Pauline Viardot-García zum 200. Geburtstag

Brigitte Knödler-Kagoshima 13.7.2021 10.00 Uhr

Pauline Viardot-García, am 18. Juli 1821 in Paris als Kind der spanischen Sängerfamilie Garcia geboren, war eine der berühmtesten Mezzosopranistinnen des 19. Jahrhunderts. Darüber hinaus wirkte sie als Komponistin, Musikschriftstellerin und Lehrerin und hatte brieflichen und persönlichen Kontakt zu vielen Künstlern, Intellektuellen und Politikern des 19. Jahrhunderts. 1840 heiratete sie den Pariser Theaterdirektor und Kunstschriftsteller Louis Viardot (1800–1883). 

Eine besondere Beziehung verband die Künstlerin mit Baden-Baden. Im Jahr 1859 trat sie in einem von Hector Berlioz dirigierten Konzert dort erstmals auf. 1863 zog sie mit ihrem Mann und ihren Kindern nach Baden-Baden und trug damit zur Entwicklung des Städtchens zu einer internationalen Kulturstadt bei. In Baden-Baden gehörten zum Haus Viardot neben einer Villa auch ein Gartentheater sowie eine Kunst- und Vortragshalle. Im Haus der Familie Viardot trafen sich Musiker, Dichter, Maler und bedeutende Personen ihrer Zeit, wie etwa Wilhelm und Augusta von Preußen und Otto von Bismarck. Pauline Viardot-García und Clara Schumann, mit der sie befreundet war, präsentierten neue Kompositionen von Robert Schumann, Frédéric Chopin und Johannes Brahms. Bei Matineen trug unter anderem der Pianist Anton Rubinstein Klavierstücke vor. Ihr ehemaliger Klavierlehrer Franz Liszt zählte ebenso wie Richard Wagner und Theodor Storm zu den Gästen.
Vom Ehepaar Viardot aus entwickelte sich in Baden-Baden eine bunte und vielseitige Kunst- und Kulturszene, die jedoch vom Ausbruch des deutsch-französischen Krieges 1870/1871 unterbrochen wurde, als die Familie nach Paris zurückkehrte.

Als Pauline Viardot-García am 18. Mai 1910 in Paris starb, hinterließ sie neben der Erinnerung an ihre Auftritte als Sängerin und ihr Engagement als Lehrerin verschiedene musikalische Kunstwerke, die erst seit Kurzem wiederentdeckt werden. Pauline Viardot-García schrieb Werke für Sologesang, mehrere Bühnenwerke und verschiedene Instrumentalwerke. Die Werke im Bestand der Badischen Landesbibliothek stammen zum großen Teil aus der Schlossbibliothek Baden-Baden, der musikalischen Privatbibliothek der Großherzöge von Baden.
Anlässlich des 200. Geburtstags von Pauline Viardot-García am 18. Juli 2021 hat die Badische Landesbibliothek musikalische Werke aus ihrem Bestand digitalisiert. Online stehen die Digitalisate jetzt unter https://digital.blb-karlsruhe.de/topic/view/6495005 zur Verfügung.

In Berichten berühmter Zeitgenossen fanden Pauline Viardot-García und ihre Werke große Beachtung. Im Folgenden werden einige Beispiele ausgeführt.

Über die Aufführung der drei von Pauline Viardot-García komponierten Operetten Trop des Femmes, Le Dernier Sorcier und L’Ogre im Jahr 1867 in Baden-Baden schrieb Clara Schumann (1819–1896) am 3. Oktober 1867 an Johannes Brahms (1833–1897):

Von hier kann ich Dir übrigens etwas musikalisch Interessantes berichte. Frau Viardot hat 3 kleine Operetten geschrieben, wovon sie zweie mit ihren Kindern und Schülern aufgeführt hat. Ich habe beide Opern jede drei Mal gehört und immer mit derselben Freude. Mit welchem Geschick, feinsinnig, anmuthig, abgerundet das Alles gemacht ist, dabei oft amüsantester Humor, das ist doch wunderbar! Die Texte sind von Turgenjew, der auch mitspielte, und kaum hat sie das Alles aufgeschrieben, spielt es nur so aus Skizzen-Blättern! und wie hat sie das einstudirt, die Kinder wie sind sie bezaubernd, der Junge ein wahres Komiker-Genie! überall in der Begleitung hört man die Instrumentation heraus – kurz, ich fand wieder bestätigt, was ich immer gesagt, sie ist die genialste Frau, die mir je vorgekommen, und wenn ich sie so sitzen sah am Clavier, das Alles mit der größten Leichtigkeit leitend, so wurde mir so weich um’s Herz, und ich hätte sie vor Rührung an mich drücken mögen …
Aus: Berthold Litzmann: Clara Schumann: ein Künstlerleben; nach Tagebüchern und Briefen. Band 3: Clara Schumann und ihre Freunde, 1856–1896. 5. und 6. Auflage. Leipzig: Breitkopf und Härtel, 1923, S. 207–208

Über ein Konzert mit Pauline Viardot-García schrieb Eugenie Schumann (1851–1938), die jüngste Tochter von Robert und Clara Schumann, in ihrer 1925 veröffentlichten Autobiographie Erinnerungen:

