Badische Landesbibliothek
   


Vom markgräflichen Sammeleifer zur staatlichen Erwerbungspolitik. Zur Geschichte der Badischen Landesbibliothek

Vortrag von Dr. Peter Michael Ehrle, gehalten am 28.09.2006 in Karlsruhe im Rahmen der Veranstaltungsreihe "200 Jahre Baden - Freiheit verbindet" (Ankündigung des Vortrags)

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Eine veränderte Druckversion ist im Sammelband Baden - 200 Jahre Großherzogtum enthalten. Der Vortrag kann für den Eigenbedarf ganz oder in Auszügen verwendet werden. Seine Verbreitung als Druckversion oder in elektronischer Form ist nicht statthaft.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
die Geschichte der Badischen Landesbibliothek reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück. Sie hat im Gegensatz zur Württembergischen Landesbibliothek, deren Vorgängerin als öffentliche Bibliothek von Herzog Carl Eugen von Württemberg 1765 gegründet wurde [1], kein klares Gründungsdatum. Das vermutlich um 1490 entstandene private Stundenbuch Markgraf Christophs I. von Baden (1453-1527, reg. 1475-1515) ist das älteste Zeugnis markgräflichen Buchbesitzes, das sich heute in der Badischen Landesbibliothek befindet [2]. Sie sehen auf den beiden Seiten den jungen Markgrafen Christoph im Gebet und daneben eine Marienverkündigung.

Stundenbuch des Markgrafen Christoph I. von Baden. Cod. Durlach 1
Stundenbuch des Markgrafen Christoph I. von Baden
Pergament; Paris?; Ende 15. Jahrhundert
Badische Landesbibliothek, Cod. Durlach 1, Blatt 18v und 19r
Faksimile und Kommentar: Stundenbuch des Markgrafen Christoph I. von Baden


Das folgende Bild zeigt eine Textseite und daneben die Flucht nach Ägypten.

Stundenbuch des Markgrafen Christoph I. von Baden. Cod. Durlach 1
Stundenbuch des Markgrafen Christoph I. von Baden
Pergament; Paris?; Ende 15. Jahrhundert
Badische Landesbibliothek, Cod. Durlach 1, Blatt 39v und 40r


Christoph I. von Baden teilte die Markgrafschaft 1515 unter seine Söhne Bernhard, Philipp und Ernst auf. Seine Büchersammlung vererbte er an Markgraf Philipp I. (1478-1533, reg. 1515-1533). Die Sammlung war in der Stiftskirche zu Pforzheim untergebracht, weil sich das an der Südseite des Chores angebaute hochgelegene Gewölbe sehr gut für die feuersichere Unterbringung von Büchern eignete [3]. Sie wurde 1522 durch eine Schenkung des Humanisten Johannes Reuchlin (1455-1522) an seine Vaterstadt bereichert. Diese Sammlung griechischer, lateinischer und hebräischer Handschriften blieb nur zum Teil erhalten. Die Badische Landesbibliothek besitzt 12 hebräische Handschriften sowie 4 hebräische und 2 griechische Inkunabeln [4]. Darunter befindet sich ein Traktat des babylonischen Talmud mit Besitzvermerk Reuchlins von 1512.

Dieser Traktat Sanhedrin ist eine der letzten Erwerbungen Reuchlins für seine hebräische Bibliothek, die er in Zusammenhang mit seiner Verteidigung der hebräischen Schriften vornahm [5].

Traktat Sanhedrin des babylonischen Talmud. Cod. Reuchlin 2
Traktat Sanhedrin des babylonischen Talmud. Pergament; zwischen 1400 und 1450
Badische Landesbibliothek, Cod. Reuchlin 2, Blatt 96v
Der Talmud (hebräisch: Belehrung, Studium) ist ein wichtiges Schriftwerk des Judentums. Er entstand in den jüdischen Siedlungsgebieten, die nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer in Persien auf dem Gebiet des heutigen Irak existierten.


Nach dem Tode des Markgrafen Philipp I. teilten sich die beiden verbliebenen Brüder Ernst und Bernhard 1535 die Herrschaft. Die Bibliothek wurde zwischen Pforzheim und Baden-Baden aufgeteilt. 1565 verlegte Markgraf Karl II. (1529-1577, reg. 1553-1577) seine Residenz von Pforzheim nach Durlach, wo die Bibliothek in der Karlsburg ein neues Domizil erhielt. Die Professoren des Gymnasiums Illustre in Durlach durften die Hofbibliothek benutzen [6]. Schon vor 1565 ist ein verschwenderisch ausgestattetes deutsches Gebetbuch in die Durlacher Hofbibliothek gelangt. Diese Zimelie brachte Kunigunde von Brandenburg-Ansbach (1523-1558) in ihre 1551 mit Markgraf Karl II. von Baden geschlossene Ehe ein [7].

Das Gebetbuch wurde 1520 für Markgraf Kasimir von Brandenburg-Ansbach-Kulmbach (1481-1527, reg. 1515-1527) und seine jungvermählte Gattin Susanna von Bayern (1502-1543) von dem Augsburger Maler Narziss Renner gestaltet. Zur Veranschaulichung der dort entfalteten Pracht möchte ich Ihnen einige Seiten zeigen. Die erste Abbildung zeigt das Stifterpaar Kasimir und Susanna zusammen mit ihren Töchtern Maria und Katharina.

Gebetbuch der Markgräfin Susanna von Brandenburg-Ansbach-Kulmbach. Cod. Durlach 2
Gebetbuch der Markgräfin Susanna von Brandenburg-Ansbach-Kulmbach
Pergament; Narziss Renner, Augsburg; 1520
Badische Landesbibliothek, Cod. Durlach 2, Blatt 183r

Das reich mit Miniaturen und Gold ausgestattete Gebetbuch gelangte bereits im Jahrhundert seiner Entstehung in den Familienbesitz der Markgrafen von Baden. Eine Tochter Susannas, Kunigunde, heiratete 1551 den badischen Markgrafen Karl II. Kunigunde wird die prunkvolle Handschrift von ihrer Mutter Susanna geerbt und nach Durlach gebracht haben.

Faksimile und Kommentar: Das deutsche Gebetbuch der Markgräfin von Brandenburg


Die Handschrift ist mit zahlreichen wunderbaren Goldbordüren versehen, wie das folgende Beispiel eindrucksvoll zeigt, in dem die heilige Margaretha und die heilige Apollonia dargestellt sind.

