Die Länder der Bibel – Palästina und Ägypten
Das Heilige Land war für europäische Reisende ein besonderer Sehnsuchtsort: Wer nach Jerusalem, Bethlehem oder ans Rote Meer aufbrach, träumte von Landschaften, die bereits aus biblischen Erzählungen vertraut schienen. Die Reise wurde mit dem Ziel angetreten, spirituell bedeutsame Orte zu besuchen, an denen sich die Heilsgeschichte ereignet hatte – und diese Wunder somit selbst zu erleben.
Doch die Begegnung mit der Realität gestaltete sich unterschiedlich: Manche Pilger erlebten tiefe religiöse Überwältigung, andere beschrieben die Stätten ganz sachlich. Unfreiwillig Reisende wie der versklavte Michael Heberer machten ganz eigene, abenteuerliche Erfahrungen – und deuteten auch diese durch die biblische Tradition.
Viele der gezeigten Reiseberichte zeugen davon, wie Reisende ihre Erlebnisse in Beziehung zur Heiligen Schrift setzten: Der Ort, an dem man steht und das Erlebte werden aus einem religiösen Blickwinkel betrachtet; die eigene Reiseerfahrung wird zum spirituellen Erlebnis. Mit der Aufklärung und auch im Zuge der wissenschaftlichen Ägyptenforschung seit Napoleons Feldzug dorthin (1798) entsteht eine nüchternere, archäologisch-historische Perspektive auf diese Regionen – die sich ebenfalls in der Reiseliteratur widerspiegelt.
Reisen auf den Spuren der Bibel
Abraham Ortelius, Theatrvm Orbis Terrarvm (…), Antwerpen: Coppens van Diest, 1574
Badische Landesbibliothek, 120 C 46 R
Bei Abraham Ortelius’ Theatrum orbis terrarum handelt es sich um den ersten Atlas im modernen Sinne. Darin enthalten ist auch die hier gezeigte Karte des heiligen Landes: Ägyptens und Palästinas. Eingezeichnet ist der Verlauf des Auszugs aus Ägypten und der folgenden Wanderung der Israeliten durch die Wüste in das gelobte Land.
Christoph Fürer, Reis-Beschreibung in Egypten, Arabien, Palästinam, Syrien (…), Nürnberg: Endter, 1646
Badische Landesbibliothek, 73 A 6154 R
Christoph Fürer von Haimendorff (1541–1610), ein Nürnberger Ratsherr, bereiste das Heilige Land zwischen 1563 und 1566. Sein Bericht ist um eine nüchterne Darstellung bemüht; dennoch geht er ganz selbstverständlich davon aus, dass sich die in der Bibel geschilderten Wunder tatsächlich so ereignet haben. So die Geschichte vom Brennenden Dornbusch, aus dem der Bibel zu Folge Gott zu Mose gesprochen und ihn zur Befreiung der Israeliten aus Ägypten aufgerufen habe.
„Wir zogen durch ein langes Tal, danach schlugen wir uns auf die rechte Hand, bis wir nahend zu dem Berge kamen, da wandten wir uns widerum zur Linken, und sahen das Kloster S. Catharinae, unter dem Berg Sinai, nicht sehr weit vor uns liegen. Da sahen wir ziemlich feine und fruchtbare Gärten, was uns seltsam erschien, weil wir von Kairo aus bis dahin keine fruchtbare Bäume gefunden hatten. Es ist auch darinnen eine Kapelle, welche über den Ort gebaut ist, wo der Rubus oder Busch gestanden hat, in dem Gott Mose im Feuer erschienen ist, welcher sich deswegen sehr verwundert, dass der Baum nicht verbrannte. Dieser Ort ist unter einem Altar, wo man das Loch zeigt, in dem der Baum gestanden hat.“ (S. 111–113; gekürzt, sprachlich und orthographisch vereinfacht)
Reisen im Spiegel der Bibel
Michael Heberer, Aegyptiaca Servitvs. Das ist: Warhafte Beschreibung einer Dreyjährigen Dienstbarkeit (…), Heidelberg: Vögelin, 1610
Badische Landesbibliothek, O 50 A 12 R
Von einer abenteuerlichen Reise wider Willen berichtet der um 1560 in Bretten geborene Michael Heberer. Auf dem Mittelmeer wurde er mit der Besatzung eines maltesischen Kriegsschiffes von den Osmanen gefangen genommen und musste für drei Jahre als Galeerensklave dienen. In dieser Zeit bereiste er Ägypten, kam aber auch nach Jerusalem und Konstantinopel. Seinen Dienst in Ägypten vergleicht er mit der im Buch Exodus beschriebenen Versklavung der Israeliten.
