Die Insel der Vulkane und der Sagen – Island

Palmin Sammelkarte, die eine illustrierte Szene aus dem Nibelungenlied zeigt. Abgebildet ist der Beginn von Gunther's Brautfahrt nach Island.

Gunther's Brautfahrt nach Isenland, aus: Nibelungen-Lied – Serie Nr. 94, gemalt von Ivo Puhonny, Blatt Nr. 10, Hamburg: Schlinck, ca. 1915
Badische Landesbibliothek, 116 E 199 R

Island, eine beliebte touristische Region der heutigen Zeit, ist noch ein vergleichsweise junges und abenteuerliches Reiseziel: Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit wurde die zunächst zu Norwegen, dann zu Dänemark gehörende Insel eher selten besucht. Sie galt aufgrund ihrer rauen Natur – Kälte, Vulkanismus und angebliche Seeungeheuer, die die Meere rund um die Insel bewohnten – als lebensfeindlich. Ihre Bewohner betrachtete man allgemein als rückständig.

Auch als Reisen auf die Insel zunahmen, waren Berichte darüber noch stark durch diese Vorurteile geprägt: Sei es, dass Reiseschriftsteller diese Stereotypen zur Grundlage ihrer Darstellung machten, sei es, dass andere Autoren diese in ihren Werken widerlegen wollten. Erst im 19. Jahrhundert wird Island als Reiseziel beliebter: Gründe dafür sind die nun als unberührt empfundene Landschaft mit oft verwunschen und wundersam wirkenden Lavaformationen und beeindruckende Naturschauspiele: die in unregelmäßigen Abständen ausbrechenden heißen Quellen (Geysire) und das Polarlicht, das hier in den langen Winternächten beobachtet werden kann.

All dies machte Island in dieser Zeit auch zu einer idealen Verkörperung der nordisch-germanischen Mythologie und der damit verbundenen Träume von einer ursprünglichen Vergangenheit, so dass nicht zuletzt Literaturinteressierte sich auf den Weg machten, die Insel kennenzulernen – und ihre Eindrücke wiederum zu Literatur zu verarbeiten.

Kalt und lebensfeindlich?

Zu sehen ist ein altes, aufgeklapptes Buch.

Sebastian Franck, Weltbuch. Spiegel vnd bildtniß des gantzen erdtbodens (…),Tübingen: Morhart, 1534
Badische Landesbibliothek, 74 B 467

Zeichnung eines Eisbären.

Bildersaal für Geschichte, Natur und Kunst, Jahrgang 2, 1834
Badische Landesbibliothek, ZB 17043,1/3. 1833/36

In Sebastian Francks Weltbuch von 1534 findet sich die erste Beschreibung Islands in deutscher Sprache. Franck stellt die Insel als ein unfruchtbares Land ewiger Kälte dar, in dem wilde Bären hausen. Seine derben Bewohner ernährten sich von Fisch und kleideten sich in Bärenfelle. Dieses von Franck vermittelte Bild einer kargen, im Grunde lebensfeindlichen Landschaft, in der nur ein einfältig-wilder Menschenschlag überleben könne, ist für die Reiseliteratur zu Island prägend geworden.

„In diesem Land sind gefrorene Berg von lauter Eis. Da findet man kristallweiße, große, grimmige Bären. Es ist ein ödes, unfruchtbares Land daher dies Volk von Fisch, Jagd und Fleisch sich nährt. Daher die Einwohner von den wilden Häuten der Bären und anderen sich bekleiden für die Kälte. Andere Kleider mögen sie nicht haben, außer (sie wurden) von anderswo dahin gebracht. Es ist ein weißes, starkes und derbes Volck, der Jagd und dem Fischfang ergeben.“ (Bl. 60r; gekürzt, sprachlich und orthographisch vereinfacht)

Geysire und Nordlichter

Zu sehen ist ein aufgeklapptes Buch, auf der rechten Seite ist eine Fotografie abgebildet, die den Ausbruch eines Geysirs zeigt.

Bernhard Kahle, Ein Sommer auf Island. Mit zahlreichen Illustrationen und einer Karte von Island, Berlin: Bodenburg, 1900
Badische Landesbibliothek, 51 A 1413

Im Jahr 1900 veröffentlichte Bernhard Kahle (1861–1910), ein Germanist, der vor allem zur skandinavischen Literatur forschte, einen Bericht über eine Studienreise nach Island im Jahr 1897. Auf dieser Reise besuchte er mit einigen Begleitern den Großen Geysir.

„Als wir nun auf den Pferden sassen und schon dem Geysir den Rücken gewandt und ein paar Schritt geritten waren, hörten wir wieder den bekannten unterirdischen Donner, der uns schon des öfteren irre geführt. Ein klei­nes Mädchen, das sich eingefunden hatte, um uns kaltes Wasser von unten aus dem Fluss zu holen, verkündete weise, heute wird's nichts mehr. Da aber hörten wir ein Zischen, mächtiger, als wir es bisher gehört, wir wandten die Pferde und siehe, aufschoss die Wassersäule zu einer Höhe grösser als bei einem der früheren Ausbrüche. Wir ritten, was wir konnten, zurück, eine zweite höhere erhob sich und so folgte eine nach der andern.“ (S. 101–102)

Titelseite des Buches „Reisen nach Färö, Island, Sibieren und den Nord-Polarländern“.

Friedrich Heinzelmann, Reisen nach Färö, Island, Sibirien und den Nord-Polarländern, Leipzig: Fleischer, 1848
Badische Landesbibliothek, Gym 3470,2

Colorierte Darstellungen der Polarlichter.

Brockhaus´ Konversations-Lexikon, Bd. 13: Perugia–Rudersport, 13. Aufl., Leipzig: Brockhaus, 1898
Badische Landesbibliothek, Aa 18b,13

Zu den Naturwundern Islands gehören auch die traum­haften Polarlichter, die man in den langen Winternächten hier besonders häufig beobachten kann. Der evange­lische Theologe und Gymnasiallehrer Friedrich Heinzel­mann (1803–1874) beschreibt in seinem 1848 veröffent­lichten Reisebericht das beeindruckende Schauspiel.

„Während des Winters hatte ich Gelegenheit, die Nord­lichter fast in jeder hellen Nacht zu beobachten. Zuweilen schossen sie in lauter graden Linien vorwärts und stellten dem Auge einen unermeßlichen, unbeweglichen Licht­strom dar; aber weit gewöhnlicher hüpften sie zitternd und zuckend am Horizont entlang, indem sie bei ihrem Vorrückenn die schönsten kreisförmigen Figuren bil­de­ten. Wenn die Nordlichter besonders schnell und lebhaft sind, so hört man ein knisterndes Geräusch, wie von den Funken einer Elektrisiermaschine; in diesem Falle pflegen sie die Vorboten eines von Norden her kommenden Sturmes zu sein.“ (S. 189–190; gekürzt)