Reinhold-Schneider-Archiv

Im Jahr 1960 gelang der Badischen Landesbibliothek die Übernahme des umfangreichen Nachlasses von Reinhold Schneider (1903–1958). Der damals sehr bekannte Schriftsteller aus Freiburg hinterließ etwa 30.000 Briefe, eine Vielzahl von Werkmanuskripten und -typoskripten, oft mit handschriftlichen Korrekturen versehen, sowie umfangreiche Dokumente wie Fotos und Urkunden. Aufgrund zahlreicher Anreicherungen der letzten Jahrzehnte entstand aus dem Primärnachlass das heutige Reinhold-Schneider-Archiv.

Geboren in Baden-Baden, legte Reinhold Schneider dort 1921 das Abitur ab. Der Suizid seines Vaters ein Jahr später mündete in einen eigenen Tötungsversuch. Schneider siedelte nach diesem Ereignis zunächst zu seinem älteren Bruder Willy (1900–1973) nach Dresden um, wo er eine kaufmännische Ausbildung absolvierte. Von 1923 bis 1928 arbeitete er im erlernten Beruf bei der Kunstanstalt Stengel & Co. in Dresden und betrieb nebenbei intensive Studien der spanischen, portugiesischen, englischen, französischen und italienischen Sprache. Als Untermieter wohnte er bei Anna Maria Baumgarten, die später seine Lebensgefährtin wurde.

1928 gab Schneider seinen Brotberuf auf, um als freier Schriftsteller zu arbeiten. Zwischen 1929 und 1937 lebte er in Dresden und Potsdam und unternahm viele Reisen. In dieser Zeit knüpfte er Beziehungen zu wichtigen Persönlichkeiten der Zeit wie etwa Leopold Ziegler (1881–1958), dessen Nachlass ebenfalls in der Badischen Landesbibliothek aufbewahrt wird, Werner Bergengruen (1892–1964), Gerhart Hauptmann (1862–1946) und vielen weiteren, wovon seine außerordentlich umfangreiche Korrespondenz Zeugnis ablegt.

1937 kehrte Schneider nach Baden zurück und zog in Freiburg in eine Wohnung in der Mercystraße 2, in der er bis zu seinem Tod lebte. Seit dieser Zeit kämpfte er mit immer heftiger werdenden chronischen Leiden, die auch Kuraufenthalte und Reisen nicht lindern konnten. Wegen seiner pazifistischen Haltung wurde Schneider 1941 ein Publikationsverbot erteilt. Dennoch veröffentlichte er bis zum Kriegsende im Alsatia-Verlag in Colmar, vielfach wurden seine Schriften unter der Hand verbreitet. Im letzten Kriegsjahr wurde Schneider aufgrund der Schrift Das Gottesreich in der Zeit wegen Hochverrates angeklagt.

Sein Wirken in der Kriegszeit trug ihm nach dem Krieg den Beinamen „das Gewissen Deutschlands“ ein. Zahlreiche Ehrungen folgten, darunter 1946 Ehrendoktorwürden der Universitäten Freiburg und Münster, der Gedenkpreis der Badischen Landesregierung 1948 gemeinsam mit Gertrud von Le Fort, die Ernennung zum Ritter des Ordens Pour le mérite Friedensklasse 1952 auf Vorschlag von Bundespräsident Theodor Heuß und schließlich der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1956. Auch die Aufnahme als ordentliches Mitglied in die Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz 1949, in die Bayerische Akademie der Schönen Künste 1952 und in die Akademie der Künste Berlin 1955 zeigen Schneiders große gesellschaftliche Bedeutung.

Doch führte sein Festhalten an der pazifistischen Grundidee und die Ablehnung der Wiederbewaffnung sowie der atomaren Aufrüstung im Deutschland der Adenauerzeit zu massiven Anfeindungen bis hin zur Beschuldigung kommunistischer Verschwörung. Darunter litt auch die Verbreitung seiner Schriften, so dass Schneider bald nach seinem frühen Tod im Jahr 1958 nahezu in Vergessenheit geriet.

Von 1970 bis 2011 pflegte die Reinhold-Schneider-Gesellschaft die Erinnerung an den bedeutenden badischen Schriftsteller. Ihre Akten werden ebenfalls in der BLB aufbewahrt (K 3186 und K 3186a). 2010 konnte die BLB zudem den schriftlichen Nachlass von Maria van Look (1909–1994), der langjährigen Nachbarin Schneiders in Freiburg, erwerben (K 3189,03). Als Freundin der Familie sammelte sie nicht nur alles, was sie von und über Schneider fand, sondern war auch treibende Kraft bei der Gründung der Reinhold-Schneider-Gesellschaft. In ihrem Nachlass findet sich eine Vielzahl von Manuskripten und Briefen Schneiders, aber auch eine reiche Sammlung an Material zu Schneiders Wirken und Nachwirken.

Darüber hinaus gehören zum Reinhold-Schneider-Archiv in der BLB ca. 15 weitere kleinere Konvolute mit Dokumenten, Briefen und Widmungsexemplaren aus dem Bekanntenkreis des Schriftstellers. Auch seine Bibliothek wird hier bewahrt.

Weiterführende Literatur

Totenmaske von Reinhold Schneider (1903–1958), 1958
Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Sign. K 3189,03