Hans Thoma: Zwischen Brief und Bild – Zur Überlieferung von Ella Thoma im Umfeld Hans Thoma
Abb. 1: Hans Thoma, Karlsruhe, o.D., Fotograf: E. Hardock, Badische Landesbibliothek, K 3077,2
Undine Remmes, 26.1.2026
DOI: https://doi.org/10.58019/rerf-8b92
Seit dem Abschluss des Digitalisierungsprojekts im Frühjahr 2025 steht der Karlsruher Bestand des schriftlichen Nachlasses Hans Thoma vollständig erschlossen und digital zugänglich zur Verfügung. Die virtuelle Zusammenführung der Materialien aus der Badischen Landesbibliothek und der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe erleichtert nicht nur die Nutzung, sondern lässt auch die Struktur und die Lücken des überlieferten Materials hervortreten. Die systematische Erfassung, Digitalisierung und maschinelle Texterkennung haben den Bestand technisch erschlossen und zugleich die Struktur des Materials deutlicher sichtbar gemacht. Die vorausgehenden Beiträge (hier und hier) vermitteln weiterführende Informationen zu den Hintergründen des Digitalisierungsprojekts an der Badischen Landesbibliothek und konnten zeigen, dass es sich um einen Streubestand handelt, der viele Vermutungen belegt, aber auch einige Fragen offenlässt.
Die Familie Thoma
Ein auffälliges Ergebnis dieser Aufarbeitung betrifft die Familie des Künstlers: Während Mutter, Schwester und Ehefrau regelmäßig erscheinen, bleibt die Adoptivtochter Ella Thoma eher außen vor. Dass Ella im familiären Gefüge eine feste Rolle spielte, belegen verschiedene Dokumente aus dem Karlsruher Bestand. Darunter Postkarten, die Hans Thoma an Ella richtete und mit „Papa“ unterzeichnete und in denen er seine Frau Cella als „Mama“ bezeichnete. In den frühen Jahren erscheint Ella wiederholt als Tochter in der Korrespondenz, später jedoch gibt es nur noch vereinzelte Hinweise. Diese punktuellen Nennungen belegen ihre Einbindung in das familiäre Umfeld, machen jedoch zugleich deutlich, wie begrenzt ihre sichtbare Präsenz im Material bleibt. Doch wie sich zeigte, ist ihr Lebensweg anhand externer Quellen rekonstruierbar. Diese Diskrepanz zwischen gesicherter Biografie und geringer Überlieferung verweist auf ein grundlegendes Problem der Nachlassforschung: Familiäre Nähe erzeugt nicht automatisch archivische Präsenz. Ella Thoma erscheint in den gängigen Monografien allenfalls am Rand, eine systematische Auseinandersetzung mit ihrer Rolle oder ihrer Abwesenheit in den Dokumenten zu Hans Thoma fehlt bislang.
Abb. 2: Hans Thoma, „Mädchenbildnis (Ella mit Strohhut)“, 1888, Öl auf Pappe, 70 x 52 cm, Alte Nationalgalerie, Berlin. Quelle: Inv. Nr. A II 414, CC BY-NC-SA: Alte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, Andres Kilger.
Dieser Beitrag nutzt den Fall Ellas, um die Grenzen des vorhandenen Materials zu verdeutlichen. Ziel ist es zu zeigen, wie sich biografisches Wissen und archivalische Überlieferung zueinander verhalten. Die Digitalisierung ermöglicht präzise Suchprozesse, legt aber zugleich offen, wo das Material Lücken aufweist. Der Fall Ella Thoma zeigt, wie unterschiedlich die Überlieferungswege innerhalb eines Künstlernachlasses verlaufen können: Während Hans Thoma seine Adoptivtochter mehrfach porträtierte und sie damit Teil seines künstlerischen Werks wurde, bleibt sie in seinem schriftlichen Nachlass eine Randfigur. Diese Diskrepanz zwischen visueller Präsenz und dokumentarischer Abwesenheit macht deutlich, dass verschiedene Quellentypen unterschiedliche Aspekte eines Lebens bewahren und dass die Rekonstruktion biografischer Beziehungen stets von der Eigenlogik der jeweiligen Überlieferungsform abhängt.
