Der Volksfreund – Zeitung der badischen Sozialdemokratie

Schwarz-weiße Titelseite der Zeitung 'Volksfreund' vom 27. Juni 1901 mit mehreren Textspalten und dem Titel in großer Frakturschrift.

Abb. 1: Titelseite des Volksfreundes vom 27. Juni 1901. Quelle: Badische Landesbibliothek.

Annika Kleine, 17.8.2026

DOI: https://doi.org/10.58019/5HS9-7885

Mit dem 1878 von der Reichsregierung erlassenen Sozialistengesetz „gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ sollte die junge Arbeiterbewegung politisch, organisatorisch und publizistisch zerschlagen werden. 1880, kurz nach der ersten Verlängerung des Gesetzes, übernahmen Adolf Geck und Hermann Hambrecht den demokratischen Rheinboten in Offenburg und benannten diesen in Volksfreund um. Geck und Hambrecht wollten „für das werktätige Volk Badens schreiben“ – wegen des Sozialistengesetzes kein einfaches Unterfangen.

Sozialismus als Familientradition

1881 emigrierte Hambrecht in die Schweiz, Geck wurde damit zum Alleininhaber. Die Schweiz war damals nicht nur ein beliebter Zufluchtsort für politisch Verfolgte, sondern dort wurden auch sozialdemokratische Presseerzeugnisse gedruckt und mittels der „Roten Feldpost“ ins Deutsche Reich geschmuggelt. Geck war einer der Verteiler im Netzwerk der „Roten Feldpost“ – eine riskante Aufgabe, bei der er Hilfe von seinen Neffen Eugen und Oskar Geck erhielt. Der Sozialismus kann in der Familie Geck beinahe als Tradition gelten: schon Adolf Gecks Vater war maßgeblich an der Badischen Revolution 1848/49 beteiligt. In Gecks Elternhaus, dem Gasthaus Zum Zähringer Hof, fanden geheime Treffen von Sozialdemokraten statt.

Aufstieg und Repression

1882 vereinigten sind der Volksfreund und das Mittelrheinischem Wochenblatt, wodurch die Zahl von 1.000 Abonnenten erreicht werden konnte. Mit der gesteigerten Wirksamkeit gingen aber auch größere Repressionen einher: Im gleichen Jahr wurde der Volksfreund erstmals Ziel einer polizeilichen Hausdurchsuchung des Verlagsgebäudes. Hausdurchsuchungen bei Angestellten des Verlages sollten folgen. Gesucht wurde unter anderem nach verbotenen Presseerzeugnissen, die über die „Rote Feldpost“ nach Offenburg gelangt waren. Nicht nur einmal musste sich der Verleger Adolf Geck vor Gericht für seine Zeitung verantworten. Einer der Druckergehilfen erinnerte sich: „Wenn Adolf Geck vor das Schwurgericht in Offenburg kam, war immer ein ‚Festtag‘.“ Immer wieder wurden einzelne Nummern des Volksfreundes beschlagnahmt oder sein Erscheinen zeitweise unterbunden.

Schließlich wurde der Volksfreund 1887 endgültig verboten. Dies hatte unmittelbar das Erscheinen zahlreicher Ersatzblätter zur Folge, darunter beispielsweise das Volksblatt. Diese Ersatzblätter wurden in der Regel in der Druckerei des Volksfreunds hergestellt. Pünktlich zum Ende des Sozialistengesetzes konnte der Volksfreund im Oktober 1890 wieder erscheinen. Das Verbot hatte der Zeitung offenbar nicht geschadet: Mittlerweile konnte sie stolze 4.750 Abonnenten verzeichnen.

