Gefangenen- und Interniertenzeitungen

Für Deutsche in Großbritannien

In britischer Gefangenschaft befanden sich insgesamt 328.000 Kriegs-gefangene und 45.000 Zivilinternierte. Sie durften englische, zum Teil auch französische Zeitungen abonnieren und waren daher über das Weltgeschehen einigermaßen informiert. Die Lagerzeitungen brauchten somit keine Nachrichtenfunktion zu erfüllen – durften es aber auch nicht: Das britische Kriegsministerium verbot 1916 jegliche politische und militärische Berichterstattung. Die Stobsiade als Zeitung eines deutschen Kriegsgefangenenlagers in Schottland und Quousque tandem – „Wie lange noch?“ – als Zeitschrift für das Lager Knockaloe auf der Isle of Man berichteten über kulturelle und sportliche Veranstaltungen in den Lagern, gaben handwerkliche Tipps und druckten kleine Erzählungen und Gedichte.

Für Griechen in Görlitz

Ab November 1916 stellten griechische Setzer in der Druckerei der Gör­litzer Nachrichten die Interniertenzeitung Nea tou Görlitz her. Griechenland war noch neutral in diesem Krieg. Deutsch-bulgarische Verbände hatten allerdings in Thrakien die griechische Grenze überschritten, und in Makedonien standen die von der Gegenregie­rung Venizelos auf Seiten der Entente mobilisierten Truppen. Das königstreue 4. Griechische Armeekorps in Kavalla war dadurch zwischen die Frontlinien geraten. Der Kommandierende General Chatzopoulos nahm ein Angebot Hindenburgs an und bat im September 1916 die Oberste Heeresleitung des Deutschen Reiches, seinen Truppen Unterkunft und Verpflegung zu gewähren. 6.500 griechische Soldaten kamen in Görlitz als „Gäste der Reichsregierung“ an.

Zu sehen ist die Titelseite der illustrierten Zeitschrift „Quousque tandem“.

Quousque tandem. Illustrierte Zeitschrift des Kriegsgefangenenlagers Knockaloe, Isle of Man.
Peel: Clarke. Oktober 1916.

Quousque tandem – das sind die Worte, mit denen Cicero seine Anklagerede gegen den Verschwörer Catilina begann. „Wie lange noch?“ war eine Zeitschrift für das Kriegsgefangenenlager Knockaloe und erschien nur einmal im Oktober 1916. Anlass war der zweite Jahrestag der Internierung auf der Isle of Man, wo zu diesem Zeitpunkt 28.000 Deutsche interniert waren.

Der lateinische Titel sollte eine Distanzierung ermöglichen und einen Blick der Internierten von außen auf sich selbst: „’Was gedenkt Ihr zu tun in der langen Zeit, die Ihr noch hinter dem Stacheldraht zubringen muesst, ehe ihr wieder ins Leben zurueckkehren koennt?’ Mancher gute Vorsatz, mancher Ansatz zur Arbeit mag schon gescheitert sein, weil der notwendige Antrieb und die notwendige Anregung fehlten. Und soweit das eine Zeitung vermag, soll unsere ein wenig daran mitarbeiten, Anregung zu gewaehren und Zeitvertreib zu bieten, bis zu dem Tage, da wir sichere Antwort haben auf die Frage: ‚Quousque tandem?’“

Lippische Landesbibliothek Detmold, Slg 49 Nr. 40

Zu sehen ist die Titelseite der „Stobsiade“ aus dem April 1917.

Stobsiade. Zeitung des deutschen Kriegsgefangenen-Lagers Stobs in Schottland.
Stobs.
Nr. 8 (22) von April 1917.

Im schottischen Stobs existierte seit Oktober 1914 ein Kriegsgefangenenlager für etwa 6.000 Gefangene. Die Stobsiade erschien als Halbmonatsschrift seit September 1915. Sie wurde im Lager gesetzt und dann von einer örtlichen Firma gedruckt. Im Lager kostete sie einen Penny, sie konnte aber auch von Deutschland aus abonniert werden und wurde dann über die „Hauptgeschäftsstelle für Liebesgaben“ in Erfurt geliefert. Allerdings ist einer Notiz in der in Detmold vorliegenden Nummer zu entnehmen, dass der Versand ins Ausland direkt von der Druckerei in Hawick aus erfolgen musste und die Redaktion vom Lager aus nichts verschicken durfte. Exemplare, zu denen Gefangene Zugang gehabt hatten, hätten nämlich für Mitteilungen genutzt werden können, die auf diese Weise der Zensur entgingen.

Nachdem bis Juli 1916 die ersten vierzehn Nummern erschienen waren, wurden die Zivilgefangenen, die die Zeitung redigierten, in das Lager Knockaloe auf der Isle of Man verlegt. Der Schriftsatz verblieb aber in Stobs, so dass die Stobsiade von im Lager befindlichen Kriegsgefangenen in gleichbleibender Gestaltung weitergeführt werden konnte.