Für die biografische Rekonstruktion Ellas wurden externe Personenstandsunterlagen und amtliche Dokumente herangezogen, die nicht zu dem in Karlsruhe befindlichen Thoma-Material gehören. Diese Unterlagen wurden der Autorin von den zuständigen Institutionen bereitgestellt (Stadtarchiv Bad Säckingen, Landesarchiv Berlin, Stadtarchiv Karlsruhe, Standesamt Karlsruhe, Stadtarchiv München). Ihre Funktion im vorliegenden Beitrag besteht allein in der Einordnung von Ellas Lebensweg.
Familiärer Kontext und Bildzeugnisse
Ella Thoma wurde am 16. Februar 1880 in Landshut unter dem Namen Antonie Bonicella Berteneder geboren. Der Eintrag im Geburtsregister Nr. 1307 des Standesamts München nennt den Friseur Jakob Berteneder als ihren Vater und Maria Berteneder, geborene Helldobler, als ihre Mutter. Die Einwohnermeldekarte Jakob Berteneders (geboren am 14. Dezember 1856) erwähnt neben Ella noch drei weitere Kinder: Adolf Joseph (geboren am 6. Februar 1879), Johann (geboren am 29. Mai 1890) und Alfons (geboren am 2. April 1902): Alle Kinder wurden katholisch getauft. Auch in die wirtschaftlichen Verhältnisse geben die Register einen gewissen Einblick: Jakob Berteneder erscheint im Verlauf der Jahre unter verschiedenen Berufsbezeichnungen: Friseur, Commissionär, später Gastwirt; zudem sind mehrfache Eheschließungen verzeichnet. Auch Ellas Verbindung zu Hans und Cella Thoma geht aus den Unterlagen hervor: Es zeigt sich, dass Cella die Schwester Jakobs war, denn beide sind Kinder der Schuhmachersleute Matthias Berteneder und Maria Berteneder, geborene Kerscher. Der Heiratseintrag zu Hans Thoma und Cella Berteneder von 1877 zeigt dies ebenso wie die Einwohnermeldekarte Jakob Berteneders. Somit waren Cella und Jakob Geschwister. Dadurch lässt sich Ellas Position in der Familie eindeutig bestimmen: Sie war eine Nichte Cellas.
Einzelne Hinweise zeigen, dass Kontakt zur Familie Berteneder bestand: In einem Brief aus dem Jahr 1893 erwähnt Thoma seine Schwägerin Toni. Es fehlen jedoch Schriftwechsel, die Jakob erwähnen, ebenso wie solche aus denen hervorginge, wann und unter welchen Umständen Ella zu Hans und Cella Thoma kam. Frank Engehausen schreibt dazu in seiner Thoma-Monographie: „Laut Recherchen des ehemaligen Leiters des Kupferstichkabinetts der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, Dr. Rudolf Theilmann, wurde die Nichte von Cella Thoma, Ella Berteneder, am 16. Februar 1880 in München geboren. Sie wurde 1882 von Cella und Hans Thoma adoptiert und starb am 20. April 1945 in Berlin.“ Ebenfalls nennt der Autor eine Akte aus dem Generallandesarchiv Karlsruhe, die Auskunft darüber gibt, dass Ella Geißler-Thoma zwischen 1936 und 1939 220 Radierungen und Lithographien ihres Vaters an die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe veräußerte. Eindeutig belegt ist ein zentraler Schritt nach dem Tod Cella Thomas 1901: Ellas Geburtsregistereintrag weist eine Ergänzung auf, in der auf die Urkunde Nr. 5665 des großherzoglichen Notariats Karlsruhe I vom 14. Oktober 1902 verwiesen wird. In dieser Ergänzung wird festgehalten, dass Professor Hans Thoma Ella am 27. November 1902 „an Kindesstatt“ angenommen hat.
Trotz der rechtlich klaren und biografisch bedeutsamen Entscheidung hinterließ die Adoption im überlieferten Briefwechsel keine Spuren. Die archivalische Sichtbarkeit dieses Vorgangs steht damit in einem deutlichen Missverhältnis zur biografischen Relevanz. Während Ella im schriftlichen Nachlass kaum erscheint, ist sie im bildnerischen Werk Hans Thomas präsent. Der Künstler fertigte mehrere Porträts seiner Adoptivtochter an, die ihre verschiedenen Lebensphasen dokumentieren. Sie zeigen Ella in unterschiedlichen Altersstufen und belegen, dass sie für den Maler als Motiv von Bedeutung war.
