Uff Dinstag nach Misericordia Domini

Georg Spalatin: Bericht über Luthers Auftritt auf dem Reichstag zu Worms 1521. Gedruckt in Hagenau von Thomas Anshelm 1521. - Signatur: 113 E 4485 R. - Zum Digitalisat 

Auf 1521 datiertes Porträt Martin Luthers mit aufgeschlagener Bibel, noch mit der Tonsur und in der Kutte der Augustinermönches, über ihm die Taube des heiligen Geistes. Aus: Georgs Spalatins Bericht über den Auftritt Luthers in Worms, gedruckt von Johannes Schott in Straßburg 1522. - Signatur: 113 E 832 R. - Zum Digitalisat

Kaiser Karl V., Titelblatt zu Johann Eberlin von Günzburgs reformatorischer Streitschrift "Der erst bundtsgnoß", gedruckt von Pamphilus Gengenbach in Basel 1521. - Signatur: 74 A 3646 RH. - Zum Digitalisat

Luther in Worms

Julia von Hiller 16.4.2021 0.10 Uhr 

Am 18. April des Jahres 1521, also vor genau 500 Jahren, verweigerte Martin Luther den Widerruf seiner reformatorischen Schriften auf dem Reichstag in Worms. Es war ein Tag von weltgeschichtlicher Bedeutung. Heute um 16 Uhr eröffnet Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Jubiläum mit eine Videoansprache.

Was war vorher passiert?

Am 31. Oktober 1517 hatte Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel bekannt gemacht. Darüber kam es zu Auseinandersetzungen, die immer deutlicher werden ließen, dass die Ansichten des streitbaren Wittenberger Theologen völlig unvereinbar mit der Lehre der Amtskirche waren. Unter der Protektion seines Landesherrn, Kurfürst Friedrichs III. von Sachsen, publizierte er noch weitere Streitschriften, die für die Kirchenoberen schwer erträglich waren, etwa „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ und „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“. Papst Leo X. ließ Luther im Juni 1520 eine Bannandrohung zustellen, die Kontroverse spitzte sich Ende 2020 mit gegenseitigen Bücherverbrennungen weiter zu. Schließlich verhängte der Papst Ende Januar 1521 den Kirchenbann über Luther. 

Alle dachten, Kaiser Karl V. würde nun sofort auch die Reichsacht über Luther aussprechen, denn das war ein geradezu automatisches Verfahren, ohne weitere Anklage und ohne Prozess. Das aber geschah nicht. Der gerade erst gekrönte Kaiser lud den exkommunizierten Reformator stattdessen am 6. März zum Verhör auf den Reichstag in Worms, wo er mit den Fürsten des Reiches, den Vertretern der Stände und ausländischen Gesandten Fragen der Herrschaftsorganisation und -finanzierung verhandelte. Er sicherte ihm freies Geleit zu und Luther traf am 16. April in Begleitung des kaiserlichen Reichsherolds Kaspar Sturm in Worms ein.

Und was geschah jetzt?

Das erfahren wir von Georg Spalatin, dem Berater und Geheimsekretär von Kurfürst Friedrich III. von Sachsen. Er verfasste einen Bericht über den Auftritt Luthers in Worms, der sofort nach dem Ereignis als Flugschrift gedruckt und vielfach nachgedruckt wurde. Es war die einzige Möglichkeit, weiträumig bekannt zu machen, was geschehen war, denn die Zeitung war noch nicht erfunden. Spalatins Bericht steigerte die Popularität des prinzipienfesten Reformators noch erheblich. In der Badischen Landesbibliothek haben wir zwei zeitgenössische Ausgaben davon. Der frühere Druck stammt von Thomas Anshelm, der ihn 1521 im oberrheinischen Hagenau erstellte. Und der spätere Druck stammt von Johannes Schott in Straßburg 1522. 

Uff Dinstag nach Misericordia Domini also kam Luther in Worms an. In der Stadt mit 7.000 Einwohnern hielten sich anlässlich des Reichstags geschätzt 10.000 Fremde auf. Die Meinung der Mehrheit war ganz klar pro-lutherisch. Und Luthers Auftreten war Hauptgegenstand des öffentlichen Interesses. Er wurde für den Folgetag auf vier Uhr nachmittags zum Kaiser einbestellt. Dort erschien er, publikumswirksam in seine Mönchskutte gekleidet. Der Offizial von Trier als Vorsteher des Kirchengerichts fragte ihn, ob er sich zu den Büchern bekenne, die in seinem Namen veröffentlicht wurden, und ob er sie widerrufen wolle oder nicht. Mit einem Widerrufsverlangen hatte Luther so direkt nicht gerechnet. Da die Vorladung lediglich erklärt hatte, er solle sich zu seinen Schriften äußern, war er davon ausgegangen, dass er zu einer Disputation einbestellt sei. Die ihm zugeordneten Schriften erkannte er als seine an. Mit Hinweis darauf, dass die Sache Gottes Wort betreffe und die Antwort also wohlüberlegt sein müsse, bat Luther hinsichtlich des geforderten Widerrufs aber um Bedenkzeit.

Am Donnerstag wieder auf vier Uhr vorgeladen, ließ man ihn zwei Stunden warten. Luther führte seine Argumente in Deutsch und Latein aus. Der Kaiser konnte kein Deutsch und behalf sich mit Dolmetschern. Am Schluss erklärte Luther, dass man ihn nicht wider sein Gewissen gegen Gottes Wort aufzutreten nötigen könne und dass er nichts widerrufen wolle, es sei denn, er würde durch die göttliche Schrift eines Besseren belehrt. Wenn ihm eine Falschauslegung von Gottes Wort nachgewiesen werden könne, so wolle er seine Schriften gern widerrufen, verbrennen und mit Füßen treten.

