Zeitungsarchäologie!

Vom Nutzen der Tagespresse für die Biographienforschung

Anlässlich des 150. Todestags von Eduard Nickles

Julia von Hiller 14.6.2021, 5.30 Uhr

Im Jahr 2018 haben wir für die Badische Landesbibliothek eine kleine, auf einem einzelnen Druckbogen gedruckte Broschüre erworben, die bei der Braun’schen Hofbuchhandlung in Karlsruhe 1871 veröffentlicht worden ist. Sie war in unserem Bestand, ja überhaupt in Baden-Württemberg nicht vorhanden. Eine besondere Rarität. Als Landesbibliothek mit der Verpflichtung, das auf badischem Territorium publizierte Schrifttum zu sammeln und zu bewahren, haben wir zugegriffen.

Hurrah, Germania! Unter diesem Titel hat ein Autor namens Eduard Nickles „Gedichte aus der Zeit des deutschen Heldenkampfes 1870/71“ veröffentlicht. In einem der traditionsreichsten Verlage der Karlsruher Residenz. Ich war neugierig: Wer war denn dieser Verfasser, der in keinem biographischen Nachschlagewerk einen Eintrag hat? Wer wollte wohl seine patriotischen Gedichte lesen? Und war das etwa jener Lehramtskandidat, von dem Paul Weinacht in seiner Darstellung der Geschichte unserer Bibliothek schreibt, er sei 1858 „wegen Trunkenheit wie anderer Exzesse“ nach kurzer Zeit wieder aus dem Bibliotheksdienst entlassen worden? Also ein früherer Mitarbeiter der Großherzoglichen Hofbibliothek?

Im Verbundkatalog der deutschen Bibliotheken traf ich auf Eduard Nickles als Übersetzer englischer Lyrik; seine Übersetzungen insbesondere der Gedichte von Lord Byron und Henry Wadsworth Longfellow, aber auch von Robert Burns oder Alfred Tennyson besitzen wir alle in der BLB, zumeist im Bestand der Schlossbibliothek Baden-Baden. Er tritt auf als Beiträger zum Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen, der ältesten, nunmehr seit 175 Jahren erscheinenden neuphilologischen Fachzeitschrift. Im Generallandesarchiv begegnete er mir als Verfasser eines Huldigungsgedichts zur Vermählung Großherzog Friedrichs I. mit Prinzessin Luise von Preußen 1856 und als Lehrer, später auch Direktor einer privaten Karlsruher Mädchenschule. 

Offenbar war ich auf einen gelehrten Schulmann getroffen, der in Karlsruhe eine Rolle gespielt haben musste. Und deshalb schaute ich in unsere digitalisierten Zeitungen. Sie sind im Volltext ausgelesen und die Recherche versprach, auch wenn der Name Nickles in der Region nicht gerade selten ist, doch relativ zielgenaue Treffer. Und da wurde es richtig spannend!

Erstmals begegnet uns Eduard Nickles am 10. Dezember 1858 in der 56. Nummer des Großherzoglich Badischen Regierungsblattes, als er, nach Abschluss seines Studiums in Heidelberg, als Lehramtspraktikant in den Landesdienst eintritt. Ein Jahr später annonciert der Karlsruher Musikalienhändler Alexander Frey im Karlsruher Tageblatt den Druck zweier Prologe, die Nickles anlässlich des 100. Geburtstages von Friedrich Schiller und des Todestages von Louis Spohr gedichtet und im Cäcilienverein zu Karlsruhe vorgetragen hatte. In derselben Ausgabe des Tageblatts und noch einmal fünf Tage später inseriert der Verlag Malsch & Vogel aus Karlsruhe, dass Nickles‘ Prolog zu Schiller auch in der bei ihm erschienenen Schrift Zur Erinnerung an das Schiller-Fest in Karlsruhe abgedruckt sei.