Ellas Lebensweg
Ellas weiterer Lebensweg lässt sich durch standesamtliche Dokumente zuverlässig nachvollziehen. Die hierfür herangezogenen Personenstandsunterlagen stammen aus externen Archiven und stehen in keinem Zusammenhang mit den im Projekt erschlossenen Nachlassbeständen. Am 21. Juli 1903 heiratete sie den Zahnarzt Friedrich Heinrich Theodor Blaue, der in Karlsruhe praktizierte. Der Eintrag im Heiratsregister enthält die Informationen, dass Ella die Tochter des Friseurs Jakob Berteneder und dessen Ehefrau Maria, geborene Helldobler, sei, versehen mit dem Zusatz: „angewünscht von Professor Hans Thoma“. Diese Formulierung ist als Hinweis auf Thomas ausdrückliche Befürwortung der Eheschließung zu verstehen und zeigt, dass er in die Entscheidung einbezogen war. Sie gehört zu den dokumentarischen Punkten, an denen die Verbindung zwischen Ella und dem Künstler im erhaltenen Material unmittelbar sichtbar wird.
Abb. 4: Hans Thoma, „Porträt von Ella Blaue“, 1903, Öl auf Pappe, 77,5 x 68 cm, National Museum Warsaw. Quelle: Inv. Nr. M.Ob.2214 MNW, Public Domain.
Zu diesen bildlichen Zeugnissen gehört auch eine Algraphie aus dem Jahr 1897, die sich heute im Augustinermuseum Freiburg befindet. Das Blatt zeigt Ella frontal vor dunklem Grund, mit ruhigem, ernstem Ausdruck und ohne jede Staffage. Die Darstellung konzentriert sich vollständig auf Gesicht und Oberkörper und verzichtet auf erzählerische oder situative Hinweise. Dadurch erscheint Ella nicht als Teil einer Handlung, sondern als eigenständige Bildfigur, deren Präsenz allein über Blick, Haltung und physiognomische Ausarbeitung vermittelt wird. Die Algraphie unterstreicht, dass Ella im Werk Hans Thomas nicht nur als familiäres Motiv erscheint, sondern als bewusst gestaltetes Porträt einer eigenständigen Persönlichkeit.
Ergänzend sind weitere Darstellungen Ellas überliefert, darunter das Gemälde Mutter mit Kind von 1885, heute im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover. Die Darstellung zeigt Ella als Kleinkind auf dem Schoß von Cella Thoma und verankert sie eindeutig im familiären Zusammenhang. Die Komposition ist ruhig und geschlossen angelegt: Gestik und Blickführung bleiben zurückhaltend und verzichten auf eine ausformulierte Handlung. Das Bild hält einen Moment des Zusammenseins fest, ohne diesen erzählerisch zu verdichten oder über den dargestellten Augenblick hinaus zu erweitern.
Ein weiteres Bildnis ist Ella mit Gießkanne von 1886, heute im Kurpfälzischen Museum Heidelberg. Das Gemälde zeigt Ella als Kind im Garten, mit einer Gießkanne in der Hand. Die Figur steht ruhig und frontal im Bildraum, die Tätigkeit des Gießens der Pflanzen bleibt angedeutet, ohne tatsächlich ausgeführt zu werden. Auch hier liegt der Fokus weniger auf einer Handlung als vielmehr auf der Präsenz der Figur selbst. Ella erscheint als klar identifizierbares Kind im naturhaften Umfeld.
Die Werke dokumentieren Ellas wiederholtes Erscheinen im bildnerischen Œuvre Hans Thomas über mehrere Jahre hinweg. Sie belegen ihre Sichtbarkeit und ihre Einbindung in den familiären Kontext des Künstlers. Die Existenz dieser Porträts macht die Diskrepanz zur schriftlichen Überlieferung besonders deutlich. Während das künstlerische Werk Ellas Anwesenheit im Haushalt Thoma dokumentiert und ihre Bedeutung für den Maler sichtbar macht, fehlen entsprechende Spuren in Briefen, Notizbüchern oder Verwaltungsunterlagen weitgehend.
