Krieg in der Ukraine

Julia von Hiller 26.2.2022  16.00 Uhr

Die Badische Landesbibliothek verurteilt den Angriff Russlands auf die Ukraine aufs Schärfste. Wir sind in Gedanken bei denen, die nun um ihr Leben fürchten und erleben müssen, dass ein völkerrechtswidriger Krieg ihr Land mit Tod und Zerstörung überzieht. 120.000 Menschen sind bereits aus ihrem Land geflohen.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagte am Tag der Invasion: „Mit dem Angriff auf die Ukraine hat Putin gegen alle Regeln der internationalen Ordnung und des Völkerrechts verstoßen und Europa und die Welt in eine tiefe Krise gestürzt, die an die dunkelsten Zeiten des europäischen Kontinents erinnern. Die Bundesregierung hat gemeinsam mit den europäischen Partnern in den vergangenen Wochen alles dafür getan, um die Situation zu entschärfen. Aber wir müssen heute leider erkennen, dass Russland ohne jede Rücksicht die Spirale der Eskalation fortschreibt und Denkmustern folgt, die wir in Europa längst überwunden geglaubt hatten. Dem werden wir uns gemeinsam mit unseren Partnern entschlossen entgegenstellen.“

Alle Bibliotheken in der Ukraine haben nach der Verhängung des Kriegsrechts ihren Nutzerservice eingestellt und sind geschlossen. Sie versuchen, die verfassungsmäßigen Rechte der Bürgerinnen und Bürger auf Zugang zu Informationen und Wissen weiterhin zu gewährleisten und ihre digitalen Dienste so weit wie möglich aufrechtzuerhalten.

Wir als Badische Landesbibliothek mit einer eigenen Kriegszerstörungsgeschichte machen darauf aufmerksam, dass bei den Angriffen des russischen Militärs auf die ukrainischen Städte auch das reiche Kulturerbe des Landes in höchstem Maß bedroht ist.

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Das Bild zeigt das Hochhaus der Bibliothek aus der Sicht von unten.

Die Wernadskyj-Nationalbibliothek in Kiew, ein Bau der Sowjetmoderne aus den Jahren 1975 bis 1989. Quelle: Wikimedia Commons

Heute Morgen um 8.09 Uhr wurde ein Hochhaus in der Hauptstadt Kiew von einer Rakete getroffen. Die Wernadskyj-Nationalbibliothek der Ukraine zählt mit rund 15 Millionen Medieneinheiten zu den zwanzig größten Bibliotheken der Erde. Sie sammelt und archiviert systematisch Pflichtexemplare und verzeichnet diese in einer Nationalbibliographie. Ihr Bestand umfasst sämtliche ukrainischen Publikationen seit 1918. Sie besitzt die weltweit umfassendste Sammlung altslawischer Schriften, darunter das Kiewer Missale aus der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts als die älteste existierende kirchenslawische Handschrift überhaupt und das wunderbar illuminierte Evangeliar von Peressopnyzja aus dem 16. Jahrhundert mit der frühesten Übersetzung der Evangelientexte ins Ruthenische, die Literatursprache der Ukrainer und Weißrussen –  auf dieses Evangeliar leisten alle ukrainischen Präsidenten seit 1991 ihren Amtseid. Das bei ihr verwahrte weltweit größte Archiv für jüdische Volksmusik, aufgenommen auf Phonographenwalzen in den Jahren 1912–1947, wurde 2005 als UNESCO-Weltdokumentenerbe eingetragen. Ihre Webseite ist in vierzig Sprachen verfügbar, auch auf Deutsch. Und: Sie befindet sich in einem Hochhaus mit 27 Stockwerken mitten in der Stadt.

Man sieht zwei aufgeschlagene Seiten der Handschrift.

