Ein neuer Zugang zur Kulturgeschichte online – das Hoftagebuch und Joseph Victor von Scheffel

Ludger Syré und Jana Madlen Schütte 12.4.2021 9.30 Uhr

„Vormittags 11 Uhr begab Sich S. K. H. der Großherzog in das Sterbehaus Joseph Victor v. Scheffels und wohnte der Einsegnung seines Leichnams an. […] Nach der Einsegnung besuchte der Großherzog die Witwe des verstorbenen Dichters, um ihr persönlich Höchstsein Beileid auszudrücken. Nachmittags empfing Seine Königliche Hoheit Victor v. Scheffel, den Sohn des verstorbenen Dichters.“ Dieser Bericht findet sich – datiert auf den 12. April 1886, den Tag der Beerdigung Scheffels – im Hoftagebuch. In diesem wurde über alle wichtigen und nebensächlichen Dinge, die sich bei Hofe, also im Karlsruher Schloss, abspielten, akribisch Buch geführt.

Der Fürst und der Dichter, oder: Ehre wem Ehre gebührt

Am 9. April 1886 verstarb in Karlsruhe ein Mann, der zu den beliebtesten Schriftstellern seiner Zeit zählte, der es deshalb zu so etwas wie einem Auflagenmillionär gebracht hatte. Seine Beerdigung am 12. April vormittags um 11 Uhr geriet zu einem medialen Massenereignis - wie es gegenwärtig auf keinen Fall stattfinden dürfte.

Die Rede ist von Joseph Victor von Scheffel, dem Dichter des „Trompeter von Säckingen“, einer Versnovelle, deren Titel wahrscheinlich jeder kennt, deren vollständigen Text aber wohl die wenigsten von uns gelesen haben. 

Der regierende Großherzog, das war damals Friedrich I., mochte den Dichter offenbar. Das lässt sich daraus schließen, dass er ihn adelte; seit 1876 durften sich Scheffel und seine Familie „von“ nennen. Das bezeugt aber auch die Ehrerbietung, die Friedrich der Trauerfamilie entgegenbrachte. 

Am Trauerzug, der sich am späten Vormittag des 12. April von der Stephanienstraße zum neuen Parkfriedhof in der Haid- und Neustraße bewegte, nahmen tausende Bürger teil. Angeblich soll auch der Großherzog im Trauerzug mitmarschiert sein, aber im Hoftagebuch ist das nicht vermerkt. Und in der sehr ausführlichen Zeitungsreportage findet sich dazu ebenfalls kein Wort. 

Übrigens: Wer mehr über die Beisetzung wissen möchte, sei auf die von der BLB digitalisierten Karlsruher Nachrichten vom 14. April verwiesen.

Das Hoftagebuch als kulturgeschichtliche Quelle

Zu den täglichen Routinen eines absolutistischen Hofes gehörte auch das Hoftagebuch, das es in Karlsruhe seit den 1770er Jahren, also seit der Zeit Markgraf Karl Friedrichs von Baden-Durlach, gab. Die letzten Eintragungen stammen vom Dezember 1917. Das Hoftagebuch wurde vom Hoffourier, später Kammerfourier genannt, geführt, der die Funktion eines Zeremonienmeisters hatte. Die Eintragungen in das Hoftagebuch erfolgten Tag für Tag und sind meistens kurzgehalten. Das Hoftagebuch ist nicht allein für das Geschehen bei Hofe eine wichtige Quelle, sondern lässt sich auch hinsichtlich der Außenbeziehungen und der Diplomatie Badens auswerten.

Das Hoftagebuch wurde bis 1899 handschriftlich geführt und per Hektographie vervielfältigt, ab 1900 in Lettern gesetzt und gedruckt. In den Jahren des Ersten Weltkriegs wurde der Druck zugunsten des Einsatzes der Schreibmaschine und der Vervielfältigung per Matrize wieder aufgegeben.

Die Hoftagebücher sind nach Jahren und Monaten erschlossen, so dass mit Hilfe der Kalenderfunktion eine exakte Recherche möglich ist. Dazu ist bei den einzelnen Monaten das jeweils erste Datum, zu dem sich ein Eintrag findet, angegeben. Wenn Sie dieses aufrufen, gelangen Sie zu den Digitalisaten des jeweiligen Monats. Zudem sind die gedruckten bzw. maschinenschriftlichen Jahrgänge 1900 bis 1917 volltexterkannt und können nach Stichwörtern durchsucht werden.

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