Badische Landesbibliothek
   


Aus der Schatzkammer der Badischen Landesbibliothek

Auf Grund ihrer bedeutenden Handschriftensammlung gehört die Badische Landesbibliothek in Karlsruhe zu den europäischen Spitzenbibliotheken, die zu Recht mit Stolz auf ihre Altbestände blicken dürfen. Deutlich vor Augen geführt wurde das der Karlsruher Bevölkerung im Juni 2001, als bekannt wurde, dass die älteste Handschrift des Nibelungenliedes, die insbesondere mit Mitteln der Landesbank Baden-Württemberg erworben wurde, in Zukunft in der Badischen Landesbibliothek beheimatet sein wird (Abb. 1).

Abbildung 1: Codex Donaueschingen 63: Nibelungenlied

13. Jhd., aus der Bibliothek Joseph von Laßberg (1770-1855)
Nibelungenlied

Es handelt sich bei diesem Kodex um den bedeutendsten Einzelzugang seit der Säkularisation von 1803. Vorausgegangen waren die Ankäufe wertvoller Bestände aus der Fürstlich Fürstenbergischen Bibliothek durch das Land Baden-Württemberg, nämlich Handschriften (1993), Inkunabeln (1994), Musikalien (1999) und schließlich weiterer Druckwerke Donaueschinger Provenienz (1999-2001), vornehmlich aus der Bibliothek des frühen Germanisten Joseph von Laßberg. So fügt sich Laßbergs berühmtestes Sammlerstück, der Nibelungenlied-Kodex, ausgezeichnet ein in den bestehenden Sammlungszusammenhang der Badischen Landesbibliothek.

Zur badischen Bibliotheksgeschichte

Die Büchersammlung der badischen Markgrafen wird wenigstens auf die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts zurückgehen. Sicher hat das markgräfliche Haus Bücher besessen, die seit der Erfindung Gutenbergs mit beweglichen Lettern gedruckt wurden. Das älteste bekannte Zeugnis markgräflichen Buchbesitzes ist jedoch eine Handschrift, das sogenannte Stundenbuch (Abb. 2) des Markgrafen Christoph I. von Baden (1453-1527).

Stundenbuch Christophs I.
Abbildung 2:
Codex Durlach 1: Ältestes Zeugnis markgräflich badischen Buchbesitzes
Stundenbuch Christophs I., um 1500, Verkündigung an Maria

Wie für die Bibliothek sind für das Stundenbuch keine exakten Entstehungsdaten überliefert. Auf Grund kodikologischer, paläographischer und kunsthistorischer Kriterien geht man davon aus, dass die Handschrift in lateinischer Sprache mit einer abschließenden Reihe französischer Gebete im ausgehenden 15. Jahrhundert in einem Pariser Atelier für Christoph von Baden hergestellt wurde.

Einen bedeutenden Hinweis auf die markgräfliche Bibliothek gibt im Jahre 1528 eine Dankadresse des Basler Reformators Johannes Öcolampadius an den Markgrafen Philipp I. (1479-1533). Der Theologe dankt für die Ausleihe einer Handschrift aus der Stifts- und Schlosskirche St. Michael in Pforzheim zur Herausgabe seiner Cyrill-Ausgabe, die bei dem Basler Drucker Andreas Cratander erschien. Die Handschrift stammte ursprünglich aus der Bibliothek des Humanisten Johannes Reuchlin (Abb. 3) . Reuchlins Vermächtnis zierte seit 1523 die markgräfliche Büchersammlung in Pforzheim.

Abbildung 3: Johannes Reuchlin
(1455-1522)
Johannes Reuchlin (1455-1522)

1535 wurde die Markgrafschaft zwischen den Brüdern Philipps I., Ernst (1482-1553) und Bernhard (1474-1536), geteilt. In der Folge widerfuhren den Büchersammlungen der beiden Linien verschiedene Schicksale, bis sie 1771 wieder in der Karlsruher Hofbibliothek vereinigt wurden. Markgraf Karl II. (1529-1577) verlegte im Jahre 1565 seine Residenz von Pforzheim nach Durlach, seine Bibliothek fand dort in der Karlsburg ihre neue Bleibe. Die erneute Verlegung der Residenz und damit des Bücherstandortes ins Karlsruher Schloss geschah im 18. Jahrhundert.