Das Kiewer Missale in glagolitischer Schrift (10. Jh.), die älteste erhaltene Handschrift in slawischer Sprache, aufbewahrt in der Wernadskyj-Nationalbibliothek in Kiew. Quelle: Wikimedia Commons

Heute Morgen haben drei russische Hubschrauber etwa 60 Fallschirmjäger bei Brody, rund 90 Kilometer nordöstlich von Lwiw, abgesetzt. In Lwiw ganz im Westen der Ukraine verwahrt die Nationale Wissenschaftliche Stefanyk-Bibliothek über 8 Millionen Medieneinheiten. Ihre Webseiten sind momentan nicht erreichbar. Die Stefanyk Bibliothek entstand 1940 aus der Zusammenführung der Bestände von über hundert öffentlichen und privaten Bibliotheken, nachdem Ostgalizien von der Sowjetunion infolge des Hitler-Stalin-Paktes besetzt worden war. Hier befindet sich die weltweit umfangreichste Sammlung zur Ukrainistik, hier befinden sich aber auch kostbare historische Bestände, darunter Handschriften aus der Zeit seit dem 11. Jahrhundert, Inkunabeln und Frühdrucke und die landesweit größten Sammlungen an Karten, Musiknoten und künstlerischer Grafik. Die ca. 3.725.000 Einheiten historischer Materialien sind nationales Kulturerbe der Ukraine.

  • Zur Webseite der Nationalen Wissenschaftlichen Stefanyk-Bibliothek in Lwiw
  • Die Nationale Wissenschaftliche Stefanyk-Bibliothek im Museum Portal

Auch die Hafenstadt Odessa am Schwarzen Meer ist Ziel russischer Bombardierungen. Hier ist die 1829 gegründete Nationale Wissenschaftliche Bibliothek Odessa die älteste öffentliche Bibliothek in der Ukraine. Sie besitzt über 5 Millionen Medien, davon mehr als 200.000 Objekte in ihrer Rare Book Collection, darunter mittelalterliche Handschriften wie die Fragmente der Hilander Pages und der Ochrida Pages einer slawischen Handschrift des Neuen Testaments aus dem 11. Jahrhundert, Inkunabeln und seltene Drucke und eine 1.500 Stücke umfassende Sammlung von Miniaturbüchern.  

  • Zur Webseite der Nationalen Wissenschaftlichen Bibliothek Odessa
  • Die Webseite in Englisch

Ich weiß nicht, ob die Bibliothekare in Kiew, Lwiw und Odessa bereits vor der russischen Invasion Teile ihrer Bestände evakuiert und das bei ihnen verwahrte Kulturerbe durch Auslagerung in weniger gefährdete Bergungsorte gesichert haben. Wahrscheinlich ist das wohl nicht. Und das gibt zu großen Befürchtungen Anlass.

Der Evangelist Matthäus. Evangeliar von Peressopnyzja (16. Jh.) in der Wernadskyj-Nationalbibliothek in Kiew. Quelle: Wernadskyj-Nationalbibliothek.

Die Badische Landesbibliothek ist in der Nacht vom 2. zum 3. September 1942 bei einem schweren Luftangriff auf Karlsruhe vollständig zerstört worden. Sie verlor 98% ihres Bestandes an Druckschriften, damals 367.000 Bände – darunter 6.000 Bände Drucke des 16. Jahrhunderts, 40 Bände Atlanten des 16. bis 18. Jahrhunderts, 2.000 Landkarten des 16. bis 18. Jahrhunderts, 204 Blatt alter Ansichten, 4.000 Bände historischer Musikalien, dabei auch die vom Badischen Staatstheater abgegebenen Aufführungsmaterialien und Textbücher, sowie etwa 1.000 Bände mit buchgeschichtlich oder künstlerisch wertvollen Einbänden aus großherzoglichem oder klösterlichem Besitz. Nicht betroffen waren die Handschriftenbestände des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, die Inkunabeln und die Zimelien, die bereits zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 ausgelagert worden waren und nach dem Krieg größtenteils wohlbehalten zurückkehrten.

Wir hoffen inständig, dass das europäische Kulturerbe der ukrainischen Bibliotheken die Aggression unbeschadet überstehen möge. Vor allem aber hoffen wir, dass die Menschen in der Ukraine, darunter auch unsere Kolleginnen und Kollegen in den Bibliotheken, unversehrt diesen Krieg überleben.

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