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Das Nibelungenlied gilt als herausragendes Beispiel der europäischen Heldenepik. Es beruht auf älteren mündlichen Traditionen und wurde um oder kurz nach dem Jahr 1200 von einem unbekannten Dichter am Hof des Passauer Bischofs Wolfger von Erla niedergeschrieben. Überliefert ist es in 37 verschiedenen Handschriften und Handschriftenfragmenten, die zwischen dem 13. und dem Anfang des 16. Jahrhunderts aufgezeichnet worden sind.

Danach geriet die bis dahin bekannte und beliebte Dichtung in Vergessenheit; sie wurde erst 1755 wiederentdeckt, als die heute in der Badischen Landesbibliothek verwahrte Handschrift C in der Schlossbibliothek von Hohenems in Vorarlberg aufgefunden wurde. Seither verbindet sich mit der Nibelungensage die Erfolgsgeschichte einer bis heute ungebremsten Popularität. Schon bei seiner Wiederentdeckung im 18. Jahrhundert wurde der Text in seiner Bedeutung mit der Ilias als antikem Epos gleichgesetzt.

Nibelungenlied-Handschrift C
Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Hs. Don. 63

Das Nibelungenlied ist ein zentrales Dokument der deutschsprachigen Literatur aus der Zeit um 1200, der klassischen Zeit des Mittelhochdeutschen. Ein Titel ist aus dem Mittelalter nicht überliefert. Der Text trägt seinen heutigen Namen nach den Versen, mit denen er in der Handschrift C abschließt: „hie hât das maere ein ende / daz ist der Nibelunge liet“. Der Begriff „liet“ ist im Mittelalter allerdings weiter gefasst als heute und bezeichnet Werke der Versdichtung ganz allgemein.

Der Text besteht in der Fassung der Handschrift C aus 2.440 Strophen zu jeweils vier paarweise gereimten Langzeilen. Die berühmte Eingangsstrophe ist ein späterer Zusatz vor dem Originaltext. Der Text beginnt so:

UNS IST In alten mæren. wnders vil geseit.
von heleden lobebæren. von grozer arebeit.
von frevde unde hochgeciten von weinen vnde klagen.
von kvner recken striten. mvget ir nv wnder horen sagen.

Ez whs in Bvregonden. ein vil edel magedin
daz in allen landen. niht schoners mohte sin.
Chriemhilt geheizen. div wart ein schone wip.
dar vmbe mvsin degene. vil verliesen den lip.

In der Übertragung von Lothar Voetz:

Uns wird in alten Geschichten an Wunderbarem viel erzählt:
Von rühmlichen Helden, von großem Leid,
von Freudentagen und Festtagen, von Schmerz und Trauer
und vom Kampf tapferer Helden könnt ihr jetzt Wunderbares erzählen hören.

Es wuchs im Land der Burgunden ein so wunderschönes, adliges Mädchen heran,
daß es nirgends in der Welt ein schöneres hätte geben können.
Kriemhild war ihr Name. Sie wurde zu einer schönen Frau.
Deshalb sollten viele Helden ihr Leben verlieren.

Nibelungenlied-Handschrift C
Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Hs. Don. 63, fol. 1v.
Kriemhilds Traum

Nicht nur der Autor des Nibelungenliedes, der aus zahllosen Varianten der mündlichen Überlieferung eine in sich stimmige Textfassung erstellen musste, hatte mit der Vielschichtigkeit des Stoffes zu tun. Auch die zeitgenössischen Hörer und Leser seines Werkes waren von Anfang an mit unterschiedlichen Versionen des verschriftlichten Textes konfrontiert. Die Handschriften bieten verschiedene Textfassungen, deren Verhältnis zueinander sich nicht aufklären lässt. Eine Urfassung lässt sich daraus jedenfalls nicht erschließen. Diejenige Fassung, die in der Handschrift C überliefert ist, war der beliebteste und am weitesten verbreitete Text. Dass der Autor nicht genannt ist, entspricht der Gattungskonvention der Heldenepik, die eben nicht die literarische Leistung eines einzelnen, sondern den Sagencharakter der mündlichen Überlieferung und das Archaische des Textes hervorheben soll.