Lange bevor Säkularisation und Mediatisierung reiche Güter zu Beginn des 19. Jahrhunderts in die Karlsruher Bibliothek brachten, befand sich ein verschwenderisch ausgestattetes deutsches Gebetbuch des 16. Jahrhunderts im frühen wertvollen Bestand der Hofbibliothek. Diese Handschrift darf dem Leser ein Beispiel für die Kostbarkeiten sein, für die die Badische Landesbibliothek auch in Zukunft Sorge zu tragen hat. Das Original wird anlässlich seiner Faksimilierung im kommenden Jahr im Rahmen einer Ausstellung der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Das 'Gebetbuch der Markgräfin von Brandenburg'

Das im Jahre 1520 entstandene Werk des noch jungen Augsburger Malers Narziss Renner ist sicher bereits im Jahrhundert seiner Entstehung in badischen Besitz gelangt. Das Gebetbuch wurde für Markgraf Kasimir von Brandenburg-Ansbach-Kulmbach (1481-1527) und insbesondere dessen jungvermählte Gattin Susanna 1520 hergestellt. Die glänzende Hochzeit Kasimirs mit Susanna von Bayern (1502-1543) war ein gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges. Sie fand statt zur Zeit des Reichstages in Augsburg im Jahre 1518 und damit in Anwesenheit Kaiser Maximilians I., dem Onkel der Braut. Die dritte Tochter des Paares, Kunigunde, heiratete am 10.3.1551 den badischen Markgrafen Karl II. (1553-1577). Über Kunigunde (1523-1558) ist das kostbare Stück (Abb. 4) in das badische Erbgut gelangt.

Gebetbuch der Markgräfin von Brandenburg
Abbildung 4:
Codex Durlach 2: Gebetbuch der Markgräfin von Brandenburg, 1520, Jesus und die zu Boden gestürzten Soldaten

Das Jahr 1520 brachte für Kunigundes Mutter Susanna aufreibende Zeiten. Zu Jahresbeginn stellte die Markgräfin ihre erneute Schwangerschaft fest. Sicher wird sich das Paar nach der Geburt der Tochter Maria im Herbst zuvor einen Thronfolger gewünscht haben. Für die noch dreiköpfige Familie wurde nach Auskunft der Handschrift selbst im März 1520 die Herstellung des Gebetbuches in Angriff genommen. Laut dem Zeugnis der Familieneinträge in der Handschrift wurde fünf Monate später jedoch die zweite Tochter Katharina am 30.8.1520 geboren.

Der heiß ersehnte Sohn, Albrecht, kam erst im Jahre 1522 zur Welt. Von den Zeitgenossen wurde er wegen seiner Charaktereigenschaften früh nach dem Griechen Alkibiades benannt, den auch sein Lehrer Sokrates nicht zu zügeln vermochte. Markgraf Albrecht Alkibiades von Brandenburg-Kulmbach hat als "fürstlicher Mordbrenner" ein besonders negatives Bild seiner Persönlichkeit in der Geschichte hinterlassen. Er fand in seinen letzten Tagen als politisch völlig Gescheiterter eine Zufluchtsstätte bei seinem badischen Schwager Karl und seiner Schwester Kunigunde, wo er 1557 in Pforzheim verstarb. Der letzte familiengeschichtliche Eintrag im Karlsruher Gebetbuch hält den Tod des knapp 35jährigen fest, der in der Pforzheimer Stifts- und Schlosskirche St. Michael begraben wurde. Die badische Verwandtschaft Albrechts muss sich noch bemüht haben, aus dem "Saulus" einen "Paulus" zu machen. So gilt er in Quellen des 18. Jahrhunderts sogar als Autor eines geistlichen Liedes "Was mein Gott will, das gescheh allzeit", welches er in seinen letzten Lebenstagen im Badischen verfasst haben soll.

Putten streiten um den Brei
Abbildung 5: Putten streiten um den Brei.
Badische Landesbibliothek, Gebetbuch der Markgräfin von Brandenburg, Codex Durlach 2.

Das Gebetbuch Susannas von Brandenburg ist ein besonders intimes Dokument der markgräflichen Familie. Die Wünsche des jungen Paares, Susannas Hoffnungen und Ängste als Schwangere und junge Mutter, werden in Miniaturen und Texten greifbar. So enthält die Handschrift, wohl auf besonderen Wunsch Susannas hin, ein Gebet um Beistand für Schwangerschaft und Entbindung und um ein gesundes, wohlgestaltetes Kind. Stellvertretend wird Margaretha angerufen, die Patronin der Schwangeren. Dem Betrachter des Kodex begegnet auf vielen Pergamentblättern Kinderspiel, und zwar in Gestalt der sich auf den Randleisten tummelnden Putten. Sie tanzen beim Flötenspiel, streiten sich um ihren Brei (Abb. 5), reiten auf dem Steckenpferd und ahmen in vielfältiger anderer Weise die Erwachsenenwelt nach.

Dr. Ute Obhof

Erschienen in: Blick in die Geschichte.
Karlsruher stadthistorische Beiträge 53 (14.12.2001)

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