„Diese unsere Dienstbarkeit ermahnte uns an die Dienstbarkeit des Volkes Israel, als eben in dieser Stadt mit Stoppeln Ziegel brennen mussten. Denn Kairo war die Residenz der Pharaonen, wie deren Gräber beweisen, aber auch die Heilige Schrift bezeugt. Wir machten uns also unsere Dienstbarkeit desto leichter und trösteten uns mit der Gefangenschaft Josephs, mit dem Exil Abrahams ja viel mehr mit dem Exil unseres Herren Jesu Christi selbst, das er gleich nach seiner Geburt in diesen Landen ertrug. Und wir lebten in der Hoffnung, dass der Gott, der sein Volk Israel so wunderbar aus der Hand der Pharaonen errettet hatte, auch uns nicht in der Sklaverei stecken und verderben lassen würde.“ (S. 127; gekürzt, sprachlich und orthographisch vereinfacht)
Pietro della Valle, Reiß-Beschreibung in unterschiedliche Theile der Welt (…), Bd. 1, Genf: J. H. Widerhold, 1674
Badische Landesbibliothek, 74 B 434 R,1/4
Der italienische Gelehrte Pietro della Valle (1586–1652) unternahm im frühen 17. Jahrhundert eine Pilgerreise in das Heilige Land – wohl auch um die Enttäuschung einer nicht erwiderten Liebe zu überwinden. Der Anblick einer in Binden eingewickelten Mumie, die ihm Einheimische in Ägypten verkaufen wollen, erinnert ihn unwillkürlich an die Wundergeschichte von Lazarus aus dem Johannes-Evangelium, den Jesus von den Toten auferweckt haben soll.
„Währenddessen nahm einer von den Einwohnern meinen Dolmetscher beiseite und sagte ihm ins Ohr, dass er eine ganze und sehr schöne Mumie habe, die nicht weit von hier sei, und wenn ich sie kaufen wolle, könnte er sie mir zeigen. Diese Mumie war ein ganzer Leib eines toten Menschen; der Leichnam schien ausgestreckt und ganz nackt zu sein, außer dass er mit vielen Ellen reiner Leinwand dick eingewickelt und mit Harz einbalsamiert war. Alle diese Tücher und Binden erinnerten mich damals an den von den Toten auferweckten Lazarus, der uns so beschrieben wird. Außerdem war der Leib überall mit einer von der gleichen Leinwand schön bemalten, mit Gold zierlich bestickten Decke zugedeckt.“ (S. 104–105; gekürzt, sprachlich und orthographisch vereinfacht)
Archäologisches Interesse
Vivant Denon, Reisen durch Ober- und Unter-Egypten: Während Bonaparte´s Feldzügen, Berlin/Hamburg, 1803
Badische Landesbibliothek, Gym 3500
Besonders in der Folge von Napoleons Ägyptischer Expedition kam in Europa eine regelrechte Begeisterung für die Frühgeschichte des Nillandes und der altägyptischen Kultur auf. Dadurch änderte sich der Blick auf diesen Teil des Heiligen Landes. Dominique-Vivant Denon (1747–1825), der an der Expedition teilgenommen hatte, veröffentlichte 1802 einen Bericht, der schnell übersetzt wurde und diese Begeisterung nachempfinden lässt; zum Beispiel seine Beschreibung des beeindruckenden Tempels von Edfu (Apollinopolis).
„Gewiß ist es das schönste und größte Gebäude, nach jenen von Theben, in ganz Egypten, in einer Epoche gebaut, wo die Künste ihrer höchsten Glanz errungen hatten. Alle einzelnen Partien sind gleich schön in ihrer Ausführung, die Arbeit der Hieroglyphen gleich sorgfältig, die Figuren mehr mannigfaltig, der Bau mehr vollendet, als an den Gebäuden von Theben, welche in die frühern Zeiten versetzt werden müssen. Meine erste Sorge war, einen allgemeinen Plan von diesen Gebäuden aufzunehmen. Nichts ist einfacher, als die schönen Umrisse dieses Plans, nichts mahlerischer, als die Wirkung in der Ausführung der einzelnen Theile in ihren verschiedenen Dimensionen zu einem schönen ganzen.“ (S. 330–331)
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