Gebetbuch der Markgräfin Susanna von Brandenburg-Ansbach-Kulmbach. Cod. Durlach 2
Gebetbuch der Markgräfin Susanna von Brandenburg-Ansbach-Kulmbach
Pergament; Narziss Renner, Augsburg; 1520
Badische Landesbibliothek, Codex Durlach 2, fol. 96v und 95r


Die nächsten Abbildungen stellen das erste Verhör Jesu vor Pilatus und die Verurteilung durch Pilatus gegenüber.

Gebetbuch der Markgräfin Susanna von Brandenburg-Ansbach-Kulmbach. Cod. Durlach 2
Gebetbuch der Markgräfin Susanna von Brandenburg-Ansbach-Kulmbach
Pergament; Narziss Renner, Augsburg; 1520
Badische Landesbibliothek, Codex Durlach 2, fol. 44r und 47v


Die beiden markgräflichen Bibliotheken erlebten in den nächsten Jahrzehnten eine wechselvolle Geschichte. Sie wurden infolge von kriegerischen Ereignissen häufig verlagert und erlitten auch immer wieder herbe Verluste [8]. Einen besonders hervorragenden Neuzugang erhielt die Baden-Badener Hofbibliothek durch die in den Großen Türkenkriegen (1683 bis 1692) erbeutete Sammlung orientalischer Handschriften.

Das "Buch der Quintessenz der Historien" stellt die islamischen Propheten und Herrscher in genealogischer Reihenfolge vor. Viele der Propheten und Herrscher aus persischen, arabischen, mongolischen und türkischen Dynastien sind in osmanischer Miniaturmalerei in Porträtmedaillons dargestellt. Diese Seite der Handschrift zeigt die Sultane Selim II. (reg. 1566-1574), Murat III. (reg. 1574-1595) und Mehmet III. (reg. 1595-1603).


Buch der Quintessenz der Historien
Papier; Osmanisch oder Persisch,
zwischen 1595 und 1597
Badische Landesbibliothek, Cod. Rastatt 201
Das Buch der Quintessenz der Historien. Cod. Rastatt 201


Die nächste Abbildung zeigt einen Prinzen bei der Falkenjagd.

Das Buch der Quintessenz der Historien. Cod. Rastatt 201

Buch der Quintessenz der Historien
Papier; Osmanisch oder Persisch,
zwischen 1595 und 1597
Badische Landesbibliothek, Cod. Rastatt 201


1715 gründete Markgraf Karl-Wilhelm von Baden-Durlach (1679-1738, reg. 1709-1738) die Stadt Karlsruhe. Seine Bibliothek verblieb zwar zunächst in der Durlacher Residenz, aber der Markgraf hat durch seine Leidenschaft, Tulpen zu züchten und Tulpen malen zu lassen, zu einer schönen Bereicherung unserer Bibliothek beigetragen. Leider sind von den ursprünglich 20 Foliobänden "mit etlich tausend Gemählden" nur noch vier vorhanden, von denen je zwei in der Badischen Landesbibliothek und im Generallandesarchiv Karlsruhe aufbewahrt werden. 1982 gab die Landeskreditbank Baden-Württemberg das "Karlsruher Tulpenbuch" heraus, das 1984 in einer zweiten Auflage von der Badischen Bibliotheksgesellschaft veröffentlicht wurde [9].

Ich zeige Ihnen zwei der schönsten Abbildungen aus diesem Tulpenbuch.

Badische Landesbibliothek, Karlsruher Tulpenbuch (Codex Karlsruhe 3302 )   Badische Landesbibliothek, Karlsruher Tulpenbuch (Codex Karlsruhe 3302 )
"Karlsruher Tulpenbuch". Papier; Karlsruhe; um 1730
Badische Landesbibliothek, Codex Karlsruhe 3302
Faksimile und Kommentar: Karlsruher Tulpen-Buch


Die danach hergestellten Postkarten gehören auch heute noch zu unseren am besten verkauften Publikationen.

1765 wurde die ehemals Durlacher Hofbibliothek in einem Nebengebäude des Karlsruher Schlosses aufgestellt. Sie war mittwochs und samstags von 10 - 12 Uhr und von 14 - 17 Uhr der gelehrten Öffentlichkeit zugänglich. Die seit etwa 1767 in Rastatt untergebrachte Baden-Badener Hofbibliothek wurde 1771 nach dem Aussterben der Linie Baden-Baden mit der Karlsruher Bibliothek zusammengeführt. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt etwa 8000 Bände. Nach der Vereinigung der beiden Büchersammlungen wurde die Bibliothek von dem ersten hauptamtlichen Hofbibliothekar Friedrich Valentin Molter (1722-1808) auf 20.000 Bände geschätzt [10].

Während die Geschichte der beiden markgräflichen Hofbibliotheken im 17. Jahrhundert weit eher durch große Verluste als durch Neuzugänge bestimmt war, nahm die Entwicklung nach der Vereinigung im 18. Jahrhundert einen weit günstigeren Verlauf. Aus dieser Epoche sind manche bedeutende Stücke erhalten, von denen nun einige vorgestellt werden sollen [11].

Ein Band aus der Bibliothek des großen Bücher- und Handschriftensammlers Konrad Zacharias von Uffenbach (1683-1734) ist eine 1550 in Genf erschienene Ausgabe von Werken des Clemens von Alexandrien mit handschriftlichen Annotationen des bekannten Genfer Druckers Henri Estienne (1528-1598).

Clemens Alexandrius, Opera.
Genf 1550
Badische Landesbibliothek, 42 C 15 R, Titelblatt
Clemens Alexandrius, Opera, Genf 1550 (42 C 15 R), Titelblatt


Schon äußerlich als Zimelie erkennbar ist ein ungewöhnliches Exemplar des bekannten Turnierbuchs von Georg Rüxner, das 1530 in Simmern erschienen ist.

Turnierbuch Georg Rüxners
Turnierbuch Georg Rüxners. Simmern 1530
Badische Landesbibliothek, 42 C 39 RH, Blatt 4r

Georg Rüxners Turnierbuch gilt als das berühmteste der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstandenen Turnierbücher. Es erschien zuerst 1530 in Simmern und war dem Pfalzgrafen Johann II. von Pfalz-Simmern gewidmet.


Das ohnehin sehr aufwendig gedruckte und reich illustrierte Werk liegt hier in einer einzigartigen Sonderausstattung vor. Sämtliche Holzschnitte sind in Farben und Gold koloriert und die Blattränder sind an vielen Stellen mit Ranken, Blumen und Vögeln bemalt.

Eine Miniatur mit dem Wappen Karls V. deutet darauf hin, dass es es sich hier um ein für den Kaiser persönlich gefertigtes Werk handelt. Es wurde 1775 von dem Obristhofmeister der verwitweten Markgräfin Maria Josepha von Baden-Baden (1734-1776) in München erworben und dann der Hofbibliothek zugewiesen.

