Zeitungen II: Die Badische Presse – Aufstieg zur auflagenstärksten Tageszeitung Badens
Abb. 1: Titelblatt der Badischen Presse vom 1. Januar 1890, Quelle: BLB.
Annika Kleine, 11.3.2026
DOI: https://doi.org/10.58019/713K-5M61
Als Ferdinand Thiergarten im Januar 1889 nach Karlsruhe kam, um den Verlag der Badischen Presse zu übernehmen, hatte das Blatt eine Auflage von 11.000 Stück und stand kurz vor dem finanziellen Ruin. Zuvor hatte Thiergarten mit seiner Frau Emma in Freiburg gelebt, wo er dem Freiburger Tagblatt zu Erfolg verholfen hatte. Innerhalb weniger Jahre gelang es Thiergarten – zusammen mit seinem Chefredakteur Albert Herzog –, die Badische Presse zur größten und bedeutendsten Zeitung Karlsruhes und der Region zu machen. Dabei gelang es ihm, die etablierte Badische Landeszeitung zuerst in der Auflage zu überflügeln und später auch aufzukaufen.
Anders als heute war die Karlsruher Zeitungslandschaft vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 durch reiche Vielfalt geprägt. Neben der Badischen Presse gab es unter anderem die Karlsruher Zeitung, das Karlsruher Tagblatt, den sozialdemokratischen Volksfreund, den katholischen Badischen Beobachter und den nationalsozialistischen Führer.
Aufstieg der Badischen Presse
Bereits zwei Jahre nach seiner Ankunft hatte Thiergarten die Badische Presse 1891 so auf Vordermann gebracht, dass er die anderen Teilhaber ausbezahlen konnte und damit alleiniger Inhaber wurde. Der Erfolg der Zeitung konnte noch ausgeweitet werden, als 1893 Albert Herzog, damals gerade einmal 25 Jahre alt, als Chefredakteur in die Redaktion eintrat. Seit März 1894 warb die Badische Presse damit, die „[v]erbreitetste Zeitung Badens“ zu sein. Sie hatte in der Beamtenstadt Karlsruhe einen breiten Leserkreis der sowohl besitz- und bildungsbürgerliche Haushalte als auch Angestelltenhaushalte umfasste.
Innerhalb von zehn Jahren steigerte sich die Erscheinungsweise der Zeitung von sechsmal wöchentlich auf das Doppelte: bis 1934 erschien die Badische Presse in einer Mittags- und einer Abendausgabe zwölfmal die Woche. Auch der Seitenumfang steigerte sich bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs auf stolze 16 bis 40 Seiten pro Tag. Nicht alles davon war redigierter Text, mit zunehmender Popularität der Zeitung wuchs auch der darin enthaltene Anzeigenteil.
Der gelernte Buchdrucker Thiergarten investierte früh in moderne Druck- und Satztechnik. Nach dem Umzug von Verlag und Druckerei aus der Karlstraße 27 in die neuen Räume am Zirkel/Ecke Lammstraße wurden die ersten Setzmaschinen Karlsruhes installiert. Zuvor musste jede Seite noch von Hand gesetzt werden; die neuen Maschinen beschleunigten die Produktion erheblich. 1888 warb die Badische Presse auf der Titelseite mit ihren neuen Rotationsdruckmaschinen, die Interessierte durch das Schaufenster der neuen Geschäftsstelle sogar in Aktion sehen konnten. Thiergarten soll ein großer Bewunderer von Johannes Gutenberg gewesen sein und diesen bei einer Parade anlässlich des 70. Geburtstags des Großherzogs sogar verkörpert haben. Dank seines Barts sah Thiergarten Gutenberg tatsächlich sehr ähnlich.
Abb. 2: Ferdinand Thiergarten (1892), Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oIII 1432
Der Mordfall Hau – ein Medienereignis
Überregional populär wurden sowohl Zeitung als auch ihr Chefredakteur durch den spektakulären Mordfall Carl Hau. Der Jurist wurde beschuldigt, 1906 in Baden-Baden seine Schwiegermutter erschossen zu haben. Im Prozess in Karlsruhe wurde er zum Tode verurteilt, später jedoch vom Großherzog begnadigt; die Strafe wurde in lebenslanges Zuchthaus umgewandelt. Der Prozess zog enormes öffentliches Interesse auf sich. An jedem der fünf Verhandlungstage drängten sich bis zu 20.000 Menschen vor dem Karlsruher Gerichtsgebäude.
