Badische Landesbibliothek
   


Sammlung Könnecke-Koschlig

Der Bestand der Sammlung

In den Jahren 1981 und 1983 wurde die Sammlung Könnecke-Koschlig erworben. Durch diese Sammlung besitzt die Badische Landesbibliothek den bedeutendsten Bestand an Originalausgaben Grimmelshausens (33 Einzeltitel des 17. Jahrhunderts sowie jeweils mehrere Exemplare der dreibändigen Ausgaben). [1]

Die Sammlung Könnecke-Koschlig enthält überdies ca. 260 Titel Barockliteratur (überwiegend aus dem 16. Jahrhundert), die vor allem als Quellenschriften zum Werk Grimmelshausens zusammengetragen wurden. Hier finden sich 33 Titel Hausväterliteratur, darunter 24 Werke von Colerus mit der Erstausgabe des Calendarium perpetuum (Wittenberg 1591). Des weiteren ist der Schelmenroman gut vertreten, u. a. mit Mateo Alemán, Quevedo, Aegidius Albertinus, Charles Sorel (u. a. 2 französische und 2 deutsche Ausgaben des Francion).

Der abentheurliche Simplicissimus teutsch Der abentheurliche Simplicissimus teutsch
"Der abentheurliche Simplicissimus teutsch" von Grimmelshausen
Titelkupfer (links) und Titel (rechts) einer Ausgabe aus dem Jahr 1669


Umfangreich sind ferner die Komplexe der historisch-politischen und der geographischen Literatur. Unter den deutschen Barockautoren sind Johann Beer, Johann Christoph Beer (14 Titel), Georg Philipp Harsdörffer und Philipp von Zesen mehrfach vertreten. Die Sammlung Könnecke-Koschlig ist am Rara-Sonderstandort untergebracht.

Gustav Könnecke

Karl Friedrich Gustav Könnecke wurde am 17. Oktober 1845 in Kroppenstedt (bei Halberstadt) geboren. Er studierte in Halle, Tübingen und Berlin und promovierte 1870 in Halle zum Doktor der Philosophie. Zunächst arbeitete er am Königlichen Geheimen Hausarchiv in Berlin, ab 1872 dann als Archivsekretär am Königlich Preußischen und Herzöglich Hessischen Staatsarchiv Marburg. 1875 wurde er Archivar, 1877 Staatsarchivar. Er erhielt den Titel Archivrat und etwa 1898 den Titel Geheimer Archivrat.

Karl Friedrich Gustav Könnecke (1845 - 1920) [2]
Karl Friedrich Gustav Könnecke (1845 - 1920)

Von 1874 bis 1889 hielt er hilfswissenschaftliche Übungen an der Universität in Marburg ab. Mit der Gründung des Seminars für Historische Hilfswissenschaften und der Einrichtung der Archivschule in Marburg übernahm Gustav Könnecke die archivwissenschaftlichen Übungen für die Archivaspiranten, die er bis zu seiner Pensionierung 1912 fortführte. Gustav Könnecke versuchte als erster durch Ausstellungen und Zeitungsartikel die breite Öffentlichkeit für das Marburger Archiv und seine Dokumente zu interessieren.

Durch seine Veröffentlichungen, besonders durch den "Bilderatlas zur Geschichte der deutschen Nationalliteratur", der 1887 in einer ersten Auflage erschien, wurde Gustav Könnecke bekannt. Dieses Werk bildete auch die Vermittlung zu Grimmelshausen. Freiherr Rudolf von Schauenburg hatte im Schauenburgischen Familienarchiv in Gaisbach einige Grimmelshausenurkunden entdeckt. Man riet ihm, die Entdeckungen Gustav Könnecke zur Veröffentlichung im Bilderatlas mitzuteilen. Dadurch konnte Gustav Könnecke in der zweiten Auflage des Bilderatlasses, die 1895 erschien, aufsehenerregende Einzelheiten über das bis dahin unbekannte Leben von Grimmelshausen mitteilen [3]. Otto Könnecke, der Sohn von Gustav Könnecke, schreibt dazu: "Eine meiner ältesten Erinnerungen ist der Name von Schauenburg, den mein Vater immer mit besonderer Achtung nannte. Er verdankte dem Freiherrn Rudolf von Schauenburg, der lange Generalkonsul in Palermo war, die schrankenlose Benutzung des Schauenburgischen Archivs."