Das Nibelungenlied berichtet in zwei Teilen zunächst die Geschichte von Siegfrieds Brautfahrt und seinem Tod, dann die Geschichte von Kriemhilds Rache und vom Untergang der Burgunden. Der Text ist in 39 „Aventiuren“ eingeteilt, also in unterschiedlich lange Handlungsabschnitte, die die Dichtung strukturieren.

Nibelungenlied-Handschrift C
Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Hs. Don. 63, fol. 22v.

Der erste Teil erzählt davon, dass der Xantener Königssohn Siegfried nach Worms zieht, um die Burgundenprinzessin Kriemhild als Braut zu erringen. Am Wormser Hof ist bekannt, dass er durch Gewalt den Hort der Nibelungen erworben hat und unverwundbar ist, nachdem er einen Drachen erschlagen und in dessen Blut gebadet hat. Siegfried besteht für die Burgunden erfolgreich einen Krieg gegen die Sachsen und macht sich dadurch unentbehrlich. König Gunther verspricht ihm seine Schwester, wenn er ihm dagegen die isländische Königin Brünhild als Frau verschafft. Brünhild allerdings verfügt über übernatürliche Kräfte und ist nur bereit, einen Ehemann zu akzeptieren, der sie im Dreikampf besiegt. Dazu ist Gunther nicht in der Lage, weshalb Siegfried aushilft, der sich zu diesem Zweck der Tarnkappe bedient, die er dem Zwerg Alberich abgenommen hat und die ihren Träger unsichtbar macht. Brünhild bemerkt den Betrug nicht und ist bereit, Gunther als Braut nach Worms zu folgen.

Siegfrieds Einzug in Worms

Dort allerdings verlangt sie Aufklärung darüber, weshalb Siegfried, der sich wahrheitswidrig als Gefolgsmann Gunthers dargestellt hatte, plötzlich gleichrangig zu diesem erscheint und in einer Doppelhochzeit Kriemhild heiratet. Sie verweigert den Vollzug der Ehe, und wieder muss Siegfried aushelfen. Er ringt Brünhild im Ehebett nieder und überlässt sie dann ihrem Ehemann Gunther. Doch als Beweisstücke nimmt er Brünhilds Ring und Gürtel an sich. Brünhild verliert mit ihrer Jungfräulichkeit auch ihre übernatürlichen Kräfte.

Nach der Hochzeit reisen Kriemhild und Siegfried nach Xanten ab. Doch Brünhild wird über Jahre hinweg den Verdacht nicht los, betrogen worden zu sein. Sie sorgt dafür, dass Siegfried und Kriemhild nach Worms eingeladen werden. Dort geraten die beiden Frauen in Streit über den Rang ihrer Männer. Kriemhild behauptet, dass Siegfried Brünhild die Jungfräulichkeit genommen habe und führt Ring und Gürtel als Beweisstücke an. Die beiden Männer leugnen das. Aber die Demütigung Brünhilds ist erfolgt, Unfrieden ist gesät. Und Hagen von Tronje, Gefolgsmann Gunthers, überzeugt diesen, es sei klug, sich Siegfried vom Halse zu schaffen. Das gebe auch Gelegenheit, den ungeheuren Reichtum des Nibelungenhorts für die Burgunden zu erringen. Gunther stimmt zu. Sie gaukeln dem arglosen Siegfried vor, er müsse ihnen erneut im Krieg gegen die Sachsen helfen.

Brünhilds Ankunft in Worms

Hagen entlockt Kriemhild das Geheimnis von der verwundbaren Stelle am Rücken Siegfrieds, indem er vorgibt, im Krieg diese Stelle besonders schützen zu wollen. An dieser Stelle hatte einst beim Bad im Drachenblut ein Lindenblatt geklebt. Statt in den Krieg ziehen die Recken dann auf eine Jagd, bei der Hagen Siegfried heimtückisch ermordet. Kriemhild bleibt am Hof ihres Bruders in Worms und lässt den Nibelungenhort dorthin holen. Hagen entwendet ihn ihr aus Angst, sie könnte den Reichtum zur Finanzierung ihres Rachevorhabens verwenden, und versenkt ihn im Rhein.