Es erschienen 26 Nummern.

Erscheinungsverlauf: 5.9.1915-Februar 1919

Periodizität: halbmonatlich

Umfang: 4 Seiten

Auflage: 4.000

Lippische Landesbibliothek Detmold, Slg 49 Nr. 45

Miteilungen für die deutschen Internierten in Däne-mark und Norwegen.

Lagerbote. Miteilungen für die deutschen Internierten in Dänemark und Norwegen.
Kopenhagen. Nr. 1-33.1917/18.

Dänemark war neutral im Ersten Weltkrieg. Nach Absprache mit den Krieg führenden Parteien wurden allerdings zwei Lazarettlager für „halbinvalide“ Soldaten der Entente und der Mittelmächte eingerichtet.

Das Lager in Hald bei Viborg in Jütland wurde ab Mai 1917 mit ca. 1.200 vorwiegend österreichischen, aber auch deutschen Verwundeten belegt. Sie waren aus russischer Kriegsgefangenschaft übernommen worden. Ab Pfingstsonntag erschien zur Unterhaltung der Internierten der Lagerbote als eine jener Zeitschriften, die das Rote Kreuz für Internierte auch in der Schweiz, den Niederlanden und Norwegen herausgab.

Die Zeitschrift enthielt vor allem Texte skandinavischer Autoren und deutscher Klassiker, außerdem eine Rubrik „Aus dem Lager in Hald“, der vorzugsweise von hochgestellten Persönlichkeiten berichtete, die das Lager besuchten, aber auch von der Lagerbücherei, Lagerkonzerten, der Eröffnung des Soldatenheims und dem Ausbau des Bildungswerks.

Die ersten 225 Heimkehrer wurden im September 1917 per Lazarettzug nach Hause entlassen. Nach dem Frieden von Brest-Litowsk wurde das Lager Ende April 1918 aufgelöst.

Erscheinungsverlauf: 27.5.1917-30.6.1918

Periodizität: sonntags

Umfang: 16-32 Seiten

Auflage: unbekannt

Badische Landesbibliothek, 113 E 2638
Bis 1942 vorhanden: Ya 280

Plan des Lagers Hald in Jütland.

Plan des Lagers Hald in Jütland.

Zu sehen ist eine Seite aus der Zeitung „Nea tou Görlitz“ auf Griechisch.

Nea tou Görlitz.
Görlitz: Görlitzer Nachrichten und Anzeiger.
Nr. 1 vom 3.11.1916. 

Die in Görlitz internierten Griechen schufen sich umgehend eine vierseitige Tageszeitung, die mit griechischen Lettern der Schriftgießereien Klingspor und Schelter & Giesecke in der örtlichen Zeitungsdruckerei gesetzt und gedruckt wurde. Zwanzig Internierte waren an der Herstellung der Nea tou Görlitz beteiligt.

Es erschienen 365 Nummern.

Erscheinungsverlauf: 3.11.1916-16.1.1918

Periodizität: täglich

Umfang: 4 Seiten

Auflage: unbekannt

Lippische Landesbibliothek Detmold, Slg 49 Nr. 37
BLB bis 1942: *Aa 61 Nr. 24

Anzeigeteil aus der Zeitung „Nea tou Görlitz“ auf Griechisch.

Nea tou Görlitz
Nr. 4 vom 7.11.1916

Die Nea tou Görlitz enthielten vor allem Meldungen von den Kriegsschauplätzen und Nachrichten aus Griechenland. Zugehörig war ein Anzeigenteil. Es finden sich Familienanzeigen der Griechen wie Glückwünsche zu Namenstagen und sogar Verlobungsanzeigen von Internierten mit Görlitzer Mädchen. Auf zahlungskräftige Kundschaft hoffen durften die örtlichen Geschäftsleute, die in der Zeitung inserierten, denn die Griechen erhielten ihren vollen Wehrsold. Koffer aller Größen – vor allem aber Mikrai Balitsai Taxeidiou wie von einen Geschäft am Marienplatz angepriesen – hätten helfen können, um die Einkäufe nach Kriegsende in die Heimat zu transportieren. Aber keiner der Internierten ist bei Kriegsende auf geordneten Wegen zurück nach Griechenland gelangt.

Lippische Landesbibliothek Detmold, Slg 49 Nr. 37

Zu sehen ist eine Seite aus der Zeitung „Nea tou Görlitz“ auf Griechisch.

Nea tou Görlitz
Nr. 5 vom 8.11.1916

NTIKEP TOURM: Die Nea tou Görlitz machten die Gäste der Stadt auch mit deren Baudenkmälern bekannt. Der 46 m hohe „Dicke Turm“ ist ein Teil der historischen Görlitzer Stadtbefestigung.

Lippische Landesbibliothek Detmold, Slg 49 Nr. 37

Zu sehen ist die Titelseite der Sammelmappe für die Zeitung „Nea Toy Görlitz“.