Turnierbuch Georg Rüxners. Simmern 1530
Badische Landesbibliothek, 42 C 39 RH
Wappen Karls V., Deckfarbenminiatur in Rüxners Turnierbuch
Turnierbuch Georg Rüxners. Wappen Karls V., Deckfarbenminiatur.


Als letztes herausragendes Beispiel sei der 1517 erschienene sogenannte "Theuerdank" genannt, der eine allegorische Schilderung der Brautfahrt und Werbung Kaiser Maximilians I. um Maria von Burgund enthält.

Pergamentexemplar des 'Theuerdank' (42 C 36 RH), Blatt n 4r
Theuerdank
Pergament; 1517
Badische Landesbibliothek, 42 C 36 RH, Blatt n 4r


Dieses Pergamentexemplar aus der alten markgräflichen Bibliothek konnte 2003 durch ein weiteres Pergamentexemplar des "Theuerdank" ergänzt werden, das aus der Bibliothek Joseph von Laßbergs stammt und das mit Mitteln der Stiftung Kulturgut Baden-Württemberg und der Badischen Bibliotheksgesellschaft gekauft wurde.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war der Bestand der 1771 wieder vereinigten und neu organisierten markgräflichen Bibliothek durch eine planvolle und kluge Erwerbungspolitik auf etwa 30.000 Bände angewachsen [12]. Der größte und wertvollste Zugang von Zimelien, der fast zeitgleich mit dem Übergang der Markgrafschaft zum Großherzogtum Baden verbunden ist, stand aber noch bevor.

Als 1803 nach dem Reichsdeputationshauptschluss die Klöster und geistlichen Fürstentümer aufgehoben wurden, erhielt die Hofbibliothek das Recht der ersten Auswahl aus den Kloster- und Stiftsbibliotheken. Die nicht gewünschten Bücher kamen in die Universitätsbibliotheken Freiburg und Heidelberg. Die Übernahme säkularisierten Besitzes aus insgesamt 27 Bibliotheken zog sich bis 1822 hin.

An erster Stelle der neuerworbenen Zimelien zu nennen sind die Handschriften der Reichenau. Obwohl die Badische Landesbibliothek aus dieser Provenienz nur wenige mit Bildern versehene, sogenannte "illuminierte" Handschriften besitzt, ist doch auch der Bestand der Texthandschriften von unermesslichem kulturellen Wert. Nicht nur die Bedeutung der Texte für die wissenschaftliche Forschung, sondern auch die erlesene Schriftkunst und die kostbaren Initialen heben den Reichenauer Bestand hervor. Ich kann Ihnen in der Kürze der Zeit nur einige wenige Beispiele zeigen.

Das Widmungsbild der gegen Ende des 10. Jahrhunderts entstandenen "Gesta Witigowonis" des Purchard von Reichenau zeigt, wie vielfältig und reichhaltig die sakrale Architektur auf der Klosterinsel einstmals gewesen ist. Im Zentrum des Bildes thront Maria, die Schutzpatronin der Reichenau. Vor ihr kniet der Dichter Purchard, der auf die weinende baubelastete Frau Reichenau weist. Beschwörend hebt Abt Witigowo seine Hand. Während Maria sich dem Klostergründer, dem heiligen Pirmin, zuwendet, hinter dem geschlossen der Konvent der Mönchen steht, erhebt der jugendliche Sohn Mariens segnend seine Hand zu dem wegen seiner Bauwut kritisierten Abt.

Gesta Witigowonis. Cod. Aug. perg. 205
Widmungsbild der "Gesta Witigowonis" des Purchard von Reichenau
Pergament; Reichenau; Ende des 10. Jahrhunderts
Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. perg. 205, Bl. 72r
Eine Biographie Witigowos, der von 985-997 Abt des Klosters Reichenau war, befindet sich in der Badischen Landesbibliothek. Diese "Gesta Witigowonis" verfasste der Dichter Purchard von Reichenau zur Feier des zehnjährigen Abtsjubiläums Witigowos im Jahr 995.
Im Zentrum des Widmungsbildes thront die Muttergottes mit dem Christuskind auf dem Schoß. Rechts neben ihr ist Witigowo zu sehen, links der Klostergründer Pirmin, der mit einem Heiligenschein gekennzeichnet ist. Beide sind durch die Bogeninschrift identifiziert. Neben Pirmin treten die Mönche heran. Vor dem Thron kniet mit einer Dedikationsgeste der sich selbst "bäuerischer Dichter" ("rusticus poeta") nennende Purchard und blickt zur personifizierten Reichenau ("augia") auf. Diese trägt die schwere Last der von Witigowo erbauten Kirchen, welche die Szene einrahmen, auf den Schultern. An der Miniatur ist besonders deutlich zu sehen, wie vielfältig und umfangreich einmal die sakrale Architektur auf der Klosterinsel gewesen war.


Die beiden folgenden Abbildungen zeigen besonders schöne Initialen aus einem im 2. Drittel des 10. Jahrhunderts auf der Reichenau entstandenen Lektionar. Den linken, hohen Schaft der in Gold und Blau gehaltenen H-Initiale bildet ein Reiher. Der Schaft der P-Initiale ist mit goldenen Linien auf blauem Grund geschmückt.


Lektionar. Cod. Aug. perg. 16
Lektionar
Pergament; Reichenau; 2. Drittel des 10. Jahrhunderts
Badische Landesbibliothek
Cod. Aug. perg. 16, Bl. 32r

Mit dieser H-Initiale beginnt die erste, von Fulgentius (467-533), Bischof von Ruspe, verfasste Lesung des Stephanstags (26. Dezember): "Heri celebravimus ...".

Den linken, hohen Schaft der in Gold und Blau gehaltenen Initiale bildet ein Reiher. Der große Ansatz des H nach rechts ist mit Flechtwerkknoten und Akanthusblättern gefüllt. Im Binnenfeld breitet sich eine große goldene Kelchblüte auf blauem Grund mit Akanthusblättern im Zentrum aus.

Die Initialen dieses Codex leiten die Blütezeit der ottonischen Buchmalerei auf der Reichenau ein und hängen stilistisch von der St. Galler Buchillustration des 9. Jahrhunderts ab.


Lektionar
Pergament; Reichenau; 2. Drittel des 10. Jahrhunderts
Badische Landesbibliothek
Cod. Aug. perg. 16, Bl. 166r

Diese P-Initiale stellt den Beginn der dritten Lesung zum Fest Johannes' des Täufers (24. Juni) dar, die vom Kirchenlehrer und Schriftsteller Beda (672/73-735) geschrieben wurde: "Praecursor hic domini ...".