Im Cäcilienverein werden auch später noch Gelegenheitsgedichte von Eduard Nickles rezitiert, worüber die Presse berichtet, etwa zu Ludwig Uhlands Totenfeier am 10. Februar 1863, als die Hofschauspielerin Johanna Lange ein Festgedicht von Nickles vorträgt. In unseren Digitalen Sammlungen findet man das Festprogramm im Karlsruher Tagblatt und den Bericht der Karlsruher Zeitung. Dem folgt im Rahmen der Benefizabende für die Errichtung eines Uhland-Denkmals im April desselben Jahres noch ein zweites Festgedicht von Nickles „zur Verherrlichung des Heimgegangenen“. Nickles‘ Epilog zur Uhland-Feier, gedruckt von Albert Geßner in Karlsruhe und von diesem auch mehrfach im Karlsruher Tagblatt annonciert, ist leider bisher nirgends nachweisbar.

Die Karlsruher Zeitung vom 8. Dezember 1860 berichtet dann, dass er an der Polytechnischen Schule angestellt wurde, wo er laut Karlsruher Adressbuch allgemeinbildenden Unterricht erteilt. Und aus dem Karlsruher Tagblatt, das regelmäßig mitteilt, welche Fremden sich in der Stadt aufhalten, erfahren wir am 19. September 1862, dass Nickles Besuch aus St. Petersburg hat und ein Gast namens Leo von Worigin bei ihm logiert.
 
Im Dezember 1862 kündigt Geßner Nickles‘ Übersetzung von Longfellows Versepos Evangeline als „empfehlenswerthes Festgeschenk“ im Karlsruher Tagblatt an. Zur werblichen Unterstützung zitiert die Karlsruher Zeitung am 23. Juni 1863 aus einem Schreiben Longfellows an seinen Übersetzer, in welchem der Autor die Übersetzung als „bewundernswürdig“ bezeichnet. Der Artikelschreiber lobt zugleich das poetische Talent des Genannten und spricht die Hoffnung aus, dass er doch bald auch einmal mit seinen eigenen Gedichten an die Öffentlichkeit treten werde. Eine umfassende Besprechung von Nickles' Übersetzung von Lord Byrons Hebräischen Gesängen lässt die Karlsruher Zeitung am 8. Dezember 1863 folgen: Man habe es hier mit einem „feinfühligen, versegewandten Meister der deutschen Sprache“ zu tun, gibt der Rezensent bekannt. Beide Titel werden auch in den Folgejahren regelmäßig als Weihnachtsgeschenk in den Karlsruher Zeitungen empfohlen.

Dann übernimmt Nickles 1866 die private Mädchenschule, die 1863 von der Oberlehrerswitwe Sophie Wettach gegründet worden war, und tritt selbst als Inserent in den Karlsruher Zeitungen auf. Am 16. Oktober 1866 startet der Unterricht unter seiner Leitung neu, so gibt er es im Karlsruher Tagblatt bekannt. Auch in der Folgezeit wirbt er jeweils im Frühjahr und Herbst in den örtlichen Zeitungen um Anmeldung neuer Schülerinnen. Einmal inseriert er auch ein Stellenangebot: Im August 1869 sucht er über die Karlsruher Zeitung für seine Lehranstalt eine „geprüften deutschen Lehrer“ zur Erteilung von Schreib-, Deutsch- und Rechenunterricht in allen Klassenstufen.
 
Seine lyrische Produktion setzt Nickles weiter fort. So weiß das Karlsruher Tagblatt, dass die Hofschauspielerin Luise Bender im Mai 1865 wieder einen seiner Prologe rezitiert, diesmal zum 25-jährigen Bestehen des Karlsruher Liederkranzes. Hierzu besitzen wir in der BLB übrigens auch den zugehörigen Theaterzettel. Auch seine Übersetzertätigkeit dauert an. Das erweisen die Karlsruher Zeitung und das Karlsruher Tagblatt, die im Dezember 1867 seinen Vortrag über Longfellows The Courtship of Miles Standish im Karlsruher Frauenverein bekannt machen. Zu Weihnachten 1868 inseriert die Braun‘sche Hofbuchhandlung im Karlsruher Tagblatt eine Neuerscheinung: Fremder Sang in teutschem Klang. Lieder aus dem Englischen als Anthologie von Übersetzungen englischsprachiger zeitgenössischer Lyrik aus der Werkstatt von Eduard Nickles.