Für die Nachlassforschung bedeutet dies, dass bildliche und schriftliche Quellen nicht deckungsgleich sind. Die Porträts belegen Ellas familiäre Nähe und ihre Rolle im Leben des Künstlers, geben jedoch keinen Aufschluss darüber, in welchem Umfang Ella Kenntnis von dem schriftlichen Nachlassmaterials ihres Vaters hatte oder in dessen Verwahrung eingebunden war. Die visuelle Überlieferung kann die dokumentarische Leerstelle nicht füllen, sondern macht sie im Gegenteil noch deutlicher sichtbar.
Abb. 3: Hans Thoma „Ella“, 1897, Algraphie, Augustinermuseum Freiburg, Inv. 2021/310, Lizenz CC BY 4.0
Aus dieser ersten Ehe gingen zwei Töchter hervor: Elisabeth Agathe Katharina, geboren am 23. Januar 1907, und Uta Maria Luise, geboren am 11. Juli 1910. Nach dem Tod Blaues heiratete Ella am 11. Mai 1921 Otto Hugo Ernst Geißler. Aus dieser Verbindung stammt ihr Sohn Hans Friedrich Ernst, geboren am 14. September 1922. Ein Vermerk vom 29. Januar 1936 im Heiratseintrag Nr. 539 1921 gibt an, dass Ella ihren Nachnamen nach dem Tod von Otto Geißler in Geißler-Thoma ändern ließ, was davon zeugt, dass der Name Thoma fortdauernde Bedeutung für sie hatte.
Ella starb laut Sterberegistereintrag am 20. April 1945 um 3 Uhr in Berlin, wobei ihr Tod erst am 19. März 1946 von einem gewissen Gustav Adolf Tamm gemeldet wurde. Tamm „erklärte, von dem Sterbefall aus eigener Wissenschaft unterrichtet zu sein“. Als Todesursache wurde Lungentuberkulose angegeben. Zuletzt war Ella in der Mühlenstraße 89 in Berlin-Pankow wohnhaft.
Ellas Biografie ist somit weitgehend rekonstruierbar, doch die überlieferten Angaben beschränken sich auf die administrative Ebene. Eigene schriftliche Zeugnisse oder Dokumente ihres persönlichen Umfelds, die für die Nachlassforschung von Bedeutung sein könnten, sind bislang kaum bekannt. Die vorhandenen Unterlagen ermöglichen eine präzise biografische Einordnung, sagen jedoch nichts darüber aus, inwieweit Ella Zugang zu Unterlagen Hans Thomas hatte oder ob sie solche weitergab. In der Folge bleibt ihre Rolle in der Nachlassgeschichte offen, ohne dass hieraus Annahmen abgeleitet werden sollten.
Ellas Stellung im Nachlass
Die systematische Sichtung der Bestände der Badischen Landesbibliothek und der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe hat gezeigt, dass Ella im Streubestand Thomas nur selten auftaucht. Es befinden sich keine von ihr verfassten Briefe oder Unterlagen darin, die auf eine Beteiligung an der Ordnung, Bewahrung oder Weitergabe von Dokumenten hindeuten. Ihre biografische Nähe schlägt sich im Material nur wenig nieder, doch gibt es weitere Quellen, die mehr Informationen liefern.
Der Nachlass von Hans Thoma liegt nicht in geschlossener Form vor, sondern verteilt sich auf verschiedene Institutionen und entstand über einen langen Zeitraum durch Ankäufe und Einzelzugänge. Die Erwerbungswege sind nur in Teilen dokumentiert. Sicher belegt ist unter anderem, dass im Jahr 1925 im Frankfurter Elternhaus von Sophie Bergman-Küchler das Hans-Thoma-Archiv unter der Bezeichnung „Hans-Thoma-Sammlung und Archiv“ eröffnet wurde. Dieses Archiv umfasste nicht nur Gemälde von Hans Thoma, sondern zudem Zeichnungen, Majoliken, Manuskripte, Fotografien sowie Erstausgaben seiner Veröffentlichungen. Frank Engehausen schreibt dazu:
„Aus einem Schreiben Kurt Martins vom 24.04.1940 geht hervor, dass Ella Geißler-Thoma den Antrag auf Auflösung des Hans-Thoma-Archivs gestellt hatte. Sie hatte vorgeschlagen, die vorhanden Gegenstände zwischen ihr und der Staatlichen Kunsthalle zu verteilen [LA-BW, GLA 56–1 1426]. Es ist unklar, wie mit diesem Antrag verfahren wurde.“
Weiterhin verweist Engehausen auf eine Akte des Institutes für Stadtgeschichte, in der der
„Rechtsstreit zwischen Sofie Bergmann-Küchler und der Adoptivtochter des Malers Hans Thoma, Frau Dr. Ella Geissler-Thoma, betr. Eigentums- und Verfügungsrechte an Gegenständen von Hans Thoma sowie betr. Übertragung des Hans-Thoma-Archivs an die Stadt Frankfurt“
dokumentiert ist. Das Augustinermuseum Freiburg gibt hierzu an, dass die Sammlung an Thoma-Werken, die Ella besaß, 1943/44 zusammen mit anderen Sammlungen ins Schloss Oberquell bei Glogau ausgelagert wurde. Dort gerieten die Werke 1945 in den Besitz sowjetischer und anschließend polnischer Behörden.