Der Schaft ist mit goldenen Lilien auf blauem Grund geschmückt. Der runde Buchstabenstamm des P ist am Schaft verknotet und mit goldenem Flechtwerk, ebenfalls auf blauem Grund, dekoriert. Das Binnenfeld wird von einer breiten, symmetrischen Ranke gefüllt. Aus allen Verknotungen wie auch aus den Endstellen wachsen Staubgefäße und blaue Blüten an dünnen roten Stielen.
Lektionar. Cod. Aug. perg. 16


An zweiter Stelle genannt werden kann der Zugang aus dem Benediktinerkloster St. Peter auf dem Schwarzwald. Dessen kunstsinniger Abt Philipp Jakob Steyrer (1749-1795) brachte nicht nur den von Peter Thumb erbauten berühmten Bibliothekssaal des Klosters zum Abschluss, sondern vermehrte dessen Bestände in seiner 46-jährigen Amtszeit von 1.500 Bänden auf über 25.000 Bände. 1779 konnte er eine spätromanische Bilderhandschrift erwerben, die als Evangelistar aus St. Peter bekannt ist. Die Badische Bibliotheksgesellschaft hat 1971 ein Faksimile dieser Handschrift herausgegeben [13]. Die Anbetung der drei Könige ist ein besonders schönes Beispiel der prachtvollen Illumination der Handschrift.

Festevangelistar aus St. Peter. Cod. St. Peter perg. 7
Festevangelistar aus St. Peter. Pergament; Oberrhein; um 1200
Badische Landesbibliothek, Cod. St. Peter perg. 7, Blatt 2v
Faksimile und Kommentar: Das Evangelistar aus St. Peter


Ein weiteres hervorragendes Werk wurde schon von einem früheren Abt, Ulrich Bürgi (1719-1739), nach St. Peter gebracht. 1736 konnte Bürgi eine nordfranzösische Handschrift erwerben, die außer einer Kurzfassung der Lehren des katalanischen Philosophen und Theologen Raimundus Lullus (1231-1315) zwölf künstlerisch hochwertige Miniaturen enthält, die Lehre und Leben des Gelehrten zum Thema haben. Dieses berühmte "Electorium parvum seu breviculum" befindet sich als Handschrift St. Peter 92 perg. in der Badischen Landesbibliothek. Es wurde 1982 unter dem Patronat des spanischen Königshauses von der Badischen Bibliotheksgesellschaft faksimiliert. Die Abbildung zeigt eine berühmte Szene dieser Handschrift. Angeführt von Lulls Pferd, das den Namen "gute Absicht" trägt, fährt der Philosoph gegen den Turm der Unwahrheit und der Unwissenheit. Seine Vorhut bilden die Streitwagen des Aristoteles und des Averroes. Le Myésier, Arzt und Kononiker in Arras, ein Schüler Lulls, der die Handschrift in Auftrag gab, widmete sie Johanna von Burgund-Artois, der Frau von König Philipp V. von Frankreich [14].

Raimundus Lullus, Thomas le Myésier: Electorium parvum seu breviculum (nach 1321). Cod. St. Peter perg. 92
Raimundus Lullus, Thomas le Myésier: Electorium parvum seu breviculum
Pergament; Nordfrankreich(?); nach 1321
Badische Landesbibliothek, Cod. St. Peter perg 92, Blatt 6v und 7r
Der Mallorquiner Ramon Llull (1232-1316) - lateinisch: Raimundus Lullus - verfasste als Philosoph, Theologe und Universalgelehrter etwa 270 Werke in altkatalanischer und lateinischer Sprache. Er fasziniert noch heute durch seine ungewöhnliche Biographie und seine enorme literarische Produktivität.
Faksimile und Kommentar: Electorium parvum seu breviculum


Von größter Bedeutung sind auch die Bestände aus St. Blasien, St. Georgen und aus der Bibliothek des Hochstifts Speyer in Bruchsal. Aus der letztgenannten Bibliothek stammt das um 1220 entstandene Evangelistar von Speyer, das mit 12 ganzseitigen Bildtafeln und einer Fülle von Initialen geschmückt ist. Die hier gezeigte Initiale illustriert das Fest des Namen Jesu [15].

Speyerer Evangelistar.  Cod. Bruchsal 1
Speyerer Evangelistar. Pergament; Speyer?, Trier?; um 1220
Badische Landesbibliothek, Cod. Bruchsal 1

Faksimile und Kommentar:
Das Evangelistar des Speyerer Domes


Die erste Miniatur der Handschrift zeigt den feierlich thronenden Christus in der Mandorla. Auf die Ecken des Rahmens sind die vier Evangelistensymbole verteilt.

Speyerer Evangelistar. Pergament; Speyer?, Trier?; um 1220
Badische Landesbibliothek, Cod. Bruchsal 1, Blatt 1v
"Maiestas Domini"
Speyerer Evangelistar.  Cod. Bruchsal 1


Mit diesen wenigen Beispielen des Säkularisationsguts müssen wir es bewenden lassen. Wir machen nun einen Sprung in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. 1872 wurde die bisherige großherzogliche Hofbibliothek, die der Hofverwaltung unterstand, verstaatlicht und als Großherzogliche Hof- und Landesbibliothek dem Innenministerium unterstellt. Die Frage des Eigentumsübergangs vom Großherzog auf das Großherzogtum wurde damals nicht gelöst. 1873 folgte der Umzug der Bibliothek aus dem Karlsruher Schloss in das von Karl Joseph Berckmüller erbaute Sammlungsgebäude am Friedrichsplatz. Der neue Status der Bibliothek war die Grundlage für eine Ausweitung der Benutzung. Fortan sollte die Bibliothek nicht mehr nur den Bewohnern Karlsruhes, sondern allen Landesbewohnern "in freiester Weise" zur Verfügung stehen. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, publizierte der neu berufene Direktor Wilhelm Brambach einen besonders für die externen Benutzer gedachten, nach Fachgebieten geordneten Katalog, der in 11 Bänden den Gesamtbestand der Bibliothek bis zum Erwerbungsjahr 1885 erfasste. Es waren dies 141.354 Bände, die bis zu Brambachs Eintritt in den Ruhestand im Jahre 1904 auf 182.000 Bände Druckschriften anstiegen [16].

1918 kam das Ende der Monarchie. Die Großherzogliche Hof- und Landesbibliothek erhielt ihren heutigen Namen Badische Landesbibliothek. Sie wurde nun dem Kultusministerium unterstellt.