Umzug nach Karlsruhe

Mit dem Ende des Sozialistengesetzes konnte die Sozialdemokratie endlich legal agieren – im gleichen Jahr gründete sich der badische SPD-Landesverband. Adolf Geck war eines der führenden Mitglieder im Landesvorstand der badischen SPD, konnte sich in den internen Machtkämpfen aber oft nur schlecht durchsetzen. In den Fraktionskämpfen der SPD geriet auch der Volksfreund ins Visier der innerparteilichen Strömungen: Gegen Gecks Willen wurde seine Zeitung (gemeinsam mit der Mannheimer Volksstimme) 1898 zum offiziellen Organ der badischen Sozialdemokratie, was mit einem Einflussverlust für Geck verknüpft war. Sein Neffe Eugen Geck übernahm die Geschäftsführung und setzte Anton Fendrich und Wilhelm Kolb als Redakteure ein.

Der gebürtige Karlsruher Kolb setzte sich dafür ein, den Volksfreund „nach dem Brennpunkte der Bewegung“, also nach Karlsruhe, zu verlegen. Gemeinsam mit Fendrich, Eugen Geck und dem Druckergehilfen Karl Schirrmacher begleitete er die Zeitung in ihre neue Heimat. Dank der höheren Leserzahlen konnte der Volksfreund dort von Beginn an täglich statt nur dreimal wöchentlich erscheinen. Damit wurde er zur Tageszeitung.

Die badische Sozialdemokratie: vom Pragmatismus zum ‚Großblock‘

Die erste Adresse des Volksfreunds in Karlsruhe war die Werderstraße 31. Von dort aus entwickelte sich die Zeitung zunehmend zum Sprachrohr einer pragmatisch ausgerichteten Sozialdemokratie. So forderte unter anderem Fendrich, es reiche nicht aus, dauerhaft in der Opposition zu verharren; vielmehr müsse die Sozialdemokratie „Gegenwartsarbeit“ leisten. Gemeint war damit konkret die Zusammenarbeit der gewählten SPD-Vertreter mit ihren bürgerlichen Kollegen im Landtag und im Stadtrat – eine Forderung, die für Sozialdemokraten in anderen Teilen des Deutschen Reiches zu dieser Zeit kaum vorstellbar war.

Der badische Landesverband nahm gegenüber der SPD im übrigen Deutschen Reich eine Sonderstellung ein. Das Sozialistengesetz und die damit verbundenen Repressionsmaßnahmen wurden von den badischen Behörden deutlich weniger streng gehandhabt als beispielsweise in Preußen. Dadurch war es für die badischen Sozialdemokraten nach 1890 leichter, auf bürgerliche Parteien zuzugehen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Dieses Vorgehen brachte zwar parlamentarische Erfolge ein, wurde auf Reichsebene innerhalb der Sozialdemokratie jedoch scharf kritisiert. Aus dieser vorsichtigen Annäherung entstand 1905 der sogenannte badische ‚Großblock‘ – eine parlamentarische Zusammenarbeit von Nationalliberalen, Demokraten und Sozialdemokratie. Diese für die damalige Zeit ungewöhnliche politische Konstellation bestand bis 1914.

In der Zwischenzeit durchlief der Volksfreund mehrere Veränderungen. 1904 bezog die Zeitung größere Räumlichkeiten in der Luisenstraße 24. 1908 schied Fendrich, der sich bereits zuvor aus der Politik zurückgezogen hatte, aus der Redaktion aus; Albert Willi übernahm daraufhin seine Position. Auch das Verbreitungsgebiet des Volksfreunds veränderte sich. Hatte die Zeitung zuvor ganz Ober- und Mittelbaden – vom Bodensee bis nach Karlsruhe – abgedeckt, konzentrierte sie sich nun zunehmend auf Mittelbaden. Die 1911 gegründete Freiburger Volkswacht übernahm die Leserschaft in Oberbaden und damit rund 6.000 Abonnenten des Volksfreunds. Bis 1914 stieg dessen Auflage schließlich auf 14.000 Exemplare.

Während des Ersten Weltkrieges verringerte sich die Belegschaft des Volksfreunds deutlich – zahlreiche junge Mitarbeiter starben an der Front. Auch Eugen Geck nahm 1914 bis 1916 als Unteroffizier am Weltkrieg teil. Zusätzlich belasteten eine sinkende Zahl an Abonnenten, der zunehmende Papiermangel und die staatliche Zensur die Arbeit der Redaktion. Noch vor Kriegsende erlag der verbliebene Chefredakteur Kolb einer schweren Krankheit. Seine Nachfolge übernahm das Reichstagsmitglied Georg Schöpflin.

