Neu entdeckt: eine unbekannte Zeichnung der Künstlerin Marie Ellenrieder

Edwin Fecker (Gastautor) und Annika Stello 2.5.2023 12.25 Uhr

DOI: https://doi.org/10.58019/e1jt-qx61

Ein unerwarteter Fund

Unverhofft kommt oft – das gilt auch in Bibliotheken. Als vor kurzem einige handschriftliche Dokumente elektronisch verzeichnet wurden, deren Existenz zwischen einer größeren Menge gedruckter Bücher bisher unbeachtet geblieben war, ereignete sich wieder einmal ein solch unverhoffter Moment. Zwischen den von außen unscheinbaren Blättern und Büchlein fand sich auch ein Album mit eingeklebten Kunstpostkarten des 19. Jahrhunderts (Karlsruhe, BLB, K 3293 IV 21). Es ist auf den ersten Blick dekorativ, aber ansonsten nicht allzu bemerkenswert. Etwas ganz Besonderes stellt jedoch das allererste eingeklebte Bild des Albums, eine aquarellierte Zeichnung, dar.

Das Bild zeigt eine bisher unbekannte Zeichnung eines jungen Mädchens der Künstlerin Marie Ellenrieder von 1849.

Eine bislang unbekannte Zeichnung der Künstlerin Marie Ellenrieder von 1849. – zum Digitalisat

Das Bild zeigt ein junges Mädchen, das an einem kleinen Beistelltisch sitzt und den Kopf auf den linken Arm stützt, während ihre rechte Hand auf dem Tischchen liegt. Sie trägt einen rosafarbenen Umhang oder Mantel über einem hellblau gemusterten Kleid mit verzierter Knopfleiste und goldfarbenem Kragen. Im Bild finden sich rechts unten das Monogramm „M.E.“ und die Jahreszahl 1849. Es handelt sich also um eine Originalzeichnung von der Konstanzer Malerin Marie Ellenrieder (1791–1863)!

Diese Zeichnung ist bisher unbekannt geblieben. Bekannt war allerdings eine Zeichnung in Bleistift und Feder desselben Motivs, wohl eine Vorzeichnung. Laut Werkverzeichnis von 2022 (Fecker/Stark 2022, Nr. 514, S. 135) befindet sich diese Zeichnung in Münchner Privatbesitz. Ebenfalls mit dem Monogramm „M.E.“ versehen, ist sie bereits auf 1847, also zwei Jahre früher, datiert und enthält den Zusatz „in Baden“. Dieser Hinweis wohl auf den Entstehungsort lässt sich gut in die Biographie der Künstlerin einordnen. Denn in der Kurstadt Baden-Baden verweilte Marie Ellenrieder häufiger, um sich von Schwächeanfällen zu erholen, die sie seit Anfang der 1840er-Jahre immer wieder quälten. In einem ihrer Tagebücher notierte sie: „…im Jahre 47 befiel mich eine fast gänzliche Erschöpfung, eine 3 Monatliche Kur in dem schönen Baden stellte mich nicht her…“ (Konstanz, Rosgartenmuseum, 6. Band, 1833–1862).

Das Bild zeigt ein Selbstporträt der Künstlerin Marie Ellenrieder von 1818.

Marie Ellenrieder (1791–1863). Selbstporträt 1818. Quelle: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Eine berühmte Frau

Marie Ellenrieder war eine zu ihrer Zeit außergewöhnlich geschätzte Künstlerin. Die Enkelin des Konstanzer Malers Franz Ludwig Hermann wurde als erste Frau offiziell zum Studium an der renommierten Akademie der Bildenden Künste in München zugelassen. Später bekam sie Aufträge von allen bedeutenden Fürstenhöfen Südwestdeutschlands, von Donaueschingen über Sigmaringen und Stuttgart bis Karlsruhe. Besonders im Großherzogtum Baden erfreute sie sich großer Beliebtheit und erhielt neben mehreren Auszeichnungen immer wieder lukrative Aufträge. Auf diese Weise entstanden auch viele Porträts von Mitgliedern der badischen Fürstenfamilie, die ihr dafür jeweils Modell saßen. Sie malte neben anderen Amalie von Baden (1819), die im Jahr zuvor Karl Egon II. zu Fürstenberg geheiratet hatte, Leopold von Baden (1820) und insbesondere Ludwig I. von Baden (1827), der seit 1818 Großherzog war und ihr großer Förderer wurde. Er ernannte Marie Ellenrieder 1829 zur Hofmalerin und verschaffte ihr damit ein gesichertes, regelmäßiges Einkommen. Durch diese Arbeiten, die sie teilweise in einem Atelier in der Nachbarschaft des Karlsruher Schlosses ausführte, entwickelte sich ein fast freundschaftlich zu nennendes Verhältnis zu verschiedenen Mitgliedern der großherzoglichen Familie. Vertieft wurde die Verbindung zur großherzoglichen Familie insbesondere mit dem Auftrag, die Ehefrau des 1830 zum Großherzog aufgestiegenen Leopold, Großherzogin Sophie, mit ihren damals fünf Kindern in einem großformatigen Gemälde darzustellen.

Das Bild zeigt Großherzogin Sophie von Baden und ihre fünf Kinder in einer Vorzeichnung von 1834 von Marie Ellenrieder.