Während in anderen Ländern der Weimarer Republik die Eigentumsverhältnisse an früheren landesherrlichen Sammlungen zweifelsfrei geklärt wurden, geschah dies in Baden lediglich für einen Teil der großherzoglichen Sammlungen. Der letzte regierende Großherzog Friedrich II. von Baden (1857-1928, reg. 1907-1918) legte aber 1927 ein Testament vor, in dem er die ihm eigenen Teile der Großherzoglichen Sammlungen, darunter auch die "hofeigenen Bestände der Hof- und Landesbibliothek in Karlsruhe" seiner Gemahlin Hilda unter der Auflage vererbte, dass sie nach deren Tod in die "Zähringer-Stiftung" eingebracht werden sollten. Als Stiftungsziel wurde eindeutig festgelegt, dass die in der Zähringer-Stiftung enthaltenen Sammlungsgegenstände in bisheriger Weise erhalten bleiben und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten. Nach Hildas Tod im Jahre 1952 wurde die "Zähringer-Stiftung" am 22. März 1954 durch die Regierung des Landes Baden-Württemberg genehmigt [17]. Sie besteht bis heute fort, aber es sind in einem neueren Rechtsgutachten Bedenken angemeldet worden, ob die Stiftung aus formalen Gründen überhaupt zustande gekommen ist.

Unabhängig davon ist zu fragen, was unter den "hofeigenen Beständen der Hof- und Landesbibliothek in Karlsruhe" zu verstehen ist. Handelt es sich dabei um eine Liste von "Hinterlegungen", die eine verhältnismäßig kleine Zahl von Sammlungsgegenständen mit geringerem Marktwert aufführt, oder sollen dazu alle Handschriften und Drucke gehören, die in der ehemals Großherzoglichen Hof- und Landesbibliothek enthalten waren.

Selbst dann, wenn man alle Sammlungsgegenstände zu den "hofeigenen Beständen" zählen wollte, ist weiterhin zu fragen, ob die "Zähringer-Stiftung" nicht schon deswegen hinfällig ist, weil nach der Meinung von Rechtsgelehrten, die sich auf das Staats- und Fürstenrecht des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts stützen, durch den Thronverzicht des letzten Großherzogs im Jahre 1918 das "Patrimonialeigentum", zu dem die Sammlungen gehören, auf den Rechtsnachfolger des Großherzogtums, die Republik Baden, übergegangen ist und somit heute zum Eigentum des Landes Baden-Württemberg gehört [18]. Demnach wären die Ansprüche des Hauses Baden auf Herausgabe des zur ehemaligen Großherzoglichen Hof- und Landesbibliothek gehörenden Sammlungsguts der Badischen Landesbibliothek unbegründet. Allenfalls für die "Hinterlegungen" könnte das Haus Baden Eigentum beanspruchen. Diesem Anspruch würde aber nach Beendigung des derzeitigen Verwahrungsverhältnisses ein Ausgleichsanspruch des Landes Baden-Württemberg gegenüberstehen [19].

Die wirtschaftlichen Probleme der Weimarer Republik führten leider auch in der Bibliothek zum Abbau von Serviceleistungen und zum Rückgang der Erwerbungszahlen. 1931 wurde sogar erwogen, die Bibliothek zu schließen. Im Protokoll der Verhandlungen des Badischen Landtags vom 17. September 1931 heißt es dazu: "Der Auffassung der Sparkommission ist beizupflichten, daß neben drei Hochschulbibliotheken für die Landesbibliothek kein Bedürfnis mehr besteht. Es sei denn, daß dort die besonderen "Landeseigentümlichkeiten" gesammelt werden. Vielleicht könnte dieselbe organisatorisch mit der Bibliothek der Technischen Hochschule verbunden werden. Eine Einsparung an Personal muß sich hierbei ermöglichen lassen" [20]. Heftige Proteste der Bevölkerung verhinderten jedoch die Umsetzung dieses Planes.

Die Landesbibliothek konnte ihren Betrieb bis zum 2. September 1942 aufrechterhalten. In der Nacht vom 2. auf 3. September wurde bei einem Luftangriff auf Karlsruhe das Sammlungsgebäude am Friedrichsplatz zerstört.

Treppenhaus der Badischen Landesbibliothek nach dem Luftangriff vom 2. auf 3. September 1942
Treppenhaus der Badischen Landesbibliothek nach dem Luftangriff vom 2. auf 3. September 1942


Die Bibliothek verlor mit 360.000 Bänden fast ihren gesamten Bestand. Neben den zu Kriegsbeginn 1939 ausgelagerten Handschriften, Inkunabeln und anderen wertvollen Drucken blieben nur ca. 3000 Drucke sowie der alphabetische Katalog erhalten. Während der Reichsbeirat für Bibliotheksangelegenheiten gegen den Verzicht Karlsruhes auf eine "wissenschaftliche Regionalbibliothek" plädierte, forderte der badische Reichsstatthalter im Elsaß die Verlegung und den Wiederaufbau der Landesbibliothek als "oberrheinische Gaubibliothek" in Straßburg. Zum Glück wurde diese Forderung nicht verwirklicht. Die Bibliothek wurde provisorisch u.a. im Haus des Evangelischen Oberkirchenrats untergebracht [21].

Der Wiederaufbau der Bibliothek begann bereits vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Durch Bücherspenden von Privatleuten und staatlichen Institutionen wurde der Grundstock des neuen Bestandes gelegt. 1947 erhielt die Bibliothek eine "dauerhafte Notunterkunft" im Generallandesarchiv, und 1958 konnte das Büchermagazin an der Ritterstraße in Betrieb genommen werden. 1964 war dann auch das neuerbaute Verwaltungsgebäude am Nymphengarten bezugsfertig. Zuvor war aber schon wieder einmal wie 1931 der Fortbestand der Bibliothek gefährdet gewesen. Am 3. Februar 1954 ersuchte der Landtag von Baden-Württemberg die Landesregierung um "Vorschläge in Form eines Gutachtens zur rationelleren Gestaltung des Bibliothekswesens". Im Gespräch war die Zusammenlegung der Landesbibliothek mit der Bibliothek der Technischen Hochschule, aber auch die Zusammenlegung beider Landesbibliotheken in Stuttgart. Der erneute Widerstand der Bevölkerung führte dazu, dass der Landtag am 23. Juni 1955 dem Gutachten der Staatsregierung folgte und beschloss, im Nachtragshaushalt Mittel bereitzustellen, "um die Landesbibliothek in Karlsruhe selbständig an alter Stelle am Friedrichsplatz wieder aufzubauen".

Der Neubau am Nymphengarten wurde infolge steigender Bestandszuwächse schon in den Siebzigerjahren wieder zu klein. Ein Architektenwettbewerb für den Neubau der Badischen Landesbibliothek wurde 1980 von Oswald Mathias Ungers gewonnen. Es dauerte dann wegen finanzieller Schwierigkeiten 12 Jahre, bis der heutige Bau der Badischen Landesbibliothek eingeweiht werden konnte [22].