Der Volksfreund in der Weimarer Republik

Schöpflin, der bereits an zahlreichen sozialdemokratischen Zeitungen mitgewirkt hatte, verhalf dem Volksfreund nach Kriegsende zu deutlich steigenden Abonnentenzahlen. Ihm unterstand eine vierköpfige Redaktion, die aufgrund seiner vielfältigen Mandatstätigkeiten vermutlich einen Großteil des täglichen Zeitungsgeschäfts übernahm.

1926 musste Eugen Geck im Alter von 57 Jahren aus gesundheitlichen Gründen die Geschäftsführung des Volksfreunds an Adolf Hartmeyer abgeben. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Zeitung bereits 35 Jahre unter der Leitung der Familie Geck gestanden. Verlag und Druck wurden fortan von der neu gegründeten Verlagsdruckerei Volksfreund GmbH übernommen. Den Vorsitz im Aufsichtsrat der neuen Gesellschaft übernahm Friedrich Töpper, der später von 1947 bis 1952 Oberbürgermeister von Karlsruhe werden sollte.

Im folgenden Jahr konnte der geplante Neubau in der Waldstraße 28 bezogen und feierlich eingeweiht werden. Neben dem Volksfreund fanden dort auch das Parteisekretariat und eine neue Volksbuchhandlung ihren Platz. Dieser Aufschwung machte sich auch in den Auflagenzahlen bemerkbar: Ab 1930 hatte der Volksfreund mit rund 22.000 Stück pro Tag die zweithöchste Auflage der Karlsruher Zeitungen. Mehr als doppelt so hoch lag allerdings die Auflage der führenden Badischen Presse.

Aufstieg der NSDAP und Ende des Volksfreunds

1931 feierte der Volksfreund sein 50-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass erschien eine umfangreiche Jubiläumsausgabe. Neben Grußworten zahlreicher politischer Vertreter enthielt sie auch einen ausführlichen Rückblick auf die Geschichte der Zeitung, ergänzt durch Fotografien früherer Verlagsstandorte.

Die Ausgabe des Volksfreunds vom 30. Dezember 1932 stand angesichts des Aufstiegs der NSDAP unter dem Titel „Neues Jahr – Neuer Kampf“. Nur einen Monat später wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt.

Ab Februar 1933 wurde der Volksfreund wiederholt verboten und am 18. März, kurz nach den letzten Reichstagswahlen, schließlich durch die nationalsozialistische Landesregierung zwangsweise eingestellt. Chefredakteur Georg Schöpflin entging einer Verhaftung durch seine vorübergehende Flucht in die Schweiz. Der jüdische Redakteur Saly Grünebaum war bereits eine Woche zuvor gemeinsam mit Ludwig Marum festgenommen worden.

Wenig später, am 16. Mai 1933, wurden Grünebaum und sein Freund Marum gemeinsam mit fünf weiteren Sozialdemokraten in einem offenen Polizeiwagen, flankiert von SA- und SS-Angehörigen, auf einer öffentlichen Schaufahrt durch Karlsruhe in das KZ Kislau gebracht. Grünebaum blieb dort bis zum 18. Oktober inhaftiert. Seine Entlassung erfolgte nur unter der Auflage, unverzüglich nach Palästina auszuwandern. Noch in derselben Nacht verließen er und seine Frau Karlsruhe.

Im Frühjahr 1934 erreichte Grünebaum in Palästina die Nachricht von Marums Ermordung. Ihm wird ein anonymer Nachruf zugeschrieben, der in Baden veröffentlicht wurde. Grünebaum starb 1948 in Tel Aviv in Armut.

Der Volksfreund konnte nie wieder erscheinen – sein Verlagsgebäude in der Waldstraße bezog 1934 die nationalsozialistische Zeitung Der Führer.

Verwendete Literatur