Tag der Provenienzforschung 2021

Julia von Hiller 14.4.2021 8.20 Uhr

Heute findet zum dritten Mal der internationale Tag der Provenienzforschung statt. Viele Archive, Museen und Bibliotheken arbeiten daran, die Washingtoner Prinzipien von 1998 umzusetzen und NS-Raubgut in ihren Beständen zu identifizieren, zu dokumentieren und nach Möglichkeit zu restituieren. Viele haben noch gar nicht begonnen. Die Badische Landesbibliothek hat die Recherche nach NS-Raubgut in ihren Beständen bereits erledigt. In den Jahren 2016 bis 2020 hat sie mit Unterstützung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste und der Ministeriums für Wissenschaft Forschung und Kunst Baden-Württemberg ihren Monographien- und Zeitschriftenbestand systematisch überprüft.

Als eine der größten Regionalbibliotheken Deutschlands war die BLB während der Zeit des Nationalsozialismus, wie andere Kulturgut verwahrende Institutionen auch, in die staatlichen Strukturen zur Verwertung beschlagnahmter Kulturgüter aus jüdischem Vermögen eingebunden und profitierte davon. Bibliotheksdirektor Dr. Friedrich Lautenschlager wurde vom Generalbevollmächtigen für den Landeskommissarbezirk Karlsruhe zum Sachverständigen für die Begutachtung beschlagnahmter Sammlungen ernannt und begutachtete mehrere Bibliotheken, darunter auch die seines Amtsvorgängers Dr. Ferdinand Rieser, der aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 entlassen worden war. Leider sind diese Vorgänge heute kaum mehr nachvollziehbar. Denn mit der Zerstörung des Bibliotheksgebäudes am 3. September 1942 wurden sowohl die Bestände als auch das Verwaltungsschriftgut der Badischen Landesbibliothek vollständig vernichtet. Nur wenige im Luftschutzkeller gelagerte oder während des Bombenangriffs entliehene Druckschriftenbände und die bereits 1939 ausgelagerten Zimelien (Handschriften, Inkunabeln und rarifizierte Frühdrucke) überstanden dieses Ereignis unversehrt. 

Nach dem Bombenangriff wurde der Bestand mit Unterstützung durch die zuständigen Reichsbehörden rasch wiederaufgebaut. Buchhandel und Antiquariate, Behörden und Organisationen sowie private Verkäufer und Schenker boten der Bibliothek Bücher zum Wiederaufbau an. Heute noch vorhandenes NS-Raubgut befindet sich in diesen neu aufgebauten Beständen. Nach vorbereitenden Arbeiten wurde 2017 bis 2019 der Monographienzugang, 2020 der Zeitschriftenzugang der Kriegs- und Nachkriegsjahre systematisch auf NS-Raubgut bzw. verdächtige Provenienzen hin untersucht. Die vorhandenen Provenienzmerkmale wurden aufgenommen und entsprechend dem "Leitfaden für die Ermittlung von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut in Bibliotheken" nach sechs Verdachtskategorien klassifiziert.

Entgegen der Erwartung vor Projektbeginn hat sich herausgestellt, dass nur relativ wenig "Raubgut zweiter Hand" vorhanden ist. Insgesamt wurde weniger als 1% der untersuchten Bände als NS-Raubgut bzw. NS-Raubgutverdacht klassifiziert. Sie stammen zumeist aus dem Antiquariatsbuchhandel und haben Provenienzmerkmale von NS-Einrichtungen, deren Bibliotheken geraubte Buchbestände enthielten, oder sind von Antiquaren erworben worden, die einschlägig als Händler von NS-Raubgut bekannt sind. Die Annahme, die staatliche Aufbauhilfe für die Badische Landesbibliothek habe auch zur Abgabe deutlich erkennbarer größerer NS-Raubgutbestände durch staatliche Organisationen und Institutionen geführt, hat sich nicht bestätigt.

Die Dokumentation sämtlicher Verdachts- und Raubgut-Fälle erfolgte sowohl in den überregionalen Bibliothekskatalogen als auch in der Zeitschriftendatenbank und im lokalen Bibliothekskatalog, außerdem in der kooperativen Provenienzdatenbank Looted Cultural Assets (LCA). Es wurden insgesamt für 551 Objekte Daten eingespielt. Die de facto als NS-Raubgut klassifizierten 39 Objekte wurden zudem an die internationale Lost Art-Datenbank gemeldet. Die BLB präsentiert die Erkenntnisse des Projektes zum NS-Raubgut dauerhaft auf einer entsprechenden Webseite.

Verfolgungsbedingt entzogener Buchbestand an der BLB stammt unter anderem aus den Bibliotheken des Oberrats der Israeliten Badens und der Jüdischen Gemeinde in Karlsruhe, des Jugend-Lernvereins Chinuch Neorim in Karlsruhe sowie der Josefine und Eduard von Portheim-Stiftung für Wissenschaft und Kunst in Heidelberg. Mehrere durch Kauf erworbene Bände kommen aus dem 1938 arisierten Antiquariat von Hans Peter Kraus in Wien. Als verfolgte jüdische Vorbesitzer konnten außerdem die Karlsruherinnen Emma Fürst, Irma Schwarzenberger, Marie Curjel und Jenny Teutsch sowie die Wiener Familie Klang identifiziert werden. Die entsprechenden Restitutionen wurden durchgeführt.

Allen, die noch an der Arbeit sind, wünschen wir gutes Gelingen! 

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