Über die vieljährigen Grimmelshausenstudien seines Vaters schreibt Otto Könnecke: "Ich weiß noch von der Kinderzeit her, daß die Materialsammlung für Grimmelshausen meinen Vater mehr als alle seine sonstigen privaten Arbeiten in Anspruch nahm." Am 1. Oktober 1912 trat Gustav Könnecke in den Ruhestand und konnte sich seinen Lieblingsaufgaben widmen. "Er war wie umgewandelt und arbeitete Tag und Nacht am Grimmelshausen und an der neuen Auflage des Bilderatlasses. Beides hinterließ er seiner Meinung nach vollendet. Über die Kriegsjahre und die noch schlimmeren Jahre danach ist er nur mit Hilfe dieser Arbeiten hinweggekommen."

Gustav Könnecke starb am 24. Oktober 1920. Sein zweibändiges Werk "Quellen und Forschungen zur Lebensgeschichte Grimmelshausens" wurde erst nach seinem Tod in den Jahren 1926 und 1928 von Jan Hendrik Scholte (Professor der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Amsterdam) herausgegeben. [4]

Der Nachlass von Gustav und Otto Könnecke wird in der Staatsbibliothek zu Berlin aufbewahrt.

Manfred Koschlig

Manfred Koschlig wurde am 28. Dezember 1911 in Strehlen (Schlesien) geboren. Seine Dissertation "Grimmelshausen und seine Verleger : Untersuchungen über die Chronologie seiner Schriften und den Echtheitscharakter der früheren Ausgaben", die er 1939 kurz vor Kriegsbeginn fertigstellte, stellt bis heute einen Meilenstein in der Grimmelshausen-Forschung dar. [5]

Manfred Koschlig (1911 - 1979)
Manfred Koschlig (1911 - 1979) [6]

Sein Berufsweg als wissenschaftlicher Bibliothekar führte ihn zunächst an die Universitätsbibliothek in Jena und dann an die Landesbibliothek Weimar. Nach dem Krieg und einer langen Gefangenschaft in Frankreich übernahm er 1949 das Amt des Archivars am Schiller-Nationalmuseum in Marbach am Neckar. Von 1953 bis 1971 war er Leitender Direktor der Universitätsbibliothek Stuttgart.

Zwischen 1938 und 1972 verfasste er wichtige Grimmelshausen-Aufsätze, die 1977 als Sammelwerk unter dem Titel "Das Ingenium Grimmelshausens und das 'Kollektiv' : Studien zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Werkes" erschienen. Im Nachwort zu einem dieser Grimmelshausen-Aufsätze ("Das Lob des 'Francion' bei Grimmelshausen", 1957) schreibt Manfred Koschlig: "Der Aufsatz war Dr. jur. Otto Könnecke zum 70. Geburtstag gewidmet, dem Sohne des Grimmelshausenforschers Gustav Könnecke, dessen Grimmelshausen-Sammlung er mir als Freund und Förderer meiner Studien für meine Untersuchungen an den Texten des Dichters in den frühen Ausgaben in seinem Zehlendorfer Hause zugänglich machte." [7]

Manfred Koschlig starb am 6. April 1979 in Stuttgart. In einem Nachruf schreibt die Stuttgarter Zeitung am 11. April 1979: "Koschlig war als Literatur-, Verleger- und Buchhistoriker selbst ein passionierter Sammler, Empirist, wissenschaftlicher Realist, der buchstäblich vom Buchstaben ausging, vom exakten Text und so zu dem Ensemble seiner historischen Bedingungen gelangte. Seine Arbeit ist vor allem der Literatur-, der Geistes- und Publizistikgeschichte des südwestdeutschen Raumes zum Gewinn geworden ...".

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen

Grimmelshausen wurde 1621 (oder 1622) im hessischen Gelnhausen als Sohn eines protestantischen Gastwirts und Bäckers geboren. Dort besuchte er die Lateinschule. Im September 1634 wurde die Stadt von kaiserlichen Truppen geplündert und zerstört, die Bevölkerung musste fliehen.

Grimmelshausen wurde in die Wirren des Krieges verwickelt. 1636 - 1638 war er bei der schwedischen Armee in Westfalen, 1638 am Oberrhein in der Armee des Grafen v. Götz und 1639 - 1648 in Offenburg (Baden) beim Regiment des Freiherrn von Schauenburg. Ab etwa 1643 arbeitete er als Regimentsschreiber. Grimmelshausen wechselte vor Kriegsende zum katholischen Glauben. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges heiratete er 1649 Katharina Henninger in Offenburg.

