Sünde macht frei!?

Zu sehen ist eine Zeichnung eines Schiffes, dessen Besatzung nur aus Narren besteht.

Gen Narragonien, in: Sebastian Brant: Das Narrenschiff, Basel: Johann Bergmann, 1494.

Glaub nicht, wir Narren sind allein, / wir haben Brüder, groß und klein / in allen Landen überall, / ohn Ende ist der Narren Zahl.“  - Sebastian Brant

Zur Fastnacht 1494 gab der Basler Humanist Sebastian Brant seine Moralsatire „Das Narrenschiff“ in deutscher Sprache heraus, das der Narrenfigur zu großer Popularität verhalf. In über hundert Versen beschreibt er die Passagiere des Narrenschiffs und ihre Torheiten, die von harmlosen Unarten wie Schwatzhaftigkeit bis hin zu den sieben Todsünden reichen. Das Werk erschien in unterschiedlichsten Sprachen und Ausgaben. Es sollte bis ins 18. Jahrhundert zu den meistverkauften Büchern zählen, was es sicherlich auch der Vielzahl origineller Illustrationen verdankte, die teilweise dem jungen Albrecht Dürer zugeschrieben werden.

Prediger wie die Elsässer Johann Geiler von Kaysersberg und Thomas Murner im 15. Jahrhundert oder noch der Wiener Hofprediger Abraham a Sancta Clara im 17. Jahrhundert griffen in ihren Werken auf „Das Narrenschiff“ zurück und stellten den Gläubigen die Narren als warnendes Beispiel vor Augen. Dabei lösten sie sich bald mehr, bald weniger von ihrem Vorbild, übernahmen manchmal ganze Textpassagen und die Bildmotive. 

Darstellung des schwatzhaften Narren: Der Narr läuft an einem Baum vorbei. In der Baumkrone befindet sich ein Nest mit Vogeljungen, am Stamm sitzt ein Specht. Seine Marotte streckt wie er selbst die Zunge heraus und dient als sein Abbild.

Schwatzhafter Narr
Die Marotte des Narren streckt wie ihr Träger die Zunge heraus, sie ist also als sein Abbild gemeint. Häufig ist daher der Blick des Narren auf seine Marotte gerichtet: Er ist zwanghaft auf sich selbst fixiert.

Sebastian Brant: Stultifera navis
Augsburg: Johann Schönsperger, 1497
Badische Landesbibliothek, Qb 111

Holzschnitte mit Narrenschiff und Narrenkarren, beide voller Narren. Rot dient als prägnante Akzentfarbe.

Narrenschiff und Narrenkarren
Schon 1510 erschien postum eine Serie von Predigten des Straßburger Theologen Johannes Geiler von Kaysersberg (1445–1510) zum Thema Narrenschiff (Navicula sive speculum fatuorum). Die hier gezeigte zweite Ausgabe von 1511 wurde mit den Original-holzschnitten der Erstveröffentlichung Sebastian Brants versehen.

Johann Geiler von Kaysersberg: Navicula sive speculum fatuorum
Straßburg: Johann Prüss, 1511
Badische Landesbibliothek, 61 A 2647 RH

Zu sehen ist eine Darstellung des Antichristen. Das Narrenschiff steuert auf ihn zu, während er auf einem Schiffswrack thront und von einem Dämon mit Blasebalg böse Lehren empfängt. Neben ihm liegt eine Narrenkappe. Einige Narren treiben bereits im Wasser, während unten links der heilige Petrus mit dem Himmelsschlüssel das Boot der Gläubigen sicher an Land zieht.

Antichrist
Das Narrenschiff nimmt am Ende der Zeiten Kurs auf den Antichrist, den falschen Messias, dem ein Dämon mit einem Blasebalg die bösen Lehren eingibt. Er thront auf einem Schiffswrack, neben sich eine Narrenkappe. Während das Narrenschiff zum Scheitern verurteilt ist und einige Narren bereits im Wasser treiben, zieht am linken unteren Bildrand der heilige Petrus mit dem Himmelsschlüssel das Boot der Gläubigen, das „Sant Peters Schifflin“, an Land und in Sicherheit.

Sebastian Brant: Stultifera navis
Basel: Johann Bergmann, 1497
Badische Landesbibliothek, 87 A 2736 Ink

Illustration „Schiff des Heils“ von 1512: Links steigen Gläubige über den Schiffsmast in den Himmel auf, rechts wenden sich Narren weltlichen Vergnügungen wie Liebesspiel und Jagd zu. In der Mitte verläuft die Schrift spitz nach unten. Rot erscheint als markante Akzentfarbe.

Das Schiff des Heils
1512 erschienen die Predigten zum Gegenstück des Narrenschiffs: Das „Schiff des Heils“ (Navicula poenitentiae) symbolisiert die Kirche, die ihre Gläubigen sicher durch die Gefahren der Welt trägt – ein Gedanke, der bereits auf die Spätantike zurückgeht. Die Illustration zeigt links die Gläubigen, die über den Schiffsmast direkt in den Himmel aufsteigen, während sich rechts die gottvergessenen Narren den weltlichen Vergnügungen, dem Liebesspiel und der Jagd widmen.

