Die Postkarte als Instagram der Gründerzeit

Ernst Kutzer: Die Nibelungen. 5. Hagen an der Bahre Siegfrieds. Wien: Katholischer Schulverein für Österreich, 1916. Signatur: 120 H 3032,R,5

Siegfried bläst ins Horn. Mondscheinkarte. o.O. Gesendet von Damigny nach Franconville, 1906. Signatur: 120 H 3018 R

Heinrich Hoffmann: Die Nibelungen. 3. Da gewahrte er an der Klaue des Lindwurms einen blitzenden Ring, den Ring des Königs Nibelung ... Stuttgart: Farbenphotographische Gesellschaft, 1911. Serie 127 Nr. 3726. Signatur: 120 H 3034,R,3

Siegfried und Brun̄hilde. Bromsilberkarte, koloriert. Berlin: Neue Photographische Gesellschaft. Gesendet von Vechta nach Vechta 1905. Signatur: 120 H 3010 R

Siegfried weckt die schlafende Brünhild. Nach dem Original-Pastell von Leopold Reininger. Chromolithographie. W&N, AGL, 1910. Wenau-Pastell No. 1097. Signatur: 120 H 3021 R

Bildpostkarten zum Nibelungenlied

Julia von Hiller 26.5.2021 19.45 Uhr

Die Postkarte ist ein kulturgeschichtliches Dokument ersten Ranges. Aber auch sie musste erst erfunden werden. Das war 1866, als Heinrich von Stephan auf der 5. Deutschen Post-Konferenz in Karlsruhe erste Überlegungen dazu anstellte. Am 1. Juli 1870 wurde die Postkarte in Baden und anderen deutschen Staaten als Korrespondenzmedium zugelassen, ein fulminanter Auftakt. In den nächsten fünf Jahren setzte sie sich weltweit durch. Ab 1. Juli 1875 konnte sie im international einheitlichen Format überallhin versendet werden.

Im selben Jahr wurde offiziell auch die Bildpostkarte zugelassen, die in allerkürzester Zeit zum industriell hergestellten Massenprodukt wurde. In den ersten Jahrzehnten durfte nur die Bildseite, nicht die Anschriftenseite mit Grüßen beschrieben werden. Erst ab 1905 gab es die Teilung der Anschriftenseite in Text- und Adresshälfte. Die Beliebtheit des Mediums verdankte sich auch seiner heute unvorstellbaren Schnelligkeit. In allen Großstädten wurde die Post um 1900 mindestens dreimal täglich zugestellt. Die Reichspost beförderte pro Jahr etwa 1 Milliarde Postkarten. Bis 1913 wuchs diese Zahl auf 2 Milliarden an. Das waren 30 Postkarten pro Einwohner.

Die große Zeit der Bildpostkarte waren die Jahre bis zum Ersten Weltkrieg. Noch war die fotografische Reproduktion im Entwicklungsstadium. Noch wurde viel Kreativität in die Bildgestaltung investiert. In Massenauflagen wurden die Postkarten im Farbdruck der Chromolithographie hergestellt. Der Motivwahl waren keinerlei Grenzen gesetzt.

Die BLB hat ihre Postkartensammlung jetzt durch eine Sammlung von 135 Bildpostkarten zum Nibelungenlied bereichert, dessen bedeutendste Originalhandschrift aus dem 13. Jahrhundert sie besitzt und für das sie jetzt bei DDBstudio eine virtuelle Ausstellung eingerichtet hat. Das mittelalterliche Heldengedicht wurde nach seiner Wiederentdeckung im 19. Jahrhundert zum deutschen Nationalepos. Wagners „Ring“, 1876 in Bayreuth uraufgeführt, gab ihm mächtig Auftrieb, popularisierte die Story und beflügelte auch die Postkartenindustrie. Eine bunte Auswahl dessen sehen Sie in unseren digitalen Sammlung Nibelungen

Es gibt in unserer Sammlung seriöse Reproduktionen von Kunstwerken zum Nibelungenlied, etwa der Fresken in der Münchener Residenz von Julius Schnorr von Carolsfeld oder der markigen Bilder von Karl Schmoll von Eisenwerth im Alten Rathaus in Worms. Es gibt Künstlerpostkarten von den Bilderzyklen zu Wagners "Ring", etwa von Michael Echter, Ferdinand Leeke, Hermann Hendrichs oder Hans Toepper. Es gibt künstlerisch voll überzeugende Entwürfe wie die an der Plakatkunst ihrer Zeit orientierten Postkarten von Ernst Kutzer. Es gibt die farbigen Filmfotos aus Fritz Langs Nibelungen-Filmen von 1924. Es gibt die Fotopostkarten der Inszenierungen von Friedrichs Hebbels "Nibelungen" auf den Freilichtbühnen von Oetigheim 1935 und 1955 und Heidenheim 1926 und 1954. Es gibt aber auch ganz wunderbar kitschige Darstellungen wie die berühmten Mondscheinkarten, Karten von Krimhild und Brünhild mit Glimmer und Jung-Siegfried mit wallendem Haar.

Mein Liebling ist die kolorierte Bromsilberkarte Siegfried und Brunhilde, die die Neue Photographische Gesellschaft in Berlin-Steglitz kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert herausgegeben hat. Sie nutzt die Namen der Sagenhelden, um eine ganz profane Szene zu konnotieren: ein Reisender lässt sich von einer Kellnerin Sodawasser einschenken. Ihre Bedeutung bekommt die Darstellung durch die Benennung der Figuren: Denn Brunhild mag eine starke und wehrhafte Amazone sein, die ihre Jungfräulichkeit erfolgreich verteidigt. Aber Siegfried überwindet sie. Und er tut das, indem er sich unsichtbar macht und die Besiegte auf der Lagerstatt dann dem schwachen Gunther überlässt. Eine Schmach, die die Betrogene nie vergessen und zur Rache antreiben wird. Die vermeintlich harmlose Szene wird allein durch das Namenslabel mit Hintersinn aufgeladen. In Vechta ist diese Postkarte 1905 gelaufen. August Klostermann schreibt an Fräulein Auguste Meurer. Kein Text. Das Bild muss mehr als Worte sagen.

Der Niedergang der Postkarte als allerschnellstes Kommunikationsmedium kam mit dem Telefon. Das war aber definitiv erst nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall. Überlebt hat die Postkarte im Typus der fotografischen Ansichtskarte als Erfolgsmarker ihrer Absender im Zeitalter des sich globalisierenden Massentourismus. Aber auch das geht jetzt zu Ende. Wo man keine Postkarten mehr kaufen kann, produziert man mit MyPostcard, Postalo, Pokamax oder irgendeinem anderen Dienstleister irgendwo auf der Welt selber die digitale Vorlage, lässt sie als ganz individuelles Produkt von der Firma auf Karton ausdrucken und mit einer echten Briefmarke beklebt den Daheimgebliebenen zustellen. Die wichtigsten Merkmale sind unverändert:

Viel Bild, wenig Text und jeder kann mitlesen: die Postkarte war das Instagram der deutschen Gründerzeit.

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