Aus diesen Schilderungen könnte der Eindruck entstehen, dass der Übergang der Großherzoglichen Hof- und Landesbibliothek in die Trägerschaft des Landes Baden und seit 1952 des Landes Baden-Württemberg der Bibliothek nicht besonders gut bekommen ist. Dies traf bis vor kurzem nicht zu, denn erstens wurden die schlimmsten Drohungen, die den Fortbestand der Bibliothek betrafen, bisher nie verwirklicht und zweitens zeigt eine nähere Betrachtung der staatlichen Zuwendungen weder bei den Baumitteln noch bei den Erwerbungsmitteln eine Benachteiligung gegenüber anderen Bibliotheken vergleichbarer Größe oder gegenüber unserer württembergischen Schwesterbibliothek. Ich habe dies in einem Beitrag dargestellt, der 2002 in einer Festschrift zum 50-jährigen Landesjubiläum veröffentlicht worden ist [23]. Heute verfügt die Badische Landesbibliothek über etwa 2,3 Millionen Medieneinheiten und gehört damit zu den größten deutschen Regionalbibliotheken.

Die neuesten Ereignisse lassen die obige Bewertung nicht mehr uneingeschränkt zu. Die Regierung des Landes Baden-Württemberg hat am 21. September 2006 erklärt, dem Haus Baden Kulturgüter im Wert von 70 Millionen € zu überlassen, um einen Rechtsstreit mit diesem Haus über die Herausgabe der von ihm beanspruchten Sammlungsgegenstände im Wert von 250 bis 300 Millionen € zu vermeiden [24]. In weiteren Stellungnahmen der Landesregierung wurde klar, dass beabsichtigt war, die 70 Millionen € ausschließlich durch den Verkauf von Handschriften und alten Drucken der Badischen Landesbibliothek zu erzielen. Dies hätte dazu geführt, dass der Kernbestand der international renommierten Handschriftensammlung der Badischen Landesbibliothek für Wissenschaft und Kultur verloren gegangen wäre. Nach heftigen Protesten von Wissenschaftlern, Bibliothekaren und Handschriftenexperten aus aller Welt, aber auch von breiten Kreisen der Bevölkerung setzte bei der Landesregierung ein Umdenkungsprozess ein. Die Suche nach einer Lösung, die das historisch gewachsene Ensemble der Badischen Landesbibliothek erhält, begann am 4. Oktober 2006. Es ist zu hoffen, dass sie zu einem für alle Seiten befriedigenden Ergebnis führen wird.

In der Zeit des Wiederaufbaus der Bibliothek konnten einige bedeutende Nachlässe erworben werden: 1950 die gesamte erhaltene Bibliothek des Dichters Alfred Mombert, 1960 die Büchersammlung Reinhold Schneiders mit dessen umfangreichem Briefnachlass und 1972 die Büchersammlung des Philosophen Leopold Ziegler. 1978 folgten die wertvolle Alchemie-Bibliothek des Dichters Alexander von Bernus und 1984 als mäzenatisches Geschenk die Kinderbuchsammlung von Ida Marie Kling [25].

Lassen Sie mich gegen Ende meines Vortrags noch einige besondere Schätze vorstellen, die der Badischen Landesbibliothek in den Jahren 1994 bis 2001 zugeflossen sind und die durch Ankauf zweifelsfrei Staatseigentum geworden sind.

Im Herbst 1992 trat das Haus Fürstenberg an die Württembergische Landesbibliothek mit dem Vorschlag heran, die Donaueschinger Handschriftensammlung aufzukaufen. Monatelange zähe Verhandlungen führten dann im Frühjahr 1993 dazu, dass die Sammlung vom Land Baden-Württemberg gekauft wurde. Danach setzte zwischen mehreren Bibliotheken das Ringen um die Zuteilung der Handschriften ein. Den Sieg trugen die beiden Landesbibliotheken in Karlsruhe und Stuttgart davon. Die Badische Landesbibliothek erhielt im April 1994 die deutschen Handschriften des Mittelalters, unter denen sich auch der Kernbestand der Sammlung des Freiherrn Joseph von Laßberg befand. Die lateinischen Handschriften und die neuzeitlichen deutschen Handschriften wurden der Württembergischen Landesbibliothek übergeben [26].

Unter den uns zugeeigneten deutschen Handschriften befinden sich ganz erlesene Zimelien, von denen ich Ihnen einige wenige Beispiele zeigen möchte.

Der 1287 in Freiburg und Vörstetten i.Br. geschriebene "Schwabenspiegel" ist das für Süddeutschland maßgebende deutschsprachige Rechtsbuch im späten Mittelalter. Er wurde um 1275/76 von einem Franziskaner in Augsburg verfasst. Als Hauptquelle diente der berühmte Sachsenspiegel, dessen Artikelfolge übernommen wurde.

Schwabenspiegel. Cod. Don. 738
Schwabenspiegel. Pergament; Freiburg und Vörstetten (Breisgau); 1287
Badische Landesbibliothek, Cod. Don. 738, p. 1


Die vorliegende Handschrift, die auf der ersten Seite das gemalte Wappen-Exlibris Laßbergs aufweist, ist der älteste datierte Textzeuge und sicherlich auch eine der ältesten Schwabenspiegel-Handschriften überhaupt. Die gesamte Ausstattung ist ziemlich aufwendig: große, in zwei Spalten sorgfältig geschriebene gotische Buchschrift, rote Überschriften und rote oder blaue Initialen (sog. Lombarden) zu Beginn der Kapitel [27].

Am 28. Mai 1829 gelang es Laßberg, eine Anfang des 14. Jahrhunderts im Bodenseeraum entstandene Pergamenthandschrift zu erwerben, die für ihn als Liebhaber mittelalterlicher deutscher Dichtung von ganz besonderem Wert war.

