Eine neue Welt? – Südamerika

Der südliche Teil des amerikanischen Doppelkontinents ist in der Frühen Neuzeit erst einmal selbst gar kein Reiseziel, sondern eigentlich eine Zwischenstation. Schon Christoph Kolumbus, der als erster Europäer seit Jahrhunderten den Doppelkontinent erreichte, wollte eigentlich nicht dorthin, sondern nach Ostindien gelangen. Der Traum, eine neue Passage nach Indien zu entdecken, blieb, und so drangen weitere Expeditionen unter portugiesischer Führung zunächst weiter nach Süden vor. Man hoffte, über Flussläufe wie den Rio de la Plata auf die andere Seite des Kontinents gelangen und weiter nach Westen segeln zu können. Daneben war aber auch die Erbeutung von Edelmetallen wie Gold und Silber ein entscheidender Reisezweck. Die reisenden Europäer traten dabei weniger als Forscher und Entdecker auf, sondern vor allem auch als Eroberer (Konquistadoren), die brutal gegen die indigene Bevölkerung vorgingen.

Im 17. und 18. Jahrhundert bereisten verstärkt christliche Missionare den Kontinent; vor allem katholische Jesuiten, in der Karibik aber zum Teil auch Mitglieder protestantischer Gruppen wie die Herrnhuter Brüder. Ziel war die Bekehrung der Indigenen zum christlichen Glauben und ihre Sesshaftmachung. Dies ging mit einer Entmündigung und Zerstörung einheimischer Kultur einher.

Schließlich wurde Südamerika Ziel von Forschungsreisenden, die die Wunder der exotischen Flora und Fauna anlockten. Auf abenteuerlichen Forschungsreisen ließen sich noch unbekannte Tier- und Pflanzenarten entdecken. Dennoch wird in vielen Berichten auch dieser Reisenden ein kolonialer Blick deutlich, der in dem Kontinent vor allem eine Quelle für mögliche Ausbeutung zum eigenen Vorteil sieht.

Entdeckung und Eroberung?

Zeichnung eines Landsknechts mit Lanze. Unter ihm sind ein Leopard und eine Schlange abgebildet. Neben ihm ist ein Wappen zu erkennen.

Ulrich Schmidel, Wahrhafftige Historien einer wunderbaren Schiffahrt, Nürnberg: Levinus Hulsius, 1602 [Faksimile, Graz: Akademische Druck- und Verlagsanstalt, 1962]
Badische Landesbibliothek, SA 2816,1

In seinen Warhafftigen Historien, einem der frühesten deutschen Südamerika-Reisebücher, berichtet der Lands­knecht Ulrich Schmidel (1510–1580/81) von seiner Teil­nahme an einer mehrjährigen Expedition im Mün­dungs­gebiet des Rio de la Plata. Seine Haltung gegenüber dem fremden Land ist durchaus die eines interessierten Ent­deckers, vor allem aber die eines militärischen Eroberers.

Zu erkennen ist eine Buchseite. Über dem Text befindet sich eine stark übertriebene Darstellung einer Menschengruppe, die menschliche Gliedmaßen über einem Feuer rösten und verspeisen.

Hans Staden, Americae tertia pars memorabilem provinciae Brasiliae historiam continens, Frankfurt am Main: Theodor de Bry, 1592
Badische Landesbibliothek, 54 B 54 RH

Ein weiterer deutscher Konquistador ist Hans Staden (ca. 1525–nach 1558), der zwei Reisen in die Küstenregionen Brasiliens unternommen hatte. Während seiner zweiten Reise wurde er von dem Volk der Tupinambá ver­schleppt, die ihn angeblich töten und verspeisen wollten. Seine Darstellung des Kannibalismus ist nach heutiger Kenntnis stark übertrieben. Sie dient der Entmensch­li­chung der amerikanischen Ureinwohner – und so auch der Legitimierung von Gewalt gegen sie.

Missionsreisen

Zu sehen ist ein offenes Buch, auf der Titelseite. Links befindet sich eine Illustration: Im Vordergrund steht ein Christkind, umgeben von mehreren exotischen Tieren. Dahinter ist eine Gruppe eines südamerikanischen Indigenenvolks zu sehen, das von einem weißen Mann in Richtung einer Kirche geführt wird. Oben ist ein Banner, in dem steht:„Abbildung der ersten wie auch der Paraquaischen Kirche.“

Juan Patricio Fernández, Erbauliche und angenehme Geschichten derer Chiqvitos (…), Wien: Straub, 1729
Badische Landesbibliothek, 71 A 1913 R

Nach den Konquistadoren bereisten die Missionare den Kontinent. Mit der Kolonisierung war der Auftrag zur Christianisierung der ‚Neuen Welt‘ verbunden. Die Jesuiten verfolgten dabei einen eigenen Ansatz: In so­genan­nten Reduktionen fassten sie die Ureinwohner in geordneten Siedlungen zusammen – und schufen damit zwar Schutz vor Sklavenjägern, zugleich aber Strukturen der Kontrolle und Abhängigkeit. Der Jesuit Juan Patricio Fernández (1667–1733) schildert diese Arbeit im heutigen Bolivien.

Zu sehen ist ein aufgeklapptes Buch, auf der linken Seite ist eine Zeichnung eines indigenen Volkes zu erkennen.