Der Fall verdeutlicht damit ein grundlegendes Prinzip: Auch bei Personen mit nachweislicher familiärer Nähe ist nicht von einer entsprechenden archivischen Sichtbarkeit auszugehen. Überlieferung folgt nicht biografischen Strukturen, sondern Vorgängen der Schriftproduktion, Aufbewahrung und späteren Sammlungsgeschichte. Ellas Unsichtbarkeit ist daher kein Ausnahmefall, sondern ein typisches Merkmal fragmentierter Nachlässe. Die digitale Infrastruktur des Projekts ermöglicht dabei eine präzise Überprüfung: Sämtliche Dokumente sind über IIIF-Schnittstellen zugänglich, die Volltexte sind durchsuchbar, und die Metadaten erlauben eine strukturierte Recherche nach Personen und Korrespondenzverhältnissen. Diese technische Grundlage macht eine systematische Suche nach Ella möglich und bestätigt zugleich ihre weitgehende Abwesenheit. Die wenigen Erwähnungen beschränken sich auf beiläufige Hinweise in Briefen an Dritte, ohne dass sich daraus ein kohärentes Bild ihrer Beziehung zum schriftlichen Nachlass ergeben würde. Doch aus amtlichen Dokumenten lassen sich weitere Hinweise zu Ellas Rolle gewinnen.
Rezeptionsgeschichte
Ein weiterer Befund, der die strukturelle Unklarheit in Ellas Überlieferung unterstreicht, findet sich bereits in zeitgenössischen Recherchen der 1940er Jahre. Ein kurzer Briefwechsel der Berliner Kunsthistorikerin Anni Paul-Pescatore aus den Jahren 1943/44 zeigt, dass schon damalige Fachleute mit widersprüchlichen oder unzureichenden Informationen zu Ella konfrontiert waren. In ihrem Schreiben vom 12. November 1943 an Dr. Martin, Direktor der Abteilung Erziehung, Unterricht und Volksbildung beim Chef der Zivilverwaltung im Elsass, versucht Paul-Pescatore zunächst, das Alter der auf dem Porträt Ella mit Strohhut (1888) dargestellten Figur zu bestimmen, und geht von einem etwa sieben- bis achtjährigen Mädchen aus. Zugleich schreibt sie, dass Beringers Aufsatz Hans Thoma und die Frauen seines Hauses die Frage nach Ellas Herkunft absichtlich offenlasse. Sie selbst vermutete, Ella könne eine Verwandte von Cellas Familie Berteneder gewesen sein. Doch ihr lagen keinerlei gesicherte Informationen über Ellas Kinder vor – ein Hinweis darauf, wie gering die biografische Sichtbarkeit bereits damals war.
Die Unsicherheit setzte sich auch in Paul-Pescatores Brief vom 10. Januar 1944 fort. Dort erwähnt sie ein in Berlin kursierendes Gerücht, Ella sei die voreheliche Tochter Cellas gewesen, und verweist auf Auskünfte des Kunsthistorikers Paul Ortwin Rave, der an einem Katalogtext arbeitete. Rave nannte bereits das korrekte Geburtsdatum 16. Februar 1880 und formulierte einen biografischen Abriss, in dem Ella als Nichte Cellas „an Kindesstatt“ angenommen und später als Frau Blaue sowie als Witwe des Landgerichtsdirektors Dr. Geißler bezeichnet wird. Der von Paul-Pescatore zitierte Text erscheint nahezu identisch in Raves späterer Publikation Deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts (Berlin 1949, S. 327).