Johannes Geiler von Kaysersberg: Das Schiff der Penitentz
Augsburg: Otmar für Diemar, 1514
Badische Landesbibliothek, 73 B 399 RH

Darstellung des menschlichen Lebens als Pilgerfahrt zum Himmlischen Jerusalem. Teuflische Tiere und Dämonen, die die Todsünden symbolisieren, treiben bereits im Wasser dem Untergang entgegen.

Das Schiff des Heils
In seinem „Schiff des Heils“ interpretierte der Theologe Johannes Eck (1486–1543) das menschliche Leben als Pilgerfahrt zum Himmlischen Jerusalem, basierend auf den Predigten von Johann Geiler von Kaysersberg. Der doppelseitige Holzschnitt illustriert diese innere Reise und ihre Herausforderungen und Gefahren. Die teuflischen Tiere und Dämonen, welche die Todsünden verkörpern, sind dem Untergang geweiht und treiben bereits im Wasser.

Johann Geiler von Kaysersberg, Johannes Eck:
Das Schiff des Heils
Straßburg: Johannes Grüninger, 1512
Badische Landesbibliothek, 68 B 571 RH

Zu sehen ist eine Darstellung eines Narren, der nicht als törichter Spaßmacher erscheint, sondern als bewusster Schuft.

Narr und Schelm
Im Mittelalter war der Begriff „Schelm“ negativ belegt und bezeichnet Betrüger, aber auch Scharfrichter.
In Thomas Murners „Schelmenzunft“ ist der Narr also kein verblendeter Tölpel, sondern ein Schuft, der sich seiner Schandtaten bewusst ist. Dementsprechend sind typische Narrendarstellungen selten. Anhand von Sprichwörtern arbeitet sich Murner durch die menschlichen Gaunereien, wobei er vor groben Ausdrücken nicht zurückschreckt.

Thomas Murner: Schelmenzunft
Straßburg: Matthias Hupfuff, 1512/13
Badische Landesbibliothek, 104 A 75004 RH

Darstellung des Fressnarren: Narren stopfen wahllos Speisen in sich hinein, fressen ganze Rinderkeulen und trinken aus großen Weinkrügen.

Fressnarr
Ein Abscheu erregendes Bild bietet sich dem Leser des Kapitels „Vom Völlen und Prassen“: Die Narren stopfen wahllos alles in sich hinein, fressen ganze Rinderkeulen und trinken aus großen Weinkrügen. Völlerei und Gier liegen dicht beieinander, ebenso wie Völlerei und Trägheit.

Sebastian Brant: Stultifera navis
Basel: Johann Bergmann, 1498
Badische Landesbibliothek, Qb 112

Abgebildet ist eine Illustration, die den Fressnarren zeigt. Dabei handelt es sich um einen korpulenten Mann mit Narrenhut, der in eine Keule beißt. Auf dem Tisch befinden sich weitere Gerichte. Im Hintergrund ist ein junger Mann zu erkennen, der sich von dem ganzen Essen bricht.

Fressnarr
„Ich pflege meines Bauchs allein,
Und mäst mich wie ein junges Schwein;
Freß ich mehr als ich tragen kann,
Richt ich dasselbe wieder an.
Drum werd ich auch so honoriert,
Wie’s jeder Sau mit Recht gebührt.“

Abraham a Sancta Clara: Centifolium Stultorum,  oder: Hundert ausbündige Narren.
Wien: Johann Carl Megerle, 1709
Badische Landesbibliothek, O 60 A 570 RH

Der Perückennarr: Dargestellt sind zwei Herren, hiervon ha einer eine lange, voluminöse Perücke an. Der zweite Mann hält ihm grinsend einen Narrenhut über den Kopf.

Perückennarr
In der Barockzeit kommen einige zeitspezifische Narrheiten hinzu, die Sebastian Brant noch nicht erwähnte. In dem Vers, der die Illustration des Perückennarrs begleitet, wundert sich der Autor über den merkwürdigen Kopfputz – und beklagt, dass „dergleichen Rollen [Narrenschellen] auch gescheite Leute tragen sollen.“ Das Tragen von Perücken war damals zwar nicht gesetzlich vorgeschrieben, die Verweigerung führte jedoch zu sozialer Ausgrenzung.

Abraham a Sancta Clara: Hundert weniger eine Thorheit
Wien: o. A., 1782
Badische Landesbibliothek, 63 A 1309 RH

Darstellung des Gartennarren: Auf den ersten Blick erscheint er wie ein feiner Herr, aber er trägt einen, mit Blumen verzierten Narrenhut. Auf dem Tisch vor ihm liegen Blumenzwiebeln.

Gartennarr
Die Sünde des Gartennarren besteht einerseits darin, dass er den Garten für Lust und Müßiggang missbraucht. Andererseits steckt er all sein Geld in Blumenzwiebeln – eine Anspielung auf die Tulpenmanie des 17. Jahrhunderts, als die Spekulation mit Tulpenzwiebeln und der darauf folgende Zusammenbruch des Marktes viele Tulpenliebhaber ruinierte.

Albert Joseph Conlin: Der Christliche Welt-Weise Beweinent die Thorheit, Band 4
Augsburg: Walder, 1708
Badische Landesbibliothek, 80 A 8912 RH