Aufgrund der unklaren Beweislage und Haus anhaltender Unschuldsbeteuerungen gewann der Angeklagte in Teilen der Öffentlichkeit große Sympathie – auch bei Chefredakteur Albert Herzog. Dieser schrieb am Tag nach der Urteilsverkündung, dass die Zweifler am Urteilsspruch der „Möglichkeit des Verbrechens […] die Möglichkeit der Unschuld […] entgegen halten“ dürften. Die Justiz reagierte empfindlich: Herzog wurde wegen seiner Berichterstattung zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, von dem er jedoch nur vier Monate verbüßen musste.
Ende einer Ära
Auch während des Ersten Weltkriegs behielt die Badische Presse ihre Erscheinungsweise von täglich zwei Ausgaben bei. Mit Kriegsausbruch stieg die Auflage von 37.000 auf 46.000 Stück an und behielt diese bis nach Kriegsende bei. Erst mit Beginn der Inflation sank die Auflage wieder.
Im Mai 1919 verstarb Ferdinand Thiergarten. Verlag und Druckerei gingen an seinen Enkel Bruno Schultz über, da Thiergartens einziger Sohn Albert bereits 1916 im Krieg gefallen war. Der Enkel nahm später den Namen Thiergarten-Schultz an, um die familiäre Verbindung zum Verlag zu betonen. Mit dem Tod des Verlegers endete auch eine journalistische Ära: ein Jahr später verließ Albert Herzog nach fast 30 Jahren als Chefredakteur die Badische Presse. Bis zum Zeitungsende 1944 sollten noch fünf Chefredakteure in seine Fußstapfen folgen.
Trotz der persönlichen Schicksalsschläge der Familie Thiergarten und den Einbußen durch die Inflation erholte sich die Badische Presse rasch; 1927 lag ihre Auflage doppelt so hoch wie die der zweitgrößten Karlsruher Zeitung, dem Volksfreund. Das Abonnement war zwar mit drei Reichsmark im Monat das teuerste der Stadt, zugleich hatte die Zeitung jedoch mit 55 Pfennig den niedrigsten Preis pro Zeitungsseite.
Modernisierung in den 1920er Jahren
In den kommenden Jahren investierte Bruno Thiergarten-Schultz in Infrastruktur und Ausweitung des Angebots der Zeitung, um diese nach seinen Vorstellungen zu modernisieren. Auch die Drucktechnik entwickelte sich immer weiter: Zwar war die Beilage der Badischen Presse bereits seit 1913 illustriert, es sollte jedoch noch bis 1924 dauern, bis in der Hauptausgabe regelmäßig Fotografien abgedruckt wurden. Lange war es technisch schwierig, Fotografien in der erforderlichen Qualität zu drucken. Mit dem Aufkommen neuer Druckverfahren wurde jedoch die Abbildung von Fotografien in den Karlsruher Zeitungen immer üblicher. Die Badische Presse setzte dies anfangs mittels einer eigenen Bildseite „Bilder vom Tage“ zwei- bis dreimal wöchentlich in den Abendausgaben um. Ab 1927 wurden die Fotografien, wie bei anderen Zeitungen auch, dann in den Textteil integriert.
Unter Walter Schneider, Herzogs Nachfolger als Chefredakteur, wuchs außerdem die Zahl der Beilagen deutlich, nämlich von drei auf acht im Jahr 1925. Dies hing vermutlich auch mit der zunehmenden regionalen Verbreitung zusammen. 1928 befanden sich bereits mehr als die Hälfte der „zahlenden Bezieher“ außerhalb des Karlsruher Stadtgebiets. In den 1930er Jahren existierte eine eigene Landesausgabe der Badischen Presse als Nebenausgabe der Hauptausgabe in Karlsruhe – der Eintrag im Handbuch der deutschen Tagespresse von 1934 listet eine solche Ausgabe, in der Auflage von 1944 ist die Landesausgabe allerdings dann nicht mehr aufgeführt.
Von der bürgerlichen Mitte zum rechten Rand
Politisch verortete sich die Badische Presse erst in der „liberal[en]“ bürgerlichen Mitte und wanderte, ganz dem Zeitgeist entsprechend, Stück für Stück nach rechts: 1927 bezeichnete sie sich selbst als „national-liberal“, 1933 dann nur noch als „national“, was die weitere Entwicklung der Zeitung während der nationalsozialistischen Herrschaft bereits vorwegzunehmen schien. Diese Entwicklung spiegelte sich auch in der Person des jungen Verlegers wider: Bruno Thiergarten-Schultz war ein überzeugter Anhänger der Deutschen Volkspartei (DVP). Unter den Karlsruher Journalisten brachte ihm das den Spitznamen „Stresemannjünger“ ein.