Was hat er denn eigentlich gesagt?

Und dann gibt Spalatin Luthers Rede im deutschen Wortlaut wieder. Luther teilte seine Bücher in drei Arten auf. Die erste Art Bücher handele vom evangelischen Glauben. Die könne er nicht widerrufen, sonst würde er die Wahrheit verleugnen. Die zweite Art Bücher richte sich gegen den irreführenden Wahrheits- und Autoritätsanspruch des Papsttums, der den Evangelien vorangestellt werde. Die könne er nicht widerrufen, sonst würde er die Tyrannei der Kirche stärken und als Schanddeckel dastehen. Die dritte Art Bücher richte sich persönlich gegen verschiedene Papisten. Die könne er nicht widerrufen, sonst würde er deren Tun aktiv legitimieren. 

Es war dann schon mehr als kühn, als er sich auf Jesus bezog, der, vor den Hohepriester Hannas zitiert, wegen seiner Widerworte geschlagen wurde und erklärte: „Habe ich übel geredet, so beweise es, dass es böse sei; habe ich aber recht geredet, was schlägst du mich?“ (Joh. 18,23). Ganz explizit forderte Luther seine Zuhörer auf, ihm seine Irrtümer anhand der biblischen Schriften nachzuweisen. Und wenn, das ließ er dann auch noch verlauten, aus seiner Lehre Zwietracht und Aufruhr entstehe, so sei das schon von Jesus selbst vorhergesehen worden, der gesagt habe: „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ (Matth. 10,34). 

Dass er nicht in einem theologischen Hörsaal, sondern vor dem mächtigsten Mann des weltlichen Reiches stand, schien er geflissentlich zu übersehen. Abschließend empfahl er sich diesem aber noch als wohlmeinender Ratgeber. Und dann fasste er seine Position zusammen: Wenn er nicht durch das Zeugnis der Heiligen Schrift widerlegt werde oder ihm offensichtliche Fehler wider die Vernunft nachzuweisen seien, so sei er durch sein Gewissen an das Wort Gottes gebunden. Und gegen sein Gewissen könne und dürfe er nicht handeln: „Gott helff mir. Amen." 

Und dann?

Geschah erstmal gar nichts. Spalatins Bericht gibt lediglich an, man habe Luther noch eine ganze Woche in Worms belassen „unnd gar nichts mit ihm gehandelt“. Für den Kaiser war die Sache klar, nur die Reichsstände strebten noch eine gütliche Lösung an. Also, so Spalatin, versuchten am 24. und noch einmal am 25. April Unterhändler, Luther zu einer Rücknahme seiner Äußerungen zu bewegen. Aber das war vergeblich. Er wurde noch am Abend nach Hause geschickt mit der Maßgabe, nicht länger als drei Wochen für den Heimweg zu brauchen und unterwegs weder zu predigen noch zu schreiben oder auf andere Weise das Kirchenvolk in Aufruhr zu versetzen.

Am nächsten Tag reiste Luther ab. Bekanntermaßen kann er nicht zuhause an. Bei Eisenach wurde die Reisegruppe im Auftrag von Kurfürst Friedrich III. „überfallen“ und Luther auf die Wartburg verschleppt. Das Unterfangen war ihm vorher bekannt, wie er in einem Brief an Lucas Cranach andeutete: „Es muß eine kleine Zeit geschwiegen und gelitten sein: Ein wenig sehet ihr mich nicht, und aber ein wenig, so sehet ihr mich, spricht Christus.“ (Joh. 16,17). 

Kaiser Karl V. verhängte am 26. Mai 1521 die Reichsacht über Martin Luther. Da war der Reichstag schon beendet und Luthers Unterstützer waren abgereist. Damit es so aussah, als ob der Reichstag es verabschiedet hätte, wurde dieses sogenannte Wormser Edikt auf den 8. Mai 1521 zurückdatiert. Mit der Reichsacht verlor Luther alle persönlichen Rechte, einschließlich des Rechts auf körperliche Unversehrtheit, ja des Rechts auf Leben.

In allen zeitgenössischen Ausgaben von Spalatins Bericht ist weder der Verfasser genannt noch der Drucker oder der Druckort. Wer sich zu dem Geächteten bekannte, begab sich selbst in Gefahr. Das hinderte aber nicht die Verbreitung der Nachricht, den Aufstieg Luthers zum Medienstar und den Erfolg seiner Reformation.

Zum Jubiläum

Zum 500. Jahrestag des Wormser Reichstags von 1521 bereiten die Stadt Worms und die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau trotz Coronavirus-Pandemie ein umfangreiches Jubiläumsprogramm vor. Bis Oktober sind über 80 Einzelveranstaltungen geplant. Auch bei den Nibelungen-Festspielen soll 2021 ausnahmsweise keine Neuinszenierung der Nibelungen-Sage aufgeführt werden, sondern ein Stück über Martin Luther. Das Museum der Stadt Worms zeigt vom 3. Juli bis zum 31. Oktober eine Hessische Landesausstellung unter dem Titel "Hier stehe ich. Gewissen und Protest – 1521 bis 2021".

Neue Bücher zum Thema

Und wenn die Welt voll Teufel wär : Martin Luther in Worms / Klaus-Rüdiger Mai. - Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2020. - Signatur: 120 A 15947.

»Hier stehe ich!« : Luther in Worms – Ereignis, mediale Inszenierung, Mythos / Thomas Kaufmann. - Stuttgart : Hiersemann 2021. - 121 A 4519. 

Luther in Worms : der Reichstag im April 1521 / Ulrich Oelschläger. - Worms : Worms Verlag, 2020. - Signatur: 121 A 4227.

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