Christoph Gottlieb von Murr, Reisen einiger Missionarien der Gesellschaft Jesu in Amerika, Nürnberg: Zeh, 1785
Badische Landesbibliothek, Gym 2006

1767 vertrieben Spanien und Portugal die Jesuiten aus ihren Kolonien – ihr wachsender Einfluss war den Kolonialmächten ein Dorn im Auge. Der Nürnberger Gelehrte Christoph Gottlieb von Murr (1733–1811) gab diese Sammlung jesuitischer Reiseberichte im Nachgang heraus. Das nebenstehende Zitat spiegelt das koloniale Denken der Zeit: Zwar wird die gemeinsame Menschen­natur der Indigenen anerkannt, zugleich aber ihr Anders­sein aus europäischer Perspektive als Defizit gedeutet.

„Und ob es schon heut zu Tage, wie bey frisch entdeck­tem Brasilien geschehen, niemand mehr in Abrede stellt, daß die Natur selbst in uns, und in diesen Wildlingen ganz einerley ist, so ist es doch fast unbeschreiblich, wie viel in ihnen das beweinenswürdige Verderbnis, bey gänzlichem Mangel einer vernünftigen Anweisung vermocht habe, sie in viele Stücken noch unter das vernunftlose Vieh he­rab­zusetzen, so daß unter ihnen die Natur zwar allezeit Menschen erzeugt, die aber von einem Grade oder einer Stufe zur andern in Fortsetzung der Zeugung immer we­niger Menschlichkeit aufweise.“ (S. 290–291)

Begeisterung für die Natur

Einband des Buches „Reisen eines Naturforschers im tropischen Südafrika.“ Der Einband wurde mit kleinen, colorierten Zeichnungen verziert.

Otto Bürger, Reisen eines Naturforschers im tropischen Südamerika, Leipzig: Dieterichsche Verlagsbuchhandlung Th. Weicher, 1900
Badische Landesbibliothek, 66 A 4017

Otto Bürger (1865–1945), Zoologe und Wirtschafts­geograf, bereiste Südamerika im späten 19. Jahrhundert. Sein Reisebericht schildert die Wunder der südamerika­nischen Fauna – darunter die überwältigende Vielfalt der Schmetterlingsarten im tropischen Urwald.

„An keinem Orte habe ich eine solche Fülle von verschie­denen Schmetterlingen wieder gesehen, wie in dieser Wald­region. Was dem Urwalde auch hier an Blüten man­g­elt, wird reichlich durch die bunte, schillernde Pracht der Schmetterlinge ersetzt, welche in verwirrender Zahl sein sonnendurchleuchtendes Halbdunkel bis in das höchste Laubstockwerk farbig beleben.“ (S. 235)

Zu sehen ist ein aufgeklapptes Buch, auf der rechten Seite ist eine Illustration zu erkennen, die eine bis dahin unbekannte Erdbeer-Art zeigt.

Amédée François Frézier, A Voyage to the South-Sea and along the Coasts of Chili and Peru, London: Jonah Bowyer, 1717
Badische Landesbibliothek, 121 E 3304 R

Nicht nur die Tier-, auch die Pflanzenwelt Südamerikas war für Forschungsreisende reich an Wundern – zum Teil auch solchen, die uns heute alltäglich erscheinen. Der französische Spion Amédée François Frézier (1682–1773), der Peru und Chile mit dem Auftrag bereiste, die dortigen Militäranlagen auszukundschaften, entdeckte in Chile eine  bislang unbekannte Erdbeeren-Art, von der die heutigen Kulturerdbeeren abstammen.

Zu erkennen ist der Einband des Buches „Der Amazonas“. Auf diesem befindet sich eine Illustration einer Landschaftsszene, die den Regenwald zeigt.

Kuno Damian Freiherr von Schütz-Holzhausen, Der Amazonas. Wanderbilder aus Peru, Bolivia und Nordbrasilien, Freiburg im Breisgau: Herder, 1883
Badische Landesbibliothek, 66 A 4013

Kuno Damian Freiherr von Schütz-Holzhausen (1825–1883) war nicht nur Naturforscher, sondern auch Kolonisator. Im Auftrag der peruanischen Regierung siedelte er Tiroler und Pfälzer im Amazonasgebiet an. Entsprechend sieht er den Amazonas nicht zuletzt als Schatzkammer ungenutzter Ressourcen – und die indigene Bevölkerung als Hindernis für deren Ausbeutung.

„Welch unermeßlichen Aufschwung würde das Amazo­nengebiet nehmen, wenn es im Besitze einer anderen andern Bevölkerung wäre als der heutigen kreolischen, die seine ganze Entwicklung hemmt! Seine natürlichen Reichtümer sind größer als die von Indien oder irgend einem andern Lande der Welt. In den Hochgebirgen, an den Orten seiner Zuflüsse, findet man Silber, Quecksilber, Kupfer, Zinn, Blei, Eisen, Kohlen und Salz; im Sande eini­ger Nebenflüsse Gold und Diamanten; in seinen Urwäl­dern wertvolle Medizinalplflanzen und Gewürze. Große Herden von Schafen und Alpacas weiden auf den Bergen. Die Wälder sind angefüllt mit Wild und die Flüsse mit Fischen und Schildkröten; aber das meiste verkommt ungenutzt.“ (S. 174; gekürzt)