Ein zusätzlicher Punkt, der zur historischen Unsicherheit beigetragen haben mag, findet sich in Hans Thomas Autobiografie Im Winter des Lebens. Dort erwähnt er ein Bild, das „Cella mit dem Kinde Ella im Garten“ zeige. In der GND wurde bis vor Kurzem als Wirkungszeitraum Ellas 1876–1945 angegeben – möglicherweise wurde dabei an das Bild In der Hängematte gedacht, dessen Motivik scheinbar mit Thomas Beschreibung korrespondiert. Die Datierung des Gemäldes widerlegt dies jedoch eindeutig, denn es ist vom Künstler signiert und datiert mit „HTh 76“. Da Ella erst 1880 geboren wurde, kann das dargestellte Kind nicht mit ihr identifiziert werden. Im Werkverzeichnis Henry Thode von 1909 Thoma – des Meisters Gemälde: in 874 Abbildungen ist auf Seite 161 ein Gemälde namens Mutterglück von 1880 aufgeführt. Eine klare Identifizierung der Mutter und des Babys ist anhand der Abbildung nicht möglich, doch zumindest zeitlich würde ein Zusammenhang mit Cella und Ella hier Sinn ergeben. Erstmals eindeutig identifizierbar tritt Ella als Kleinkind in Thodes Buch auf, und zwar auf Seite 205 im Bild Ella mit Körbchen von 1883.
Abb. 5: Hans Thoma, „In der Hängematte“, 1876, Öl auf Leinwand, 107 x 147 cm, signiert und unten links: „HTh 76“; Städel Museum, Frankfurt am Main. Quelle: Inv. Nr. SG 22, Public Domain.
Die Fehlzuordnung erklärt sich damit unmittelbar, verweist aber zugleich auf ein grundlegendes Problem der Thoma-Rezeption: Die Suche nach biografischen Spuren im bildnerischen Werk traf auf das Bedürfnis, die Beziehungen innerhalb des Haushalts greifbar zu machen. Diese Quellen zeigen, dass die heute sichtbare Leerstelle im Nachlass nicht erst aus späteren Überlieferungsverlusten resultiert, sondern dass bereits die zeitgenössische Forschung kaum belastbare Informationen über Ella besaß. Die Unklarheit ist damit kein nachträgliches Produkt der Fragmentierung des Bestands, sondern ein historisch gewachsenes Phänomen, das sich durch die gesamte Rezeptionsgeschichte zieht.
Methodische Einordnung
Die digitale Aufbereitung des Thoma-Materials hat gezeigt, welche Möglichkeiten und zugleich welche Grenzen moderne Verfahren für die Auswertung fragmentierter Nachlässe bieten. Die Kombination aus Digitalisierung, strukturierter Metadatenerfassung und maschineller Texterkennung ermöglicht eine präzise Recherche nach Personen, Orten und thematischen Zusammenhängen. Für eine Person wie Ella Thoma, deren biografische Daten gut dokumentiert sind, bietet diese Infrastruktur die Chance, vorhandene Spuren systematisch aufzufinden oder ihr Fehlen belastbar nachzuweisen. Die in den Digitalen Sammlungen hinterlegten Volltexte erlauben eine direkte Suche. Die digitale Durchsuchbarkeit bestätigt, was sich beim manuellen Studium nur begrenzt feststellen ließ: Ella ist im vorhandenen Material wenig präsent.
Auch die strukturierte Erfassung der Dokumente trägt wesentlich zu diesem Befund bei. Durch die einheitliche Aufnahme von Verfasserangaben, Adressaten und Datierungen lassen sich Kommunikationszusammenhänge sichtbar machen. Bei vielen Nachlässen ergeben sich dadurch Hinweise auf familiäre oder geschäftliche Beziehungen, selbst wenn einzelne Briefe verloren sind. Für Ella liefert dieses Instrument keine Anzeichen eines dokumentierten Kontakts. Sie erscheint nur selten als Adressatin, aber bisweilen als indirekt genannte Person.
Die Methodik macht somit sichtbar, dass digitale Verfahren Bestandstransparenz erhöhen, ohne fehlende Dokumente ersetzen zu können. Für den Fall Ella bedeutet dies, dass ihre Abwesenheit im Streubestand des Thoma-Nachlasses kein Erschließungsproblem darstellt, sondern Ausdruck der fragmentierten Sammlungsgeschichte des Thoma-Materials ist. Die Digitalisierung liefert den Rahmen, diese Leerstelle eindeutig zu benennen.