Großherzogin Sophie von Baden (1801–1865) und ihre fünf Kinder. Vorzeichnung von Marie Ellenrieder, 1834. Konstanz, Städtische Galerie Wessenberg. Quelle: Wikimedia Commons

Dazu weilte die Künstlerin von Mitte 1833 bis Mitte 1834 in Karlsruhe und führte das Gemälde, begleitet von zahlreichen Vorstudien, im Karlsruher Schloss aus. Intensiver Kontakt bestand dabei gerade auch zu einigen der älteren Kinder des Herrscherpaares, Alexandrine (1820–1904) und Friedrich (1826–1907), der 1852 erst Regent und 1856 dann Großherzog von Baden wurde. So ist es durchaus möglich, dass Marie Ellenrieder auch bei ihrem Kuraufenthalt in Baden-Baden 1847 Mitglieder der großherzoglichen Familie traf. Wie aber kam das nun unvermutet entdeckte Bild der Konstanzerin Ellenrieder nach Karlsruhe?

Eine „vergessene“ Sammlung

Als 1918 die Monarchie in Baden abgeschafft wurde, verblieb der großherzoglichen Familie neben anderen Immobilien auch das Neue Schloss in Baden-Baden als Privatbesitz.

Das Bild zeigt den Blick vom Neuen Schloss aus auf Baden-Baden und die Umgebung.

Blick vom Neuen Schloss auf Baden-Baden und Umgebung. – zum Digitalisat

Im Jahr 1995 sollte es verkauft werden, mitsamt seinem Inventar. Dabei kam auch eine größere Bibliothek ans Licht, deren Existenz bis dahin weithin unbekannt war. Es gelang dem Land Baden-Württemberg damals, diese Sammlung zu erwerben; sie wurde in der Badischen Landesbibliothek untergebracht. Die Büchersammlung umfasste mehr als 40.000 Bände. Im Zuge der langjährigen Erschließungsarbeiten wurde immer deutlicher, dass diese Sammlung aus dem Neuen Schloss, nun meist als „Schlossbibliothek Baden-Baden“ bezeichnet, untrennbar verknüpft war mit der einstigen Karlsruher Hofbibliothek, die 1918 in Landesbesitz übergegangen war und damit unmittelbarer Teil und Grundstock der heutigen Landesbibliothek wurde. Zu dem umfangreichen Buchbestand der Schlossbibliothek gehörten auch mehrere Regalmeter neuzeitliche Handschriften unterschiedlichster Art, die erst 2014 elektronisch erschlossen und so für die Forschung zugänglich werden konnten – das Ergebnis ist unter anderem dieser Fund eines Ellenrieder-Originals.

Genrebild oder Porträt?

Im Werkverzeichnis von Fecker/Stark wird die schwarzweiße Version des Bildes unter den Genrebildern geführt, zwischen zahlreichen Darstellungen spielender Kinder und anderer Alltagsszenen. Es fragt sich dennoch, ob das dargestellte junge Mädchen nicht vielleicht porträthafte Züge trägt. Der Entstehungs- und Fundkontext des Albums würden am ehesten an eine Verbindung zur badischen Fürstenfamilie denken lassen, auch wenn sich nicht mehr rekonstruieren lässt, wem das Album ursprünglich gehörte. Da es jedoch aus der Schlossbibliothek Baden-Baden überliefert wurde, ist es durchaus denkbar, dass Marie Ellenrieder während ihres Aufenthalts dort im Jahr 1847 eine Skizze anfertigte, die sie später noch einmal in Farbe umsetzte und der dargestellten Person zukommen ließ. Diese konnte die Zeichnung dann wiederum so mit den gedruckten Kunstpostkarten zusammenstellen, wie es das Album heute zeigt. Zeitlich käme hierfür am ehesten Prinzessin Marie von Baden (1834–1899) infrage, eine der jüngeren Töchter von Großherzog Leopold und Großherzogin Sophie.

Sie war zum Zeitpunkt der Entstehung des Kunstwerks im Teenageralter, ein Klebealbum dieser Art wäre für ein Mädchen ihres damaligen Alters nicht ungewöhnlich gewesen und würde auch zum Fundort Baden-Baden passen. Denn Marie heiratete erst 1858 und verließ danach mit ihrem Mann Ernst Fürst zu Leiningen (1830–1904), einem Neffen von Queen Victoria, das heimische Baden in Richtung England.

Das Bild zeigt ein Porträt von Marie Fürstin zu Leiningen von 1858, die die dargestellte Person auf der bisher unbekannten Zeichnung von Marie Ellenrieder sein könnte.

Marie Fürstin zu Leiningen (1834–1899). Porträt von William Corden, 1858. Quelle: Royal Collection Trust

Eine Identifizierung der neu aufgefundenen Zeichnung mit Marie oder einer anderen realen Person bleibt mangels weiterer Anhaltspunkte reine Spekulation. Der überraschende Fund ergänzt jedoch das Œuvre Marie Ellenrieders um ein weiteres kleines Stück. Und er zeigt, dass auch in vermeintlich bekannten Sammlungen noch immer unentdeckte Kleinode schlummern. Was wird wohl der nächste überraschende Fund sein?

Marie Ellenrieder
Malerei
Schlossbibliothek Baden-Baden
Badische Landesbibliothek

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