Badische Landesbibliothek
   


Staatsanzeiger für Baden-Württemberg -
19. Januar 2004

Staatsanzeiger für Baden-Württemberg

Von einem der auszog sein letztes Hemd für die Nibelungenhandschrift zu geben

Joseph Freiherr von Laßberg erwarb Anfang des 19. Jahrhunderts die berühmte Handschrift C des Nibelungenliedes

Als die älteste überlieferte Handschrift des Nibelungenliedes in Wien zur Zeit des Kongresses angeboten wurde, wollte Joseph Freiherr von Laßberg (1770-1855) das Unmögliche möglich machen. Im Jahre 1815 erfuhr Laßberg, dass ein englischer Sammler die Nibelungenhandschrift erwerben wollte. Lord George John, Second Earl of Spencer (1758-1834), interessierte sich vor allem für Erstausgaben lateinischer und griechischer Klassiker, Petrarca- und Dante-Ausgaben. Laßberg notierte: "Dies war ein Donnerschlag für mich! In einen englischen Büchersaal, über dessen Thüre geschrieben steht, was Dante von der Thüre der Hölle berichtet, sollte der Codex kommen! einem britischen Knochenvergraber sollte er zu Theil werden, und für Deutschland, für unser Schwabenland auf ewig verloren sein! Nein, dachte ich, ehe ich dies zugebe, verkaufe ich mein letztes Hemd."

Wahrscheinlich trug Joseph von Laßberg eigenhändig mit Deckfarben sein kreisrundes Exlibris in seine berühmteste Handschrift ein. Auf der Eingangsseite prangt das Besitz-Zeichen: Auf dem dunkelgrünen Außenband steht mit Goldtinte in archaisierenden Majuskeln die Umschrift Ioseph von Laszberg Ritter.
Exlibris mit Wappen Laßbergs

Laßberg war keineswegs bereit, alle Hoffnung fahren zu lassen, wie es am Eingang der Hölle in Dantes "Göttlicher Komödie" vom Eintretenden gefordert wird. Obwohl er selbst nicht über die finanziellen Mittel zum Kauf der berühmten Handschrift verfügte, wurde sie schließlich dennoch zum Prunkstück seiner Bibliothek. Laßberg konnte sich auf die Unterstützung seiner heimlichen Lebensgefährtin, der Fürstin Elisabeth zu Fürstenberg (1767-1822), verlassen, die die Handschrift schließlich für ihn kaufte.

Joseph von Laßberg entstammte einem ursprünglich oberösterreichischen Adelsgeschlecht, das im 17. Jahrhundert nach Süddeutschland ausgewandert war. Am 10. April 1770 wurde er als Sohn eines Fürstlich Fürstenbergischen Geheimen Rats und Oberjägermeisters in Donaueschingen geboren. Im Laufe seiner Schul-, Studien- und Ausbildungszeit in Salem, Donaueschingen, Straßburg, Freiburg im Breisgau und an anderen Orten trat er in die Fußstapfen seines Vaters. Die zunächst vorgesehene militärische Karriere, die ihn 1785 als Kadett ins 4. Straßburger Husarenregiment brachte, gab er rasch zugunsten eines Studiums der Jura, Nationalökonomie, Philosophie und Forstwissenschaft auf. Schon als Freiburger Student wurde er Jagdjunker in der Fürstenbergischen Forstverwaltung mit der Aussicht, eines Tages die frei werdende Stelle seines Vaters übernehmen zu können. 1789 brachten ihn seine Lehrjahre als Forstpraktikant nach Hohenzollern-Hechingen.

Joseph von Laßberg war ein vielseitig interessierter und bücherliebender Mensch. Seinen Beruf wusste er stets mit seiner Liebe zu Literatur und Geschichte zu verbinden, wie auch seine Wohnsitze Orte reicher Schriftensammlungen und Anziehungspunkte für Gelehrte unterschiedlichster Fachrichtungen waren. 1792 wurde er als 22jähriger Oberforstmeister auf Heiligenberg. Von seinem Studienfreund und Mentor Johann Leonhard Hug (1765-1846), dem späteren Freiburger Theologieprofessor, erhielt er damals eine reich illuminierte deutsche Handschrift des 15. Jahrhunderts mit dem mystischen Text "Christus und die minnende Seele" als Geschenk. 1805 entstand in Donaueschingen der älteste Geschichtsverein Süddeutschlands, die "Gesellschaft der Freunde vaterländischer Geschichte an den Quellen der Donau". Laßberg gehörte zu ihren Gründern. Im Rahmen der Vereinsarbeit übergab er dem Gesellschaftsarchiv verschiedene Schriften, so zum Beispiel einen Aufsatz über die Möglichkeit des Hopfenbaus im Fürstenbergischen.

