Zwischen Tourismus und Kultur – Italien

Für gebildete Europäer war Italien seit der Renaissance das Traumreiseziel schlechthin – ein Land, das wie kein anderes die kulturellen Wurzeln des Abendlandes verkörperte. Die im späten Mittelalter gegründeten Universitäten Norditaliens waren führend; nicht zuletzt deswegen galt die Italienreise bald als unverzichtbares Bildungsabenteuer – sowohl für das gehobene Bürgertum als auch für den Adel.

Zunächst ging es um eine Vervollkommnung der eigenen Bildung durch den Abschluss des Studiums an einer oder mehreren italienischen Universitäten und die Anbahnung von Beziehungen zu Einheimischen und anderen Reisenden. Später kam im Zuge der Aufklärung auch ein Interesse an den sozialen und politischen Verhältnissen hinzu. Ab dem späten 18. Jahrhundert wurde die Italienreise zu einem ästhetischen Erlebnis: Nun rückten die Wunder der antiken Kunstschätze und der römischen Architektur in den Mittelpunkt, in denen Romantiker wie Johann Wolfgang von Goethe eine idealisierte Einheit von Natur- und Kunstgesetz verwirklicht sahen. Freilich lag das antike Rom in Trümmern, die erhaltenen Spuren der Vergangenheit waren oft überbaut, zerstört oder durch spätere Epochen überformt. Ein zerplatzter Traum?

Die literarische Verarbeitung Italiens spiegelt diesen Prozess wider: Die Reiseberichte verbinden archäologisches Interesse mit ästhetischem Genuss, historische Reflexion mit lebendigen Alltagsbeobachtungen. Sie zeigen, wie dieselben Orte von verschiedenen Reisenden unterschiedlich gedeutet wurden.

Die Italienreise – Ein Statussymbol

Eine alte Karte, die Rom zeigt.

Martin Zeiller, Itinerarium Italiæ Nov-Antiquæ: Oder Raiß-Beschreibung durch Italien (…), Frankfurt am Main: Merian, 1640
Badische Landesbibliothek, 66 B 609 RH

„Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?“ Goethe brachte 1795/96 auf den Punkt, was Deutsche seit Jahrhunderten empfanden: eine tiefe Sehnsucht nach dem Süden. Die Reise dorthin war freilich teuer und somit nur den Wohlhabenden möglich. Martin Zeillers Reiseführer richtete sich an ein wohlhabendes Publikum, das Italien im Rahmen der Kavalierstour bereisen wollte. Aufgrund seiner hochwertigen Holzschnitte ist das Buch eine bibliophile Kostbarkeit ersten Ranges.

Zu sehen ist ein aufgeklapptes Buch, auf der linken Seite ist eine Zeichnung zu erkennen, die einen Reisenden vor einem Grabmal zeigt.

Tage-Buch einer Reise nach Italien, im Jahr 1794. Ge­druckt zum Besten der Armen, Mannheim: Schwan, 1802
Badische Landesbibliothek, 115 B 3268

Die Italien-Sehnsucht blieb nicht den Reichen vorbe­halten. Im späten 18. Jahrhundert ergriff sie breitere Schichten – doch die Kosten einer Reise blieben für viele unerschwinglich. Das anonym erschienene Tagebuch einer Reise nach Italien im Jahr 1794 – zum Besten der Armen gedruckt – wollte das Reiseerlebnis auch denen ermöglichen, die es sich nicht leisten konnten: Bildung durch Lektüre statt durch Reise, ein Sehnsuchtsort als Literatur.

Ruinen und die Gegenwart

Zu erkennen ist eine Illustration aus einem alten Reiseführer, die den Portalbogen eines römischen Tempels zeigt.

Giacomo Crulli de Marcucci, Grandezze Della Citta Di Roma Antiche & Moderne (…), Rom: Giacomo Mascardi, 1625
Badische Landesbibliothek, 115 B 3600

„Gestehen wir jedoch, es ist ein saures und trauriges Geschäft, das alte Rom aus dem neuen herauszuklauben, aber man muß es denn doch thun, und zuletzt eine unschätzbare Befriedigung hoffen. Man trifft Spuren einer Herrlichkeit und einer Zerstörung, die beide über unsere Begriffe gehen. Was die Barbaren stehenließen, haben die Baumeister des neuen Roms verwüstet.“ Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise (1816/17)

Darstellung des Arco di Portugallo in einem Rom-Führer des 17. Jahrhunderts. Es handelt sich wahrscheinlich um einen Portalbogen, der zum Sonnentempel Kaiser Aurelians (270–275 n. Chr.) gehört hat, im Mittelalter und in der frühen Neuzeit aber zunehmend in jüngere Bau­struk­turen integriert wurde. 1662 ordnete Papst Alexander VII. den Abriss des Bogens an, der zu einem Verkehrs­hindernis auf der Via del Corso geworden war.