Die Kombination aus technischer Erschließung und archivalischer Bewertung verdeutlicht, dass die fehlende Präsenz Ellas nicht auf Suchschwierigkeiten zurückzuführen ist, sondern darauf, dass Nachweise zu ihren Lebensdaten in verschiedenen Institutionen vorhanden sind. Die Methodik dient somit nicht nur der Auffindbarkeit vorhandener Dokumente, sondern auch der gesicherten Identifikation von Lücken, die sich nicht schließen lassen.
Der Fall Ella Thoma zeigt deutlich, wie weit biografische Rekonstruktion und Nachlassüberlieferung auseinanderfallen können. Weder Korrespondenzen noch persönliche Unterlagen weisen auf eine Rolle hin, die sich auf die Ordnung, Bewahrung oder Weitergabe von Dokumenten ausgewirkt hätte.
Die Digitalisierung des Bestands hat diese Abwesenheit nicht aufgehoben, sondern erst klar erkennbar gemacht. Die durchgängige Volltexterschließung, die ein eigenes HTR-Modell für die Handschrift Hans Thoma einschließt, ermöglicht eine systematische Suche im gesamten Material. Die geringe Anzahl an Treffern bei der Suche nach Ella ist kein Zufall, sondern ein belastbarer Befund. Ihre biografische Nähe lässt sich im Nachlass nicht nachzeichnen, und sie liefert keine Hinweise darauf, wie der fragmentierte Bestand entstanden ist oder welche Wege er genommen hat.
Der Beitrag macht damit einen zentralen Punkt der Nachlassforschung sichtbar: Überlieferung entsteht selektiv. Sie folgt nicht automatisch den Strukturen des gelebten Lebens, sondern den Bedingungen von Schriftproduktion, Aufbewahrung, Verlust und späterem Sammlungshandeln. Digitale Methoden können diese Differenz nicht aufheben, aber sie erlauben, sie präzise zu benennen und nachvollziehbar zu dokumentieren.
Ellas Biografie gewinnt in diesem Kontext exemplarischen Charakter. Sie zeigt, wie wichtig es ist, biografische Informationen und Nachlassmaterial voneinander zu unterscheiden, und macht zugleich deutlich, welchen Erkenntniswert auch das Fehlen von Quellen haben kann. Die Tatsache, dass Hans Thoma seine Adoptivtochter mehrfach porträtierte, während sie in seinem schriftlichen Nachlass kaum erscheint, verweist auf die unterschiedlichen Überlieferungslogiken von künstlerischem Werk und persönlichen Dokumenten. Beide Quellentypen bilden unterschiedliche Aspekte eines Lebens ab, und ihre jeweiligen Lücken sind nicht austauschbar.
Für die weitere Forschung ist dieser Befund in mehrfacher Hinsicht anschlussfähig: Er macht die Grenzen der Überlieferung ebenso wie die Bedeutung digitaler Erschließungsmethoden für die Lückenidentifikation deutlich und eröffnet zugleich Fragen an die Entstehungs- und Erwerbungsgeschichte des Bestands. Die digitale Verfügbarkeit der Karlsruher Bestände bietet die Grundlage, mögliche Querverbindungen systematisch zu prüfen.
Neben dem Teilnachlaß Hans Thoma in der Badischen Landesbibliothek wurden Archivialen aus folgenden Archiven genutzt:
- Stadtarchiv München
- Stadtarchiv Bad Säckingen
- Stadtarchiv Karlsruhe
- Landesarchiv Berlin
- Generallandesarchiv Karlsruhe
Verwendete Literatur:
- Hans Thoma (1839–1924). Zur Rezeption des badischen Künstlers im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit, hrsg. v. Frank Engehausen, Ostfildern 2022
- Hans Thoma – zwischen Poesie und Wirklichkeit, hrsg. v. Felix Reuße, Petersberg 2024
- Hans Thoma, 1839–1924, der verstörende Griff nach der Welt. Werke aus dem Nachlass, hrsg. v. Michaela Gugeler, Frankfurt/Main 2008
- Hans Thoma, Im Winter des Lebens: aus acht Jahrzehnten gesammelte Erinnerungen, hrsg. v. Landkreis Waldshut und der Gemeinde Bernau, Eggingen 1989