Nach seiner ersten Eheschließung mit Maria Anna Ebinger von der Burg bezog er 1798 das Gut Helmsdorf bei Immenstaad. Mit dem Erwerb der ritterschaftlichen Besitzung war die Mitgliedschaft im Kanton Hegau der Freien Reichsritterschaft verbunden. Laßberg hatte sich freilich bereits vorher als Ritter gefühlt. Am 24. Juni 1786 war er von seinem Onkel Conrad von Malzen auf dem Trifels feierlich zum Ritter des Johanniterordens geschlagen worden, ein ihn lebenslang beeindruckendes Ereignis, welches er noch über 40 Jahre später in einem Brief an Jacob Grimm ausführlich beschreibt. 1804 schließlich wurde Laßberg direkter Nachfolger seines Vaters als Landesforst- und Jägermeister in der Zentralverwaltung in Donaueschingen. Später versah Laßberg für die 1805 nach Donaueschingen gekommene Fürstin Elisabeth zu Fürstenberg und ihren minderjährigen Sohn Karl Egon die Landesadministration.

Mit der Übernahme der Amtsgeschäfte durch den volljährigen Karl Egon II. zog Laßberg sich 1817 nach Eppishausen im Thurgau zurück. Auch als Zufluchtsort für die Fürstin Elisabeth gedacht, wurde Eppishausen mit ihren Mitteln renoviert. Das finanzielle und geistige Mäzenatentum seiner Lebensgefährtin ließ Laßbergs Bibliothek und Sammlungen erheblich anwachsen.

1837 gelang es Laßberg, die alte Meersburg von der Badischen Domänenverwaltung zu erwerben. Dorthin zog er mit seiner letzten Gattin Jenny geborene Freiin von Droste-Hülshoff (1795-1859). Auf der Meersburg konnte er seine wertvolle Bibliothek mit rund 300 Handschriften und 11 000 Druckwerken in angemessenen und großzügigen Räumlichkeiten unterbringen. Von den zahlreichen gelehrten Besuchern wurde der Blick auf den Bodensee ebenso gerühmt wie der hervorragende Bibliotheksbestand.

Nach dem Tode Laßbergs wurde die bereits vorher rechtskräftig an die Fürstenberger verkaufte Bibliothek in die Hofbibliothek nach Donaueschingen überführt. Joseph Victor von Scheffel (1826-1886) oblag es als Bibliothekar, die Handschriften Laßbergs im Dezember 1857 auszupacken. Den berühmten Nibelungencodex beschrieb er als ersten in seinem Handschriftenkatalog altdeutscher Dichtungen der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek.

Joseph von Laßberg hat sich ähnlich wie heute noch bekanntere seiner Zeitgenossen, zum Beispiel die Brüder Boisserée und die Brüder Grimm, für die Bewahrung kulturellen Erbes eingesetzt. Über seine Sammlertätigkeiten, historischen und philologischen Interessen informieren seine Publikationen, die Bücher aus seinem Besitz, seine Korrespondenz mit Gelehrten und Freunden, aber auch Briefe seiner späteren Schwägerin Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848), die sich häufig spöttisch über die mittelalterbegeisterte Gesellschaft an der Tafel Laßbergs äußerte. So klagte sie einmal: "Wir haben uns mit den Nibelungen zu Tische gesetzt, und sind damit aufgestanden." An ihre Mutter schrieb sie über die Hobbys ihrer Schwester, der "Blumennärrin", und ihres Schwagers: "Jenny steckt bis über den Ohren in ihrer "Gärtnerey, hat ihre Aurikeln grade alle in Blüthe, und Laßberg tauft die neuen Sorten mit einem Nibelungen- und Liedersaal-Namen nach dem andern".

Ende des 20. Jahrhunderts begann sich das Haus Fürstenberg systematisch von seinen traditionsreichen historischen Sammlungen zu trennen. Die heute größtenteils in der Badischen Landesbibliothek aufbewahrten deutschsprachigen Handschriften aus der einstigen Bibliothek Laßbergs sind Kostbarkeiten der deutschen Literatur des Mittelalters, allen voran die Nibelungenlied-Handschrift C, aber auch der Wasserburger Codex, die Liedersaal-Handschrift, die Donaueschinger Liederhandschrift, Schwabenspiegel-Handschriften und viele andere mehr.