Sie sang in den achtzehnhundertsechziger Jahren noch öfters in Konzerte in Baden-Baden. Die Stimme war nicht eigentlich schön, sondern mehr stark und etwas spröde, von bedeutendem Umfang; sie war glänzend geschult und ausgeglichen und die Koloratur tadellos. Dazu das energische rassige Temperament, das jede Leistung zu einem Erlebnis für den Zuhörer machte. Ihr Vortrag der Gluckschen Arie:»J’ai perdu mon Eurydice« ging mir monatelang nicht aus dem Sinn. – Einmal sang sie in einem Konzert ein Duett mit einem Tenor, wo ihr am Schlusse ein Triller zufiel. Sie trillerte und trillerte, alles hielt den Atem an, der Partner betrachtete sie staunend von der Seite, dann schob er ihr einen Stuhl hin. Lächelnd trillerte sie weiter. Er zog die Uhr und hielt sie ihr hin – da, unter donnerndem Applaus kam der Triller mit vollendetem Nachschlag zum Schluß. Stürmisch wurde eine Zugabe verlangt; sie setzte sich ans Klavier und begann eine Mazurka von Chopin, der sie französische Worte unterlegt hatte; sie wandte sich zum Publikum, und nun kam eine Vorstellung, wie ich sie ähnlich nie wieder gehört noch gesehen habe. Sie sang, sprach, spielte, lächelte die Zuhörer an, so daß ein jeder meinte, sie singe, spreche, spiele und lächle nur für ihn. Kein Muskel des Gesichtes blieb untätig; es sprühte von Leben, Feuer und Liebenswürdigkeit. Hätte den Untensitzenden wohl das Wörtchen »grotesk« einfallen können? Bei einer weniger genialen Frau, der der Effekt Zweck und Ziel gewesen wäre, jawohl! Bei Pauline Viardot, nein!
Aus: Eugenie Schumann: Erinnerungen. Stuttgart: Engelhorn, 1927, S. 178–181

In einem Nachruf in L’Echo de Paris vom 5. Februar 1911 für Pauline Viardot-García schrieb der französischen Komponist Charles-Camille Saint-Saëns (1835–1921):

Was an ihr vor allem fesselte, vielleicht mehr noch als ihre sängerische Begabung, das war ihr Wesen; es gehört zu den erstaunlichsten, die ich je erlebte. Sie sprach fließend spanisch, französisch, italienisch, englisch und deutsch und war daher auf dem Gebiet der Literatur anderer Länder auf dem laufenden. Mit ganz Europa stand sie im Briefwechsel. 
Sie erinnerte sich nicht, die Musik erlernt zu haben – in dieser Familie García war Musik die Luft, die man atmete. Deshalb hat sie sich auch gegen die Legende gewandt, die Vater García als einen Tyrannen darstellte, der seine Töchter prügelte, um sie zum Singen zu bringen. Ich weiß nicht, wie sie in die Geheimnisse des Komponierens eingedrungen war, bis auf die Handhabung des Orchesters wußte sie jedenfalls in allem Bescheid, und die zahlreichen Lieder, die sie auf französische, deutsche und spanische Texte geschrieben hat, zeugen von einer tadellosen Feder. Im Gegensatz zu den meisten Komponisten, die nichts Eiligeres zu tun haben, als ihre Produkte vorzuzeigen, verbarg sie die ihren wie etwas Sündiges. Zu erreichen, daß sie vorgetragen wurden, war ein äußerst schwieriges Unterfangen, und dabei hätten noch die geringsten Stücke darunter ihr Ehre angetan. Ein Chanson, ungestüm und mit einem eigensinnigen Rhythmus, gab sie als spanisches Volkslied aus. Übrigens war Rubinstein darein ganz vernarrt. Es brauchte mehrere Jahre, bis sie mir eingestand, sie selbst sei dessen Schöpfer.
Zusammen mit Turgenew hat sie blendende Operetten verfaßt, die unveröffentlicht geblieben und nur im engsten Kreis aufgeführt worden sind.
Eine merkwürdige Anekdote wird zeigen, welche Wendigkeit in ihrem kompositorischen Talent lag. Als Freundin von Chopin und Liszt galt ihre Neigung nur allzusehr dem Zukünftigen, während Monsieur Viardot auf dem Gebiet der Musik die rückständigsten Ansichten vertrat; Beethoven ging ihm viel zu weit. Eines Tages, als einen Freund zu Gast hatte, der von den nämlichen Ideen durchdrungen war, verkündete Madame Viardot ihre Absicht, eine wunderbare Arie von Mozart zu Gehör zu bringen, die sie entdeckt habe. Und sie trug eine lange Arie vor mit Rezitativen, Arioso und abschließendem Allegro. Man überschüttete sie mit Lob. Sie aber hatte diese Arie ganz einfach für den besagten Anlaß geschrieben. Ich habe mir das Stück angesehen: Selbst der Pfiffigste hätte sich täuschen lassen. 
Doch man sollte nun nicht etwa glauben, daß ihre Kompositionen Imitationen gewesen seien. Im Gegenteil, es waren Werke von ganz eigenständigem Charakter. Warum aber sind jene, die veröffentlicht wurden, so wenig bekannt? Warum sind so viele andere unveröffentlicht geblieben?

Aus: Charles-Camille Saint-Saëns: Musikalische Reminiszenzen. Mit einer Studie "Camille Saint-Saëns" von Romain Rolland. Wilhelmshaven: Heinrichshofen, 1979 (Taschenbücher zur Musikwissenschaft; 53), S. 121–122

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