Zu sehen ist eine Reihe von Zeichnungen, die nacheinander die Abfolge der Zeremonie nach dem Ableben eines Papstes darstellen.

Heinrich von Huyssen, Curieuse und vollständige Reiß-Beschreibung von gantz Italien (…), Freyburg [= Leipzig]: Wahrmund, 1701
Badische Landesbibliothek, 115 B 3115

Das Interesse von frühneuzeitlichen Italienreisenden ist natürlich nicht auf die Überreste der Antike beschränkt. Auch die Gegenwart ist faszinierend. Der Studienrei­­sende Heinrich von Huyssen (1666–1739), der später Diplomat werden sollte, interessierte sich ganz besonders für Ge­bräuche und politischen Ränkespiele am päpst­lichen Hof. So enthält seine Reisebeschreibung auch eine bebilderte Darstellung der Zeremonien, die sich an den Tod eines Papstes anschließen, und der folgenden Papstwahl.

Touristischer Blick und Reflexion

Colorierte Illustration eines charmanten Eisverkäufers, der einer Gruppe Damen und ihren Kindern, in Florenz ein Eis verkauft.

Paul de Musset, Voyage pittoresque en Italie. partie septentrionale, Paris: Bellin-Leprieur & Morizot, 1854
Badische Landesbibliothek, 115 B 3276

Was wäre eine Italien-Reise ohne eine Kugel Eis? Der französische Schriftsteller Paul de Musset (1804–1880) schildert die Eisstände, die er in Florenz gesehen hat, als ein wahres Wunder der Farben und Geschmacksrich­tungen. Zu dem Erlebnis gehört aber auch der Auftritt der charmant-lustigen Eisverkäufer.

„Bald, wenn es heiß wird, bauen die Sorbetverkäufer ihre mit Verzierungen überladenen Stände auf. Der Sinn für Geschmack zeigt sich sogar in der Anordnung ihrer Uten­silien und Vasen, in ihren Girlanden und Zitronen­ketten, in ihren Obstpyramiden, ihren Papierfahnen und ihren Blattranken. All das reicht noch nicht aus; die Bered­samkeit, die sprachlichen Kunstgriffe und die geschickten Provokationen des Verkäufers verführen und begeistern Frauen und Kinder. Man muss schon weniger als acht Centimes in der Tasche haben, um sich die Köstlichkeiten eines Pfirsich- oder Limoneneises zu versagen, das mit Elan angeboten und flink serviert wird. Die Reden und der Witz des Verkäufers sind nicht zu bezahlen. Man be­kommt sie umsonst serviert.“ (S. 529; gekürzt, übersetzt aus dem Französischen)

Illustration eines Orangensaftstandes in Neapel. Um den Stand befinden mehrere Menschen, die gerade entweder anstehen, oder schon ein Glas in der Hand haben.

Josè Maria Lopez de Ecala y Zubiría, Viage a Italia, Sevilla: Gomez, 1849
Badische Landesbibliothek, 115 B 3080

Weniger touristisch blickt der spanische Reiseschrift­steller Josè Maria Lopez de Ecala y Zubiría auf die landes­typische Köstlichkeit: Für ihn sind sie Teil religiöser Straßenfeste, die eine wichtige Rolle für den sozialen Zusammenhalt der einheimischen Mittelschicht spielen.

„Im Allgemeinen gibt es in der Mittelschicht wenig Umgang miteinander, jeder bleibt zu Hause und geht nur selten aus dem Haus. Dagegen sind sie aber sehr angetan von religiösen Festen, die sie feiern, um einen Treffpunkt für die Leute aus der Nachbarschaft zu schaffen; dort werden riesige Eisbuden aufgestellt, an denen alle Arten von Eiscreme serviert werden, vor allem Orangen- und Zitroneneis, das es sonst nur in Andalusien in solchen Mengen gibt. Denn für vier Cuartos gibt es ein Glas Zitronen- oder Orangeneis aus Krügen, die zu diesem Zweck an den Seiten der Eiswagen aufgestellt sind, die auf einer seitlichen Achse ruhen und sich wie Glocken drehen, um schneller bedienen zu können.“ (S. 85–86; gekürzt, übersetzt aus dem Spanischen)