Das Ergebnis der Reichstagswahlen vom 6. März 1933, das den Nationalsozialisten zusammen mit den Deutschnationalen die Mehrheit der Stimmen einbrachte, wurde von der Badischen Presse dann auch sehr wohlwollend kommentiert: Die Zeitung bezeichnete insbesondere die süddeutschen Wahlerfolge der NSDAP als einen „unaufhaltsam[en] […] Siegeszug“ der NSDAP. Auch verharmloste sie die Unterdrückung der KPD (und das Annullieren der von ihr errungenen Reichstagssitze) als „Ausfall“ der Partei und deutete den nationalsozialistischen Wahlsieg als Endpunkt des „unaufhaltsamen Liquidationsprozeß[es]“ der westlichen, liberalen und parlamentarischen „Ideenwelt des Jahres 1789“. Damit diente sich die Badische Presse deutlich der Sprache und Sache der Nationalsozialisten an. Im Vergleich dazu kommentierte das Karlsruher Tagblatt kritisch in Richtung der Nationalsozialisten, dass die Regierung „keinen Zweifel daran gelassen [habe], daß sie an der Macht bleiben werde, wie auch immer die Wahlen des 5. März ausfallen würden.“
Noch bevor die nationalsozialistische Pressepolitik wirksam wurde, geriet der Verlag jedoch in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Obwohl noch 1932 eine Rekordauflage von rund 54.000 Exemplaren verzeichnet werden konnte, schrieb der Verlag rote Zahlen. Bruno Thiergarten-Schultz hatte über die Jahre hinweg immer wieder großzügig in die Verlagskasse gegriffen. Im Juli 1933 wurde der Verleger schließlich wegen Veruntreuung verhaftet. Nach seiner Freilassung auf Kaution setzte er sich mit seiner Frau ins Ausland ab.
Trotz Rettungsversuchen der Familie Thiergarten wurde der Verlag verkauft und gelangte schließlich 1936 in den Besitz des nationalsozialistischen Franz-Eher-Verlages. Damit war die Gleichschaltung der Zeitung faktisch vollzogen – auch wenn sie nach außen weiterhin den Anschein eines bürgerlichen Blattes wahrte. Auch die Auflage blieb weiterhin hoch; noch 1942 galt sie dem Handbuch der deutschen Tagespresse die Badische Presse als „[p]olitisch führende Heimatzeitung für das Oberrheingebiet“ – trotz direkter Konkurrenz zum Führer, immerhin „Hauptorgan der NSDAP für den Gau Baden und Badischer Staatsanzeiger“.
Als ihr Erscheinen Ende August 1944 eingestellt wurde, war die Badische Presse neben dem Führer die letzte verbliebene Karlsruher Zeitung. Ihre früheren Verlagsräume, in der Zeit von 1934 bis 1945 vom Führer genutzt, wurden 1946 von der neugegründeten Badischen Neuesten Nachrichten (BNN) bezogen. Bis heute lebt die Badische Presse im Untertitel der BNN weiter.
In der letzten Ausgabe der Badischen Presse findet sich ein ungewöhnlicher Abschiedsgruß: Die Redakteurin Gerda Wollwerth veröffentlichte eine „Liebeserklärung“ an ihr Büro:
Abb. 3: Mitteilung zur Einstellung der Badischen Presse in der Ausgabe vom 31. August 1944, Quelle: BLB
Literatur
- Ernst Otto Bräunche: „Schon wieder eine neue Zeitung!“ Ein Überblick zur Entwicklung der Presselandschaft in Karlsruhe seit dem 18. Jahrhundert, in: Bewegte Zeiten. Beiträge zur Karlsruher Geschichte, hrsg. v. Manfred Koch, Karlsruhe 2022, S. 187–216
- Konrad Dussel: Pressebilder in der Weimarer Republik. Entgrenzung der Information, Münster u.a. 2012
- Albert Herzog: Ihr glücklichen Augen. Ein Karlsruher Journalist erzählt aus seinem Leben, Karlsruhe 2008
- Sibylle Peine: Bruno Thiergarten-Schultz und der Zusammenbruch der „Badischen Presse“. Der Ruin eines großen Karlsruher Zeitungsverlages, in: Blick in die Geschichte, Nr. 144, S. 2
- Sibylle Peine: Pioniere, Diven, Hasardeure: die schillernden badischen Unternehmerfamilien Thiergarten und Utz, Karlsruhe 2024