Hagen tötet Siegfried

Der zweite Teil des Nibelungenliedes beginnt damit, dass Kriemhild dreizehn Jahre nach Siegfrieds Tod den Heiratsantrag König Etzels annimmt und als Königin der Hunnen nach Ungarn zieht. Weitere dreizehn Jahre später veranlasst sie ihren Mann, ihre Brüder und Siegfrieds Mörder Hagen zu einem Hoffest einzuladen. Die Burgunden sind argwöhnisch, nehmen die Einladung aber an und begeben sich mit großem Gefolge nach Ungarn. Dort angekommen beleidigt Hagen demonstrativ den Gastgeber Etzel, indem er sich weigert, am Hof die Waffen abzulegen. Kriemhild und Hagen begehen von beiden Seiten aus immer neue Provokationen, bis es schließlich zum Blutbad kommt. Nacheinander kommen im Gemetzel Kriemhild und alle Burgunden zu Tode.

Die stoff- und sagengeschichtlichen Hintergründe des Nibelungenliedes reichen bis weit vor den Zeitpunkt seiner schriftlichen Aufzeichnung zurück in die Zeit der Völkerwanderung. Ein Bezugspunkt ist die Geschichte der Burgunden, die im 3. Jahrhundert aus dem Gebiet an der Oder westwärts zogen und sich im Rhein-Main-Neckar-Gebiet niederließen. Anfang des 5. Jahrhunderts verbündeten sie sich mit den Römern, gerieten aber aufgrund ihrer Bestrebungen, ihren Machtbereich linksrheinisch in die römische Provinz Gallien auszudehnen, bald in Konflikt mit diesen. Im Jahr 436 wurden sie durch den weströmischen Feldherrn Aëtius mit Hilfe hunnischer Hilfstruppen in der Region Worms vernichtend geschlagen. Dies ist der historische Kern der Nibelungensage.

Kriemhild mit Gunthers Haupt vor Hagen

Darin integriert ist die Geschichte des Hunnenkönigs Attila, des Königs Etzel im Nibelungenlied. Er errichtete seine Herrschaft Mitte des 5. Jahrhunderts in Ungarn. Mit der Zerstörung des Burgundenreiches hatte er nichts zu tun, eine Verbindung besteht jedoch durch die guten Kontakte, die Attila bis in das Jahr 450 zu Aëtius unterhielt. Dann erhob Attila Ansprüche auf Gebiete des Weströmischen Reiches und fiel mit seinen Truppen in Gallien ein, wurde jedoch von den Römern und den mit ihnen verbündeten Westgoten zurückgeschlagen und musste sich in sein ursprüngliches Herrschaftsgebiet zurückziehen. Attila starb im Jahr 453 unter ungeklärten Umständen in seiner Hochzeitsnacht, nachdem er die gotische Fürstentochter lldiko geheiratet hatte. Die Nibelungensage verbindet die Überlieferung vom Untergang der Burgunden mit der Überlieferung zum Hunnenkönig Attila, indem sie dessen Frau zur Schwester des Burgundenkönigs macht, der durch die Hunnen ums Leben gebracht wurde.

In die Sage eingefügt ist auch die ursprünglich selbständige Überlieferung vom Drachentöter Siegfried, deren historische Wurzeln in der merowingischen Geschichte des 6. Jahrhunderts angenommen werden. Historische Tatsachen und märchenhafte Begebenheiten werden in einen erzählerischen Zusammenhang gebracht, auf grundlegende menschliche Affekte zurückgeführt und zu einem großen Ganzen mit sagenhafter Aura verwoben, das ein wechselndes Publikum mit unterschiedlichen Interessen sich als Heldenepos in immer neuen Varianten aneignen konnte.

Nibelungenlied-Handschrift C
Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Hs. Don. 63, fol. 79r.