Namenszug Hans Jakob Christoffels von Grimmelshausen
Simplicissimus von Grimmelshausen aus dem Jahr 1659

Er wurde Verwalter der Schauenburgschen Güter in Gaisbach (Renchtal), dann Burgvogt des Straßburger Arztes Dr. Küffer auf Schloß Ullenburg bei Gaisbach und 1665 - 1667 Gastwirt des "Silbernen Stern" in Gaisbach. Ab 1667 übernahm er in Renchen das Amt des Schultheiß, wodurch er die Existenz seiner großen Familie - zehn Kinder wurden zwischen 1650 und 1669 geboren - sichern konnte. Grimmelshausen starb am 17. August 1676 in Renchen (Baden).

Des abenteurlichen Simplicissimi ewig-währender Calender
"Des abenteurlichen Simplicissimi ewig-währender Calender" von Grimmelshausen
Titelkupfer einer Ausgabe aus dem Jahr 1670
Des abenteurlichen Simplicissimi ewig-währender Calender
Ausschnitt aus dem Titelkupfer links:
Der Alte Simplicissimus (wird oft für ein Porträt Grimmelshausens gehalten)

Fast alle Werke Grimmelshausens wurden während seiner Renchener Zeit veröffentlicht. Thema der satirisch-realistischen Romane und Erzählungen ist immer wieder der Krieg, allen voran in Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch und in der sich anschließenden Continuatio... Oder Der Schluß desselben. Wer sich aber hinter German Schleifheim von Sulsfort, der als Autor des Romans firmiert, verbarg, wusste kaum jemand. Erst 1838 entdeckte man den wahren Autor: German Schleifheim von Sulsfort war nichts anderes als die anagrammatische Umstellung von Christoffel Grimmelshausen.

Grimmelshausen ist der wichtigste und bedeutendste deutsche Erzähler des 17. Jahrhunderts. Er schrieb mit seinem »Simplicissimus« den ersten deutschen Prosaroman von Weltgeltung.

Literatur:
[1]
Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland / hrsg. von Bernhard Fabian - Band 8; Baden-Württemberg und Saarland, I - S / hrsg. von Wolfgang Kehr. - 1994. - 356 S.; (dt.). - ISBN 3-487-09582-3
[2]
Geschichte der deutschen Philologie in Bildern : eine Ergänzung zu dem Deutschen Literatur-Atlas von Könnecke-Behrend ; aus Anlaß des 50jährigen Bestehens der Gesellschaft für Deutsche Philologie / hrsg. von Fritz Behrend. - Marburg : Elwert, 1927. - XII S., 78 Bl. : überwiegend Ill., graph. Darst., Kt.; (dt.)
[3]
Bilderatlas zur Geschichte der deutschen Nationallitteratur : eine Ergänzung zu jeder deutschen Litteraturgeschichte / nach den Quellen bearb. von Gustav Könnecke. - 2., verb. u. verm. Aufl.. - Marburg : Elwert, 1895. - XXVI, 423 S. : überw. Ill.; (dt.)
[4]
Könnecke, Gustav: Quellen und Forschungen zur Lebensgeschichte Grimmelshausens. Hrsg. im Auftrag d. Ges. d. Bibliophilen von J. H. Scholte. - Weimar : Ges. d. Bibliophilen; (dt.)
Band 1: Grimmelshausens Leben bis zum Schauenburgischen Schaffnerdienst - 1926. - 394 S., 1926
Band 2: Schauenburgischer Privatdienst, Wirt, Schaffner und Schultheiss. - 1928. - 372 S., 1928
[5]
Koschlig, Manfred: Grimmelshausen und seine Verleger : Untersuchungen über die Chronologie seiner Schriften und den Echtheitscharakter der früheren Ausgaben / von Manfred Koschlig. - Leipzig : Akad. Verl.-Ges., 1939. - VIII, 308 S.; (dt.)
[6]
Martini, Fritz (für die Herausgeber): In memoriam Manfred Koschlig.
in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft / Deutsche Schillergesellschaft. - Stuttgart : Kröner. - ISSN 0070-4318. - 23. Jahrgang 1979, S. 620 ff.
[7]
Koschlig, Manfred: Das Ingenium Grimmelshausens und das "Kollektiv" : Studien zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Werkes / Manfred Koschlig. - München : Beck, 1977. - 554 S. : Ill.; (dt.). - ISBN 3-406-06465-5
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