehören die Donaueschinger Musiktage zu den weltweit renommiertesten Festivals für zeitgenössische Musik; und noch immer kann ein Erfolg in Donaueschingen für angehende Komponistinnen und Komponisten viele Türen öffnen und zum Beginn einer internationalen Karriere werden – dies jedenfalls ergibt ein Blick in frühere Programmhefte.

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Traumkraut – Rezensionen der Uraufführung
Pressestimmen zur UA (Dokumentation des Peer Verlags)

Mit der Uraufführung von Traumkraut bei den Donaueschinger Musiktagen erreichte der damals gerade einmal 30-jährige Joachim Krebs einen veritablen Erfolg, wie aus den durchwegs positiven Pressestimmen hervorgeht. Ergänzen könnte man noch aus einer Rezension der Südwest-Presse vom 18. Oktober 1983, dass in Traumkraut „Emotion und Konstruktion mehr miteinander anzufangen wußten [als in anderen zur Uraufführung gelangten Werken] und sich ein durch ‚Klangknollen‘ verspanntes Liniennetz sehr reizvoll anhörte“. Ein anderer Rezensent hielt fest, dass Krebs „zu den expressionistischen Gedichten Golls […] leidenschaftlich erregte, hochexpressive, im Klang sensibel ausgehörte Musik“ geschrieben habe.

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