Badische Landesbibliothek
   


Momente - Beiträge zur Landeskunde Baden-Württemberg - 01/2004

Momente - Beiträge zur Landeskunde

Auftragsarbeit für einen einzigen Schreiber

Die Schwabenspiegel-Handschrift aus Freiburg und Vörstetten

Die frühere Existenz einer Burg in Vörstetten war lange Zeit in Vergessenheit geraten. Erst in den sechziger Jahren machten Luftbilder wieder darauf aufmerksam. Bis heute ist wenig von dem untergegangenen Gebäudekomplex bekannt. Als frühe schriftliche Quelle, die zumindest ein Indiz für die Existenz einer Burg in Vörstetten liefert, wird in der Literatur meist eine Urkunde aus dem Jahre 1291 genannt.

Schwabenspiegel aus dem Jahre 1287
Die kunstvolle Pergamenthandschrift des Schwabenspiegels aus dem Jahre 1287 wurde in Freiburg und Vörstetten geschrieben.

Ein Pergamentkodex, der vier Jahre früher niedergeschrieben wurde, liefert konkrete Hinweise auf den Rittersitz in Vörstetten. Die Handschrift, die heute in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe aufbewahrt wird, enthält den so genannten "Schwabenspiegel". Das Werk kann als die gängige Rechtsdarstellung des späten Mittelalters bezeichnet werden, welche im Süden des deutschsprachigen Raumes ihren Geltungsbereich hatte. Es enthält einen land- und einen lehenrechtlichen Teil. Der Titel "Schwabenspiegel" ist allerdings neuzeitlich. Er wurde von dem Gelehrten Melchior Goldast erst im 17. Jahrhundert geprägt.

Den Rechtstext kopierte im Jahre 1287 ein Weltgeistlicher, der sich als Konrad von "Lucelenhein" bezeichnete. Er stammte wahrscheinlich aus Leiselheim am Nordwesthang des Kaiserstuhls. Eigenhändig vermerkte der Schreiber Zeit und Ort der Niederschrift. Aus seinem Eintrag geht hervor, dass er für seinen Auftraggeber (Dietrich) Gregor von Falkenstein zunächst in Freiburg gearbeitet hatte, das Buch dann aber in Vörstetten vollendete. In Vörstetten ging der Diakon Konrad seiner Schreibertätigkeit "uf dem huse" nach. Damit dürfte Vörstettens Burg gemeint sein. Die Bezeichnung "Haus" für eine Burg ist in dieser Zeit nicht ungewöhnlich. Die Falkensteiner, ehemals Dienstleute der Herzöge von Zähringen und nach deren Aussterben der Grafen von Freiburg, nahmen in Vörstetten eine führende Stellung ein.

Dietrich Gregor von Falkenstein war eine bedeutende Gestalt der weit verzweigten Familie, schriftliche Zeugnisse schildern ihn als angesehenen Ritter. Er dürfte zur Zeit der Niederschrift der "Schwabenspiegel"-Handschrift noch verhältnismäßig jung gewesen sein. In zahlreichen Urkunden wird er erst im letzten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts genannt. Der junge Mann konnte dem Kodex also fundierte Rechtskenntnisse für zu erwartende Geschäfte und rechtliche Handlungen entnehmen.

Konrads kalligraphische Auftragsarbeit für Gregor von Falkenstein zeugt von äußerster Sorgfalt. Der "Schwabenspiegel" ist in großer gotischer Buchschrift in zwei Spalten angelegt. Auch sonst wurde bei der Ausstattung des Buches, das doch einen Gebrauchstext enthielt, mit Filigraninitialen, roten und blauen Lombarden und roten Überschriften nicht gespart. Anders formuliert: Der "Schwabenspiegel" war dem Falkensteiner besonders wertvoll.

Offensichtlich bot das Werk mit der Darstellung der adelig-feudalen Welt einem Angehörigen des niederen Adels willkommene Identifikationsmuster. Die repräsentative Gestaltung des Rechtsbuches trug dem Bedürfnis nach eigenem Standesbewusstsein Rechnung. Ein vergleichbares Bild vermitteln die Spuren der untergegangenen Burg in Vörstetten. Die außerhalb des Dorfes gelegene Anlage mit doppeltem Wall und Gräben demonstrierte Abgrenzung von der übrigen Landbevölkerung und ritterliches Selbstverständnis.

Der Kodex ist für die Überlieferung des "Schwabenspiegels" von herausragender Bedeutung, handelt es sich doch um die älteste datierte Handschrift dieses Rechtstextes und damit um das älteste datierte deutsche Rechtsbuch überhaupt. Literaturgeschichtlich ist die Handschrift ein wichtiges Zeugnis dafür, dass ein Teil der deutschsprachigen Kodizes im 13. Jahrhundert durch das Schreibpersonal vermögender Laien am Wohnort angefertigt wurde.

Ute Obhof
Adresse
Erbprinzenstraße 15, 76133 Karlsruhe
Telefonnummern und E-Mail-Adressen


Öffnungszeiten
Mo - Fr 9.00 - 19.00 Uhr,
Sa 10.00 - 18.00 Uhr

Wissenstor:
Mo - Fr 9.00 - 22.00 Uhr,
Sa, So 10.00 - 22.00 Uhr

Lesesaal Sammlungen:
Mo - Mi, Fr 9.30 - 16.00 Uhr,
Do 9.30 - 18.00 Uhr


Webseiten-Suche
  erweiterte Suche
Valid HTML 4.01! Valid CSS!