Wasserburger Codex. Pergament; Bodenseeraum; Anfang 14. Jh.
Badische Landesbibliothek, Cod. Don. 74, Blatt 1r
Wasserburger Codex. Cod. Don. 74


Auf dem Speicher eines Pfarrhauses in Wasserburg am Bodensee wurde ein äußerlich eher unscheinbarer Codex entdeckt, welcher nach Laßbergs Einschätzung "unter die kleinode gehört, die in unserer zeit so selten mer aus dem alles verschlingenden zeitstrom auftauchen". Die schmucklose Handschrift enthält eine bedeutende Sammlung weltlicher und geistlicher mittelhochdeutscher Dichtungen, sämtlich in frühen, jeweils für die Textüberlieferung der einzelnen, fast alle im 13. Jahrhundert entstandenen Werke sehr wichtigen Fassungen. Mehr als die Hälfte des "Wasserburger Codex" enthält den Willehalm des Rudolf von Ems, ein Epos in der Nachfolge Wolfram von Eschenbachs und Gottfrieds von Straßburg. Zwei weitere Texte stammen aus dem Bereich der altdeutschen Heldendichtung, genauer aus dem Sagenkreis um Dietrich von Bern. Laßberg teilte die Erwerbung voller Freude und Stolz seinem Freund Ludwig Uhland noch am selben Tage mit den Worten mit "Es ist mir nicht möglich auch nur "einen Tag später als heute, Inen Nachricht von meinem neuen Funde zu geben, über den ich mich nicht weniger freue, als ein Vater zahlreicher Nachkommenschaft, wenn jm wieder ein neues Kind geboren ist" [28].

"Des Teufels Netz" ist eine um 1414 bis 1420 - vielleicht in Konstanz - entstandene geistliche Lehrdichtung.

Des Teufels Netz
Des Teufels Netz. Papier; Bodenseeraum; 1441
Badische Landesbibliothek, Cod. Don. 113, Blatt 1v


Im Rahmen eines Dialogs verrät der Teufel einem frommen Einsiedler, mit welchen Schlichen er die Menschen in seinem großen Netz einfängt. Der Autor entwirft ein düsteres Bild. Alle sind in Sünden verstrickt, vom Kaiser bis zum Küchenjungen. Besonders hart geht er mit der Geistlichkeit ins Gericht. Ähnlich wie in den mittelalterlichen Totentänzen werden die Sünden und Laster aller Stände eindringlich und lebensnah vor Augen geführt. "Des Teufels Netz" ist eines der bemerkenswertesten Zeugnisse der mittelhochdeutschen Ständesatire. Die Textüberlieferung umfasst 4 Handschriften und ein kleineres Fragment. Die zuverlässigste Überlieferung bietet unsere Handschrift, die 1441 im Bodenseeraum entstanden ist. Dem Textbeginn ist eine kolorierte Federzeichnung vorangestellt. Sieben Teufel - wohl die personifizierten sieben Todsünden - schleppen das Netz, in dem Angehörige aller Stände gefangen sind [29].

1995 musste sich ein anderes Fürstenhaus von seinen Kunstschätzen trennen. Sie erinnern sich vielleicht noch an die große Auktion, die im Sommer jenes Jahres im Neuen Schloss in Baden-Baden stattfand. Der Badischen Landesbibliothek und dem Generallandesarchiv Karlsruhe ist es gelungen, die ihr vor der Auktion angebotene Privatbibliothek des markgräflichen Hauses mit Mitteln der Stiftung Kulturgut Baden-Württemberg und Unterstützung durch ihre Fördervereine und andere Spender für 2,5 Millionen DM aufzukaufen. Auch hier konnten wir erlesene Raritäten erwerben, wie etwa das Erstexemplar der Alemannischen Gedichte von Johann Peter Hebel mit handschriftlichen Einträgen des Dichters oder eine besonders schöne spätere Ausgabe der Alemannischen Gedichte, die dem großherzoglichen Paar Friedrich I. und Luise 1856 zur Hochzeit geschenkt wurde.

Johann Peter Hebel: Allemannische Gedichte, Karlsruhe 1803
Hebel, Johann Peter Allemannische Gedichte : für Freunde ländlicher Natur und Sitten. - Erstausgabe. - Carlsruhe : Macklot, 1803. - VIII, 232 S.; mit 4 Musikbeilagen. Handexemplar mit Korrekturzeichen und Eintragungen von Johann Peter Hebel.
Badische Landesbibliothek, 98 B 76169 RH (Schlossbibliothek Baden-Baden)



Original-Aquarell von Wilhelm Dürr. -
In: Johann Peter Hebel: Allemannische Gedichte, Karlsruhe 1856: Der Karfunkel
Badische Landesbibliothek, 98 C 76459 RH
(Schlossbibliothek
Baden-Baden)
Original-Aquarell von Wilhelm Dürr


1999 konnte die Badische Landesbibliothek wiederum mit Mitteln der Stiftung Kulturgut Baden-Württemberg die Fürstenbergische Musikaliensammlung erwerben und damit ihre hervorragende Sammlung von Musikhandschriften aus markgräflicher Zeit ergänzen. Unter den Erwerbungen befindet sich ein eigenhändiger Brief Mozarts, in dem er dem Fürstenhaus über einen Mittelsmann Kompositionen anbietet.

Brief aus Wien vom 8. August 1786: W. A. Mozart bietet Sebastian Winter seine 'Neuesten geburten' an
Wolfgang Amadeus Mozart, Brief mit Angebot neuer Kompositionen, Autograph (Tinte auf Papier), 1 Blatt, Wien, 8. August 1786
In einem Brief bietet Wolfgang Amadeus Mozart (1756 - 1791) dem Hof in Donaueschingen seine "Neuesten geburten" an. Auf dem Zettel sind insgesamt 12 Musikincipits (Anfänge von Musikstücken) verzeichnet, u.a. von vier Sinfonien, fünf Klavierkonzerten und von Kammermusik aus den Jahren 1779 bis 1786. Die nicht durchgestrichenen Kompositionen wurden in Abschriften bestellt und sind zum größten Teil in der Donaueschinger Musikaliensammlung erhalten.


Auch ein von Franz Liszt komponierter Ländler ist im Bestand erhalten.

Franz Liszt, Autograph des 'Ländlers' für Klavier in As-Dur, komponiert im
November 1843 in Donaueschingen
Franz Liszt: Ländler für Klavier As-Dur. Autograph (Tinte auf Papier). 1 Blatt, Donaueschingen, 25.11.1843. Gewidmet der Fürstin Amalie zu Fürstenberg, geb. Prinzessin von Baden.
Badische Landesbibliothek, Donaueschingen Mus. Autogr. 39


2001 folgte dann schließlich die Krönung unserer Erwerbungen. Die Landesbank Baden-Württemberg kaufte mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, der Bundesrepublik Deutschland und der Familie Laßberg die Handschrift C des Nibelungenlieds, und das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg wies dieses Spitzenstück der Sammlung Laßberg wegen des Zusammenhangs mit den anderen deutschen Handschriften des Mittelalters der Badischen Landesbibliothek zur Aufbewahrung zu.