Werbeblatt Sammelmappe

Die Nea tou Görlitz konnten für 2,25 Mark im Monat abonniert werden und waren sich ihres Wertes wohl bewusst: auch eine Sammelmappe mit goldgeprägtem Zeitungstitel war erhältlich und wurde per Aushang beworben.

Lippische Landesbibliothek Detmold, Slg 49 Nr. 37

Werbeblatt für die Zeitung „Nea Toy Görlitz“ auf grünem Papier.

Werbeblatt „griechischer Kriegskalender“

Lippische Landesbibliothek Detmold, Slg 49 Nr. 37

Ohne Abbildung.

Hemerologion hellenikon.
Görlitz: Görlitzer Nachrichten und Anzeiger, 1917.

Universitätsbibliothek Freiburg, Gw 338,f
BLB bis 1942: Lc 180

Ohne Abbildung.

Ellenikos ethnikos hymnos [Griechische Nationalhymne]. Originaltext von Dionysios Solomós, Melodie von Nikolaos Mantsaros, Harmonisierung von G. S. Syriótis mit Übersetzung hrsg. von Ludwig Bürchner.
Görlitz [u.a.] : Görlitzer Nachrichten und Anzeiger, 1917.

Universitätsbibliothek Freiburg, GW 8599,gf
BLB bis 1942: Adh Pb 1123

Ohne Abbildung.

Vasilis Korinthios: To tragudi tōn skotōmenōn. Kryphos Kaïmos.
Görlitz : Görlitzer Nachrichten und Anzeiger, 1917.

Der Schriftsteller Vasilis Rhotas (1889-1977) veröffentlichte im Lager unter Pseudonym (er stammte aus Chiliomodi bei Korinth) seine erste Gedichtsammlung: „Das Lied der Getöteten. Heimlicher Schmerz“. Als nach dem Kriegseintritt Griechenlands die Görlitzer Internierten plötzlich Feinde waren und die Konflikte zwischen Königstreuen und Venizelisten auch das Görlitzer Griechenlager spalteten, wurde er mit 35 anderen Offizieren als „venizelistischer Hetzer“ in das westfälische Kriegsgefangenenlager Werl gebracht, wo er bis Kriegsende verblieb.

Universitätsbibliothek Freiburg, GW 8598,m
BLB bis 1942: Pb 1123

Ohne Abbildung.

Leon Kukulas: Briefe aus Deutschland.
Görlitz: Görlitzer Nachrichten und Anzeiger, 1917.

Der Dichter Leon Kukulas (1894-1967) aus Ermoupoli auf Syros war als Unteroffizier des 23. Infanterie-Regiments in Görlitz interniert. Die Görlitzer Verlagsanstalt druckte hier 14 literarische Briefe aus dem Zeitraum November/Dezember 1916, die er an einen Athener Freund richtete. Sie liegen nur in (anonymer) deutscher Übersetzung vor, auf Griechisch sind sie nie erschienen. Das ist auch nicht erstaunlich, denn sie rühmen auf 48 Seiten in so unerträglicher Weise den deutschen Nationalcharakter im Vergleich zum griechischen, dass schwer vorstellbar ist, der Grieche sollte das wirklich so geschrieben haben.

Universitätsbibliothek Tübingen, Fm 570
BLB bis 1942: Ko 1987

Zu sehen ist der schlichte Einband einer Propagandabroschüre.

Sprachlich und inhaltlich interessante Proben aus griechischen Zeitungen ausgewählt und mit deutscher Uebersetzung versehen von G[ustav] Soyter.
Görlitz : Görlitzer Nachrichten und Anzeiger, 1917.

Der Neogräzist Gustav Soyter (1883-1965) war 1916-1918 als Dolmetscher im Griechenlager tätig. Er gab diese zweisprachige, gegen die Entente und die griechischen Venizelisten gerichtete Propagandabroschüre heraus – angeblich als Lektüre für Deutsche, die das Neugriechische erlernen wollen.

Universitätsbibliothek Freiburg, GW 5599,ms
BLB bis 1942: Aa 1271

Ohne Abbildung.

Papadiamantis, Alexandros: O alibanistos / Der Kirchenscheue. Ein Idyll. In deutscher und griechischer Sprache. Übersetzung von Ludwig Bürchner.
Görlitz : Görlitzer Nachrichten und Anzeiger, 1917.

Auch der Münchener Althistoriker Ludwig Bürchner (1858-1927), ein erfahrener Griechenlandexperte, hielt sich im Griechenlager auf und ließ im Görlitzer Verlag eine zweisprachig griechisch-deutsche Ausgabe der Erzählung „Der Kirchenscheue“ von Alexandros Papadiamantis (1851-1911) erscheinen.

Universitätsbibliothek Freiburg, D 3800,t
BLB bis 1942: Adh Pb 1123