Auch Privates geben die Zeitungen über Nickles preis. Am 10. Oktober 1866 heiratet er Luise Billing, die Schwägerin seiner früheren Chefin, die als Lehrerin am Seminar zu Kaiserswerth ausgebildet worden war und in seinem Institut die Fächer Deutsch, Geschichte und Geographie unterrichtet. Auch Trauriges ist dokumentiert: Geburt und Tod der Tochter Luise im Jahr 1868, Geburt und Tod des Sohnes Gustav im Jahr 1870. 

Und was Sie wirklich gar nicht wissen müssen: Im Januar 1867 nimmt das Ehepaar Nickles beim Montagskonzert im Cäcilienverein einen falschen Schirm mit und gibt im Karlsruher Tagblatt eine Annonce auf unter der Überschrift „Verwechselter Regenschirm“. 

Zum Geburtstag des Großherzogs Friedrich I. von Baden im September 1870 drucken die Karlsruher Nachrichten Nickles‘ Gedicht Nachklang zur Feier des 9. September 1870 auf der Titelseite ab. Große Aufmerksamkeit wird Nickles zuteil, als die Hofschauspielerin Lange bei der Trauerfeier für die 1870 Gefallenen im Cäcilienverein „in gewohnter Meisterschaft“ (Karlsruher Zeitung) bzw. „mit vollendeter Meisterschaft“ (Badische Landes-Zeitung) Nickles‘ Gedicht Die Wacht am Rhein rezitiert und durch „hinreißenden Vortrag“ (Karlsruher Nachrichten) alle Zuhörer überzeugt. Und zwar so sehr, dass die Karlsruher Nachrichten den Text in voller Länge abdrucken und eine überaus rühmende Besprechung folgen lassen. Einen letzten öffentlichen Auftritt als Dichter hat Eduard Nickles bei der Großen Sieges- und Friedenfeier des Cäcilienvereins am 15. Mai 1871 mit seinem Festgedicht Barbarossa’s Erlösung, das auch diesmal wieder Johanna Lange vorträgt. 

Das Leben des Eduard Nickles nimmt ein jähes Ende. Am 14. Juni 1871 erliegt er mit 38 Jahren einem Schlaganfall. Die Karlsruher Zeitung schreibt: “Von Haus aus ungemein begabt, hatte er sich einen auch auswärts bekannten und anerkannten Namen, besonders auf dem Gebiet der Poesie erworben und zwar als ebenso genialer und kenntnisvoller Übersetzer englisch-amerikanischer Dichtungen, wie durch zahlreiche eigene Erzeugnisse lyrischer Gattung." Den anerkannten Bürger der Karlsruher Stadtgesellschaft, der viel zu früh aus dem Leben gerissen wurde, würdigen die Karlsruher Nachrichten mir einem ausführlichen Nachruf. Er stirbt just in dem Moment, als seine gesammelten Gedichte unter dem Titel Hurrah Germania! erscheinen und von der Braun‘schen Hofbuchhandlung in den örtlichen Zeitungen annonciert werden. Und er hinterlässt seine schwangere Gattin Luise mit den zwei Kindern Eduard und Anna. Sie veröffentlicht eine Todesanzeige in der Karlsruher Zeitung, den Karlsruher Nachrichten, im Karlsruher Tagblatt und in der Badischen Landes-Zeitung. Schon drei Tage nach dem Tod ihres Mannes kündigt sie über die Presse an, dass sie das Lehrinstitut unter ihrer eigenen Leitung fortführen werde.

Luise Nickles leitet die private Mädchenschule in Karlsruhe bis 1888 und verlegt sie dann nach Heidelberg. Ihr Sohn Eduard Nickles, Pfarrer in Oberacker, erstattet dem Großherzoglichen Oberschulrat am 30. August 1904 Bericht über ihr Ableben am 25. August 1904. Die Tochter Anna Nickles, Handarbeitslehrerin, führt die Schule ihrer Mutter noch bis Ostern 1911 weiter.

Müssen Sie sich für Eduard Nickles interessieren? Nein. Aber Sie können an seinem Beispiel sehen, dass sich die Biographie eines Badeners, der es nicht in die Nachschlagewerke geschafft hat, sehr weitgehend mit Hilfe von Zeitungen rekonstruieren lässt. Was für ihn gilt, gilt auch für andere. Zeitungen sind eine unerschöpfliche Fundgrube für biographische Details. Und für vieles andere natürlich auch. 

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