Laßbergs Nibelungenlied-Handschrift aus dem 13. Jahrhundert, die seit der Textedition von Karl Lachmann im Jahre 1826 zum Missfallen des Freiherrn mit der Sigle C bezeichnet wurde, befindet sich heute als Eigentum der Landesbank Baden-Württemberg und der Bundesrepublik Deutschland in der Badischen Landesbibliothek. Sie wird im Schloss Karlsruhe noch bis zum 14. März 2004 im Rahmen der Ausstelllung "Uns ist in alten Mären - Das Nibelungenlied und seine Welt" gezeigt. Ausführlich berichtet das Heft Momente 1/2004 über die Geschichte der Handschrift und die Menschen, die ihr als Schreiber, Besitzer, Käufer, Entdecker, Wissenschaftler und Interpreten im Laufe von knapp 8 Jahrhunderten ein einmaliges Schicksal zuteil werden ließen.

"Fürstin teutscher Frauen"

Elisabeth zu Fürstenberg unterstützte den Freiherrn von Laßberg

Fürstin Elisabeth zu Fürstenberg, geborene Prinzessin von Thurn und Taxis, war seit 1799 Witwe. Ihr Sohn Karl Egon (1796-1854) wurde als 8jähriger erbfolgeberechtigt für die ausgestorbene Erstgeborenenlinie der Fürstenberger. Am 24. Mai 1805 kam Elisabeth mit ihrem Sohn nach Donaueschingen. An der Landesgrenze soll sie von einer Delegation empfangen worden sein, zu der auch Joseph von Laßberg zählte. Zwischen der Fürstin und Laßberg entwickelte sich rasch eine intensive Beziehung. Auf dem Widmungsblatt des 1821 erschienenen Privatdruckes zum vierten Liedersaal-Band, wo er den Text seiner Nibelungenhandschrift veröffentlichte, nennt er Elisabeth die "Fürstin teutscher Frauen". Laßbergs große Verehrung und seine Trauer beim Tod der Lebensgefährtin hat sich in vielen Bänden seiner Bibliothek niedergeschlagen. Sogar in der Deutschen Grammatik Jacob Grimms, deren ersten Band er wahrscheinlich in der Trauerzeit 1822 als Geschenk des Autors und Freundes in Eppishausen vorfand, hielt er ihr Todesdatum handschriftlich fest. Durch Eintrag kennzeichnete er selbst die letzte Lektüre seiner Gefährtin, das historisch-epische Werk Leonidas des Engländers Richard Glover, das 1778 in Hamburg in der deutschen Übersetzung von Johann Arnold Ebert erschienen war.

von Ute Obhof

Buchtipp

  • Bothien, Heinz (Hg.), Joseph von Laßberg - Des letzten Ritters Bibliothek. Ausstellung der Thurgauischen Kantonsbibliothek und der Thurgauischen Bodman-Stiftung, Frauenfeld, Stuttgart, Wien 2001.
  • Gantert, Klaus: Die Bibliothek des Freiherrn Joseph von Laßberg. Ein gescheiterter Erwerbungsversuch der Königlichen Bibliothek zu Berlin in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Mit einem Vorwort von Volker Schupp, Heidelberg 2001 (Beihefte zum Euphorion 42).
  • Gaier, Ulrich; Weidhase, Helmut: Joseph Freiherr von Laßberg (1770-1855). Imaginierte Lebensformen des Mittelalters, Marbacher Magazin, Sonderheft 82 (1998).
  • Heinzer, Felix (Hg.): "Unberechenbare Zinsen". Bewahrtes Kulturerbe. Katalog zur Ausstellung der vom Land Baden-Württemberg erworbenen Handschriften der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek, Stuttgart, Karlsruhe 1993.
  • Obhof, Ute: Joseph Freiherr von Laßberg (1770-1855) und seine Bibliothek. Neuerwerbungen des Landes Baden-Württemberg in der Badischen Landesbibliothek, Karlsruhe 2001.
  • Thon, Alexander: Joseph von Laßberg (1770-1855) und die angebliche Doppelkapelle auf Burg Trifels, Beiträge zur pfälzischen Geschichte 20 (2002) S. 123-134.

Über die Autorin

Ute Obhof ist Leiterin der Abteilung Handschriften, alte Drucke und Rara in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe. Von 1999 bis 2001 war sie Beauftragte der Stiftung Kulturgut Baden-Württemberg zum Erwerb ausgewählter Drucke Donaueschinger Provenienz, vornehmlich aus der Bibliothek Josephs von Laßberg. Seit 2003 ist sie zudem Projektleiterin der Ausstellung "Uns ist in alten Mären - Das Nibelungenlied und seine Welt".
Adresse
Erbprinzenstraße 15, 76133 Karlsruhe
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