Nibelungen-Handschrift (C)
Nibelungen-Handschrift (C). Badische Landesbibliothek, Cod. Don. 63, Blatt 1r.
Die Handschrift ist der älteste Textzeuge des um 1200 entstandenen, aber auf ältere mündliche Traditionen zurückgehenden Nibelungenliedes. Sie wurde im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts im Südwesten des deutschsprachigen Raumes niedergeschrieben.
Seit 2001 befindet sich der berühmte Codex im Bestand der Badischen Landesbibliothek als Leihgabe der Landesbank Baden-Württemberg.
Faksimile und Kommentar: Das Nibelungenlied und die Klage


Vielleicht erinnern Sie sich an die große Nibelungenliedausstellung, die wir 2003/04 zusammen mit dem Badischen Landesmuseum durchgeführt haben. Die Ausstellung ist von 72.000 Besuchern gesehen worden und war damit die zweitgrößte Ausstellung mit bibliothekarischem Bezug, die je in Deutschland gezeigt wurde. Zur Zeit gibt es Überlegungen, die drei Haupthandschriften des Nibelungenlieds, die Handschrift A, die in der Bayerischen Staatsbibliothek in München aufbewahrt wird, die Handschrift B der Stiftsbibliothek St. Gallen und unsere Handschrift C in das Weltkulturerbe aufzunehmen. Mit dieser erfreulichen Perspektive möchte ich meinen Vortrag schließen.



[1] Herzog Carl Eugen von Württemberg gründete am 11. Februar 1765 eine öffentliche Bibliothek, die zunächst in Ludwigsburg und dann ab 1776 in verschiedenen Gebäuden in Stuttgart untergebracht war.
[2] Vgl. Gerhard Stamm: Markgräflich badische Büchersammlungen - erhaltene Bestände. In: Buch - Leser - Bibliothek. Festschrift der Badischen Landesbibliothek zum Neubau. Hrsg. von Gerhard Römer, Karlsruhe 1992, S.127.
[3] Vgl. Ludger Syré: Die Geschichte der Bibliothek - eine Chronik in Daten und Bildern. In: Buch - Leser - Bibliothek, S.13.
[4] Stamm, Festschrift, S.145.
[5] Udo Wennemuth: Exponatbeschreibung F 6 in: Philipp Melanchthon in Südwestdeutschland. Bildungsstationen eines Reformators. Ausstellung der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe, der Universitätsbibliothek Heidelberg, der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart und des Melanchthonhauses Bretten zum 500. Geburtstag Philipp Melanchthons. Hrsg. von Stefan Rhein, Armin Schlechter und Udo Wennemuth, Karlsruhe 1997, S.194.
[6] Vgl. Syré, Festschrift, S.14.
[7] Vgl. Ute Obhof: Aus der Schatzkammer der Badischen Landesbibliothek. In: Blick in die Geschichte. Karlsruher stadthistorische Beiträge 53 (14.12.2001).
[8] Vgl. dazu eingehend Syré, Festschrift, S.14-16. Der nicht nach Basel ausgelagerte, nicht so wertvolle Bestand der Durlacher Hofbibliothek wurde 1689 bei der Zerstörung der Karlsburg durch die Franzosen ein Raub der Flammen. Vor der Zerstörung soll die Bibliothek 4000 bis 5000 Bände und zwei Zimmer mit Handschriften besessen haben (Syré, Festschrift, S.15).
[9] Vgl. Karlsruher Tulpenbuch. Eine Handschrift der Badischen Landesbibliothek. Mit einer Einführung von Gerhard Stamm, Karlsruhe 1984, S.1.
[10] Vgl. Syré, Festschrift, S.16-19.
[11] Vgl dazu und zu den folgenden Beispielen Stamm, Festschrift, S.153-159.
[12] Vgl. Gerhard Stamm: Karlsruhe 1, Badische Landesbibliothek. In: Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland, Bd. 8, Hildesheim, Zürich, New York 1994, S.22.
[13] Das Evangelistar aus St. Peter. Eine spätromanische Bilderhandschrift der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe. Vollfaksimile-Ausgabe. Hrsg. von Franz Anselm Schmitt. Basel 1971.
[14] Vgl. Gerhard Römer: Bücher - Stifter - Bibliotheken. Buchkultur zwischen Neckar und Bodensee, Stuttgart, Berlin, Köln 1997, S.112-121.
[15] Vgl. Römer, Bücher, S.136.
[16] Vgl. Stamm, Handbuch, S.23.
[17] Vgl. dazu die Web-Site "Zähringer-Stiftung". Nach dieser Site ist die Zähringer-Stiftung als Stiftung des öffentlichen Rechts im Neuen Schloß in Baden-Baden angesiedelt. Stiftungsbehörde ist das Regierungspräsidium Karlsruhe.
[18] Vgl. dazu den Beitrag von Reinhard Mußgnug: Die Handschriften gehören dem Land. Fürstenrecht contra Bürgerliches Gesetzbuch: Badens Kulturerbe ist nicht Reservevermögen der Markgrafen, in: FAZ, 29.09.2006, Nr. 227, S.37.
[19] Zu diesem Ergebnis kommt der umfangreiche Artikel von Winfried Klein: Das Recht ist das Recht und nicht bloß eine Behauptung. Nach allen Regeln der Domänenfrage: Die Handschriften der Badischen Landesbibliothek sind Staatseigentum, in: FAZ, 05.10.2006, Nr. 231, S.39.
[20] Zitiert nach Hendrikje Kilian: Zur Geschichte der Badischen Landesbibliothek, Karlsruhe 1990 (Vorträge/Badische Landesbibliothek, Heft 22), S.41.
[21] Syré, Festschrift, S.25.
[22] Vgl. Syré, Festschrift, S.27-31.
[23] Peter Michael Ehrle: Die Badische Landesbibliothek. In: Paul Ludwig Weinacht (Hrsg.), Die badischen Regionen am Rhein. 50 Jahre Baden in Baden-Württemberg - Eine Bilanz. Baden-Baden 2002, S. 443-446.
[24] Vgl. dazu das Interview mit Ministerpräsident Günther H. Oettinger in BNN, 21.09.2006, Ausgabe Nr. 219.
[25] Vgl. Römer, Bücher, S.139.
[26] Vgl. dazu Hans-Peter Geh: Die Erwerbung der Handschriften-Sammlung der F.F. Hofbibliothek Donaueschingen durch das Land Baden-Württemberg. In: Bewahrtes Kulturerbe. Unberechenbare Zinsen. Katalog zur Ausstellung der vom Land Baden-Württemberg erworbenen Handschriften der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek. Hrsg. Von Felix Heinzer. Stuttgart 1993, S.1-4.
[27] Bewahrtes Kulturerbe, S.86 f.
[28] Bewahrtes Kulturerbe, S.90 f. und S.26.
[29] Bewahrtes Kulturerbe], S.102 f.

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